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Im Klassenraum der Zukunft

02.03.2015

Experten diskutieren an der Universität Siegen über das elektronische Schulbuch. In einer neuen Form der Lernkultur könnte das Tablet das Leitmedium werden.

Alle Schülerinnen und Schüler arbeiteten zur gleichen Zeit mit gleichem Tempo am gleichen Inhalt – das ist Geschichte. „Binnendifferenzierung und Individualisierung sind die Herausforderungen der Schule von heute“, sagt Dr. Michael Schuhen, Geschäftsführer des Zentrums für ökonomische Bildung (ZöBiS) der Universität Siegen.

„Dies erfordert jedoch, dass Lernumgebungen für selbständiges und freies Arbeiten entstehen, die gleichzeitig aber auch zeitlich versetztes Arbeiten und Üben zulassen und ein hohes Maß an Interaktivität sowie Gelegenheiten für Zusammenarbeit bieten.“

Das traditionelle Schulbuch hat also ausgedient? „Wir Didaktiker und Fachwissenschaftler sind aufgefordert, Inhalte so für eine technikgestützte Umsetzung aufzubereiten, dass eine neue Form des Schulbuches und eine neue Lernkultur entstehen kann“, erklärt Dr. Schuhen, der führende Wissenschaftler zum Thema „elektronisches Schulbuch“ eingeladen hat. Experten unterschiedlicher Fächer und Fachgebiete stellten den Stand der Entwicklung auf diesem Gebiet vor.

Entscheidend ist die Qualität des elektronischen Schulbuchs. So reicht es Dr. Schuhen nicht, bisherige Lerninhalte eins zu eins in Apps zu übertragen: „Wir müssen vielmehr die Fragen beantworten, wie Tablet-PCs einen schüleraktivierenden, interaktiven, differenzierten und handlungsorientierten Unterricht unterstützen können und welche Elemente ein elektronisches Schulbuch übernehmen sollte.“

Eine Studie der Universität Siegen hat sich mit den Anforderungen an das elektronische Schulbuch beschäftigt. Dr. Schuhen und sein Team haben dazu Lehrer und Studierende gebeten, den Klassenraum von morgen zu konstruieren.

Die Mehrzahl der Befragten gehen von kleineren Lerngruppengrößen mit 15 bis 20 Schülern aus, der Lehrer wird zum Berater und geht weg vom Frontalunterricht, das Tablet wird von 54 Prozent der Befragten als Leitmedium gesehen, nur 17 Prozent sehen diese Rolle noch beim papierbasierten Schulbuch. Auch der herkömmliche Computer, sei es Laptop oder Desktop, wird auf Dauer vom Tablet abgelöst.

„Das Konzept Schulbuch sah und sieht meist vor, dass die Schüler und Schülerinnen nicht machen, sondern nur mitmachen. Der Lehrer sagt an, wo es langgeht und verlässt sich dabei auf die wohl durchdachte Struktur und die inhaltliche Korrektheit des Schulbuchs“, erklärt Dr. Schuhen. „In den kommenden Jahren werden die Lehrerinnen und Lehrer mehr dazu übergehen, die Schülerinnen und Schüler anzuleiten und differenzierte Aufgaben individuell und elektronisch zur Verfügung zu stellen. So können ganze Aufgabenkomplexe von jedem einzelnen je nach Wissensstand und Lerntempo bearbeitet werden. Es kann auch in der Gruppe interaktiv über ein Thema mit vernetzten Tablets diskutiert und kooperiert werden – im Klassenraum, unterwegs und zu Hause. Der Lehrer kann sich jederzeit dazu schalten und Rückmeldungen geben.“

Die Tafel wird durch interaktive Projektionsflächen ersetzt, Inhalte der elektronischen Schulbücher werden visuell und auditiv ergänzt. Beispiel Erdkundeunterricht: Über die sensorischen Funktionen des Tablets können Messungen oder Ortsbestimmungen durchgeführt sowie Dokumentationen und Aufnahmen erstellt werden. Lesen, Textarbeit und persönliche Gruppendiskussionen verschwinden jedoch nicht aus dem Unterricht, sondern die Informations- und Kommunikationstechnik wird von den meisten der befragten Lehrer und Studierenden als Begleiter angesehen und nicht als kompletter Ersatz bisheriger Unterrichts-Elemente.

„Bei aller Neuerungsbegeisterung muss zum einen die Anschlussfähigkeit an bisherige traditionelle Schulbücher gegeben sein, und wir müssen weiter intensiv an der einfachen Bedienbarkeit arbeiten“, betont Prof. Dr. Hans Jürgen Schlösser, Vorsitzender des ZöBiS. Der Experte geht davon aus, dass bis zum Jahr 2020 eine neue Lernkultur in den Klassenzimmern Einzug gehalten hat, „und die Schulen, die dies adaptieren, werden vorne weg sein“.

Jüngste empirische Studien belegen, dass mit elektronischen Schulbüchern ein effektiveres Lernen möglich ist. Die Wissenschaftler Michael Weyland und Manuel Froitzheim vom ZöBiS haben zum Thema „Experimentelle Lernarrangements für das elektronische Schulbuch im Fach Sozialwissenschaften“ geforscht und sind zu dem Ergebnis gekommen, dass durch den Einsatz virtueller ökonomischer Experimente im Vergleich zum klassischen Unterricht nicht nur die Motivation bei den Schülerinnen und Schülern gestiegen ist. Es wurden auch substanzielle Lernzuwächse in den Bereichen „Wissen und Verstehen“ sowie „Anwendung und Transfer“ nachgewiesen.

Die Forschung ist auf dem Weg, wie weit ist aber der flächendeckende Einsatz elektronischer Bücher entfernt? Bisher gebe es noch sehr wenige qualitativ gute elektronische Schulbücher, sagt Prof. Schlösser. Die Möglichkeiten der Technik würden noch nicht genutzt, häufig finde man das klassische Buch als pdf-Datei mit wenigen weiteren Funktionen vor. „Es ist nicht unser Ansinnen, mehr Technik um ihrer selbst willen in den Unterricht zu bringen, sondern eine neue Lernkultur zu ermöglichen, die für jeden einzelnen einen Mehrwert generiert, und uns dabei der Hilfe der Technik zu bedienen“, fasst der Vorsitzende des ZöBiS zusammen.

Weitere Informationen:

http://www.elektronisches-schulbuch.de/

André Zeppenfeld | idw - Informationsdienst Wissenschaft

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