Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     Siemens  n-tv 
Datenbankrecherche:

Fachgebiet (optional):

 

Wald- und Klimaschutz in den Tropen: TUM-Forstwissenschaftler entwickeln Landnutzungskonzept zum Schutz des Regenwaldes

17.04.2009
"Schützt den tropischen Regenwald" - das sagt sich aus Mitteleuropa so einfach. Schließlich müssen die dortigen Landnutzer von irgendetwas leben.

Anzeige

Traditionell holzen die Farmer den Regenwald nach und nach ab, und nutzen das entstandene Weideland, bis der Boden ausgelaugt ist. Dieser Teufelskreis schadet der Umwelt und gleichzeitig auch den Farmern, die sich sehr vom Vieh- und Milchpreis abhängig machen.


Forstwissenschaftler der Technischen Universität München (TUM) haben jetzt mithilfe einer umfangreichen Computersimulation und mit betriebswirtschaftlichem Verstand eine für alle Beteiligten vorteilhafte Lösung dieses alten Problems gefunden.

Ökologische Leistungen von Ökosystemen, wie z.B. die Sicherung von Wasserqualität, die Erhaltung von Biodiversität oder die Speicherung des Treibhausgases Kohlendioxid, haben bei wirtschaftlichen Entscheidungen bisher kaum eine Rolle gespielt. Seit einigen Jahren gibt es jedoch intensive Bemühungen, den Wert dieser Leistungen finanziell zu bewerten und in Wirtschaftskonzepte einzubeziehen. Global umgesetzt werden solche Ideen Dank des Kyoto-Protokolls: Es sieht jetzt schon vor, dass Tropenländer mit Dollars dafür belohnt werden, wenn sie durch Aufforstung den Klimakiller CO2 binden. In der nächsten Verpflichtungsperiode soll auch Geld fließen, wenn die Länder durch Verzicht auf Rodung CO2-Emissionen vermeiden.

Weltweit ruhen deshalb die Hoffnungen von Umweltschützern zur Rettung der Tropenwälder darauf, dass die von diesen Wäldern erbrachten Öko-Dienstleistungen künftig durch Transferzahlungen von Industriestaaten vergütet werden - und so ihre Abholzung gestoppt werden kann. Allerdings hat dieser schöne Gedanke einen Pferdefuß: Denn natürlich werden die dortigen Landnutzer wegen der Zahlungen nicht die Hände in den Schoß legen und ihren Wäldern beim Wachsen zusehen. Sie brauchen vielmehr intelligente Landnutzungskonzepte, um nachhaltig Geld zu verdienen, ohne dabei die Wälder zu zerstören. Eine Gruppe von TUM-Forstwissenschaftlern hat ein Konzept entwickelt, das genau dies ermöglicht.

Die Forscher haben dazu die Landnutzung im Bereich des Bergregenwaldes Südecuadors untersucht, wo sie in den letzten acht Jahren Versuchsflächen von insgesamt 30 Hektar angelegt und analysiert haben. Daraus haben sie ein bioökonomisches Modell entwickelt, mit dem man die örtliche Landnutzung auf Farmebene optimieren kann. Das ist dringend nötig: Denn derzeit werden in Südecuador viele Naturwälder abgeholzt, um als Weideland zu dienen. Wenn diese Böden ausgelaugt sind, rodet der Landbesitzer einfach das nächste Stück. Die Idee des TUM-Teams: Wer seine Farmfläche vielfältiger nutzt, schont dabei nicht nur den Bergregenwald. Er verteilt gleichzeitig sein Einkommen auf mehrere Standbeine, statt nur auf Viehhaltung zu setzen.

Das schafft finanzielle Sicherheit für die Farmer - ein guter Anreiz, das Optimierungsmodell der Wissenschaftler auch umzusetzen. Zunächst mussten die Forstfachleute der TUM aber gut hinsehen und rechnen: Neben der traditionellen Weidewirtschaft berücksichtigten sie auch den schonenden Holzeinschlag in Naturwäldern sowie die Aufforstung aufgegebener ehemaliger Weideflächen mit der heimischen Anden-Erle. Diese Baumart wächst in der Region sehr gut und verbessert durch intensive Stickstoffbindung gleichzeitig ausgelaugte Weideflächen. Der Computer berechnete für die verschiedenen Nutzungsalternativen gleichzeitig das Risiko von Verlusten, etwa durch klimabedingte Ernteausfälle oder Marktpreis-Schwankungen für erzeugte Produkte.

