Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Deutscher Schmerzkongress 2011 in Mannheim: Schmerz und Schlafstörungen – eine fatale Liaison

28.09.2011
„Nur eine einzige Nacht erholsam schlafen“, dieser Wunsch ist gerade bei Rückenschmerzpatienten häufig. Wie sehr sich Schlaf und Schmerz gegenseitig beeinflussen, haben aktuelle Studien gezeigt, die beim Deutschen Schmerzkongress in Mannheim (5.-8.10.2011, Congress Center Rosengarten) vorgestellt werden.

So leiden fast 60% der Patienten mit chronischem Rückenschmerz an Schlafstörungen. Selbst gesunde Menschen sind nach einer schlecht geschlafenen Nacht um rund 30% schmerzempfindlicher.

Besonders schwierig wird es bei Patienten, die zusätzlich zur Schmerzkrankheit auch Depressionen haben – eine häufige Kombination. Hier bessert Schlafentzug akut die depressiven Symptome, verschlechtert aber den Schmerz.

Schlecht schlafen ist subjektiv

In Deutschland gibt es nur wenig Forschung zu Schmerz und Schlaf, obwohl die klinische Bedeutung von Schlafstörungen beim chronischen Schmerz immer wieder bestätigt wird. Studien zufolge geben fast 60% aller Rückenschmerzpatienten an, unter Einschlafschwierigkeiten, geringerer Schlafdauer, schlechterem Schaf, Leistungseinbußen am nächsten Tag zu leiden. Erstaunlich: Objektiv gemessen sind weder die Schlafeffizienz noch die Aktivitäten während des Schlafs beeinträchtigt. „Das zeigt, wie wichtig es ist, auch die subjektive Bewertung des Schlafs einzubeziehen“, unterstreicht Prof. Dr. Stefan Lautenbacher (Physiologische Psychologie, Universität Bamberg). Neue Einsichten in den Zusammenhang zwischen Rückenschmerz und Schlaf sowie Ansätze für verbesserte Therapien erwarten die Forscher durch EEG-basierte Schlafanalyse (Polysomnographie) und bildgebende Verfahren wie die funktionelle Kernspintomographie (fMRI).

Schlechte Nacht – mehr Schmerz

Schon gesunde Menschen sind nach gestörtem Schlaf schmerzempfindlicher: Eine US-Studie an über 1000 Personen mittleren Alters belegte, dass wer weniger als sechs Stunden pro Nacht schläft, Schmerzen am nächsten Tag um 30% schlimmer empfindet. Eine Nacht erholsamen Schlafes genügte, diese Beschwerden weitgehend zu normalisieren. Die komplexe Wirkung von Schlafentzug auf die Verarbeitung von Schmerzreizen lässt sich experimentell nachweisen. So steigert eine Verkürzung des Nachtschlafs auf vier Stunden bei gesunden Probanden die Schmerzempfindlichkeit am frühen Morgen um etwa 30%. Überraschenderweise sind jedoch die für die Schmerzverarbeitung zuständigen Hirnbereiche weniger aktiv. Die Forscher erklären diesen Widerspruch damit, dass nach Schlafentzug der Thalamus mit seiner Funktion als „Tor zum Bewusstsein“ für äußere Reize und somit auch schmerzhafte Reize unempfindlicher ist. Dass der Schmerz dennoch stärker empfunden wird, könnte an einer durch den Schlafmangel fehlerhaft gesteuerten Aufmerksamkeit liegen. Vor allem die Störung der Tiefschlafphasen ist bedeutend – also auch besonders der gestörte Schlaf chronischer Schmerzpatienten.

Schwierig: Depressionen, Schmerz und Schlaf

Depressionen bilden häufig mit Schlafstörungen und chronischem Schmerz eine unselige Trias. Der Schlaf scheint seine Erholungsfunktion verloren zu haben, so dass Schlafentzug sogar das Befinden bessert. Erste Studien haben gezeigt, dass wiederholter Schlafentzug bei schwer depressiven Patienten gut für die Stimmung war, aber die Schmerzempfindlichkeit erhöhte und schmerzhafte Stellen am Körper der Patienten vermehrte. „Für den Schmerz scheint zu gelten, dass auch ein qualitativ so schlechter Schlaf wie der bei Depression für das Schmerzsystem noch erholsam wirkt, obwohl er für die Stimmung schon krankmachend ist“, so Prof. Lautenbacher. Die zugrundeliegenden Wirkungsmechanismen, wie fragmentierter und verkürzter Schlaf die Schmerzempfindlichkeit verstärkt, sind noch weitgehend unklar. Zudem ist noch offen, von welcher Qualität Schlaf sein muss, um das Schmerzsystem zu normalisieren bzw. zu stabilisieren. Die Aufklärung dieser Mechanismen ist Gegenstand von Forschungen der kommenden Jahre im Rahmen eines europäischen Forschungsverbundes (Innovative Medicine Initiative IMI).

Kontakt

PD Dr. Walter Magerl, Zentrum für Biomedizin und Medizintechnik Mannheim, Universität Heidelberg, Ludolf-Krehl-Str. 13-17, 68167 Mannheim.

