Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Weg zum Einkauf belastet das Klima mehr als vermutet

08.10.2012
Arbeitsgruppe der Universität Gießen erforscht den „Endverbraucher-CO2-Fußabdruck“ – Städtisches Umfeld mit guter Infrastruktur erleichtert das klimafreundliche Einkaufen – Gießen schneidet vergleichsweise gut ab

Mal schnell mit dem Auto die Sonntagsbrötchen holen? Die Einkaufswege der Endverbraucher belasten das Klima erheblich mehr als bisher angenommen, wie eine aktuelle Studie der Justus-Liebig-Universität Gießen ergeben hat. Dazu hat sich die Arbeitsgruppe von Prof. Dr. Elmar Schlich den so genannten „Consumer Carbon Footprint“ (CFF), also den Anteil der Endverbraucher an der Klimabilanz von Produktions- und Prozessketten, näher angesehen.

Die Auswertung aktueller statistischer Daten durch die Professur für Prozesstechnik ergibt für Deutschland einen mittleren CCF-Wert für die Einkaufswege von 280 Gramm Kohlendioxid pro Kilogramm Einkauf, erheblich mehr als bisher angenommen. Laut Statistik nutzen 83 Prozent aller Endverbraucher den privaten PKW für den Einkauf und legen dabei im Schnitt 2.600 Kilometer pro Jahr zurück. Die Studie ist in der aktuellen „ErnährungsUmschau“ veröffentlicht.

Bisherige Mitteilungen des Verbraucherministeriums sprechen laut Prof. Schlich hingegen nur von einem Endverbraucher-CO2-Fußabdruck von 107 Gramm pro Kilogramm Einkauf, gestützt auf veraltete Daten der Enquête-Kommission des Deutschen Bundestags („Vorsorge zum Schutz der Erdatmosphäre“) aus dem Jahr 1994. Eine jüngere Studie des Heidelberger Instituts für Energie und Umweltforschung schätzte 2009 auf der Basis von offenbar zu optimistischen Annahmen den CCF für den Einkauf auf 140 Gramm, halb so viel wie aktuell ermittelt. Von der Arbeitsgruppe zusätzlich ausgewertete Einkaufstagebücher, die bundesweit in 20 Haushalten über vier Wochen geführt wurden, zeigen einen mittleren CCF-Wert von 293 Gramm. Dabei schwanken die Einzelwerte aufgrund der Wahl des Verkehrsmittels, der zurückgelegten Strecke und der eingekauften Menge zwischen 0 und 8.830 Gramm, jeweils bezogen auf ein Kilogramm Einkauf.
Zudem kann der untersuchte „Fußabdruck“ individuell und regional sehr unterschiedlich sein: So zeigte eine weitere Erhebung bei 401 Endverbrauchern an Gießener Ladenkassen deutlich den Einfluss der Bevölkerungsstruktur und des gewählten Verkehrsmittels. Für die Stadt Gießen ergibt die Auswertung einen mittleren CCF von lediglich 124 Gramm pro Kilogramm Einkauf, weil hier nur 46 Prozent der befragten Personen die Einkaufswege mit dem PKW zurücklegten. Gießen weist deutschlandweit den höchsten Anteil an Studierenden in der Einwohnerschaft auf. Der aktuellen Erhebung zufolge benutzen die Gießener Studierenden klimafreundlich das Fahrrad, ihr Semesterticket oder gehen zu Fuß zum Einkaufen.

Verkehrsmittel, Einkaufsstrecke und -menge haben wie erwartet einen erheblichen Einfluss. Spontane Einkäufe oder das sonntägliche Brötchenholen per PKW schlagen mit hohem CCF zu Buche. Im Idealfall sollte die Einkaufsstrecke möglichst kurz und die Einkaufsmenge möglichst hoch sein. Vorratseinkäufe in Kombination mit anderen Wegen wie zum Beispiel der Fahrt zur Arbeit sind grundsätzlich von Vorteil. Die Untersuchungen deuten zudem auf einen positiven Effekt durch ein städtisches Umfeld mit guter Infrastruktur, während Bewohner ländlicher Räume längere Einkaufsstrecken zurücklegen müssen und daher höhere CO2-Emissionen aufweisen.

Im angesprochenen Forschungsfeld gibt es viele offene Fragen, die repräsentativ beantwortet werden sollen. Dazu zählen der Einfluss der Haushaltsgröße ebenso wie die angesprochenen Unterschiede zwischen Stadt- und Landbevölkerung. Aktuell wird zudem der spannenden Frage nachgegangen, ob die Kundschaft von Bioläden auch bei der Wahl der Verkehrsmittel und der Entfernung dorthin ein signifikant höheres Umweltbewusstsein aufweist.

