Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Internationale Konferenz: Geschlechtsspezifische Krankheitsrisiken werden im Mutterleib vorprogrammiert

06.05.2010
Eine Schwangerschaft stellt die weibliche Physiologie vor ein biologisches Dilemma: Einerseits gilt es, ein gesundes und kräftiges Kind zur Welt zu bringen. Andererseits soll dadurch die Gesundheit der Mutter nicht gefährdet werden. Eine Anzahl von spezifischen Genen, die sie an ihr Kind weitergibt, übernimmt daher die Aufgabe, die Ansprüche des Kindes auf ein für ihren Körper verträgliches Maß zu beschränken. Diese sogenannten „imprinted genes“ tragen eine spezielle „Prägung“, die ihre Aktivität maßgeblich beeinflusst.

Die vom Vater vererbten Kopien dieser Gene sind dagegen darauf angelegt, möglichst viele Ressourcen für das Kind freizusetzen – möglicherweise auch auf Kosten der Mutter. Dieser frühe „Geschlechterkampf“ auf genetischer Ebene kann weitreichende Folgen für die Gesundheit der Nachkommen im späteren Leben haben. Auf der internationalen Konferenz The Power of Programming, die in München vom 6. bis 8. Mai stattfindet, werden neue Daten präsentiert, die diese Ansicht stützen. Die Tagung ist Teil des EU geförderten Projekts EARNEST (Early Nutrition Programming).

„Geprägte Gene, die vom Vater vererbt werden, sind ‚gefräßig’, während die mütterlichen Kopien auf den Erhalt von Ressourcen eingestellt sind, um die zukünftige Gebärfähigkeit nicht zu gefährden“, erklärt Dr. Miguel Constancia von der Universität Cambridge, England. “Unsere Befunde deuten darauf hin, dass geprägte Gene eine wichtige Rolle bei der Steuerung der Hormonausschüttung durch die Plazenta übernehmen. Dieser Prozess hat wiederum einen großen Einfluss auf die Ernährung des Fötus und wirkt sich auf die Programmierung des Stoffwechsels aus. Die dadurch bedingte Abstimmung der Kontrollmechanismen hat aber auch langfristige Folgen für den gesamten Metabolismus und beeinflusst unter anderem das Risiko, später an Diabetes (Typ 2) zu erkranken.”

Es gibt Hinweise darauf, dass die metabolische Programmierung im Mutterleib in männlichen und weiblichen Föten unterschiedlich abläuft. So konnte Dr. Rachel Dakin von der Universität Edinburgh, Schottland, zeigen, dass bei Mäusen mütterliche Fettleibigkeit eine metabolische Programmierung der Nachkommen bewirkt – allerdings mit geschlechtsspezifischen Unterschieden. Im Gegensatz zu ihren Brüdern wiesen weibliche Nachkommen übergewichtiger Mütter einen erhöhten Insulinspiegel auf. Bei den Männchen wurden dagegen Störungen in der Expression von Genen festgestellt, die im Stoffwechsel von Lipiden und Hormonen aus der Klasse der Glukokortikoide eine wichtige Rollen spielen.

Auf Gene, Zellen und Organismen wirken viele verschiedene Faktoren ihrer Umgebung ein, die in unterschiedliche Richtungen wirken. „Die Grenzen, die sie ausloten können, ohne dabei nachhaltig beschädigt oder gar getötet zu werden, wurden schrittweise während ihrer Evolution gesetzt“, sagt Professor Claudine Junien, Genetikerin am französischen Institut National de Recherche Agronomique (INRA) und anerkannte Expertin auf dem Gebiet des genetischen Geschlechterkampfes: „Die genetische Diversität heutiger Menschen spiegelt die Diversität ihrer evolutionären Erfahrungen in der Vergangenheit wider. Unsere Daten zeigen, dass es Unterschiede im Bezug auf Genexpression und Methylierungsmuster der DNA zwischen männlichen und weiblichen Plazenten gibt, sogar unter den Bedingungen einer normalen Schwangerschaft. Wenn Stress ins Spiel kommt, beispielsweise wenn die Mutter übergewichtig ist, das Nahrungsangebot reich an Fett oder arm an Kalorien ist, reagieren männliche und weibliche Plazenten unterschiedlich. Sie schalten unterschiedliche Gruppen von Genen ein, um dem Stress zu begegnen.“ Solche Unterschiede könnten zu dauerhaften geschlechtsspezifischen Konsequenzen für die metabolische Programmierung führen, die dann langfristige Auswirkungen entfalten. „Andererseits könnte es sein, dass die Männchen im übertragenen Sinn den Berg über die Nordroute besteigen, während die Weibchen die Südroute bevorzugen“, so Junien. „Beide werden am Ende aber auf demselben Gipfelniveau stehen.“

Professor Ricardo Closa Monasterolo von der Universität Rovira I Virgili in Tarragona, Italien, präsentiert Daten, die darauf hindeuten, dass männliche und weibliche Säuglinge proteinreiche Nahrung unterschiedlich verarbeiten. Mädchen, die proteinreiche Säuglingsmilch erhielten, hatten demnach höhere Konzentrationen des Wachstumsfaktors IGF-1 im Blut als die Knaben. Bei den Knaben wurden dagegen höhere Werte für C-Peptid/Creatinin gemessen, was sich auf den Zuckerhaushalt auswirkt. Die Bedeutung des Proteingehalts der Säuglingsnahrung für die zukünftige Gesundheit geht auch aus Daten des EU-Projekts CHOP (Childhood Obesity Project) hervor, das schon in den 1990er Jahren begonnen und im Rahmen von EARNEST fortgeführt wurde. Für die von Professor Berthold Koletzko von der LMU koordinierte Langzeitstudie wurden mehr als 1.000 Säuglinge regelmäßig untersucht. Erste Ergebnisse zeigen, dass Flaschenkinder, die ein weniger proteinreiches Milchpräparat (vergleichbar der Muttermilch) erhielten, am Ende der Studie im Durchschnitt etwas weniger wogen als Flaschenkinder, deren Nahrung einen höheren Proteingehalt aufwies. Im Bezug auf Gewichtszunahme glichen sie somit den gestillten Kindern. Diese Unterschiede zeigten sich bereits nach 6 Monaten und blieben auch bestehen, nachdem alle Kinder dieselbe Nahrung erhielten. Die Forscher schätzen, dass eine solche Verringerung der frühen Wachstumsrate zu einer 13-prozentigen Veringerung von Adipositas im Alter von 14 bis 16 Jahren führen würde.

