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Soziale Kettenreaktionen und ihre digitale Spuren

16.05.2012
Wie kommt es zu „Shitstorms“, diesen Empörungswellen, die sich rapide im Internet ausbreiten? Was verbirgt sich hinter viralem Marketing?

Netzwerkforscher suchen nach Ansätzen und Modellen, solche Fragestellungen zu beantworten. Sie erforschen Verbindungen zwischen Menschen, aber auch Institutionen, und wollen so verstehen, wie unsere Gesellschaft interagiert und wie soziale Kettenreaktionen entstehen. Dazu sammeln sie unter anderem digitale Spuren, die wir alle täglich hinterlassen. Die Netzwerk-Experten aus Wissenschaften und Praxis treffen sich zu einer Tagung am 25. (Freitag) und 26. Mai (Samstag) an der Goethe-Universität.

Das Verhältnis von akademischer Grundlagenforschung, vor allem in den Sozialwissenschaften, und neuen Praxisanwendungen beschäftigt etwa 70 Wissenschaftler und Anwender bei der internationalen Tagung „Praxisanwendungen der Netzwerkforschung“.

„Die Geschwindigkeit, mit der Erkenntnisse aus der akademischen Welt in die Praxis umgesetzt werden, hat extrem zugenommen“, konstatiert Privatdozent Dr. Christian Stegbauer vom Fachbereich Gesellschaftswissenschaften, der die Tagung organisiert hat. Das Netzwerk steht häufig als Metapher für eine zunehmende gesellschaftliche und wirtschaftliche Komplexität, in der Kooperation von Akteuren als erfolgreiches Geschäftsmodell dienen kann. Das macht die Netzwerkforschung auch so attraktiv für kommerzielle Nutzer.

Der großen Komplexität und hohen Dynamik begegnen viele Unternehmen mit dem Abbau von Hierarchien. Die Mitarbeiter müssen flexibel sein und häufig mit wechselnden Kollegen zusammenarbeiten. Wie solche Aufgaben gelöst werden können, dafür bieten Netzwerkkonzepte Lösungen an. Auch bei Fusionen oder Reorganisationen von Unternehmen kann die Netzwerkforschung behilflich sein, wenn es darum geht, wichtige Mitarbeiter oder Arbeitsgruppen zu identifizieren.

Gesprochen wird auch darüber, wie sich Empörungswellen im Internet aufbauen. Es handelt sich um „Shitstorms“, eine neue Form des Protests, wenn sich beispielsweise Massen von Vegetariern über eine Scheibe Wurst in einem Werbespot mit einem Basketballstar aufregen oder Hunderttausende gegen einen Minister wettern, der Teile seiner Doktorarbeit abgeschrieben hat.

Es wird untersucht, was so viele Menschen dazu bringt, sich an einer Kampagne zu beteiligen und vor allem wie eine Dynamik entsteht, vor der sich viele Politiker fürchten. Was Politiker vermeiden wollen, streben Vermarkter an: Ein Videoclip soll den Nerv der Menschen in Networking Sites treffen und sie sollen animiert werden, die Information oder das Video weiterzugeben. Wenn die Gesetze der Ausbreitung von solchen Mitteilungen erforscht sind, lassen sich Kampagnen planen. Dann verbreiten sich diese Aktionen wie ein Lauffeuer über Fernsehen, Videos im Netz und per Mundpropaganda.

Für Strategen des „viralen Marketing“ sind diese sozialen Kettenreaktionen ein voller Erfolg. Sie sind deshalb besonders an Menschen mit vielen Kontakten, sogenannten „Hubs“, und einflussreichen Personen interessiert, das sichert die schnelle Weitergabe von Nachrichten.

Bei der Tagung geht es um ganz unterschiedliche Anwendungsbereiche. So werden die Teilnehmer beispielsweise auch darüber diskutieren, wie man in der Sozialen Arbeit Hilfestellungen geben kann. Die Netzwerkforscher fragen danach, wie Institutionen und Organisationen so miteinander verknüpft werden können, dass auch zurückgezogen lebende Menschen mit wenigen Kontakten von ihnen erreicht werden können.

Zu den Referenten aus der Praxis, die bei der Frankfurter Tagung sprechen, gehören: Harald Katzmair (Wien), der das erste Institut für Netzwerkforschung in Wien gegründet hat und leitet; Olaf Zorzi (Zürich), der die Pharmaindustrie berät; Thomas Zorbach (Berlin), der eine Agentur für Virales Marketing führt; Michael Schönhuth (Trier), der die weltführende Software für qualitative Netzwerkforschung initiierte. Sehr interessant zu werden verspricht zudem das „Forum Organisationsberatung“; dort diskutieren Organisationsberater mit dem Netzwerksoziologen Roger Häußling (Aachen), der selbst in einem großen Unternehmen Forschung zu einer Fusion von Unternehmensteilen betrieben hat.

Informationen: PD Dr. Christian Stegbauer, Fachbereich Gesellschaftswissenschaften, Campus Bockenheim, Tel. (069) 798 23543, stegbauer@soz.uni-frankfurt.de, Tagungsprogramm: http://sites.google.com/site/praxisnetzwerkforschung/

Ulrike Jaspers | idw
Weitere Informationen:
http://www.uni-frankfurt.de
http://sites.google.com/site/praxisnetzwerkforschung/

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