Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Kommt 2030 die medizinische Hilfe aus der Luft?

24.02.2014
"2030 wird es eine andere Versorgungsstruktur bei der Notfallrettung geben" - darüber waren sich alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Symposiums „Notfallrettung im ländlichen Raum – Luftrettung als Lösung?!“ im Rahmen des Forschungsprojektes PrimAIR einig. Da Rettungswachen „auf dem Land“ immer weniger Einsätze verzeichnen, geht Routine verloren. Damit sinkt zugleich die Qualität der notfallmedizinischen Versorgung. Zudem wird das System der Notfallrettung in diesen Gebieten ineffizient.

In immer mehr dünn besiedelten ländlichen Gebieten gibt es bereits heute keine wohnortnahe medizinische Versorgung mehr. Grund hierfür sind u. a. der „Landarztmangel“ und die zunehmende Spezialisierung und Zentralisierung von Krankenhäusern. Diese Entwicklungen haben einen massiven Einfluss auf die Notfallrettung in ländlichen Gebieten. Da Rettungswachen „auf dem Land“ immer weniger Einsätze verzeichnen, geht Routine verloren. Damit sinkt zugleich die Qualität der notfallmedizinischen Versorgung. Zudem wird das System der Notfallrettung in diesen Gebieten ineffizient, da 24 Stunden am Tag Rettungsmittel bereitstehen müssen, die bei weitem nicht ausgelastet sind. Das „Doppelte System“ (Rettungshubschrauber sind derzeit in Deutschland ausschließlich ergänzend zur „Bodenrettung“ im Einsatz) erhöht diese Ineffizienz weiter. In wie weit eine Notfallversorgung mit Rettungs- und Notarztwagen in zunehmend dünner besiedelten Flächenländern durch eine primäre Hubschrauberrettung „rund um die Uhr“ und bei jedem Wetter abgelöst werden kann und sollte, untersucht das vom Bundesministerium für Bildung Forschung (BMBF) geförderte Forschungs- und Verbundprojekt PrimAIR („Luftrettung als innovatives Konzept zur Notfallrettung in strukturschwachen Gebieten“). Zur Halbzeit des dreijährigen Forschungsprojekts diskutierten jetzt Expertinnen und Experten aus Wissenschaft, Politik, Wirtschaft und Praxis über das brisante Thema auf dem Fachsymposium „Notfallrettung im ländlichen Raum – Luftrettung als Lösung?!“ auf dem Campus Deutz der Fachhochschule Köln. Veranstaltet wurde das Symposium vom Institut für Rettungsingenieurwesen und Gefahrenabwehr (IRG) der Fachhochschule Köln, das maßgeblich an dem Forschungsprojekt beteiligt ist.


 Unabhängig von der hohen Qualität des deutschen Rettungsdienstes, einig waren sich alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Symposiums darüber, dass es 2030 eine andere Versorgungsstruktur geben wird. Die vielleicht größte Herausforderung dabei ist: „Viele Notfallrettungs- und Notarzteinsätze sind laut Prof. Dr. Stefan Opperman (Asklepios Institut für Notfallmedizin) rettungsmedizinisch nicht notwendig, die „Rettung“ wird gerufen, weil die Betroffenen im Moment der größten Not schnelle Hilfe suchen“, berichtet Ulrike Pohl-Meuthen, Initiatorin des Projekts PrimAIR und Leiterin des Teil-Forschungsprojekts beim IRG der Fachhochschule Köln. „In diesem Zusammenhang muss auch über eine Erweiterung der notärztlichen Aufgaben hin zur Akutmedizin nachgedacht werden, also etwa eine hausärztliche Qualifizierung, die - so Vorschläge von Symposiumsteilnehmern - auch Bereiche wie Geriatrie und Palliativmedizin beinhaltet.“


Der ärztliche Notdienst und die Notfallrettung existieren in Deutschland als Systeme parallel und werden von unterschiedlichen Leitstellen disponiert. Genau an dieser Schnittstelle zu den Bedürfnissen der Hilfesuchenden könnte ein Lösungsansatz liegen, der u.a. in Norwegen durchgeführt wird und auf dem Symposium vorgestellt worden ist. Über eine einheitliche medizinische Notrufnummer gelangen alle medizinischen Hilferufe in eine zentrale Leitstelle. Hier wählen die Mitarbeiter das richtige Rettungsmittel aus oder verweisen auf den niedergelassenen Arzt vor Ort. Das System ist komplett staatlich finanziert. „Eine wesentliche Voraussetzung scheint in Norwegen dabei zu sein, die Notfallversorgung als Daseinsvorsorge des Staates zu begreifen.“ erläutert Pohl-Meuthen. Zurzeit tragen in Deutschland die Krankenkassen nahezu alle Kosten.


