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Die Kunst, mit der Erde sorgsam umzugehen

22.09.2008
Wachsende Erdbevölkerung, zunehmende Verstädterung, Fortschritte in Technik und Medizin, Änderung des Lebensstils auch in Schwellen- und Entwicklungsländern - dies charakterisiert die Welt von heute.

Die Folgen: Eine immer stärker werdende Nutzung, vielfach auch eine Übernutzung, der natürlichen Ressourcen und die Verschmutzung von Wasser, Boden und Atmosphäre. Der Planet Erde antwortet darauf mit Erwärmung und Klimawandel. Sind dies vielleicht die Vorboten eines fortschreitenden Verlustes der lebenserhaltenden Funktionen der Erde?

Vom 23. bis 26. September diskutieren 44 international renommierte Wissenschaftler aus Europa, USA und Asien im bayerischen Wildbad Kreuth wie das Erdsystem in einer Leben ermöglichenden Balance gehalten werden kann. Bei der Klausur geht es darum, wie steuernd in das Erdsystem eingegriffen werden kann, um dem Menschen das Leben auf dem Blauen Planeten auch in Zukunft zu ermöglichen. "Allerdings," so Professor Peter Wilderer, Organisator der Konferenz, "müssen unsere Eingriffe mit Bedacht und Weitsicht geplant sein. Fehler können wir uns beim heutigen Stand der Entwicklung nicht mehr leisten. Jeder Fehler, den die Wissenschaft heute macht, könnte eine nicht mehr umkehrbare Entwicklung zu Ungunsten des Menschen haben."

Eindringliche Worte des Emeritus für Wassergüte- und Abfallwirtschaft an der Technischen Universität München. Der Ingenieur Peter Wilderer widmete sich dem Thema der nachhaltigen Nutzung des Wassers durch den Menschen und der Verwirklichung und Erhaltung eines "gesunden" Wasserkreislaufes. Im Jahr 2003 wurde er für sein wissenschaftliches Lebenswerk mit dem "Stockholm Water Prize" geehrt. Er ist bislang der einzige deutsche Wissenschaftler, der mit dem in Fachkreisen hoch begehrten "Wasser-Nobelpreis" ausgezeichnet wurde. Heute gehört Professor Wilderer dem Board of Trustees des Institutes for Advanced Study der TUM an. Gemeinsam mit dem Club of Rome und der UNESCO hat er die Konferenz in Wildbad Kreuth initiiert.

"Technik ist die Antwort des Ingenieurs, Probleme zu überwinden," sagt Peter Wilderer, in der Überzeugung, dass sein Berufsstand mit neuen Entwicklungen und Erfindungen auch das anstehende Problem der Erderwärmung und der daraus resultierenden Änderung des Klimas überwinden könnte. Aber leider ist es nicht ganz so einfach: "Bei kritischer Bewertung der Leistungen des Ingenieurwesens müssen wir konstatieren, dass die Beseitigung eines akuten Problems durch technische Lösungen in vielen Fällen neue Probleme hervorgerufen oder sichtbar gemacht hat", räumt Wilderer ein. So weit die langfristige Wirkung einer nicht bis zum Ende durchdachten Lösung räumlich begrenzt bleibt, können die Folgewirkungen durch noch bessere Technik minimiert werden. Doch was passiert, wenn eine gut gemeinte aber falsche Entscheidung die Erde insgesamt betrifft und das System in eine für das Überleben der Menschheit falsche Richtung lenkt?

Solche Entscheidungen des Menschen sind heute in vielen Teilen der Welt sichtbar: Das Roden von Wäldern und die Austrocknung von Feuchtgebieten haben zu einem Verlust der Artenvielfalt und der selbstregulativen Fähigkeiten des Erdsystems geführt. "Der Regenwald, die Feuchtgebiete und die Weltmeere sind alles Ökosysteme, die einen entscheidenden Beitrag zur Erhaltung des Lebensraums der Menschen leisten," warnt der Emeritus, denn diese Ökosysteme spielen bei der Produktion von Sauerstoff, Bindung von Kohlendioxid und Speicherung von Wasser eine erhebliche Bedeutung. Doch ebenso bedeutsam für das Erdklima sind Artenvielfalt und der Vielfalt quervernetzter metabolischer Reaktionen, von denen die Wissenschaftler heute wissen, dass sie eine Voraussetzung für die Aufrechterhaltung von Flexibilität gegenüber äußeren Einflüssen sind.

Die Konferenz "Earth System Engineering - the Art of Dealing Wisely with the Planet Earth" in Wildbad Kreuth hat sich zwei große Ziele gesetzt. Zum einen werden hochkarätige Wissenschaftler aus Europa, Amerika, Asien und Australien beraten, was zu tun ist, um mit dem Planeten Erde vorausschauend umzugehen. Hier müssen die Wissenschaftler interdisziplinär zusammenarbeiten, damit ein Problem, das an einer Stelle gelöst wird, nicht an einer anderen Stelle wieder zu Tage tritt. Deshalb diskutieren Wasserwissenschaftler, Physiker, Atmosphärenforscher, Chemiker, Soziologen und Wirtschaftswissenschaftler gemeinsam, wie man ganz behutsam in das fragile Erdsystem eingreifen könnte, um den Planeten lebenswert zu erhalten.

Das zweite Ziel der Konferenz geht über eine wissenschaftliche Diskussion hinaus. "Auch Entscheidungsträger in Politik und Wirtschaft müssen begreifen, dass die selbstregulativen und selbstheilenden Kräfte eines Ökosystems durch Technik, auch wenn sie noch so ausgefeilt ist, nicht ersetzt werden können." so Wilderer, "wir alle müssen lernen, dass der Mensch nicht das Maß aller Dinge ist. Wir sind Teil des Ganzen und müssen uns in aller Bescheidenheit in das globale, regionale und lokale ökologische Netzwerk einfügen. Nur so wird es möglich sein, das Überleben der Menschheit zu sichern."

Auf der dreitägigen Tagung, die auf Einladung des Institute for Advanced Study der TU München (TUM-IAS) in Zusammenarbeit mit dem Club of Rome und der Europäischen Akademie der Wissenschaft und Künste unter Schirmherrschaft der UNESCO und des bayerischen Umweltministers stattfindet, werden die Wissenschaftler eine Erklärung ausarbeiten, die sie am Freitag, 26. September, auf dem Schneefernerhaus auf der Zugspitzen beschlossen und von allen Wissenschaftlern unterzeichnet werden soll.

Weitere Informationen:
Technische Universität München
Institute for Advanced Study
Tel.: +49 89/289 252 46
E-Mail: jaeger@zv.tum.de
Technische Universität München
Corporate Communications Center
Dr. Andreas Battenberg
Tel.: +49 89/289-128 90
E-Mail: battenberg@zv.tum.de

Dr. Ulrich Marsch | idw
Weitere Informationen:
http://www.tum.de

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