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Damit der Diabetes nicht an die Nieren geht

25.01.2011
Neue Strategien gegen Nierenerkrankungen stehen im Mittelpunkt des 2. Treffens des SysKid-Konsortiums, einem interdisziplinären EU-Forschungsprojekt.

25 Forschergruppen aus 15 Ländern tagen vom 25.-28. Januar 2011 an der Medizinischen Universität Innsbruck. Ihr Ziel: verbesserte Methoden für die Prävention, Diagnostik und Behandlung von chronischer Nierenleiden.

In Europa leiden schätzungsweise 50 Millionen Menschen, zehn Prozent der Bevölkerung, an einer chronischen Nierenerkrankung. Besonders häufig betroffen sind Diabetiker: Fünf Jahre nach der Erstdiagnose der Zuckerkrankheit diagnostizieren Ärzte bei zehn Prozent der Diabetiker die ersten Zeichen einer Nierenschädigung. Binnen 15 bis 20 Jahren sind 30 bis 40 Prozent betroffen. Diabetiker stellen daher auch mit 30 Prozent den größten Anteil der Dialyse-Patienten. Darüber hinaus steigt bei einer Nierenerkrankung auch das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen.

„In ganz Europa steigt seit einigen Jahren die Zahl der Diabetiker deutlich an“, erklärt Professor Gert Mayer von der Medizinischen Universität Innsbruck, dessen Arbeitsgruppe zum SysKid-Konsortium gehört. Darum sei es wichtig, so der Nierenexperte weiter, „dass wir Diabetiker und andere Patienten mit einem erhöhten Risiko für chronische Nierenerkrankungen früher und besser diagnostizieren und behandeln.“

Verfügbare Testverfahren, dienen etwa dem Nachweis von Eiweißstoffen im Urin. Diese sogenannte Mikroalbuminurie kann Anzeichen einer Nierenerkrankung sein. „Doch wir brauchen dringend Untersuchungsmethoden, mit deren Hilfe wir Nierenveränderungen bei Diabetikern früher und spezifischer diagnostizieren können, um gezielter und früher behandeln zu können“, sagt Professor Rainer Oberbauer von der Medizinischen Universität Wien. „Wir wissen inzwischen aufgrund neuer Studien, dass eine frühe Diagnose und Therapie einerseits das Fortschreiten der Erkrankung bremsen kann, dass aber andererseits eine aggressive Behandlung auch den Zustand des Patienten manchmal verschlechtern kann, wenn hinter dem Symptom „Eiweiß im Urin“ eine andere Erkrankung steht“, umreißt Gert Mayer das derzeitige Dilemma der Diagnostik, die auf einem Symptom beruht, das auch andere Ursachen haben kann oder das ausbleibt, obwohl die Niere geschädigt ist.

„Unser Konsortium will daher mit den modernen Methoden der Systembiologie bessere Strategien für die Prävention, Diagnostik und Therapie von chronischen Nierenerkrankungen entwickeln“, sagt Dr. Bernd Mayer, geschäftsführender Partner der F&E-Firma emergentec biodevelopment GmbH, Wien, der das Projekt koordiniert.

Auf ihrem Treffen in Innsbruck präsentieren die verschiedenen Forschergruppen die Resultate ihrer bisherigen Arbeit. Es geht beispielsweise um neue Krankheitsmarker, deren Nachweis die Diagnostik verbessern. Um diese zu entdecken, analysieren die Wissenschaftler tausende von Urin- und Blutproben betroffener Patienten. Erste Marker-Kandidaten werden auf der Tagung präsentiert.

Zur Zeit wird von den Ethik-Kommissionen der beteiligten Universitäten (Innsbruck, Groningen, Glasgow, Katowitze, Budapest) eine große Studie geprüft, die das Konsortium im Mai auf den Weg bringen will. „An dieser Studie werden fünf Zentren in verschiedenen Ländern teilnehmen“, sagt Gert Mayer, der die Studie leiten wird. An mindestens 4000 Patienten mit Diabetes wollen die Wissenschaftler erproben, ob die neuen Krankheitsmarker den konventionellen Verfahren überlegen sind und die Diagnostik verbessern. „Denn es gibt erste Medikamente, die spezifisch auf die Niere einwirken“, sagt Mayer. Von deren frühem Einsatz versprechen sich die Spezialisten bessere Behandlungsergebnisse.

Doch nicht nur klinische Forscher informieren ihre Kollegen über den Stand ihrer Arbeit. Auch Genetiker, Molekularbiologen, Bioinformatiker, Zellbiologen und Physiologen gehören zu SysKid und werden ihre Erkenntnisse präsentieren. „Je besser wir die Krankheitsprozesse auch auf der Ebene der Gene, Zellen und Moleküle verstehen, desto eher eröffnen sich auch Ansätze und Angriffspunkte für neue Therapien“, begründet SysKid-Koordinator Dr. Bernd Mayer den interdisziplinären Ansatz. Die Forscher setzen auf, Forschungsrichtungen, wie „Genomics“, die Untersuchung des Erbguts, „Proteomics“, die Erforschung der Gesamtheit der Eiweißstoffe in Zellen oder Metabolomics, die Untersuchung von Metaboliten, also den Stoffwechselprodukten innerhalb der Zelle. „Schließlich sind wir angetreten, die Niere als Ganzes zu verstehen“, sagt Professor Oberbauer.

www.syskid.eu: SysKid ist ein interdisziplinäres Forschungsprojekt: Mediziner, Statistiker, Epidemiologen, Molekularbiologen und Bioinformatiker von Universitätskliniken, Forschungsinstituten und Biotech-Unternehmen arbeiten zusammen. Dem Konsortium gehören 25 Forschergruppen aus 15 Ländern an: Belgien, Dänemark, Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Irland, Israel, Italien, Niederlande, Österreich, Polen, Schweiz, Spanien, Ungarn und USA. Das Forschungsprojekt hat eine Laufzeit von fünf Jahren. Es wird von der Europäischen Union mit 11,8 Millionen Euro aus dem Rahmenprogramm 7 (FP7) gefördert, das gesamte Projektvolumen beträgt rund 16 Millionen Euro.

Hinweise für die Redaktionen:
Unter dem Titel „From molecular to clinical science in chronic kidney disease“ präsentieren SysKid-Forscher am kommenden Freitag im Hilton Hotel Innsbruck von 14:45 - 18:00 Uhr aktuelle Einsichten in die Nierenforschung und werfen einen Blick in die Zukunft. Gerne vermitteln wir Ihnen im Laufe der Tagung individuelle Gespräche mit SysKid-Wissenschaftlern: Das Presseteam ist vor Ort erreichbar unter: +49 172 8623636 oder +49 151 12043311.

Barbara Ritzert

ProScience Communications –
Die Agentur für Wissenschaftskommunikation GmbH
Andechser Weg 17
82343 Pöcking
Fon: +49 8157 9397-0
Fax: +49 8157 9397-97
e-mail: ritzert@proscience-com.de

Barbara Ritzert | idw
Weitere Informationen:
http://www.syskid.eu/

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