Ob ein System der primären Luftrettung die Lösung für die Notfallrettung im ländlichen Raum ist, wurde auf dem Symposium aus technischer Sicht mit einem klaren „Ja“ beantwortet. Technisch, organisatorisch wie strukturell ist ein solches Konzept möglich, wenn auch erst in einigen Jahren umsetzbar. Doch benötigt wird ein Konsens, welche bodengebundenen Systeme dann aufzugeben wären – und welche Versorgungsaufgaben ein luftgestütztes Angebot um welchen Preis zu leisten hätte. Auch müssen noch Konzepte entwickelt werden, wie z. B. Hubschrauberlärm minimiert und die Hubschrauberbesatzung vor Ort von bodengebundenen Rettungskräften unterstützt werden kann oder auch wie Großschadensereignisse bewältigt werden können. 


Nachdem die Ist-Analyse im Forschungsprojekt Prim AIR abgeschlossen ist, stehen jetzt Szenarien orientierte Analysen auf dem Programm. Am Ende des Forschungsprojekts soll den politischen Entscheidern ein Leitfaden zur Verfügung gestellt werden, auf dessen Grundlage entschieden werden kann, ob es in einer Region sinnvoll ist, ausschließlich auf luftgestützte Rettungssysteme umzustellen. 


Das interdisziplinäre Projektkonsortium besteht aus den Partnern antwortING Ingenieurbüro PartG, Fraunhofer-Institut für Verkehrs- und Infrastruktursysteme (IVI), Institut für Notfallme-dizin (IfN) der Asklepios Kliniken Hamburg, Institut für Notfallmedizin und Medizinmanage-ment am Klinikum der Universität München (INM) sowie Institut für Rettungsingenieurwesen und Gefahrenabwehr der Fachhochschule Köln (IRG). Weiterhin sind Partner aus dem Bereich der Luftrettung (ADAC Luftrettung gGmbH, Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastro-phenhilfe, Bundespolizei-Fliegergruppe, DRF Stiftung Luftrettung gAG) sowie der Modellregion Mecklenburg-Vorpommern (Ministerium für Arbeit, Gleichstellung und Soziales; AOK Nordost) involviert.


Das Projekt wird vom BMBF im Rahmen des Sicherheitsforschungsprogramms der Bundesregie-rung gefördert. Projektträger ist das VDI Technologiezentrum (VDI TZ), Verbundkoordinator des Projektes ist das antwortING Ingenieurbüro in Köln.


Die Fachhochschule Köln ist die größte Hochschule für Angewandte Wissenschaften in Deutschland. Mehr als 21 800 Studierende werden von rund 420 Professorinnen und Professoren unterrichtet. Das Angebot der elf Fakultäten und des Instituts für Tropentechnologie umfasst mehr als 70 Studiengänge aus den Ingenieur-, Geistes- und Gesellschaftswissenschaften und den Angewandten Naturwissenschaften. Die Fachhochschule Köln ist Vollmitglied in der Vereinigung Europäischer Universitäten (EUA), sie gehört dem Fachhochschulverband UAS 7 und der Innovationsallianz der nordrhein-westfälischen Hochschulen an. Die Hochschule ist zudem eine nach den europäischen Öko-Management-Richtlinien EMAS und ISO 14001 geprüfte umweltorientierte Einrichtung und als familiengerechte Hochschule zertifiziert.


