Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Welthandel: Reiche Länder verursachen zunehmend CO2-Emissionen in ärmeren Ländern

27.04.2011
Reiche Länder sind zunehmend für den Ausstoß von Treibhausgasen in ärmeren Ländern verantwortlich. Dort verursachen sie durch ihren Konsum mehr CO2 als sie in ihren eigenen Grenzen einsparen. Dies hat ein internationales Wissenschaftlerteam in der ersten umfassenden Studie zu diesem Thema herausgefunden.

Gemeinsame Pressemitteilung der Technischen Universität Berlin und des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung

In den Industrieländern werden mehr und mehr Waren konsumiert, die in Entwicklungsländern produziert werden. Während in Industrieländern der Emissionsanstieg zwischen 1990 und 2008 insgesamt gebremst wurde, betrug er weltweit 39 Prozent. Die CO2-Emissionen für die Produktion von Gütern, die in Industrieländern konsumiert werden, ist dabei überdurchschnittlich gewachsen. Eine Verlagerung von Emissionen in die ärmeren Länder könnte auf Dauer die Wirkung von Emissionsbegrenzungen etwa in Deutschland oder Europa unterlaufen, so die Autoren.

„Wer ein Radio oder eine Hose in Deutschland kauft, verursacht CO2-Emissionen im Herstellungsland, weil die Fertigung nun einmal Energie verbraucht – etwa in China oder Bangladesch“, erklärt Dr. Jan Christoph Minx aus den Forschungsbereichen Klimaökonomie und Sustainable Engineering der Technischen Universität Berlin, einer der Autoren. Unter dem Klimaschutzabkommen des Kyoto Protokolls haben sich Industrieländer zur Begrenzung ihres CO2-Ausstoßes verpflichtet. Für Schwellen- und Entwicklungsländer wurde auf eine solche Begrenzung jedoch verzichtet, um notwendiges Wirtschaftswachstum im Kampf gegen die Armut nicht zu behindern. Industrienationen können deshalb auch durch wachsenden Konsum von Produkten aus Entwicklungsländern direkt am globalen Anstieg klimaschädlicher CO2-Emissionen mitwirken. „Durch ihren Konsum haben die meisten Industrieländern zu mehr Emissionswachstum in Entwicklungsländern beigetragen, als sie durch Klimaschutz zu Hause eingespart haben“, so Minx. Der Konsum in Industrienationen verursachte einen Emissionsanstieg in Entwicklungsländern, welcher die bis 2008 erreichten Emissionseinsparungen in den Industrienationen um ein Fünffaches übersteigt. „Wir begrenzen Emissionen bei uns, verursachen aber zugleich mehr CO2-Ausstoß in Regionen ohne Klimaschutzziele“, sagt Minx. Nur durch dieses Auslagern von Emissionen, so die Autoren, könnten die Industrieländer bislang ihre Klimaschutzziele mit vergleichsweise geringen Anstrengungen und trotz wachsenden Konsums erreichen.

Die Studie ist in der renommierten Fachzeitschrift Proceedings of the National Academy of Sciences (PNAS) erschienen. Die Autoren haben Emissionsverlagerungen in 95 Ländern und 57 Wirtschaftsbranchen über 19 Jahre hinweg untersucht. Bislang hatte es ähnliche Analysen nur für einzelne Jahre gegeben.

Die Ergebnisse deuten auf Schwächen im internationalen Berichtssystem zur Erfassung von Emissionen hin. „Im heutigen Zurechnungssystem müssen Industriestaaten die durch ihren Konsum verursachten Emissionen nicht melden, selbst wenn diese zum weltweiten Emissionsanstieg beitragen“, sagt Leitautor Glen P. Peters, Ph.D., vom Center for International Climate and Environmental Research (CICERO) in Oslo. „Unsere Forschungsergebnisse legen nahe, dass sie über die durch internationalen Handel auftretenden Emissionen zusätzlich berichten sollten.“ Emissionen werden unter dem Kyoto Protokoll dem Land zugeschrieben, auf dessen Gebiet sie entstehen. Ob dieses Prinzip alleine ausreicht, solange es nur regionale Ziele im internationalen Klimaschutz gibt, stellt die Studie nun in Frage.

„Das bedeutet nicht, dass man auf regionale Regeln zur Emissionsvermeidung genauso gut verzichten könnte, sondern dass im Gegenteil deren Ausweitung nötig ist“, erklärt Prof. Dr. Ottmar Edenhofer vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK), der zugleich das von der Michael-Otto Stiftung mitfinanzierte Fachgebiet Klimaökonomie an der TU Berlin leitet. Auch er ist einer der Autoren. Derzeit ist das Klimaschutzsystem international zersplittert. „Jetzt brauchen wir Pfade zu einem globalen Abkommen“, betont Edenhofer. Nur ein solches könne letztlich die in der Studie aufgezeigten Probleme vermeiden.

