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Internationales Forschertreffen in Günzburg: Entdecker eines endogenen Retrovirus kommt zum Psycholimmunologie-Meeting

02.11.2009
Zusammenhang zwischen Virenerkrankung, MS und Schizophrenie wird diskutiert

Zum nun dritten Mal in Folge findet auf Schloß Reisensburg bei Günzburg Beim das nunmehr zehnte "Psychoimmunology Expert Meeting" statt. Für das Symposium von Donnerstag, 12. November, bis Samstag, 14. November, hat sich die Teilnehmerzahl inzwischen auf rund 140 Personen verdoppelt.

Erwartet werden von Professor Karl Bechter aus Günzburg/Ulm, einer der Mitorganisatoren, Forscher aus über 20 Ländern, einschließlich USA, Kanada, Australien, Brasilien, Russland und ganz Europa.

Erwartet werden zum Meeting einige herausragende Forscher aus dem Ausland, so zum Beispiel Professor Robert Yolken, John Hopkins University Baltimore, Spezialist in Fragen Toxoplasmainfektion und psychiatrische Störungen. Professor Emma Wilson aus Riverside, Kalifornien, stellt Untersuchungen zur protektiven Immunreaktion im Gehirn bei Toxoplasmainfektionen; Professor Hervé Perron, ist Entdecker eines humanen, endogenen Retrovirus, das bei Multiple Sklerose und möglicherweise bei Schizophrenie eine Rolle spielt.

Professor Halaris, Chicago, stellt neue Befunde zu inflammatorischen Markern und Gefäßendothelstörungen bei Depressionen vor, Professor Drexhage, Rotterdam, inflammatorische Immunzellveränderungen bei bipolaren Erkrankungen und bei Schizophrenie. Professor Carvalho, London, geht auf nichtklassische Mechanismen der Wirkung von Antidepressiva ein und Professor Licinio will eine Biobank zur Sammlung von Materialien aus Blut, Liquor und postmortem-Untersuchungen zur Aufklärung der Krankheitsprozesse gründen.

Auch einige Fokusvorträge sind von besonderer Bedeutung: Dr. Klaus Dornmair, Max-Planck-Institut Martinsried, befasst sich mit der Zellwanderung bei Multiple-Sklerose-Erkrankten. Die Funktion der Blut-Hirn- und der Blut-Liquor-Schranke behandeln Prof. Wolburg, Tübingen, und Prof. Palha, Braga/Portugal.

"Die Vielfalt der Themen hat sich im Vergleich zum letzten Treffen ebenfalls vermehrt", betont Bechter, Chefarzt der Abteilung für Psychotherapeutische Medizin und Psychosomatik an der Klink für Psychiatrie und Psychtherapie II der Universität Ulm am Bezirkskrankenhaus Günzburg. Beim zehnten Expertentreffen wird erneut die Rolle von verschiedenen Viren, Bakterien, aber auch Protozoen wie Toxoplasma gondii, in der Verursachung schwerer psychischer Störungen im Mittelpunkt stehen. Wichtig sind dabei Immun- und Abwehrvorgänge, die möglicherweise ursprünglich von Erregern ausgelöst wurden, obwohl die Erreger schon nicht mehr nachweisbar sind. "Chronifizierte Immunvorgänge sind aber möglicherweise Ursache einer psychischen Erkrankung", so Bechter. Die Spuren von solchen Immunvorgängen besser zu verstehen sei wichtig, um irgendwann chronische psychische Krankheiten besser behandeln zu können, erweise sich aber als schwierig. Das Zusammenspiel zwischen verschiedenen Organsystemen (Blut, Gehirn, periphere Gewebe, Nervenwasser) und verschiedenen Zellsystemen, Immunzellen wie T1-Zellen, T2-Zellen, T-regulatorische Zellen, aber auch der sogenannten Gehirnglia (Bindegewebszellen und Nervenzellen des Gehirns), ist dabei von Bedeutung, aber äußerst komplex.

Experten aus der Multiple-Sklerose-Forschung und der Grundlagenforschung beleuchten unter anderem die Wanderung von T-Zellen aus dem Blut ins Gehirn sowie im Gehirn, und Vorgänge der Immunabwehr im Gehirn bei experimentellen Infektionen. Zellbotenstoffe (Zytokine) haben hierbei steuernde Funktion, auch andere Moleküle können teils protektiv, teils toxisch wirken. Eine Rolle spielt auch die Blut-Hirn-Schranke, eine Barriere zwischen Blut und Gehirn, sowie die Blut-Liquor-Schranke, eine anatomische Barriere zwischen Blut und Nervenwasser und gleichzeitig Ort der Produktion des Nervenwassers. Krankmachende Vorgänge können beim Patienten durch Messung von Proteinen oder Zellen in Blut und in Nervenwasser oder durch Brain Imaging untersucht werden. Die Ergebnisse aus Tierversuchen werden mit den Befunden bei Hirnhautentzündungen, bei Multipler Sklerose und bei schweren psychischen Erkrankungen (wie chronischer Depression, Manie, Schizophrenie oder bipolarer Erkrankung) verglichen. "Neuerdings fand man, dass bekannte Psychopharmaka, das heißt Antidepressiva und Antipsychotika, auf Immunvorgänge wirksam sind", betont der Chefarzt, "möglicherweise ist also die Wirkung von Psychopharmaka bei schweren psychischen Erkrankungen zu einem nicht unerheblichen Teil auf eine Beeinflussung der Immunreaktion zurückzuführen".

Weitere Themen der Tagung sind rheumatische Erkrankungen mit begleitenden psychischen Störungen und entzündliche Vorgänge bei Morbus Alzheimer. "Interessanterweise kommen also bei anscheinend so verschiedenen Krankheiten die medizinischen Fächer und Grundlagenfächer wieder zusammen bei der Untersuchung von Vorgängen wie einer geringgradigen Entzündung, Immunabwehr und Chronifizierung", so Bechter. Die lange bekannten Erbfaktoren bei schweren psychischen Erkrankungen, zum Beispiel Depression, werden von Professor Licinio, Canberra, Australien, einem der führenden Forscher auf diesem Gebiet, zu knapp 50 Prozent zurückgeführt auf die Typ-1 T-Zellen-Immunantwort und erhöhte Blutspiegel bestimmter Zytokine. "Dies bedeutet, dass langbekannte ererbte Risikofaktoren bei psychischen Erkrankungen zum Teil die vererbten Reaktionsmuster der Immunabwehr sind", so Bechter.

Birgit Böllinger | Bezirk Schwaben
Weitere Informationen:
http://www.bezirk-schwaben.de

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