Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Lebensmittelchemiker tagen in Jena - Medien, Tattoofarben und Proteinanalytik zum Auftakt

21.03.2012
In Jena findet am 29. und 30. März die Gemeinsame Arbeitstagung 2012 der Regionalverbände Südost und Nordost der Lebensmittelchemischen Gesellschaft, der größten Fachgruppe in der Gesellschaft Deutscher Chemiker (GDCh), statt.

Die 20 Vorträge greifen aktuelle Probleme auf, mit denen sich Lebensmittelchemiker befassen. Im ersten Programmpunkt nach der Eröffnung soll ein Dialog zu „Medien und Wissenschaft“, den drei Journalisten aus Jena und Erfurt mit den rund 100 Teilnehmern führen wollen, klären, wie sich zwischen den Medien und der Lebensmittelchemie ein besseres gegenseitiges Verständnis erzielen lässt. Beispielhaft für das wissenschaftliche Programm sind die anschließenden Vorträge über Tattoofarben und Verfahren zur Analyse von Proteinen.

Die rechtliche Regelung von Tätowiermitteln ist in Deutschland, vor allem aber in der EU, noch sehr unbefriedigend. Europaweit gibt es lediglich eine Empfehlung des Council of Europe, die jedoch rechtlich nicht bindend ist. Nur Deutschland, Österreich und die Niederlande haben einzelstaatliche Regelungen eingeführt, die aber nach Meinung vieler Fachleute bei Weitem nicht ausreichend sind.

Sandra Leonhardt, wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Landesuntersuchungsanstalt (LUA) für das Gesundheits- und Veterinärwesen Sachsen in Dresden, berichtet in ihrem Vortrag „Das geht unter die Haut – Aktuelles zu Tätowiermitteln“ über Ergebnisse von Untersuchungen, die 2011 an der LUA Sachsen zu Tattoofarben durchgeführt wurden.

So wurden 13 schwarze Tattoofarben, die aus Tattoostudios stammten, auf polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe (PAK) untersucht. Acht Proben wiesen hohe Gehalte an PAK auf. In ihnen lag die Konzentration der kanzerogenen PAK zwischen 0,2 und 5,2 mg/kg. Die Leitsubstanz Benzo[a]pyren wurde in vier Proben mit Gehalten von 0,2 bis 0,6 mg/kg bestimmt. Da hinsichtlich der gesundheitlichen Relevanz von PAK in Tätowiermitteln noch keine toxikologische Bewertung vorlag, hat die LUA Sachsen das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) um eine Stellungnahme gebeten.

Das BfR vertritt danach die Auffassung, dass PAK nicht in Tätowiermitteln enthalten sein dürfen. Überschreiten Tätowiermittel die technisch unvermeidbaren Gehalte von PAK – das sind beispielsweise 0,5 mg/kg für die Summe von 16 PAK - stellen sie aus Sicht des BfR eine ernste Gefahr dar. Da acht der 13 untersuchten schwarzen Tattoofarben diese Werte deutlich, z.T. um den Faktor 100, überschritten, hat die LUA Sachsen als erstes Labor der amtlichen Lebensmittelüberwachung in Deutschland diese Proben als „geeignet, die Gesundheit zu schädigen“ beurteilt.

Bei der Untersuchung 13 bunter Tattoofarben (vor allem rote, orangefarbene und gelbe) lag der Schwerpunkt der Analytik auf primären aromatischen Aminen. Erfreulicherweise wurden lediglich Spuren dieser Stoffe nachgewiesen; eine Gesundheitsbeeinträchtigung geht von ihnen nicht aus. Von den 13 bunten Tätowierfarben enthielten acht Pigmente, die zwar für kosmetische Mittel nicht zugelassen sind, deren Einsatz in Tätowierfarben aber ebenfalls nicht geregelt ist. Weitere zwei Proben trugen keinerlei Angaben zu den eingesetzten Pigmenten. Verbotene Farbstoffe konnten nicht festgestellt werden.

