Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Supraleiter, Schrimps und Stauprognosen:

17.03.2001


Jahrestagung der Deutschen Physikalischen Gesellschaft in Hamburg

Vom 26. bis 30. März erwartet Hamburg über 3.000 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus dem In- und Ausland anlässlich der Haupttagung der Deutschen Physikalischen Gesellschaft (DPG). Die "65. Physikertagung" findet an der Universität der Hansestadt und im Congress Centrum Hamburg (CCH) statt. Unter den namhaften Plenarrednern ist der Chemie-Nobelpreisträger Walter Kohn. Besonderes Interesse gilt dieses Jahr der Festkörperforschung: so ist dem kürzlich entdeckten Supraleiter Magnesium-Diborid eine Sondersitzung gewidmet. Auf der Tagesordnung stehen ferner Klimaschutz, Automobiltechnik, Rüstungskontrolle und auch die Situation der Frauen in der Physik. Selbst Studien über Verkehrsstaus und zur "Physik von Seekrabben" sind im Konferenzband vertreten. Lehrerfortbildungen, öffentliche Abendvorträge, Ausstellungen und eine Podiumsdiskussion zur Verknüpfung von Physik und Lebenswissenschaften runden das Programm ab.

Die Reihe der Physikertagungen begann 1921 in Jena; Hamburg ist zum sechsten Mal Gastgeber. Turnusgemäß fällt die Physikertagung 2001 mit dem Frühjahrstreffen des Arbeitskreises Festkörperphysik der DPG zusammen. Außerdem tagen in der Hansestadt die Arbeitskreise "Energie", "Physik und Abrüstung", "Chancengleichheit", der "Ausschuss Industrie und Wirtschaft" sowie der Fachverband "Geschichte der Physik". An der Konferenz sind auch die physikalischen Gesellschaften der Niederlande, Österreichs und Tschechiens beteiligt.

Das Element Silizium und seine Verwandten aus der Halbleiterfamilie sind die Rohstoffe der Mikroelektronik. Obwohl sich viele Beiträge zur Hamburger Tagung mit "klassischen" Halbleitern befassen, zählt die Physik organischer Festkörper zu den besonderen Schwerpunkten. Diese Stoffe werden zwar für gewöhnlich zu den Isolatoren gerechnet - doch einige synthetische Verbindungen leiten elektrischen Strom, einzelne sind sogar supraleitend. Manche Polymere leuchten unter Stromfluss und lassen sich zu biegsamen Anzeigetafeln verarbeiten. Neueste Erkenntnissen auf diesem Gebiet behandelt ein Plenarvortrag zum Auftakt der Konferenz, sowie ein Symposium am 27. März.
Ein weiteres Kernthema sind Supraleiter - Materialien, die bei eisiger Kälte elektrischen Strom verlustfrei übertragen. Supraleitende Spulen kommen etwa in Magnetresonanz-Tomographen zum Einsatz. Am Vormittag des 28. März findet ein Plenarvortrag über keramische Hochtemperatur-Supraleiter statt, für den Abend wurde eine Sondersitzung über Magnesium-Diborid angesetzt. Die besonderen Eigenschaften dieser Metallverbindung waren der Wissenschaft bis vor wenigen Wochen entgangen. Der Clou: Dieses Metall verliert seinen elektrischen Widerstand "bereits" bei minus 235 Grad Celsius. Für nicht-keramische Supraleiter eigentlich eine "Höllenhitze". Angesichts der Betriebstemperaturen keramischer Hochtemperatur-Supraleiter - die Rekordmarke hier liegt um minus 140 Grad Celsius - mag der Befund lächerlich erscheinen. Allerdings könnte dieses Metall die Entwicklung neuartiger Materialien anstoßen: Supraleiter, die - wie keramische Supraleiter - mit einfacher Kühlung auskommen, die sich aber anders als spröde Keramiken leicht verarbeiten lassen.


Weitere Akzente auf dem Gebiet der Festkörperphysik haben die Organisatoren durch eine Reihe von Symposien gesetzt, in denen es beispielsweise um die Bearbeitung von Werkstoffen mit Laserstrahlen geht. Andere Programmpunkte im Laufe der Woche sind Datenspeicherung und Magnetoelektronik, sowie Quanteneffekte an Festkörperoberflächen.

Am 29. und 30. März erörtert der Arbeitskreis Abrüstung - gemeinsam mit dem "Forschungsverbund Naturwissenschaft, Abrüstung und internationale Sicherheit" (FONAS) - Probleme der Rüstungskontrolle und Plutoniumentsorgung. Ein zentrales Thema ist die von den USA geplante Raketenabwehr. An den Fachsitzungen nehmen Experten aus Russland und den USA teil.