Das Ergebnis ist eindeutig: Die Diversifizierung der Produktion durch einen Mix aus Weidewirtschaft und Wiederaufforstung aufgelassener Weideflächen mit der Anden-Erle, ergänzt durch die schonende Nutzung von Naturwäldern, ist Trumpf. Denn dieser Königsweg erlaubt ein nachhaltiges Landmanagement, das sich auch wirtschaftlich rentiert: In der anhand realer Daten simulierten Modell-Farm konnte die Zerstörung des Tropenwaldes nach einer Übergangszeit von zehn Jahren gestoppt werden. Gleichzeitig konnte der Farmerlös um 65% gesteigert werden, und das bei einem verminderten Risiko von Verlusten.

Einzige Voraussetzung für die wirtschaftliche Tragfähigkeit des Konzeptes: Der Zinssatz des zur Realisierung der ersten Aufforstungen benötigten Kredits darf sechs Prozent nicht übersteigen. "Hier kommt der Klimaschutz-Deal mit den Industrieländern wieder ins Spiel. Die zu erwartenden Transferzahlungen für Öko-Dienstleistungen sind so hoch, dass dieser niedrige Zins gewährleistet ist", da ist sich Prof. Weber vom Lehrstuhl für Waldbau sicher. "Folgeaufforstungen können dann schon aus den ersten Holzerlösen finanziert werden, das schaffen die Tropenfarmer also aus eigener Kraft."

Das neue Landnutzungskonzept der TUM-Forscher dient somit allen: Es verbessert die Einkommenssicherheit der ecuadorianischen Farmer und führt gleichzeitig zu einer nachhaltigen Flächennutzung. Und davon haben alle etwas: Denn der Schutz der tropischen Regenwälder leistet einen Beitrag zur Minderung des Klimawandels.

Kontakt:
Technische Universität München
Fachgebiet Waldinventur und nachhaltige Nutzung und Lehrstuhl für Waldbau
Prof. Dr. Knoke und Prof. Michael Weber
85350 Freising - Weihenstephan
Tel.: 08161 / 71-4689
E-Mail: m.weber@forst.wzw.tum.de
http://www.wzw.tum.de/waldbau/

Hintergrund:
Das Forschungsprojekt "Sustainable land use in a mountain rainforest: financial consequences from a household perspective" wurde von der Deutschen Forschungsgemeinschaft gefördert und ist unter Mithilfe der Forschergruppe FOR 816 ?Biodiversity and Sustainable Management of a Megadiverse Mountain Ecosystem in South Ecuador? entstanden.

Literatur:
Thomas Knoke, Baltazar Calvas, Nikolay Aguirre, Rosa María Román-Cuesta, Sven Günter, Bernd Stimm, Michael Weber, Reinhard Mosandl (2009): Can tropical farmers reconcile subsistence needs with forest conservation? Frontiers in Ecology and the Environment.
Online einsehbar unter http://www.esajournals.org/doi/abs/10.1890/080131

Dr. Ulrich Marsch | Quelle: Informationsdienst Wissenschaft
Weitere Informationen: www.wzw.tum.de/waldbau/
www.esajournals.org/doi/abs/10.1890/080131

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Ökologie Umwelt- Naturschutz:

nachricht Deep sea animals stowaway on submarines and reach new territory
24.05.2012 | Wiley-Blackwell

nachricht Marktplatz für biogene Reststoffe online
24.05.2012 | ttz Bremerhaven

Alle Nachrichten aus der Kategorie Ökologie Umwelt- Naturschutz >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>


Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Im wahrsten Sinne „Spitzenforschung“: IPHT-Forscher untersuchen Eiweißfasern mit größter Genauigkeit


Krankheiten wie Parkinson, Alzheimer und bestimmte Krebsformen gehen auf eine fehlerhafte Faltung und Aggregation von Eiweißen im Körper zurück.

Wissenschaftlern des Instituts für Photonische Technologien (IPHT) in Jena ist es erstmals gelungen, Proteinstrukturen auf sub-molekularer Ebene nachzuweisen und spektroskopisch zu analysieren. Ein wichtiger Schritt zum Verständnis der Krankheitsursachen.

