Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Interdisziplinäre Tagung: Traumata bei Risikokindern erkennen und behandeln

16.02.2015

Verwahrlosung, Gewalt und sexueller Missbrauch gehören zu den Alltagserfahrungen nicht weniger Kinder in Deutschland – das beschäftigt zunehmend auch die Wissenschaft. „Annäherungen an ‚Risikokinder‘ – Psychoanalytische und interdisziplinäre Forschung zu traumatisierten Kindern“ ist das Thema, zu dem sich Forscher und Praktiker bei der interdisziplinären psychoanalytischen Forschungskonferenz vom 27. Februar (Freitag) bis 1. März (Sonntag) an der Goethe-Universität austauschen.

Kinder verbergen ihr Trauma nicht selten hinter auffälligem und störendem Verhalten. Hier setzen Psychoanalytiker wie die Direktorin des Sigmund-Freud-Instituts, Prof. Marianne Leuzinger-Bohleber, mit ihrer Diagnose an: „Ein solches Verhalten sehen wir nicht primär als Fehlverhalten, sondern als Ausdruck eines verborgenen unbewussten, sinnvollen psychischen Geschehens.“

Die Mitorganisatorin der Tagung ergänzt: „Daher gilt es zunächst, das auffällige Verhalten des Kindes zu entschlüsseln, hinter dem oft traumatische Erfahrungen stecken.“ Wie solche Traumatisierungen erkannt und behandelt werden können, damit wollen sich die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler u.a. bei ihrer Tagung beschäftigen.

Traumatisierte „Risiko-Kinder“ stellen eine besondere Herausforderung für Psychotherapeuten, Erziehungswissenschaftler, Lehrer und Erzieher. Sie werden immer häufiger mit Kindern konfrontiert, die häusliche Gewalt erlebt haben, aber auch mit traumatisierten Kindern aus Flüchtlings- und Migrantenfamilien. „Die Psychoanalyse kann aus Jahrzehnte langer Erfahrung mit Trauma-Patienten auch einiges zur aktuellen Debatte beitragen.

Als eine der ersten wissenschaftlichen Disziplinen hat sie die Kurz- und Langzeitfolgen von schweren Traumatisierungen auf Kinder und ihre Entwicklung untersucht“, erläutert die Direktorin des Sigmund-Freud-Instituts. Inzwischen wurde dieses Thema auch in vielen anderen Disziplinen erforscht, u.a. in den Neurowissenschaften, der Cognitive Science, der empirischen Entwicklungsforschung und der Pädagogik.

Der Dialog zwischen diesen Disziplinen und der Praxis soll bei der international besetzten Frankfurter Tagung intensiviert werden. Ausgerichtet wird sie von Vertretern des Sigmund-Freud-Instituts, des interdisziplinären Forschungszentrums „Individual Development and Adaptive Education of Children at Risk“ (IDeA) und den Universitäten Stockholm, Kassel und Frankfurt.

„Elterliche Gewalt, der plötzliche Tod eines Elternteils oder lebensbedrohliche Kriegserlebnisse können wie ein verschlingendes Energiezentrum auf Kinder wirken und ihren empathischen Schutzschild komplett zerstören. Deshalb ist es so wichtig, dass wir solche gravierenden traumatischen Erfahrungen erkennen und behandeln können“, unterstreicht Leuzinger-Bohleber. Je früher traumatisierte Kinder und ihre Eltern die Möglichkeit erhalten, in einer geschützten professionellen Beziehung über das Erlebte zu sprechen, desto eher können die Kurz- und Langzeitfolgen eingedämmt werden. Dabei spielt die Art des Traumas, der familiäre, institutionelle und gesellschaftliche Kontext eine entscheidende Rolle, denn Traumatisierungen betreffen zwar immer Individuen, verweisen aber – wie die Terroranschläge in Paris leider einmal mehr drastisch vor Augen geführt haben – immer auch auf gesellschaftliche Zusammenhänge.

Öffentlicher Vortrag zu „Das weiße Band – Eine deutsche Kindergeschichte“

Diese komplexen Zusammenhänge illustrieren die beiden Psychoanalytiker Ralf Zwiebel und Andreas Hamburger exemplarisch in dem öffentlichen Vortrag, der am Freitag (27. Februar) um 20 Uhr im Nebengebäude des IG-Farben-Hauses, Campus Westend, stattfindet. Anschauungsmaterial bietet dabei der Film „Das weiße Band – Eine deutsche Kindergeschichte“ von Michael Haneke. Sadistische Erziehungsmethoden, die Anfang des 20. Jahrhunderts in Deutschland sehr verbreitet waren, führten zu schweren Bindungstraumata der Kinder – so der englische Psychoanalytiker Peter Fonagy, hatten aber auch gravierende soziale und gesellschaftliche Folgen. Der Film wirft einen kritischen Blick auf den sittenstrengen Protestantismus und seine traumatisierenden Folgen für die individuellen Entwicklungen, die den Übergang vom Wilhelmismus zum Nationalsozialismus begünstigten.