Entwicklungen der Fahrzeugtechnik - vom intelligenten Bremssystem bis zur Brennstoffzelle - stehen im Mittelpunkt des Industrietages "Physik und Automobil" am 29. März. Veranstalter ist der Ausschuss Industrie und Wirtschaft. In einer abschließenden Podiumsrunde diskutieren Branchenvertreter über die Zukunft des Automobils. Dem Thema Mobilität widmet sich auch das Symposium "Neue Transportphänomene - vom Maxwell-Dämon zum Verkehrsstau" (27. März). Hier geht es um Vielteilchensysteme in Gasen, Flüssigkeiten und auf der Straße.
Die Fachsitzung "Ökonophysik" (27. März) behandelt Phänomene, die sich gleichfalls mit Methoden der statistischen Physik untersuchen lassen. Im Blickpunkt hier: die Modellierung von Wirtschaftsprozessen.

Mit einem Grußwort des ersten Bürgermeisters der Stadt Hamburg, Ortwin Runde, beginnt am Mittwochvormittag (28. März) im CCH die Festsitzung der diesjährigen Physikertagung. Den Festvortrag "Die Verantwortung des Naturwissenschaftlers" hält Hans-Peter Dürr. Der Münchner Wissenschaftler wurde 1987 mit dem "alternativen Nobelpreis" ausgezeichnet. Innerhalb des feierlichen Rahmens ehrt die DPG acht Forscher für ihre herausragende wissenschaftliche Arbeit - darunter Kollegen aus Polen, der Schweiz und Großbritannien (s. PM 3/2001). Außerdem werden zehn Gymnasiasten für ihre Leistungen bei internationalen Physik-Wettbewerben ausgezeichnet. Die Deutsche Vakuum-Gesellschaft verleiht überdies ihren Gaede-Preis.

Während die Nanotechnologie noch daran tüftelt, Motoren von molekularen Dimensionen herzustellen, ist die Natur schon längst soweit: In biologischen Zellen wandeln filigrane Proteingebilde chemische Energie in mechanische Arbeit um. Sie sorgen für Stofftransport, Fortbewegung und spielen auch bei der Zellteilung eine Rolle. Das Funktionsprinzip solcher Mikromaschinen nimmt ein Plenarvortrag am 29. März unter die Lupe. Mit "schnalzenden" Schrimps, deren Scheren-Geklapper sogar die Kommunikation von U-Booten stören kann, befasst sich - ebenfalls am 29. März - ein Beitrag aus den Niederlanden. Weitere Fragestellungen der Biophysik greift ein Symposium am 27. März auf. Dabei geht es unter anderem um die elastischen Eigenschaften von Zellen und die Verträglichkeit von Metallimplantaten.

Zahlreiche Lehrerinnen und Lehrer, teils in Begleitung ihrer Schulklassen, werden zum "Lehrertag" am letzten Tag der Konferenz erwartet. Die Teilnahme an dieser Fortbildung ist kostenlos. Angeboten werden allgemeinverständliche Vorträge zur Fachdidaktik (etwa Begabtenförderung) und zu aktuellen Forschungsgebieten der Physik.

2001 wurde vom Bundesministerium für Bildung und Forschung zum "Jahr der Lebenswissenschaften" ausgerufen. Die Lebenswissenschaften sind ein weit verzweigtes Forschungsgebiet, an dem zahlreiche Fachdisziplinen mitwirken. Über die Verknüpfung zur Physik debattieren Wissenschaftler und Journalisten am 29. März. Das öffentliche Forum im CCH beginnt um 20:00 Uhr. Zu den Attraktionen des öffentlichen Programms gehören darüber hinaus die Ausstellung "Von der Antike zur Neuzeit - der verleugnete Anteil der Frauen in der Physik", sowie zwei Abendvorträge. Am Montag, 26. März, berichtet Larry Schaaf von der Geburtsstunde der Fotographie. Dieser Vortrag in englischer Sprache beginnt um 18:00 Uhr. Zwei Tage später nimmt Werner Martienssen die Gesetze des Zufalls anhand von Live-Experimenten ins Visier. Seine Demonstration startet am 28. März, um 20:00 Uhr. Werner Martienssen wird auf der Physikertagung mit dem Robert-Wichard-Pohl-Preis ausgezeichnet, den er unter anderem für sein Engagement in Sachen Physik-Vermittlung erhält. Und ein letzter Programmpunkt: In der Woche vor Tagungsbeginn lädt eine Physik-Ausstellung im Hamburger Hanse-Viertel "zum Mitmachen" ein. Für Neugierige stehen dort vom 19. bis 23. März täglich Ansprechpartner bereit. Zu allen öffentlichen Veranstaltungen ist der Eintritt frei.