Publikation:
Sima A, Möhrmann I, Thomae D, Schlich E: Einkaufswege als Teil des Consumer Carbon Footprints (CCF) - Zum Anteil des Endverbrauchers an der Klimarelevanz von Prozessketten im Lebensmittelbereich. ErnährungsUmschau 59 (2012) 9, 524-530. DOI: 10.4455/eu.2012.960

Kontakt:
Prof. Dr.-Ing. Elmar Schlich, Professur für Prozesstechnik der JLU Gießen
Stephanstraße 24
35390 Gießen
Telefon: 0641 99-39350/1

Die 1607 gegründete Justus-Liebig-Universität Gießen (JLU) ist eine traditionsreiche Forschungsuniversität, die rund 25.000 Studierende anzieht. Neben einem breiten Lehrangebot – von den klassischen Naturwissenschaften über Rechts- und Wirtschaftswissenschaften, Gesellschafts- und Erziehungswissenschaften bis hin zu Sprach- und Kulturwissen¬schaften – bietet sie ein lebenswissenschaftliches Fächerspektrum, das nicht nur in Hessen einmalig ist: Human- und Veterinärmedizin, Agrar-, Umwelt- und Ernährungswissenschaften sowie Lebensmittelchemie. Unter den großen Persönlichkeiten, die an der JLU geforscht und gelehrt haben, befindet sich eine Reihe von Nobelpreisträgern, unter anderem Wilhelm Conrad Röntgen (Nobelpreis für Physik 1901) und Wangari Maathai (Friedensnobelpreis 2004). Seit 2006 wird die JLU sowohl in der ersten als auch in der zweiten Förderlinie der Exzellenzinitiative gefördert (Excellence Cluster Cardio-Pulmonary System – ECCPS; International Graduate Centre for the Study of Culture – GCSC).

Charlotte Brückner-Ihl | idw
Weitere Informationen:
http://www.uni-giessen.de/cms/fbz/fb09

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Ökologie Umwelt- Naturschutz:

nachricht Frühwarnsignale für Seen halten nicht, was sie versprechen
05.12.2016 | Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB)

nachricht Besserer Schutz vor invasiven Arten
15.11.2016 | Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB)

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Ökologie Umwelt- Naturschutz >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Poröse kristalline Materialien: TU Graz-Forscher zeigt Methode zum gezielten Wachstum

Mikroporöse Kristalle (MOFs) bergen große Potentiale für die funktionalen Materialien der Zukunft. Paolo Falcaro von der TU Graz et al zeigen in Nature Materials, wie man MOFs gezielt im großen Maßstab wachsen lässt.

„Metal-organic frameworks“ (MOFs) genannte poröse Kristalle bestehen aus metallischen Knotenpunkten mit organischen Molekülen als Verbindungselemente. Dank...

Im Focus: Gravitationswellen als Sensor für Dunkle Materie

Die mit der Entdeckung von Gravitationswellen entstandene neue Disziplin der Gravitationswellen-Astronomie bekommt eine weitere Aufgabe: die Suche nach Dunkler Materie. Diese könnte aus einem Bose-Einstein-Kondensat sehr leichter Teilchen bestehen. Wie Rechnungen zeigen, würden Gravitationswellen gebremst, wenn sie durch derartige Dunkle Materie laufen. Dies führt zu einer Verspätung von Gravitationswellen relativ zu Licht, die bereits mit den heutigen Detektoren messbar sein sollte.

Im Universum muss es gut fünfmal mehr unsichtbare als sichtbare Materie geben. Woraus diese Dunkle Materie besteht, ist immer noch unbekannt. Die...

Im Focus: Significantly more productivity in USP lasers

In recent years, lasers with ultrashort pulses (USP) down to the femtosecond range have become established on an industrial scale. They could advance some applications with the much-lauded “cold ablation” – if that meant they would then achieve more throughput. A new generation of process engineering that will address this issue in particular will be discussed at the “4th UKP Workshop – Ultrafast Laser Technology” in April 2017.

Even back in the 1990s, scientists were comparing materials processing with nanosecond, picosecond and femtosesecond pulses. The result was surprising:...

Im Focus: Wie sich Zellen gegen Salmonellen verteidigen

Bioinformatiker der Goethe-Universität haben das erste mathematische Modell für einen zentralen Verteidigungsmechanismus der Zelle gegen das Bakterium Salmonella entwickelt. Sie können ihren experimentell arbeitenden Kollegen damit wertvolle Anregungen zur Aufklärung der beteiligten Signalwege geben.

Jedes Jahr sind Salmonellen weltweit für Millionen von Infektionen und tausende Todesfälle verantwortlich. Die Körperzellen können sich aber gegen die...

Im Focus: Shape matters when light meets atom

Mapping the interaction of a single atom with a single photon may inform design of quantum devices

Have you ever wondered how you see the world? Vision is about photons of light, which are packets of energy, interacting with the atoms or molecules in what...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

NRW Nano-Konferenz in Münster

07.12.2016 | Veranstaltungen

Wie aus reinen Daten ein verständliches Bild entsteht

05.12.2016 | Veranstaltungen

Von „Coopetition“ bis „Digitale Union“ – Die Fertigungsindustrien im digitalen Wandel

02.12.2016 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Das Universum enthält weniger Materie als gedacht

07.12.2016 | Physik Astronomie

Partnerschaft auf Abstand: tiefgekühlte Helium-Moleküle

07.12.2016 | Physik Astronomie

Bakterien aus dem Blut «ziehen»

07.12.2016 | Biowissenschaften Chemie