Zu weiteren Untersuchungskandidaten zählten Konservierungsstoffe und Schwermetalle. In der Regel wurden für 13 Schwermetalle (u.a. Blei, Cadmium, Quecksilber und Arsen) die technisch unvermeidbaren Gehalte eingehalten; lediglich in vier von 16 untersuchten Proben wurden erhöhte Konzentrationen an Barium ermittelt. Bei 22 von 26 Proben war die Kennzeichnung unvollständig, d.h. es waren nicht alle erforderlichen Kennzeichnungselemente auf dem Etikett angegeben.

Anders als bei kosmetischen Mitteln gibt es für Tätowiermittel keine Positivliste für Konservierungsstoffe, d.h. hier dürfen auch Stoffe verwendet werden, die für kosmetische Mittel nicht zugelassen sind. In sechs von 16 untersuchten Proben wurde der in Kosmetika nicht erlaubte technische Konservierungsstoff Benzisothiazolinon in wirksamen Gehalten bestimmt. Bei der derzeitigen Rechtslage besteht nur die Möglichkeit, den Hersteller bzw. Importeur auf den Untersuchungsbefund aufmerksam zu machen und auf das Einsatzverbot von Benzisothiazolinon in der Schweiz und Österreich hinzuweisen. In den Niederlanden ist eine Konservierung von Tätowiermitteln prinzipiell nicht möglich.

Nahrungsproteine können sich bei der Be- und Verarbeitung von Lebensmitteln verändern. Daher ist die Analyse von Proteinen nicht nur bei biochemischen Fragestellungen zu Aminosäuresequenz oder Proteinstruktur vonnöten, sondern auch bei der Herstellung von Lebensmitteln, bei denen sogenannte posttranslationale Modifikationen auftreten können. Diese entstehen durch Reaktionen der Proteine mit anderen Lebensmittelinhaltsstoffen, beispielsweise Vitaminen oder sekundären Pflanzenstoffen, die ernährungsphysiologisch von Bedeutung sind. Die Analytik hilft, den Einfluss auf die funktionellen Eigenschaften der Substanzen zu verstehen. In seinem Vortrag „Proteomics revisited“ stellt Professor Dr. Sascha Rohn, Universität Hamburg, ein leistungsfähiges Analysenverfahren für diese Problemstellung vor. In seinem Arbeitskreis werden zunächst die Proteinmoleküle in Peptide gespalten, hydrolisiert und dünnschichtchromatographisch getrennt. Dieses Trennverfahren ist für die geschilderte Anwendung neu; denn bislang wurden klassische chromatographische und elektrophoretische Trennmethoden angewandt, um die Peptide anschließend im Massenspektrometer eindeutig zu identifizieren. „Das neue Verfahren eröffnet ein breites Feld an neuen Peptidinformationen“, sagt Rohn, der des Weiteren hochauflösendere Massenspektrometer einsetzen will.

Die Tagungen der Regionalverbände der Lebensmittelchemischen Gesellschaft, der größten Fachgruppe in der Gesellschaft Deutscher Chemiker (GDCh), sollen Lebensmittelchemiker auf den neuesten Stand des Wissens bringen und den Gedankenaustausch fördern. Die GDCh gehört mit rund 30.000 Mitgliedern zu den größten chemiewissenschaftlichen Gesellschaften weltweit. Sie hat 27 Fachgruppen und Sektionen, darunter die Lebensmittelchemische Gesellschaft mit annähernd 2.800 Mitgliedern. Diese veranstaltet alljährlich den Deutschen Lebensmittelchemikertag - in diesem Jahr vom 10. bis 12. September in Münster.

Dr. Renate Hoer | GDCh
Weitere Informationen:
http://www.gdch.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Veranstaltungsnachrichten:

nachricht Aufbruch: Forschungsmethoden in einer personalisierten Medizin
24.02.2017 | TMF - Technologie- und Methodenplattform für die vernetzte medizinische Forschung e.V. (TMF)

nachricht Österreich erzeugt erstmals Erdgas aus Sonnen- und Windenergie
24.02.2017 | Bundesministerium für Verkehr, Innovation und Technologie

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Veranstaltungsnachrichten >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: „Vernetzte Autonome Systeme“ von acatech und DFKI auf der CeBIT

Auf der IT-Messe CeBIT vom 20. bis 24. März präsentieren acatech – Deutsche Akademie der Technikwissenschaften und das Deutsche Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz (DFKI) in Kooperation mit der Deutschen Messe AG vernetzte Autonome Systeme. In Halle 12 am Stand B 63 erwarten die Besucherinnen und Besucher unter anderem Roboter, die Hand in Hand mit Menschen zusammenarbeiten oder die selbstständig gefährliche Umgebungen erkunden.