Bildzeilenergänzung zum Foto Podiumsrunde "Rettungsdienst 2030 - Nichts ist undenkbar, alles ist möglich"
v.l.: Dr. Christian Ebersperger (Bayrisches Staatsministerium des Innern), Stephan Prückner (INM), Dierk Heimann (Moderator), Andreas Schöllner (AOK Nordost), Dr. Bernd Böttiger (German Resuscitation Council), Dr. Heinzpeter Moecke (Asklepios IfN), Ralf Iwohn (Ministerium für Arbeit, Gleichstellung und Soziales MV)



Kontakt für die Medien
Fachhochschule Köln
Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Petra Schmidt-Bentum
0221 / 82 75 - 31 19
pressestelle@fh-koeln.de


www.fh-koeln.de
www.facebook.com/fhkoeln
www.twitter.com/fhkoeln

http://www.projekt-primAIR.de

Petra Schmidt-Bentum | idw

Weitere Berichte zu: Luftrettung Notfallmedizin Notfallrettung

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Veranstaltungsnachrichten:

nachricht Mittelstand 4.0 – Mehrwerte durch Digitalisierung: Hintergründe, Beispiele, Lösungen
20.01.2017 | Ernst-Abbe-Hochschule Jena

nachricht Nachhaltige Wassernutzung in der Landwirtschaft Osteuropas und Zentralasiens
19.01.2017 | Leibniz-Institut für Agrarentwicklung in Transformationsökonomien (IAMO)

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Veranstaltungsnachrichten >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Innovatives Hochleistungsmaterial: Biofasern aus Florfliegenseide

Neuartige Biofasern aus einem Seidenprotein der Florfliege werden am Fraunhofer-Institut für Angewandte Polymerforschung IAP gemeinsam mit der Firma AMSilk GmbH entwickelt. Die Forscher arbeiten daran, das Protein in großen Mengen biotechnologisch herzustellen. Als hochgradig biegesteife Faser soll das Material künftig zum Beispiel in Leichtbaukunststoffen für die Verkehrstechnik eingesetzt werden. Im Bereich Medizintechnik sind beispielsweise biokompatible Seidenbeschichtungen von Implantaten denkbar. Ein erstes Materialmuster präsentiert das Fraunhofer IAP auf der Internationalen Grünen Woche in Berlin vom 20.1. bis 29.1.2017 in Halle 4.2 am Stand 212.

Zum Schutz des Nachwuchses vor bodennahen Fressfeinden lagern Florfliegen ihre Eier auf der Unterseite von Blättern ab – auf der Spitze von stabilen seidenen...

Im Focus: Verkehrsstau im Nichts

Konstanzer Physiker verbuchen neue Erfolge bei der Vermessung des Quanten-Vakuums

An der Universität Konstanz ist ein weiterer bedeutender Schritt hin zu einem völlig neuen experimentellen Zugang zur Quantenphysik gelungen. Das Team um Prof....

Im Focus: Traffic jam in empty space

New success for Konstanz physicists in studying the quantum vacuum

An important step towards a completely new experimental access to quantum physics has been made at University of Konstanz. The team of scientists headed by...

Im Focus: Textiler Hochwasserschutz erhöht Sicherheit

Wissenschaftler der TU Chemnitz präsentieren im Februar und März 2017 ein neues temporäres System zum Schutz gegen Hochwasser auf Baumessen in Chemnitz und Dresden

Auch die jüngsten Hochwasserereignisse zeigen, dass vielerorts das natürliche Rückhaltepotential von Uferbereichen schnell erschöpft ist und angrenzende...

Im Focus: Wie Darmbakterien krank machen

HZI-Forscher entschlüsseln Infektionsmechanismen von Yersinien und Immunantworten des Wirts

Yersinien verursachen schwere Darminfektionen. Um ihre Infektionsmechanismen besser zu verstehen, werden Studien mit dem Modellorganismus Yersinia...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Nachhaltige Wassernutzung in der Landwirtschaft Osteuropas und Zentralasiens

19.01.2017 | Veranstaltungen

Künftige Rohstoffexperten aus aller Welt in Freiberg zur Winterschule

18.01.2017 | Veranstaltungen

Bundesweiter Astronomietag am 25. März 2017

17.01.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Innovatives Hochleistungsmaterial: Biofasern aus Florfliegenseide

20.01.2017 | Materialwissenschaften

Flashmob der Moleküle

19.01.2017 | Physik Astronomie

Tollwutviren zeigen Verschaltungen im gläsernen Gehirn

19.01.2017 | Medizin Gesundheit