Diese Tagung führt die Tradition der Joseph Sandler Research Conferences weiter, die in den vergangenen sieben Jahren jeweils am ersten März-Wochenende in Frankfurt stattfanden. Sandler und seine Frau hatten die Psychoanalyse in den 1990er Jahren stärker für den Dialog mit den anderen Wissenschaften geöffnet und deshalb diese einmal im Jahr ausgerichtete Konferenz ins Leben gerufen.

Informationen: Prof. Dr. Marianne Leuzinger-Bohleber, Sigmund-Freud-Institut, Tel. (069) 971204-0; m.leuzinger-bohleber@sigmund-freud-institut.de; www.sigmund-freud-institut.de; Registration für die Tagung: Otgon Kröhan, tagung@sfi-frankfurt.de

Weitere Informationen:

http://www.sigmund-freud-institut.de

Ulrike Jaspers | idw - Informationsdienst Wissenschaft

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Veranstaltungsnachrichten:

nachricht Kongress Meditation und Wissenschaft
19.01.2018 | Universität Witten/Herdecke

nachricht LED Produktentwicklung – Leuchten mit aktuellem Wissen
18.01.2018 | Haus der Technik e.V.

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Veranstaltungsnachrichten >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Maschinelles Lernen im Quantenlabor

Auf dem Weg zum intelligenten Labor präsentieren Physiker der Universitäten Innsbruck und Wien ein lernfähiges Programm, das eigenständig Quantenexperimente entwirft. In ersten Versuchen hat das System selbständig experimentelle Techniken (wieder)entdeckt, die heute in modernen quantenoptischen Labors Standard sind. Dies zeigt, dass Maschinen in Zukunft auch eine kreativ unterstützende Rolle in der Forschung einnehmen könnten.

In unseren Taschen stecken Smartphones, auf den Straßen fahren intelligente Autos, Experimente im Forschungslabor aber werden immer noch ausschließlich von...

Im Focus: Artificial agent designs quantum experiments

On the way to an intelligent laboratory, physicists from Innsbruck and Vienna present an artificial agent that autonomously designs quantum experiments. In initial experiments, the system has independently (re)discovered experimental techniques that are nowadays standard in modern quantum optical laboratories. This shows how machines could play a more creative role in research in the future.

We carry smartphones in our pockets, the streets are dotted with semi-autonomous cars, but in the research laboratory experiments are still being designed by...

Im Focus: Fliegen wird smarter – Kommunikationssystem LYRA im Lufthansa FlyingLab

• Prototypen-Test im Lufthansa FlyingLab
• LYRA Connect ist eine von drei ausgewählten Innovationen
• Bessere Kommunikation zwischen Kabinencrew und Passagieren

Die Zukunft des Fliegens beginnt jetzt: Mehrere Monate haben die Finalisten des Mode- und Technologiewettbewerbs „Telekom Fashion Fusion & Lufthansa FlyingLab“...

Im Focus: Ein Atom dünn: Physiker messen erstmals mechanische Eigenschaften zweidimensionaler Materialien

Die dünnsten heute herstellbaren Materialien haben eine Dicke von einem Atom. Sie zeigen völlig neue Eigenschaften und sind zweidimensional – bisher bekannte Materialien sind dreidimensional aufgebaut. Um sie herstellen und handhaben zu können, liegen sie bislang als Film auf dreidimensionalen Materialien auf. Erstmals ist es Physikern der Universität des Saarlandes um Uwe Hartmann jetzt mit Forschern vom Leibniz-Institut für Neue Materialien gelungen, die mechanischen Eigenschaften von freitragenden Membranen atomar dünner Materialien zu charakterisieren. Die Messungen erfolgten mit dem Rastertunnelmikroskop an Graphen. Ihre Ergebnisse veröffentlichen die Forscher im Fachmagazin Nanoscale.

Zweidimensionale Materialien sind erst seit wenigen Jahren bekannt. Die Wissenschaftler André Geim und Konstantin Novoselov erhielten im Jahr 2010 den...

Im Focus: Forscher entschlüsseln zentrales Reaktionsprinzip von Metalloenzymen

Sogenannte vorverspannte Zustände beschleunigen auch photochemische Reaktionen

Was ermöglicht den schnellen Transfer von Elektronen, beispielsweise in der Photosynthese? Ein interdisziplinäres Forscherteam hat die Funktionsweise wichtiger...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Kongress Meditation und Wissenschaft

19.01.2018 | Veranstaltungen

LED Produktentwicklung – Leuchten mit aktuellem Wissen

18.01.2018 | Veranstaltungen

6. Technologie- und Anwendungsdialog am 18. Januar 2018 an der TH Wildau: „Intelligente Logistik“

18.01.2018 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Rittal vereinbart mit dem Betriebsrat von RWG Sozialplan - Zukunftsorientierter Dialog führt zur Einigkeit

19.01.2018 | Unternehmensmeldung

Open Science auf offener See

19.01.2018 | Geowissenschaften

Original bleibt Original - Neues Produktschutzverfahren für KFZ-Kennzeichenschilder

19.01.2018 | Informationstechnologie