Auf der IT-Messe CeBIT vom 20. bis 24. März präsentieren acatech – Deutsche Akademie der Technikwissenschaften und das Deutsche Forschungszentrum für...

Im Focus: Kühler Zwerg und die sieben Planeten

Erdgroße Planeten mit gemäßigtem Klima in System mit ungewöhnlich vielen Planeten entdeckt

In einer Entfernung von nur 40 Lichtjahren haben Astronomen ein System aus sieben erdgroßen Planeten entdeckt. Alle Planeten wurden unter Verwendung von boden-...

Im Focus: Mehr Sicherheit für Flugzeuge

Zwei Entwicklungen am Lehrgebiet Rechnerarchitektur der FernUniversität in Hagen können das Fliegen sicherer machen: ein Flugassistenzsystem, das bei einem totalen Triebwerksausfall zum Einsatz kommt, um den Piloten ein sicheres Gleiten zu einem Notlandeplatz zu ermöglichen, und ein Assistenzsystem für Segelflieger, das ihnen das Erreichen größerer Höhen erleichtert. Präsentiert werden sie von Prof. Dr.-Ing. Wolfram Schiffmann auf der Internationalen Fachmesse für Allgemeine Luftfahrt AERO vom 5. bis 8. April in Friedrichshafen.

Zwei Entwicklungen am Lehrgebiet Rechnerarchitektur der FernUniversität in Hagen können das Fliegen sicherer machen: ein Flugassistenzsystem, das bei einem...

Im Focus: HIGH-TOOL unterstützt Verkehrsplanung in Europa

Forschung am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) unterstützt die Europäische Kommission bei der Verkehrsplanung: Anhand des neuen Modells HIGH-TOOL lässt sich bewerten, wie verkehrspolitische Maßnahmen langfristig auf Wirtschaft, Gesellschaft und Umwelt wirken. HIGH-TOOL ist ein frei zugängliches Modell mit Modulen für Demografie, Wirtschaft und Ressourcen, Fahrzeugbestand, Nachfrage im Personen- und Güterverkehr sowie Umwelt und Sicherheit. An dem nun erfolgreich abgeschlossenen EU-Projekt unter der Koordination des KIT waren acht Partner aus fünf Ländern beteiligt.

Forschung am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) unterstützt die Europäische Kommission bei der Verkehrsplanung: Anhand des neuen Modells HIGH-TOOL lässt...

Im Focus: Zinn in der Photodiode: nächster Schritt zur optischen On-Chip-Datenübertragung

Schon lange suchen Wissenschaftler nach einer geeigneten Lösung, um optische Komponenten auf einem Computerchip zu integrieren. Doch Silizium und Germanium allein – die stoffliche Basis der Chip-Produktion – sind als Lichtquelle kaum geeignet. Jülicher Physiker haben nun gemeinsam mit internationalen Partnern eine Diode vorgestellt, die neben Silizium und Germanium zusätzlich Zinn enthält, um die optischen Eigenschaften zu verbessern. Das Besondere daran: Da alle Elemente der vierten Hauptgruppe angehören, sind sie mit der bestehenden Silizium-Technologie voll kompatibel.

Schon lange suchen Wissenschaftler nach einer geeigneten Lösung, um optische Komponenten auf einem Computerchip zu integrieren. Doch Silizium und Germanium...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Aufbruch: Forschungsmethoden in einer personalisierten Medizin

24.02.2017 | Veranstaltungen

Österreich erzeugt erstmals Erdgas aus Sonnen- und Windenergie

24.02.2017 | Veranstaltungen

Big Data Centrum Ostbayern-Südböhmen startet Veranstaltungsreihe

23.02.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Fraunhofer HHI auf dem Mobile World Congress mit VR- und 5G-Technologien

24.02.2017 | Messenachrichten

MWC 2017: 5G-Hauptstadt Berlin

24.02.2017 | Messenachrichten

Auf der molekularen Streckbank

24.02.2017 | Biowissenschaften Chemie