Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Forscher untersuchen, wie die Gerüchteküche brodelt

22.09.2006
Ist es nun gefärbt oder nicht, das Haupthaar unseres Ex-Kanzlers? Die "H-Frage" werden die Forscher wohl nicht zu beantworten wissen, die sich vom 4. bis 6. Oktober an der Universität Bonn treffen. Auf ihrer Tagung im Universitätsclub, Konviktstraße 9, dreht sich alles um die Kommunikation der Gerüchte.

Im Zentrum steht die Frage, ob sich die Nachrichten vom Hörensagen von der angeblich "normalen" Kommunikation immer trennscharf unterscheiden lassen. Auch die Medien sind übrigens nicht resistent: Schon seit Jahrhunderten bedient sich Fama der Presse, um etwas zu verbreiten. Zu der Tagung sind Interessenten herzlich willkommen. Die Teilnahme ist kostenfrei; eine Anmeldung ist nicht erforderlich.

Zu den besonders erfolgversprechenden Zutaten eines deftigen Gerüchts gehört seit jeher eine Prise Sex. Das dokumentiert schon die Herkunft des Wortes "klatschen": Klatschweiber waren Wäscherinnen. Ihr Name rührt her von der damals üblichen Reinigungstechnik, bei der die nasse Wäsche gegen Steine geschlagen wurde, um das Gewebe möglichst gut durchzuwalken. Die Waschweiber bemerkten bei ihrer Tätigkeit hin und wieder verräterische Flecken auf den Laken. Sie erhielten so einen Einblick in das Geschlechtsleben ihrer Auftraggeber, den sie gerne mit anderen teilten.

Gerüchte sorgen dafür, dass sich Neuigkeiten schnell verbreiten, versehen sie aber gleichzeitig mit dem Etikett "Achtung, kann auch falsch sein". Charakteristisch ist die Berufung aufs Kollektiv: "die Leute sagen", "man hört doch überall". Dadurch kann jeder ungeniert klatschen, ohne die Verantwortung für die Folgen tragen zu müssen. Und die können immens sein: Börsengerüchte können über Wohl und Wehe ganzer Firmen entscheiden, Verleumdungen den Ruf unbescholtener Menschen zerstören. Auf der Tagung spüren Wissenschaftler ganz unterschiedlicher Disziplinen der besonderen Dynamik von Gerüchten nach. Darunter sind neben Medienwissenschaftlern und Germanisten beispielsweise auch Ökonomen und Journalisten. Organisatoren sind das Institut für Germanistik sowie das Zentrum für Kulturwissenschaft der Universität Bonn.

... mehr zu:
»Gerüchteküche

Dementis helfen wenig

Vor Entstehung der Massenmedien verbreiteten sich Gerüchte vor allem per Mundpropaganda. Daher auch die mythologische Gestalt der Fama, von der Vergil sagt, sie sei das schnellste aller Übel und habe tausende Ohren, Zungen und Augen. "Fama ist so wirksam, dass man dahinter in der Antike einen göttlichen Einfluss vermutete", erklärt die Bonner Germanistin Dr. Hedwig Pompe. Bildlich wurde Fama meist als eine Gestalt mit Flügeln und einer Posaune dargestellt. Dank Internet und Massenmedien verbreiten sich Gerüchte heute schneller denn je. Und das, obwohl gerade die Presse den Anspruch hat, nur verifizierte Fakten zu liefern. "Journalisten zitieren dann beispielsweise die 'gewöhnlich gut unterrichteten Kreise'", sagt Pompe. Ist ein Gerücht erst einmal in der Welt, helfen die schärfsten Dementis wenig. Das musste auch Ex-Kanzler Gerhard Schröder feststellen.

Hochkonjunktur in Krisenzeiten

In Krisenzeiten schlägt die große Stunde des Gerüchts. "Eine Tatsache, die gerade Kriegspropaganda so wirksam macht", betont Pompes Kollegin Dr. Brigitte Weingart. Im Zweiten Weltkrieg entstanden in den USA "rumour clinics", die gegen Feindespropaganda "immunisieren" sollten - "interessant schon allein wegen der Terminologie", sagt Weingart. Es gibt aber tatsächlich Parallelen zwischen ansteckenden Krankheiten und Gerüchten: "Epidemiologen simulieren die Ausbreitung einer Seuche zum Teil mit denselben Modellen wie Kommunikationsforscher, die den Verlauf eines Gerüchts nachvollziehen möchten."

"Antisemitismus ist das Gerücht über die Juden", erkannte der Philosoph Theodor W. Adorno. Die Nationalsozialisten legten eine traurige Perfektion an den Tag, wenn es darum ging, die jüdische Bevölkerung zu denunzieren. Schon in den Jahrzehnten vor ihrer Machtergreifung kursierte das Gerücht, die Juden hätten sich im Ersten Weltkrieg überproportional häufig vor der Front gedrückt. "Die z. T. antisemitisch eingestellte preußische Heeresleitung hielt damals sogar Studien zurück, die eindeutig bewiesen, dass an dem Gerede nichts dran war", erklärt Dr. Jürgen Brokoff vom Institut für Germanistik. "Mit Gerüchten lässt sich gut Politik machen."