Es sei nicht die Klimapolitik in Industrienationen, die zu Verlagerung von Emissionen führt, sondern andere Treiber des globalen Strukturwandels, so argumentieren die Autoren weiter. Beispielsweise führt das niedrigere Lohnniveau in Entwicklungs- und Schwellenländern zu Produktionsverlagerungen aus Industrieländern. Die Wissenschaftler stützen sich dabei auf Computersimulationen anderer Forscher sowie auf eigene Beobachtungen. So zeigt ein Vergleich der Europäischen Union und der USA: nur in der EU gibt es verbindliche Regeln für Klimaschutz – trotzdem ist hier wie dort der Transfer von Emissionen durch Handel gleichermaßen gestiegen.

Weblink zum Artikel:
http://www.pnas.org/content/early/2011/04/19/1006388108.full.pdf+html?sid=7205f10b-36cc-47f8-b5bc-d71eb2728b23

Artikel: Peters, Glen P., Minx, Jan C., Weber, Christopher L., Edenhofer, Ottmar: Growth in emission transfers via international trade from 1990 to 2008. Proceedings of the National Academy of Sciences (2011) [doi: 10.1073/pnas.1006388108]

Weitere Informationen erteilt Ihnen gern: Dr. Jan Christoph Minx, Fachgebiet Ökonomie des Klimawandels, Technische Universität Berlin, Telefon: 030/ 314-26179/-78864, E-Mail: jan.c.minx@tu-berlin.de und Pressestelle, Potsdam Institut für Klimafolgenforschung, Telefon: 0331/288- 2507, E-Mail: press@pik-potsdam.de

Stefanie Terp | idw
Weitere Informationen:
http://www.pik-potsdam.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Ökologie Umwelt- Naturschutz:

nachricht Hochmodernes Forschungsflugzeug fliegt zurzeit über Europa
17.07.2017 | Universität Bremen

nachricht Baumgrenze wird nicht allein durch das Klima bestimmt
03.07.2017 | Senckenberg Forschungsinstitut und Naturmuseen

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Ökologie Umwelt- Naturschutz >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Kohlenstoff-Nanoröhrchen verwandeln Strom in leuchtende Quasiteilchen

Starke Licht-Materie-Kopplung in diesen halbleitenden Röhrchen könnte zu elektrisch gepumpten Lasern führen

Auch durch Anregung mit Strom ist die Erzeugung von leuchtenden Quasiteilchen aus Licht und Materie in halbleitenden Kohlenstoff-Nanoröhrchen möglich....

Im Focus: Carbon Nanotubes Turn Electrical Current into Light-emitting Quasi-particles

Strong light-matter coupling in these semiconducting tubes may hold the key to electrically pumped lasers

Light-matter quasi-particles can be generated electrically in semiconducting carbon nanotubes. Material scientists and physicists from Heidelberg University...

Im Focus: Breitbandlichtquellen mit flüssigem Kern

Jenaer Forschern ist es gelungen breitbandiges Laserlicht im mittleren Infrarotbereich mit Hilfe von flüssigkeitsgefüllten optischen Fasern zu erzeugen. Mit den Fasern lieferten sie zudem experimentelle Beweise für eine neue Dynamik von Solitonen – zeitlich und spektral stabile Lichtwellen – die aufgrund der besonderen Eigenschaften des Flüssigkerns entsteht. Die Ergebnisse der Arbeiten publizierte das Jenaer Wissenschaftler-Team vom Leibniz-Instituts für Photonische Technologien (Leibniz-IPHT), dem Fraunhofer-Insitut für Angewandte Optik und Feinmechanik, der Friedrich-Schiller-Universität Jena und des Helmholtz-Insituts im renommierten Fachblatt Nature Communications.

Aus einem ultraschnellen intensiven Laserpuls, den sie in die Faser einkoppeln, erzeugen die Wissenschaftler ein, für das menschliche Auge nicht sichtbares,...

Im Focus: Flexible proximity sensor creates smart surfaces

Fraunhofer IPA has developed a proximity sensor made from silicone and carbon nanotubes (CNT) which detects objects and determines their position. The materials and printing process used mean that the sensor is extremely flexible, economical and can be used for large surfaces. Industry and research partners can use and further develop this innovation straight away.

At first glance, the proximity sensor appears to be nothing special: a thin, elastic layer of silicone onto which black square surfaces are printed, but these...

Im Focus: 3-D scanning with water

3-D shape acquisition using water displacement as the shape sensor for the reconstruction of complex objects

A global team of computer scientists and engineers have developed an innovative technique that more completely reconstructs challenging 3D objects. An ancient...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

2. Spitzentreffen »Industrie 4.0 live«

25.07.2017 | Veranstaltungen

Gipfeltreffen der String-Mathematik: Internationale Konferenz StringMath 2017

24.07.2017 | Veranstaltungen

Von atmosphärischen Teilchen bis hin zu Polymeren aus nachwachsenden Rohstoffen

24.07.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

IT-Experten entdecken Chancen für den Channel-Markt

25.07.2017 | Unternehmensmeldung

Erst hot dann Schrott! – Elektronik-Überhitzung effektiv vorbeugen

25.07.2017 | Seminare Workshops

Dichtes Gefäßnetz reguliert Bildung von Thrombozyten im Knochenmark

25.07.2017 | Biowissenschaften Chemie