Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Am Zaun endet das Leben - Kieler Forscherinnen und Forscher beleben Ostseeufer

03.08.2011
Naturschutzgebiete an Ostseestränden zeigen es deutlich: Pflanzen wachsen nur bis zur Grenze der Gebiete, danach folgt nur noch blanker Sand. Dabei könnten zwischen der Vegetationslinie und dem Wasser über 100 Tier- und Pflanzenarten leben.

Diese unglückliche Situation beschäftigt Professor Ulrich Irmler vom Institut für angewandte Ökologie der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (CAU) schon lange. Jetzt will er mit dem Forschungsprojekt „Entwicklung eines Konzeptes zum nachhaltigen Schutz von Stränden der Ostseeküste“ die „tote Zone“ wieder beleben.

Franziska Seer hebt einen Trichter hoch, greift in ein etwa 20 Zentimeter tiefes Loch und holt ein Marmeladenglas mit etwas Sand und einem Styroporschwimmer hoch. Dann schüttet sie den Inhalt aus. „Guck mal, hier haben wir eine Flussuferwolfsspinne“, ruft sie. „Damit haben wir wahrscheinlich schon die gesamte Population der Arctosa cinerea hier am Strand erfasst“, antwortet Professor Ulrich Irmler. In einer der 153 Fallen am Behrensdorfer Strand hielt sich auch schon eine alte Bekannte auf. Erst mit der Lupe ließ sich die verwitterte Markierung auf dem Rücken erkennen. Um Spinnen zu markieren, nutzt Wissenschaftlerin Seer ein kleines Plättchen mit Ziffern und einen einfachen lösungsmittelfreien Kleber. Doch nur ausgewachsene Spinnen kann sie markieren. Solange die Wolfsspinnen noch wachsen, häuten sie sich häufiger.

Im Fokus ihrer Forschung haben die Professoren Ulrich Irmler und Joachim Schrautzer sowie die wissenschaftliche Mitarbeiterin Franziska Seer einen kleinen Strandbereich, der etwa zehn Meter hinter dem Wasser beginnt und rund fünf Meter vor der Vegetationslinie endet. Hier könnten viele Pflanzen und Tiere leben, wenn nicht die Füße der Menschen sie zerstören würden. Gemeinsam wollen die drei Forscher ein neues Konzept entwickeln, mit dem wieder mehr Leben an den Ostseestränden einzieht. Dazu beobachten sie drei kleine Strandabschnitte an der Ostsee: den Behrensdorfer und den Stakendorfer Strand sowie einen Strandabschnitt an der Schleimündung.

In den drei Naturschutzgebieten lassen sich hervorragend wissenschaftlich Populationen zählen und Pflanzen beobachten. Die Populationsgröße und den notwendigen Lebensraum für eine überlebensfähige Population festzustellen, ist der erste Schritt des auf vier Jahre angelegten Forschungsprojektes.

Damit die Bestimmung der Populationsgröße wissenschaftlichen Anforderungen standhält, kennzeichnen die Forscherin und der Forscher jedes Tier. „Schau mal, hier sind gleich vier Käfer drin“, sagt Franziska Seer. „Heute ist wirklich ein guter Tag. Jetzt haben wir 29 Käfer markiert“, sagt sie. Professor Ulrich Irmler kann sich das Lächeln nicht verkneifen. Der Leiter des Projekts freut sich ebenfalls über die vielen Kopfkäfer (Lateinisch: Broscus cephalotes), die in die Fallen gegangen sind. Mit einem kleinen Bohrer kratzt er leicht die Panzerung an und markiert so die Funde. „Du musst den Käfer an drei Beinen festhalten, dann zappelt er nicht so ’rum. So kannst du ihn besser markieren“, erklärt er. Heute begleitet er ausnahmsweise seine Mitarbeiterin, um ihr zu zeigen, wie die Käfer richtig gekennzeichnet werden.

Zudem will das Team wissen, wie viele Schritte sich im Durchschnitt auf vier Quadratmetern Sandfläche befinden. „Der Vertritt an Stränden durch die Gäste hat die gleiche Wirkung wie der Einfluss von Wind und Wellen. Dort, wo er zu stark ist, wachsen keine Pflanzen mehr und auch Tiere bauen dort keine Wohnhöhlen“, erklärt Irmler. Um herauszufinden, wie viele Schritte an den Stränden gemacht werden, greift Franziska Seer alle zwei Tage zur Harke und glättet sieben Flächen. „Bei Regen lohnt es sich nicht, dann kann ich keine Schritte zählen. Bisher bin ich im Durchschnitt auf zwölf gekommen“, sagt sie.