Weitere Informationen finden Sie im WWW:

Walter Iser | idw

Weitere Berichte zu: Lebenswissenschaft Physikertagung

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Veranstaltungsnachrichten:

nachricht Leben im Plastikzeitalter: Wie ist ein nachhaltiger Umgang mit Plastik möglich?
21.06.2018 | ISOE - Institut für sozial-ökologische Forschung

nachricht Kongress BIO-raffiniert X – Neue Wege in der Nutzung biogener Rohstoffe?
21.06.2018 | Fraunhofer-Institut für Umwelt-, Sicherheits- und Energietechnik UMSICHT

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Veranstaltungsnachrichten >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Innovative Handprothesensteuerung besteht Alltagstest

Selbstlernende Steuerung für Handprothesen entwickelt. Neues Verfahren lässt Patienten natürlichere Bewegungen gleichzeitig in zwei Achsen durchführen. Forscher der Universitätsmedizin Göttingen (UMG) veröffentlichen Studie im Wissenschaftsmagazin „Science Robotics“ vom 20. Juni 2018.

Motorisierte Handprothesen sind mittlerweile Stand der Technik bei der Versorgung von Amputationen an der oberen Extremität. Bislang erlauben sie allerdings...

Im Focus: Temperaturgesteuerte Faser-Lichtquelle mit flüssigem Kern

Die moderne medizinische Bildgebung und neue spektroskopische Verfahren benötigen faserbasierte Lichtquellen, die breitbandiges Laserlicht im nahen und mittleren Infrarotbereich erzeugen. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des Leibniz-Instituts für Photonische Technologien Jena (Leibniz-IPHT) zeigen in einer aktuellen Veröffentlichung im renommierten Fachblatt Optica, dass sie die optischen Eigenschaften flüssigkeitsgefüllter Fasern und damit die Bandbreite des Laserlichts gezielt über die Umgebungstemperatur steuern können.

Das Besondere an den untersuchten Fasern ist ihr Kern. Er ist mit Kohlenstoffdisulfid gefüllt - einer flüssigen chemischen Verbindung mit hoher optischer...

Im Focus: Temperature-controlled fiber-optic light source with liquid core

In a recent publication in the renowned journal Optica, scientists of Leibniz-Institute of Photonic Technology (Leibniz IPHT) in Jena showed that they can accurately control the optical properties of liquid-core fiber lasers and therefore their spectral band width by temperature and pressure tuning.

Already last year, the researchers provided experimental proof of a new dynamic of hybrid solitons– temporally and spectrally stationary light waves resulting...

Im Focus: Revolution der Rohre

Forscher*innen des Instituts für Sensor- und Aktortechnik (ISAT) der Hochschule Coburg lassen Rohrleitungen, Schläuchen oder Behältern in Zukunft regelrecht Ohren wachsen. Sie entwickelten ein innovatives akustisches Messverfahren, um Ablagerungen in Rohren frühzeitig zu erkennen.

Rückstände in Abflussleitungen führen meist zu unerfreulichen Folgen. Ein besonderes Gefährdungspotential birgt der Biofilm – eine Schleimschicht, in der...

Im Focus: Überdosis Calcium

Nanokristalle beeinflussen die Differenzierung von Stammzellen während der Knochenbildung

Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Universitäten Freiburg und Basel haben einen Hauptschalter für die Regeneration von Knochengewebe identifiziert....

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

Leben im Plastikzeitalter: Wie ist ein nachhaltiger Umgang mit Plastik möglich?

21.06.2018 | Veranstaltungen

Kongress BIO-raffiniert X – Neue Wege in der Nutzung biogener Rohstoffe?

21.06.2018 | Veranstaltungen

DFG unterstützt Kongresse und Tagungen im August 2018

20.06.2018 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Der “Stein von Rosetta” für aktive Galaxienkerne entschlüsselt

21.06.2018 | Physik Astronomie

Schneller und sicherer Fliegen

21.06.2018 | Informationstechnologie

Innovative Handprothesensteuerung besteht Alltagstest

21.06.2018 | Innovative Produkte

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics