Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Psychosomatik-Kongress in Mainz: Volkskrankheiten im Fokus der Psychosomatik

20.03.2009
Von 18.-21. März 2009 findet in Mainz der Jahreskongress der zwei größten deutschen Psychosomatik-Fachgesellschaften, Deutsche Gesellschaft für Psychosomatische Medizin und ärztliche Psychotherapie (DGPM) und Deutsches Kollegium für Psychosomatische Medizin (DKPM) statt.

Über 1000 Teilnehmerinnen und Teilnehmer werden dazu erwartet. Die diesjährige Tagung ist dem Thema Psychotherapeutische Forschung und Psychosomatische Praxis gewidmet. Veranstalter und Gastgeber des Kongresses ist die Klinik und Poliklinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie am Universitätsklinikum Mainz.

Vernichtender Schmerz, Todesangst und häufig auch Atemnot, das sind Symptome eines Herzinfarkts. Der Betroffene bekommt das akut Lebensbedrohliche dieser Situation oft hautnah mit. Das bedeutet eine psychische Extrembelastung, deren Gefahrenpotenzial im Hinblick auf eine längerfristige seelische Traumatisierung durchaus mit Erfahrungen von Krieg oder sexueller Gewalt vergleichbar ist.

So leidet auch mancher Herzinfarktüberlebende an einer so genannten posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS), gekennzeichnet unter anderem durch angstvolle, sich aufdrängende Erinnerungen an das lebensbedrohliche Geschehen, Vermeidungsverhalten und nervöse Unruhe.

Prof. Karl-Heinz Ladwig, München, berichtet über eine aktuelle Studie, die zeigt, dass Patienten, die infolge ihres Herzinfarkts eine PTBS davontrugen, ein dreieinhalbmal höheres Sterberisiko aufweisen als Patienten ohne PTBS. "Wir müssen den Symptomen einer PTBS bei diesen Patienten in Zukunft viel mehr Aufmerksamkeit widmen", betont Ladwig als entscheidende Konsequenz dieser Ergebnisse. Den betroffenen Patienten müsse mehr Hilfe angeboten werden, bei Bedarf auch eine psychotherapeutische Begleitung.

Zusammenspiel von Depression und Herzerkrankung

Dass zwischen Herzerkrankungen und psychischen Erkrankungen enge Wechselwirkungen bestehen, bestätigt Prof. Christoph Herrmann-Lingen, Göttingen. So haben depressive Herzinfarktpatienten ein doppelt so hohes Risiko,

innerhalb von zwei Jahren nach dem Infarkt zu versterben, als nichtdepressive. Und oft scheine die Psyche bereits bei der Entstehung von Herzerkrankungen beteiligt zu sein. Depressive Erkrankungen aber auch unterschwellige Depressivität erhöhen Herrmann-Lingen zufolge das Risiko für eine Koronare Herzkrankheit (KHK)1 und für Herzinfarkte.

"Im Rahmen der bundesweit durchgeführte Behandlungsstudie SPIRR-CAD (A Stepwise Psychotherapy Intervention for Reducing Risk in Coronary Artery Disease) gehen wir nun unter anderem der Frage nach, ob eine spezielle Psychotherapie bei KHK-Patienten depressive Stimmung reduziert und einen Einfluss auf Persönlichkeitszüge hat, die Depression und plötzlichen Herztod begünstigen," ergänzt PD Dr. Christian Albus, Köln.

"Besser leben hilft Krebspatienten, länger zu leben"

"Auch bei Krebspatienten ist es besonders wichtig, psychische Erkrankungen früh zu erkennen und adäquat zu behandeln", erklärt Prof. David Spiegel, Stanford, USA. Spiegel zufolge wird das Befinden des Patienten, das häufig durch Hoffnungslosigkeit, Erschöpfung oder Schlafstörungen geprägt ist, oft vorschnell der Krebserkrankung zugeschrieben. Dabei wird eine manifeste Depression oder Angststörung bei diesen Patienten aber oft nicht erkannt.

Etwa die Hälfte aller Krebspatienten sei aber von einer solchen psychischen Erkrankung betroffen und für manche bedeutet die Diagnose Krebs oder das

Leiden unter der Krankheit und ihrer Behandlung eine so starke psychische Belastung, dass sie in der Folge ein PTBS entwickeln. Psychotherapie kann die Lebensqualität von Krebspatienten und ihrer Angehörigen entscheidend verbessern.

Jüngste Studien der Arbeitsgruppe von Spiegel zeigen zudem, dass Psychotherapie die Kooperation der Patienten mit ihren Ärzten und damit die Akzeptanz sehr belastender onkologischer Behandlungen, wie Chemotherapie,

Strahlentherapie oder Operationen, verbessern kann.

Nachdem jahrelang die These vertreten wurde, dass Psychotherapie zwar wichtige Verbesserungen der Lebensqualität bei Krebs erreichen kann, nicht aber eine Lebenszeitverlängerung, argumentiert Spiegel vorsichtig aber eindeutig wieder in diese Richtung: "Wenn man Krebs-Patienten hilft, besser zu leben, kann ihnen das auch dabei helfen, länger zu leben." Entsprechende Hinweise aus Studien müssen aber noch weiter überprüft werden.

Neue Leitlinien zum chronischen Unterbauchschmerz

Ebenfalls eine sehr weit verbreitete Erkrankung, die oft falsch eingeordnet wird, ist der chronische Unterbauchschmerz bei Frauen. "Etwa jede achte Frau ist von solchen monatelang andauernden und quälenden Schmerzen betroffen", berichtet Dr. Friederike Siedentopf, Berlin. Bei einem Teil der Patientinnen stehen die Beschwerden in Verbindung mit konkreten körperlichen Veränderungen,
wie etwa Verwachsungen im Bauchraum, entzündlichen Erkrankungen der Sexualorgane oder Darmerkrankungen. Bei etwa 60-80% aller Patientinnen liegt eine somatoforme Schmerzstörung zugrunde, das heißt eine Erkrankung, die psychisch bedingt ist und sich in Form von Schmerzen äußert. 40-60% aller Patientinnen haben in der Vergangenheit gewaltsamen und ein Teil davon auch sexuellen Missbrauch erfahren. Auf Initiative der Deutschen Gesellschaft für Psychosomatische Frauenheilkunde und Geburtshilfe (DGPFG) wurden von einer interdisziplinären Konsensusgruppe Leitlinien zum chronischen Unterbauchschmerz erarbeitet, die nun auf dem Psychosomatikkongress in Mainz erstmalig vorgestellt werden. "Im Interesse unserer Patientinnen hoffen wir, durch die Darstellung der komplexen Zusammenhänge zu einer differenzierteren Indikationsstellung beizutragen und unnötige operative Eingriffe zu vermeiden",

betont Siedentopf, die als Vizepräsidentin der DGPFG federführend an der Formulierung der Leitlinien beteiligt ist. Die Leitlinien geben unter anderem auch eine umfassende Übersicht über den aktuellen Forschungsstand zur Wirksamkeit der Psychotherapie bei chronischen Unterbauchschmerzen, die mittlerweile mit hoher methodischer Qualität nachgewiesen werden konnte.

Sich verlierendes, entgleitendes Spielverhalten

Inwiefern die exzessive Nutzung bestimmter Computerspiele Gewaltexzesse wie letzte Woche in Winnenden begünstigen kann, beschäftigt die Medien in hohem Maße. Aus Sicht der psychosomatischen und psychotherapeutischen Forschung ist darauf aber keine einfache Antwort möglich, schon gar nicht, ohne die komplexen psychischen und sozialen Bedingungen zu kennen, die einem solchen konkreten Ereignis vorausgegangen sind. "Allerdings zeigen Jugendliche und junge Erwachsene immer häufiger ein sich verlierendes, entgleitendes und in
Extremfällen psychopathologisch auffälliges Online-Nutzungsverhalten in den virtuellen Räumen des Internets oder in Online-Spielwelten", berichtet Dr. Klaus Wölfling, psychologischer Leiter der vor etwa einem Jahr gegründeten
Ambulanz für Spielsucht am Kompetenzzentrum Verhaltenssucht der Universitätsmedizin Mainz. Unbestritten ist dabei, dass die Betroffenen sich durch ihr Suchtverhalten zunächst einmal in hohem Maße selbst schädigen.

"Essen, Hygiene, Schule oder Beruf und Partnerschaft - alles wird nebensächlich - das Spiel dominiert in extremer Weise den Alltag", sagt Wölfling. Parallelen zu anderen - auch substanzbezogenen - Suchterkrankungen sind offenkundig.

Prof. Manfred E. Beutel, Direktor der Klinik und Poliklinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie der Universitätsmedizin Mainz, Tagungsleiter des diesjährigen Psychosomatikongresses und Vorsitzender des DGPMLandesverbandes Rheinland-Pfalz, bestätigt: "Die Computerspielsucht

ist als ein eigenständiges Krankheitsbild anzusehen, das wir der Gruppe der Verhaltenssüchte zuordnen können". Beutel weist auf die Notwendigkeit klarer Diagnosekriterien hin, um Risikogruppen für Internet- und Computerspielsucht besser einzugrenzen und wissenschaftlich fundierte Behandlungen zu entwickeln. Ziel sei außerdem die Anerkennung des Krankheitsbildes und Übernahme in die Regelversorgung.

Weg in die Ambulanz - erster Schritt aus der Sucht

"Wenn die Patienten den Kontakt zu uns aufnehmen und auch in die Ambulanz kommen, ist ein erster und wichtiger Schritt getan", erklärt Wölfling. Durch die psychotherapeutischen Interventionen erlernt die große Mehrzahl der Patienten innerhalb der sechsmonatigen Gruppentherapie wieder einen funktionalen Umgang mit dem Computer. Ebenso verbessert sich die psychische Lebensqualität der Betroffenen. Auch die Initiative zur "realen" sozialen Kontaktaufnahme sowie das Spektrum des aktiven Freizeitrepertoires der Betroffenen nehmen wieder zu. Geplante Folgeuntersuchungen nach sechs und zwölf Monaten werden Wölfling zufolge zeigen, ob diese Effekte langfristig und nachhaltig bestehen bleiben.