E-Mail: walter.magerl@medma.uni-heidelberg.de

Prof. Stefan Lautenbacher, Physiologische Psychologie, Universität Bamberg, Markusplatz 3, 96045 Bamberg, E-Mail: stefan.lautenbacher@uni-bamberg.de

Meike Drießen | idw
Weitere Informationen:
http://www.schmerzkongress2011.de/

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Veranstaltungsnachrichten:

nachricht Das Immunsystem in Extremsituationen
19.10.2017 | Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung

nachricht Die jungen forschungsstarken Unis Europas tagen in Ulm - YERUN Tagung in Ulm
19.10.2017 | Universität Ulm

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Veranstaltungsnachrichten >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Hochfeldmagnet am BER II: Einblick in eine versteckte Ordnung

Seit dreißig Jahren gibt eine bestimmte Uranverbindung der Forschung Rätsel auf. Obwohl die Kristallstruktur einfach ist, versteht niemand, was beim Abkühlen unter eine bestimmte Temperatur genau passiert. Offenbar entsteht eine so genannte „versteckte Ordnung“, deren Natur völlig unklar ist. Nun haben Physiker erstmals diese versteckte Ordnung näher charakterisiert und auf mikroskopischer Skala untersucht. Dazu nutzten sie den Hochfeldmagneten am HZB, der Neutronenexperimente unter extrem hohen magnetischen Feldern ermöglicht.

Kristalle aus den Elementen Uran, Ruthenium, Rhodium und Silizium haben eine geometrisch einfache Struktur und sollten keine Geheimnisse mehr bergen. Doch das...

Im Focus: Schmetterlingsflügel inspiriert Photovoltaik: Absorption lässt sich um bis zu 200 Prozent steigern

Sonnenlicht, das von Solarzellen reflektiert wird, geht als ungenutzte Energie verloren. Die Flügel des Schmetterlings „Gewöhnliche Rose“ (Pachliopta aristolochiae) zeichnen sich durch Nanostrukturen aus, kleinste Löcher, die Licht über ein breites Spektrum deutlich besser absorbieren als glatte Oberflächen. Forschern am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) ist es nun gelungen, diese Nanostrukturen auf Solarzellen zu übertragen und deren Licht-Absorptionsrate so um bis zu 200 Prozent zu steigern. Ihre Ergebnisse veröffentlichten die Wissenschaftler nun im Fachmagazin Science Advances. DOI: 10.1126/sciadv.1700232

„Der von uns untersuchte Schmetterling hat eine augenscheinliche Besonderheit: Er ist extrem dunkelschwarz. Das liegt daran, dass er für eine optimale...

Im Focus: Schnelle individualisierte Therapiewahl durch Sortierung von Biomolekülen und Zellen mit Licht

Im Blut zirkulierende Biomoleküle und Zellen sind Träger diagnostischer Information, deren Analyse hochwirksame, individuelle Therapien ermöglichen. Um diese Information zu erschließen, haben Wissenschaftler des Fraunhofer-Instituts für Lasertechnik ILT ein Mikrochip-basiertes Diagnosegerät entwickelt: Der »AnaLighter« analysiert und sortiert klinisch relevante Biomoleküle und Zellen in einer Blutprobe mit Licht. Dadurch können Frühdiagnosen beispielsweise von Tumor- sowie Herz-Kreislauf-Erkrankungen gestellt und patientenindividuelle Therapien eingeleitet werden. Experten des Fraunhofer ILT stellen diese Technologie vom 13.–16. November auf der COMPAMED 2017 in Düsseldorf vor.

Der »AnaLighter« ist ein kompaktes Diagnosegerät zum Sortieren von Zellen und Biomolekülen. Sein technologischer Kern basiert auf einem optisch schaltbaren...

Im Focus: Neue Möglichkeiten für die Immuntherapie beim Lungenkrebs entdeckt

Eine gemeinsame Studie der Universität Bern und des Inselspitals Bern zeigt, dass spezielle Bindegewebszellen, die in normalen Blutgefässen die Wände abdichten, bei Lungenkrebs nicht mehr richtig funktionieren. Zusätzlich unterdrücken sie die immunologische Bekämpfung des Tumors. Die Resultate legen nahe, dass diese Zellen ein neues Ziel für die Immuntherapie gegen Lungenkarzinome sein könnten.

Lungenkarzinome sind die häufigste Krebsform weltweit. Jährlich werden 1.8 Millionen Neudiagnosen gestellt; und 2016 starben 1.6 Millionen Menschen an der...

Im Focus: Sicheres Bezahlen ohne Datenspur

Ob als Smartphone-App für die Fahrkarte im Nahverkehr, als Geldwertkarten für das Schwimmbad oder in Form einer Bonuskarte für den Supermarkt: Für viele gehören „elektronische Geldbörsen“ längst zum Alltag. Doch vielen Kunden ist nicht klar, dass sie mit der Nutzung dieser Angebote weitestgehend auf ihre Privatsphäre verzichten. Am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) entsteht ein sicheres und anonymes System, das gleichzeitig Alltagstauglichkeit verspricht. Es wird nun auf der Konferenz ACM CCS 2017 in den USA vorgestellt.

Es ist vor allem das fehlende Problembewusstsein, das den Informatiker Andy Rupp von der Arbeitsgruppe „Kryptographie und Sicherheit“ am KIT immer wieder...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Das Immunsystem in Extremsituationen

19.10.2017 | Veranstaltungen

Die jungen forschungsstarken Unis Europas tagen in Ulm - YERUN Tagung in Ulm

19.10.2017 | Veranstaltungen

Bauphysiktagung der TU Kaiserslautern befasst sich mit energieeffizienten Gebäuden

19.10.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Forscher finden Hinweise auf verknotete Chromosomen im Erbgut

20.10.2017 | Biowissenschaften Chemie

Saugmaschinen machen Waschwässer von Binnenschiffen sauberer

20.10.2017 | Ökologie Umwelt- Naturschutz

Strukturbiologieforschung in Berlin: DFG bewilligt Mittel für neue Hochleistungsmikroskope

20.10.2017 | Förderungen Preise