Gerüchte sind für die Forschung schwer zu fassen. Doch über eines ist sich die Wissenschaft heute sicher: Wenn die Gerüchteküche besonders stark brodelt, steckt eine tief sitzende Missstimmung oder Spannung dahinter. Man dürfe aber nicht den Fehler machen, aus dem Inhalt der Gerüchte zu folgern, was genau im Moment schief laufe. Dem viel beschworenen wahren Kern des Gerüchts, wenn es denn einen solchen tatsächlich gibt, kommt man nur dann auf die Spur, wenn man es als Zerrbild liest.

Weitere Informationen zur Tagung gibt es unter http://www.fama.uni-bonn.de

Kontakt:
Dr. Jürgen Brokoff, Prof. Dr. Jürgen Fohrmann,
Dr. Hedwig Pompe, Dr. Brigitte Weingart, Institut für Germanistik
Telefon: 0228/73-7478
E-Mail: fama@uni-bonn.de

Frank Luerweg | idw
Weitere Informationen:
http://www.fama.uni-bonn.de

Weitere Berichte zu: Gerüchteküche

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Veranstaltungsnachrichten:

nachricht Firmen- und Forschungsnetzwerk Munitect tagt am IOW
08.12.2016 | Leibniz-Institut für Ostseeforschung Warnemünde

nachricht NRW Nano-Konferenz in Münster
07.12.2016 | Ministerium für Innovation, Wissenschaft und Forschung NRW

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Veranstaltungsnachrichten >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Elektronenautobahn im Kristall

Physiker der Universität Würzburg haben an einer bestimmten Form topologischer Isolatoren eine überraschende Entdeckung gemacht. Die Erklärung für den Effekt findet sich in der Struktur der verwendeten Materialien. Ihre Arbeit haben die Forscher jetzt in Science veröffentlicht.

Sie sind das derzeit „heißeste Eisen“ der Physik, wie die Neue Zürcher Zeitung schreibt: topologische Isolatoren. Ihre Bedeutung wurde erst vor wenigen Wochen...

Im Focus: Electron highway inside crystal

Physicists of the University of Würzburg have made an astonishing discovery in a specific type of topological insulators. The effect is due to the structure of the materials used. The researchers have now published their work in the journal Science.

Topological insulators are currently the hot topic in physics according to the newspaper Neue Zürcher Zeitung. Only a few weeks ago, their importance was...

Im Focus: Rätsel um Mott-Isolatoren gelöst

Universelles Verhalten am Mott-Metall-Isolator-Übergang aufgedeckt

Die Ursache für den 1937 von Sir Nevill Francis Mott vorhergesagten Metall-Isolator-Übergang basiert auf der gegenseitigen Abstoßung der gleichnamig geladenen...

Im Focus: Poröse kristalline Materialien: TU Graz-Forscher zeigt Methode zum gezielten Wachstum

Mikroporöse Kristalle (MOFs) bergen große Potentiale für die funktionalen Materialien der Zukunft. Paolo Falcaro von der TU Graz et al zeigen in Nature Materials, wie man MOFs gezielt im großen Maßstab wachsen lässt.

„Metal-organic frameworks“ (MOFs) genannte poröse Kristalle bestehen aus metallischen Knotenpunkten mit organischen Molekülen als Verbindungselemente. Dank...

Im Focus: Gravitationswellen als Sensor für Dunkle Materie

Die mit der Entdeckung von Gravitationswellen entstandene neue Disziplin der Gravitationswellen-Astronomie bekommt eine weitere Aufgabe: die Suche nach Dunkler Materie. Diese könnte aus einem Bose-Einstein-Kondensat sehr leichter Teilchen bestehen. Wie Rechnungen zeigen, würden Gravitationswellen gebremst, wenn sie durch derartige Dunkle Materie laufen. Dies führt zu einer Verspätung von Gravitationswellen relativ zu Licht, die bereits mit den heutigen Detektoren messbar sein sollte.

Im Universum muss es gut fünfmal mehr unsichtbare als sichtbare Materie geben. Woraus diese Dunkle Materie besteht, ist immer noch unbekannt. Die...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Firmen- und Forschungsnetzwerk Munitect tagt am IOW

08.12.2016 | Veranstaltungen

NRW Nano-Konferenz in Münster

07.12.2016 | Veranstaltungen

Wie aus reinen Daten ein verständliches Bild entsteht

05.12.2016 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Hochgenaue Versuchsstände für dynamisch belastete Komponenten – Workshop zeigt Potenzial auf

09.12.2016 | Seminare Workshops

Ein Nano-Kreisverkehr für Licht

09.12.2016 | Physik Astronomie

Pflanzlicher Wirkstoff lässt Wimpern wachsen

09.12.2016 | Biowissenschaften Chemie