Professor Berthold Koletzko, der auch Koordinator des EARNEST-Projekts ist, erklärt: „Geschlechtsspezifische Unterschiede bei Anfälligkeiten für Krankheiten sind lange bekannt. Die neuesten Forschungen auf dem jungen Gebiet der Metabolischen Programmierung legen den Schluss nahe, dass diese Unterschiede auf geschlechtsabhängige Variationen in der Programmierung während der frühesten Lebensphasen zurückgehen.“

Luise Dirscherl | idw
Weitere Informationen:
http://www.lmu.de/einrichtungen/zuv/uebersicht/komm_presse/verteiler/presseinfor...

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Veranstaltungsnachrichten:

nachricht „Microbiology and Infection“ - deutschlandweit größte Fachkonferenz in Würzburg
25.04.2017 | Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften e.V.

nachricht Berührungslose Schichtdickenmessung in der Qualitätskontrolle
25.04.2017 | Optence e.V. - Kompetenznetz Optische Technologien Hessen/Rheinland-Pfalz

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Veranstaltungsnachrichten >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Nanoskopie auf dem Chip: Mikroskopie in HD-Qualität

Neue Erfindung der Universitäten Bielefeld und Tromsø (Norwegen)

Physiker der Universität Bielefeld und der norwegischen Universität Tromsø haben einen Chip entwickelt, der super-auflösende Lichtmikroskopie, auch...

Im Focus: Löschbare Tinte für den 3-D-Druck

Im 3-D-Druckverfahren durch Direktes Laserschreiben können Mikrometer-große Strukturen mit genau definierten Eigenschaften geschrieben werden. Forscher des Karlsruher Institus für Technologie (KIT) haben ein Verfahren entwickelt, durch das sich die 3-D-Tinte für die Drucker wieder ‚wegwischen‘ lässt. Die bis zu hundert Nanometer kleinen Strukturen lassen sich dadurch wiederholt auflösen und neu schreiben - ein Nanometer entspricht einem millionstel Millimeter. Die Entwicklung eröffnet der 3-D-Fertigungstechnik vielfältige neue Anwendungen, zum Beispiel in der Biologie oder Materialentwicklung.

Beim Direkten Laserschreiben erzeugt ein computergesteuerter, fokussierter Laserstrahl in einem Fotolack wie ein Stift die Struktur. „Eine Tinte zu entwickeln,...

Im Focus: Leichtbau serientauglich machen

Immer mehr Autobauer setzen auf Karosserieteile aus kohlenstofffaserverstärktem Kunststoff (CFK). Dennoch müssen Fertigungs- und Reparaturkosten weiter gesenkt werden, um CFK kostengünstig nutzbar zu machen. Das Laser Zentrum Hannover e.V. (LZH) hat daher zusammen mit der Volkswagen AG und fünf weiteren Partnern im Projekt HolQueSt 3D Laserprozesse zum automatisierten Besäumen, Bohren und Reparieren von dreidimensionalen Bauteilen entwickelt.

Automatisiert ablaufende Bearbeitungsprozesse sind die Grundlage, um CFK-Bauteile endgültig in die Serienproduktion zu bringen. Ausgerichtet an einem...

Im Focus: Making lightweight construction suitable for series production

More and more automobile companies are focusing on body parts made of carbon fiber reinforced plastics (CFRP). However, manufacturing and repair costs must be further reduced in order to make CFRP more economical in use. Together with the Volkswagen AG and five other partners in the project HolQueSt 3D, the Laser Zentrum Hannover e.V. (LZH) has developed laser processes for the automatic trimming, drilling and repair of three-dimensional components.

Automated manufacturing processes are the basis for ultimately establishing the series production of CFRP components. In the project HolQueSt 3D, the LZH has...

Im Focus: Wonder material? Novel nanotube structure strengthens thin films for flexible electronics

Reflecting the structure of composites found in nature and the ancient world, researchers at the University of Illinois at Urbana-Champaign have synthesized thin carbon nanotube (CNT) textiles that exhibit both high electrical conductivity and a level of toughness that is about fifty times higher than copper films, currently used in electronics.

"The structural robustness of thin metal films has significant importance for the reliable operation of smart skin and flexible electronics including...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

„Microbiology and Infection“ - deutschlandweit größte Fachkonferenz in Würzburg

25.04.2017 | Veranstaltungen

Berührungslose Schichtdickenmessung in der Qualitätskontrolle

25.04.2017 | Veranstaltungen

Forschungsexpedition „Meere und Ozeane“ mit dem Ausstellungsschiff MS Wissenschaft

24.04.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

„Microbiology and Infection“ - deutschlandweit größte Fachkonferenz in Würzburg

25.04.2017 | Veranstaltungsnachrichten

Auf dem Weg zur lückenlosen Qualitätsüberwachung in der gesamten Lieferkette

25.04.2017 | Verkehr Logistik

Digitalisierung bringt Produktion zurück an den Standort Deutschland

25.04.2017 | Wirtschaft Finanzen