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Chemie bezieht Stellung zu Verantwortung und Nachhaltigkeit

03.03.2004


In einer Vortragsveranstaltung bei der Bayer AG in Leverkusen am 11. März 2004 wird die Vereinigung für Chemie und Wirtschaft (VCW) der Gesellschaft Deutscher Chemiker (GDCh) die Frage "Verantwortlich handeln - wie viel Nachhaltigkeit will sich die chemische Industrie leisten?" erörtern. Ausgangspunkt ist für die VCW das Statement, dass sich die chemische Industrie in Europa zu verantwortlichem Handeln bekennt und sich für die Nachhaltigkeit der Entwicklung bei Stoffen und Prozessen einsetzt. Doch wie wird sich die starke, innovative chemische Industrie in Europa unter den derzeitigen Rahmenbedingungen weiterentwickeln? Welche Auswirkungen wird die geplante europäische Chemikaliengesetzgebung haben? Welche wissenschaftlichen und politischen Innovationen fördern global die nachhaltige Entwicklung im weltweiten Wettbewerb der Unternehmen?

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Dass ökonomische, ökologische und soziale Ziele gleichermaßen im Blick zu behalten und ständig neu auszutarieren sind, wird viel zitiert und ist ein fester Bestandteil der politischen und gesellschaftlichen Diskussion. Die langfristige Verfügbarkeit von Rohstoffen und Energie, Prozessoptimierung, Ressourcenschonung, Entsorgung sind feste Randbedingungen jeder Produktentwicklung, ohne die kein Chemieunternehmen mehr ernsthaft versucht, an den Markt zu kommen. Im Gegenteil, Produktdifferenzierungen in diesen Bereichen verhelfen oft zu neuen Wertschöpfungen. Fester Bestandteil der politischen Diskussionen sind aber auch regulatorische Bemühungen, wie zum Beispiel im EU-Weißbuch zur Chemikalienpolitik vorgelegt, die selbst auf den Prüfstand der Nachhaltigkeit - eben auch unter ökonomischen, ökologischen und sozialen Aspekten - gestellt werden müssen.

Mit einem klaren Bekenntnis zur Innovation und damit zur Forschung und Entwicklung wird Prof. Dr. Jörg Stetter, Corporate Center der Bayer AG und GDCh-Vorstandsmitglied, die Veranstaltung eröffnen. Nur so könne nachhaltiges Wachstum bei hohem Kundennutzen erzielt werden. Weitere Perspektiven aus Sicht der Bayer AG wird Dr. Andrea Paetz, Governmental und Product Affairs, aufgreifen. Sie erläuterte vorab, dass ökonomische Stärke eine notwenige Voraussetzung sei, um auf Grundlage eines gesicherten finanziellen Umfelds die Wettbewerbsfähigkeit mit anderen Unternehmen in wichtigen Wirtschaftsregionen der Welt zu gewährleisten. Nur durch eine solide ökonomische Entwicklung eines Unternehmens könnten die Ziele der Ökologie wie die Minimierung negativer Umwelteffekte sowie gesellschaftliche Ziele wie die Sicherung der Arbeitsplätze nachhaltig erreicht werden. Bayer bewerte seine verwendeten Stoffe und versorge seine Kunden mit den notwendigen Informationen zum sicheren Umgang mit seinen Produkten.So beteilige sich das Unternehmen seit Jahren an weltweiten Programmen zur Altstoffbewertung. Die politische Diskussion habe diese Programme nur wenig beachtet. Altstoffe würden bis heute in der Öffentlichkeit als schlecht untersucht und bewertet gelten, was vielfach nicht zuträfe. So hat z.B. das bei der GDCh ansässige Beratergremium für Altstoffe (BUA) auf diesem Gebiet wertvolle Arbeit geleistet.


Dr. Gerd Romanowski, Geschäftsführer des Verbands der Chemischen Industrie (VCI) und Leiter der Abteilung Wissenschaft, Technik und Umwelt, wird in seinem Vortrag auf die für eine starke, innovative Chemieindustrie wichtigsten Rahmenfaktoren eingehen und am Beispiel der neuen EU-Chemikalienpolitik die Bedeutung gesetzlicher Rahmenbedingungen für die Innovations- und Wettbewerbsfähigkeit der Branche aufzeigen. Um die Innovationskraft der deutschen chemischen Industrie zu erhalten, müssten nicht nur die klassischen Instrumente der Innovationsförderung - eine gute Forschungs- und Bildungspolitik sowie ein ausreichender Schutz geistigen Eigentums - greifen, hinzukämen weitere Politikfelder, die noch mehr Beachtung finden sollten: Die Vielzahl der gesetzlichen Regulierungen wirkten häufig nicht, wie beabsichtigt, auf Umwelt- und Verbraucherschutz, sondern vor allem als Standortnachteil im internationalen Wettbewerb. Derzeit besonders besorgniserregend sei die neue europäische Chemikalienpolitik, in dessen Zentrum das REACH-Verfahren (Registration, Evaluation and Authorization of Chemicals) steht.

Dr. Uwe Lahl vom Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit wird zu REACH und der politischen Entscheidungsfindung in Deutschland Stellung nehmen. Hintergrund: Die EU-Kommission hat am 29. Oktober 2003 nach mehrjähriger Vorbereitungszeit den Entwurf einer EG-Verordnung zur Neuordnung des Chemikalienrechts verabschiedet. Wesentlicher Inhalt ist die Einführung eines einheitlichen Systems zur Registrierung, Evaluierung und Autorisierung von Chemikalien (REACH). In Deutschland wurde bereits im Stadium des Weißbuches im März 2002 eine gemeinsame Position der Bundesregierung, des VCI und der IG Bergbau, Chemie, Energie verabschiedet, die auch von der GDCh unterstützt wird. Diese Position wurde durch weitere Papiere vom 21. August und 14. Oktober fortgeschrieben. Es gilt die Kernaussage, dass einerseits ein hohes Schutzniveau für die menschliche Gesundheit und die Umwelt gewährleistet und andererseits die Innovations- und Wettbewerbsfähigkeit der chemischen Industrie sichergestellt werden soll.

Obwohl die Europäische Kommission in ihrem vorgelegten Entwurf bereits viele der gemeinsamen Forderungen aufgegriffen hat, gibt es erneut heftige Kontroversen. Die Veranstaltung der VCW wird möglicherweise die derzeitige deutsche Position verdeutlichen. In die Diskussion greifen in Leverkusen auch die Universitätsprofessoren Dr. Walter Leitner von der RWTH Aachen und Dr. Jürgen O. Metzger von der Universität Oldenburg ein. Für sie stehen die nachhaltige Entwicklungen in der Chemie im Mittelpunkt. Metzger wird beispielhaft Innovationen der Chemie für eine nachhaltige Entwicklung aufgreifen. Die ressourcenschonende Produktion von Basischemikalien ist dabei aufgrund der großen produzierten Mengen und der darauf aufbauenden Produktlinien für eine nachhaltige Entwicklung von besonderer Bedeutung. Langfristig können nachwachsende Rohstoffe fossile Rohstoffe ersetzen. Die chemischen Produkte müssten so gestaltet werden, dass sie nachhaltig weiterverarbeitet, recycliert und nicht bioakkumuliert werden könnten.

Dr. Renate Hoer | idw
Weitere Informationen:
http://www.gdch.de

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