„Bis heute hat man nicht genau verstanden, was die fehlerhafte Faltung und Aggregation von Eiweißen, zum Beispiel im Zusammenhang mit Alzheimer, ...

Im Focus: Widerspenstiges Quasiteilchen erzeugt


Die Quantenphysik beschreibt physikalische Vorgänge in Festkörpern und anderen Vielteilchensystemen auch mit Hilfe von Quasiteilchen.

Innsbrucker Physikern um Rudolf Grimm ist es nun erstmals gelungen, ein neues Quasiteilchen - ein repulsives Polaron - in einem Quantengas experimentell zu erzeugen. Die Forscher berichten darüber in der Online-Ausgabe der Fachzeitschrift Nature.

Ultrakalte Quantengase sind ein ideales Experimentierfeld, um physikalische Phänomene in Festkörpern zu simulieren. Unter streng kontrollierten Bedingungen ...

Im Focus: Licht lässt Partikel wachsen - Forscher entdecken neuen Mechanismus in der Atmosphäre


Licht lässt die Partikel in der Atmosphäre wachsen. In einem Experiment hat ein internationales Forscherteam erstmals einen neuen Mechanismus nachweisen können, bei dem Partikel durch Licht größer werden und der damit Einfluss auf die Wolkenbildung und das Klima hat.

Photokatalytische Reaktionen können zu einer schnellen Bindung von nicht kondensierenden flüchtigen organischen Kohlenwasserstoffen (VOCs) auf der Oberfläche der Partikel führen. Unter solchen Bedingungen nehme die Größe und Masse der Partikel schnell zu, schreiben die Wissenschaftler im renommierten Fachblatt PNAS.

Die Ergebnisse des Laborexperimentes könnten Effekte erklären, die bisher schon bei Feldkampagnen ...

Im Focus: Abschreckung: Tabak signalisiert angreifenden Zikaden Verteidigungsbereitschaft


Ähnlich wie blutsaugende Insekten prüfen Pflanzenschädlinge ihren Wirt auf Abwehrsignale, bevor sie anfangen zu fressen

Pflanzen bilden wenige Minuten nach Angriff eines Fraßfeindes Jasmonsäure, ein Hormon, das die Verteidigung gegen Insekten in Gange setzt mit der Folge, dass giftige Stoffe wie Nikotin oder Verdauungshemmer in den Blättern akkumulieren.

Wissenschaftler des Max-Planck-Instituts für chemische Ökologie, Jena, haben jetzt herausgefunden, dass Zwergzikaden die Verteidigungsbereitschaft von Tabakpflanzen aufspüren können. ...

Im Focus: Erbgutkopie reist im Protein-Koffer


Wissenschaftlern vom Institut für Physikalische und Theoretische Chemie der Universität Bonn ist es erstmals gelungen, den Transport eines wichtigen Informationsträgers in biologischen Zellen praktisch unmodifiziert in Echtzeit zu filmen.

Die Studie zeigt, wie die so genannte Boten-RNA die Zellkernhülle überwindet und vom Zellkern in das Zytoplasma gelangt. Diese Arbeit ist nun in dem renommierten Journal „Proceedings of the National Academy of Sciences of the USA“ (PNAS) publiziert.

Der Bauplan aller Lebewesen ist in ihrem Erbgut gespeichert. Dieses lagert bei höheren ...

Alle Focus-News des innovations-reports >>>

Anzeige

B2B Suche
Produkt / Dienstleistung
Firma / Organisation

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Aktuell

Energieversorger vor dem Umbruch

24.05.2012 | Studien Analysen

Stem-cell-growing surface enables bone repair

24.05.2012 | Biowissenschaften Chemie

Im wahrsten Sinne „Spitzenforschung“: IPHT-Forscher untersuchen Eiweißfasern mit größter Genauigkeit

24.05.2012 | Biowissenschaften Chemie

VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Veranstaltungen

NieKE Themenforum: Ökonomie - Tierschutz - Lebensmittelsicherheit

24.05.2012 | Veranstaltungsnachrichten

Nachhaltigkeit in der Schifffahrt: Werte vs. Wertschöpfung

24.05.2012 | Veranstaltungsnachrichten

Wissenschaft und Öffentlichkeit

24.05.2012 | Veranstaltungsnachrichten

FindAndHelp