Nähere Informationen und ausführliche Presseunterlagen
zum Kongress von DKPM und DGPM bei
Dr. med. Thomas Bißwanger-Heim
Gerstenhalmstr. 2
79115 Freiburg
Tel. 0761 / 488 2 777 oder 0170 24 04 992
E-Mail pressereferent@dgpm.de
Fax 0761 / 488 2 778

Petra Giegerich | idw
Weitere Informationen:
http://www.dgpm.de
http://www.dkpm.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Veranstaltungsnachrichten:

nachricht Technologievorsprung durch Textiltechnik
17.11.2017 | Technische Universität Chemnitz

nachricht Roboter für ein gesundes Altern: „European Robotics Week 2017“ an der Frankfurt UAS
17.11.2017 | Frankfurt University of Applied Sciences

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Veranstaltungsnachrichten >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Ultrakalte chemische Prozesse: Physikern gelingt beispiellose Vermessung auf Quantenniveau

Wissenschaftler um den Ulmer Physikprofessor Johannes Hecker Denschlag haben chemische Prozesse mit einer beispiellosen Auflösung auf Quantenniveau vermessen. Bei ihrer wissenschaftlichen Arbeit kombinierten die Forscher Theorie und Experiment und können so erstmals die Produktzustandsverteilung über alle Quantenzustände hinweg - unmittelbar nach der Molekülbildung - nachvollziehen. Die Forscher haben ihre Erkenntnisse in der renommierten Fachzeitschrift "Science" publiziert. Durch die Ergebnisse wird ein tieferes Verständnis zunehmend komplexer chemischer Reaktionen möglich, das zukünftig genutzt werden kann, um Reaktionsprozesse auf Quantenniveau zu steuern.

Einer deutsch-amerikanischen Forschergruppe ist es gelungen, chemische Prozesse mit einer nie dagewesenen Auflösung auf Quantenniveau zu vermessen. Dadurch...

Im Focus: Leoniden 2017: Sternschnuppen im Anflug?

Gemeinsame Pressemitteilung der Vereinigung der Sternfreunde und des Hauses der Astronomie in Heidelberg

Die Sternschnuppen der Leoniden sind in diesem Jahr gut zu beobachten, da kein Mondlicht stört. Experten sagen für die Nächte vom 16. auf den 17. und vom 17....

Im Focus: «Kosmische Schlange» lässt die Struktur von fernen Galaxien erkennen

Die Entstehung von Sternen in fernen Galaxien ist noch weitgehend unerforscht. Astronomen der Universität Genf konnten nun erstmals ein sechs Milliarden Lichtjahre entferntes Sternensystem genauer beobachten – und damit frühere Simulationen der Universität Zürich stützen. Ein spezieller Effekt ermöglicht mehrfach reflektierte Bilder, die sich wie eine Schlange durch den Kosmos ziehen.

Heute wissen Astronomen ziemlich genau, wie sich Sterne in der jüngsten kosmischen Vergangenheit gebildet haben. Aber gelten diese Gesetzmässigkeiten auch für...

Im Focus: A “cosmic snake” reveals the structure of remote galaxies

The formation of stars in distant galaxies is still largely unexplored. For the first time, astron-omers at the University of Geneva have now been able to closely observe a star system six billion light-years away. In doing so, they are confirming earlier simulations made by the University of Zurich. One special effect is made possible by the multiple reflections of images that run through the cosmos like a snake.

Today, astronomers have a pretty accurate idea of how stars were formed in the recent cosmic past. But do these laws also apply to older galaxies? For around a...

Im Focus: Pflanzenvielfalt von Wäldern aus der Luft abbilden

Produktivität und Stabilität von Waldökosystemen hängen stark von der funktionalen Vielfalt der Pflanzengemeinschaften ab. UZH-Forschenden gelang es, die Pflanzenvielfalt von Wäldern durch Fernerkundung mit Flugzeugen in verschiedenen Massstäben zu messen und zu kartieren – von einzelnen Bäumen bis hin zu ganzen Artengemeinschaften. Die neue Methode ebnet den Weg, um zukünftig die globale Pflanzendiversität aus der Luft und aus dem All zu überwachen.

Ökologische Studien zeigen, dass die Pflanzenvielfalt zentral ist für das Funktionieren von Ökosys-temen. Wälder mit einer höheren funktionalen Vielfalt –...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Technologievorsprung durch Textiltechnik

17.11.2017 | Veranstaltungen

Roboter für ein gesundes Altern: „European Robotics Week 2017“ an der Frankfurt UAS

17.11.2017 | Veranstaltungen

Börse für Zukunftstechnologien – Leichtbautag Stade bringt Unternehmen branchenübergreifend zusammen

17.11.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Technologievorsprung durch Textiltechnik

17.11.2017 | Veranstaltungsnachrichten

IHP präsentiert sich auf der productronica 2017

17.11.2017 | Messenachrichten

Roboter schafft den Salto rückwärts

17.11.2017 | Innovative Produkte