Das Projekt hat im Juni begonnen. Durch die Unterstützung der Deutschen Bundesstiftung Umwelt und der Lighthouse Foundation konzentriert sich das Team in den kommenden vier Jahren darauf, ein realitätsnahes Konzept zu entwickeln. Das ist im Ergebnis auch von den Gemeinden abhängig. Ohne deren Einwilligung wird eine gelungene Wiederansiedlung von Tieren und Pflanzen nicht funktionieren.

Kurz darauf sitzen die beiden schon wieder im Auto. Es geht zum Stakendorfer Strand. Dort hat das Team im Juni eine Population von 25 Strandlaufkäfern ausgesetzt. Doch der Besuch ist ernüchternd. Nicht einen Käfer bekommen die beiden zu sehen. Kurzfristig macht sich Enttäuschung breit. Vielleicht sind die beiden aber auch zu spät dran, denn die aktive Phase der Cicindela maritima endet gegen Mittag. „Wir wollen die Art hier wieder ansiedeln. Sie ist durch den enormen Freizeitverkehr vom Aussterben bedroht. Daher wäre es schade, wenn die Population nicht überlebt hätte“, erläutert Irmler.

Im kommenden Jahr stehen die Pflanzen auf dem Programm. Franziska Seer hat vier verschiedene Arten ausgewählt: Salzmiere, Meersenf, Stranddistel und Meerkohl. Alle Arten sind auf dem abgesperrten Strandabschnitt heimisch. In den übrigen Bereichen ist von diesen Pflanzen indes nichts zu sehen. Nach der Bestandsaufnahme in diesem und im kommenden Jahr wird das Team drei Versuchsflächen schaffen. Auf ihnen werden dann die entsprechenden Pflanzen angesetzt. Dafür arbeiten die Wissenschaftlerin und die Wissenschaftler eng mit dem Botanischen Garten der CAU zusammen. Hier werden die Samen gezogen, um ausreichend Pflanzen für das Projekt vorzuhalten. Im Verlauf des Tests wollen die Forscherin und die Forscher erfahren, welche Auswirkungen die unterschiedliche Intensität des Vertritts auf Fauna und Flora hat. Im Einzelnen wird die Populationsdynamik, die Höhenentwicklung, die Blattzahl und -länge, die Blüten- und Fruchtbildung als auch der Schädigungsgrad untersucht. „Wir wollen drei Abschnitte aufbauen. Der erste soll nicht betreten werden. Auf dem zweiten wollen wir wahrscheinlich einen Vertritt von sechs Tritten schaffen und auf dem dritten sollen es zwölf Tritte sein“, erläutert Leiter Irmler. In vier Jahren wird es ein Konzept geben, das wieder mehr Leben an den Strand bringt.

Fotos stehen zum Download bereit:

http://www.uni-kiel.de/download/pm/2011/2011-102-1.jpg
Bildunterschrift: Professor Ulrich Irmler und Franziska Seer haben eine Spinne in der Falle gefunden. Jetzt heißt es, diese zu bestimmen.

Copyright: CAU, Foto: Johanning

http://www.uni-kiel.de/download/pm/2011/2011-102-2.jpg
Bildunterschrift: Nur mit der Lupe kann Professor Ulrich Irmler die verwitterte Markierung auf dem Rücken der Flussuferspinne erkennen.

Copyright: CAU, Foto: Johanning

http://www.uni-kiel.de/download/pm/2011/2011-102-3.jpg
Bildunterschrift: Der Zaun trennt Naturschutzgebiet und Strand. Häufig endet hier auch das Leben von Flora und Fauna.

Copyright: CAU, Foto: Johanning

http://www.uni-kiel.de/download/pm/2011/2011-102-4.jpg
Bildunterschrift: Die Wissenschaftlerin Franziska Seer ist jeden zweiten Tag am Strand, auch um die Population des Kopfkäfers zu zählen.

Copyright: CAU, Foto: Johanning

http://www.uni-kiel.de/download/pm/2011/2011-102-5.jpg
Bildunterschrift: Am Stakendorfer Strand sucht Professor Ulrich Irmler den Strandlaufkäfer. Im Juni hatten die Forscher 25 Exemplare hier ausgesetzt, damit sie sich wieder ansiedeln.

Copyright: CAU, Foto: Johanning

http://www.uni-kiel.de/download/pm/2011/2011-102-6.jpg
Bildunterschrift: Franziska Seer harkt das kleine Feld von vier Quadratmetern wieder schön glatt. In zwei Tagen wird sie dann wieder die Fußtritte zählen, um den durchschnittlichen Vertritt zu berechnen.

Copyright: CAU, Foto: Johanning

Kontakt:
Prof. Dr. Ulrich Irmler
Institut für Angewandte Ökologie
Tel. 0431/880-4311
E-Mail: uirmler@ecology.uni-kiel.de

Dr. Boris Pawlowski | idw
Weitere Informationen:
http://www.uni-kiel.de
http://www.uni-kiel.de/aktuell/pm/2011/2011-102-oekologie.shtml

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Ökologie Umwelt- Naturschutz:

nachricht Intelligentes Wassermanagement für Indiens Städte
24.11.2017 | Fraunhofer-Institut für Grenzflächen- und Bioverfahrenstechnik IGB

nachricht Antarktisches Meereis: mehr Schutz als Vorratskammer für Krilllarven
22.11.2017 | Carl von Ossietzky-Universität Oldenburg

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Ökologie Umwelt- Naturschutz >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Metamaterial mit Dreheffekt

Mit 3D-Druckern für den Mikrobereich ist es Forschern des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT) gelungen ein Metamaterial aus würfelförmigen Bausteinen zu schaffen, das auf Druckkräfte mit einer Rotation antwortet. Üblicherweise gelingt dies nur mit Hilfe einer Übersetzung wie zum Beispiel einer Kurbelwelle. Das ausgeklügelte Design aus Streben und Ringstrukturen, sowie die zu Grunde liegende Mathematik stellen die Wissenschaftler in der aktuellen Ausgabe der renommierten Fachzeitschrift Science vor.

„Übt man Kraft von oben auf einen Materialblock aus, dann deformiert sich dieser in unterschiedlicher Weise. Er kann sich ausbuchten, zusammenstauchen oder...

Im Focus: Proton-Rekord: Magnetisches Moment mit höchster Genauigkeit gemessen

Hochpräzise Messung des g-Faktors elf Mal genauer als bisher – Ergebnisse zeigen große Übereinstimmung zwischen Protonen und Antiprotonen

Das magnetische Moment eines einzelnen Protons ist unvorstellbar klein, aber es kann dennoch gemessen werden. Vor über zehn Jahren wurde für diese Messung der...

Im Focus: New proton record: Researchers measure magnetic moment with greatest possible precision

High-precision measurement of the g-factor eleven times more precise than before / Results indicate a strong similarity between protons and antiprotons

The magnetic moment of an individual proton is inconceivably small, but can still be quantified. The basis for undertaking this measurement was laid over ten...

Im Focus: Reibungswärme treibt hydrothermale Aktivität auf Enceladus an

Computersimulation zeigt, wie der Eismond Wasser in einem porösen Gesteinskern aufheizt

Wärme aus der Reibung von Gestein, ausgelöst durch starke Gezeitenkräfte, könnte der „Motor“ für die hydrothermale Aktivität auf dem Saturnmond Enceladus sein....

Im Focus: Frictional Heat Powers Hydrothermal Activity on Enceladus

Computer simulation shows how the icy moon heats water in a porous rock core

Heat from the friction of rocks caused by tidal forces could be the “engine” for the hydrothermal activity on Saturn's moon Enceladus. This presupposes that...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Mathematiker-Jahrestagung DMV + GDM: 5. bis 9. März 2018 an Uni Paderborn - Über 1.000 Teilnehmer

24.11.2017 | Veranstaltungen

Forschungsschwerpunkt „Smarte Systeme für Mensch und Maschine“ gegründet

24.11.2017 | Veranstaltungen

Schonender Hüftgelenkersatz bei jungen Patienten - Schlüssellochchirurgie und weniger Abrieb

24.11.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Mathematiker-Jahrestagung DMV + GDM: 5. bis 9. März 2018 an Uni Paderborn - Über 1.000 Teilnehmer

24.11.2017 | Veranstaltungsnachrichten

Maschinen über die eigene Handfläche steuern: Nachwuchspreis für Medieninformatik-Student

24.11.2017 | Förderungen Preise

Treibjagd in der Petrischale

24.11.2017 | Biowissenschaften Chemie