Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Verschleppung von Arten verändert globale Biodiversitätsmuster

12.06.2015

Immer mehr Pflanzen- und Tierarten werden durch den Menschen in neue Gebiete eingebracht. Ein internationales Forscherteam konnte nun erstmals belegen, dass die globale Verschleppung von Arten zum Zusammenbruch der ursprünglichen, über Millionen von Jahren entstandenen Verbreitungsmuster führt – und damit zu einer zunehmenden Homogenisierung der Ökosysteme. Die Studie ist in der renommierten Fachzeitschrift Science erschienen.

Als die großen Entdecker in See stachen, waren sie sicher fasziniert zu sehen, dass mit zunehmender Entfernung von der Heimat eine ganz andere Tier- und Pflanzenwelt vorherrscht. Ozeane und Hochgebirge wirkten im Laufe der Erdgeschichte als gigantische natürliche Barrieren.


Die weiße Bergschnecke (Theba pisana), ein europäischer Vertreter, der mittlerweile weltweit in gemäßigten Regionen verbreitet ist, beispielsweise in Kalifornien, Südafrika und im südlichen Australien

Foto: César Capinha

Dadurch konnte sich auf weit voneinander entfernten Inseln und Kontinenten eine eigenständige, nur dort vorkommende Flora und Fauna entwickeln. Doch mit dem zunehmenden Handel und Tourismus hat der Mensch viele Tier- und Pflanzenarten über den gesamten Globus verschleppt oder bewusst ausgesetzt. Diese in den letzten Jahrzehnten rasant zunehmende Entwicklung, so vermuten Experten, könnte zu einer Homogenisierung der Ökosysteme führen. Global ansetzende Analysen zu dieser Hypothese fehlten jedoch bislang.

Ein fünfköpfiges Wissenschaftlerteam aus Portugal, Österreich und Deutschland hat nun erstmals nachweisen können, dass die globale Verschleppung von Arten zum Zusammenbruch der eigenständigen, über Jahrmillionen entwickelten Verbreitungsmuster führt. Die Wissenschaftler untersuchten am Beispiel von 175 Landschnecken-Arten, wie sich die Ähnlichkeit in der Artzusammensetzung zwischen 56 Ländern und Regionen durch menschliche Verschleppung verändert hat. Dieser Studie vorausgegangen waren Untersuchungen, die keine signifikanten Trends beim Biodiversitätsverlust auf lokaler Ebene aufzeigen konnten.

"Wir haben daher die Perspektive gewechselt und nicht gefragt, ob es mit der Zeit zu Veränderungen in der Artenvielfalt gekommen ist. Vielmehr wollten wir wissen, wie sich die Ähnlichkeit zwischen den Artengemeinschaften verändert hat", erklärt Henrique Miguel Pereira vom Deutschen Zentrum für Integrative Biodiversitätsforschung (iDiv) und der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, Senior-Autor der Studie.

Die Ergebnisse überraschten die Experten. Während die ursprüngliche, natürliche Verbreitung der Schneckenarten die bekannten Ausbreitungsgrenzen widerspiegelt, ergibt sich für gebietsfremde Vertreter ein anderes Bild.

„Die Verbreitung der vom Menschen verschleppten Schnecken folgt ganz neuen Mustern und wird fast ausschließlich vom Klima bestimmt, wobei sich die Gemeinschaften an zwei biogeographischen Regionen ausrichten: den Tropen und gemäßigte Zonen“, erklärt César Capinha, Hauptautor der Studie. Daraus folgt, dass sogar weit voneinander entfernte, klimatisch aber ähnliche Regionen eine sehr ähnliche Artengemeinschaft von verschleppten Schnecken aufweisen können.

Früher war es die Entfernung, die über die Ausprägung von Ähnlichkeitsmustern bestimmte. Heute ist es das Klima, ergänzt durch den Einfluss der geographischen Entfernung und des globalen Handels. Mit dem Transport von lebenden Pflanzen, Gemüse und Obst erreichen täglich blinde Passagiere neue Länder und Regionen und siedeln sich dort an.

Für Länder mit ähnlichen Klimaverhältnissen heißt das: Je intensiver der Handel zwischen den betreffenden Ländern betrieben wird, desto ähnlicher werden sich deren Artengemeinschaften entwickeln.

Diese biologische Homogenisierung könnte weitreichende Konsequenzen haben, warnen die Forscher. Während manche Arten durch den Menschen weltweit verschleppt werden, geraten viele einheimische Arten aufgrund der Ansiedlung der Neubürger immer stärker unter Druck.

Publikation:
César Capinha, Franz Essl, Hanno Seebens, Dietmar Moser, Henrique Miguel Pereira: The dispersal of alien species redefines biogeography in the Anthropocene, in: Science, 12. Juni 2015

Weitere Informationen:

Henrique Miguel Pereira
Deutsches Zentrum für integrative Biodiversitätsforschung (iDiv)
Mobil: +49 (0) 151 612 51644
hpereira@idiv.de

César Capinha
REFER Biodiversity Chair, Portugal
ccapinha@cibio.up.pt

Pressekontakt
Annette Mihatsch
Deutsches Zentrum für integrative Biodiversitätsforschung (iDiv)
Phone: +49 (0) 341 9733106
presse@idiv.de

Annette Mihatsch | idw - Informationsdienst Wissenschaft
Weitere Informationen:
http://www.idiv.de/

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Ökologie Umwelt- Naturschutz:

nachricht Sauerstoffkrisen in der Adria sind nicht nur vom Menschen verursacht
28.03.2017 | Universität Wien

nachricht Müll in den Weltmeeren überall präsent: 1220 Arten betroffen
23.03.2017 | Alfred-Wegener-Institut, Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Ökologie Umwelt- Naturschutz >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Entwicklung miniaturisierter Lichtmikroskope - „ChipScope“ will ins Innere lebender Zellen blicken

Das Institut für Halbleitertechnik und das Institut für Physikalische und Theoretische Chemie, beide Mitglieder des Laboratory for Emerging Nanometrology (LENA), der Technischen Universität Braunschweig, sind Partner des kürzlich gestarteten EU-Forschungsprojektes ChipScope. Ziel ist es, ein neues, extrem kleines Lichtmikroskop zu entwickeln. Damit soll das Innere lebender Zellen in Echtzeit beobachtet werden können. Sieben Institute in fünf europäischen Ländern beteiligen sich über die nächsten vier Jahre an diesem technologisch anspruchsvollen Projekt.

Die zukünftigen Einsatzmöglichkeiten des neu zu entwickelnden und nur wenige Millimeter großen Mikroskops sind äußerst vielfältig. Die Projektpartner haben...

Im Focus: A Challenging European Research Project to Develop New Tiny Microscopes

The Institute of Semiconductor Technology and the Institute of Physical and Theoretical Chemistry, both members of the Laboratory for Emerging Nanometrology (LENA), at Technische Universität Braunschweig are partners in a new European research project entitled ChipScope, which aims to develop a completely new and extremely small optical microscope capable of observing the interior of living cells in real time. A consortium of 7 partners from 5 countries will tackle this issue with very ambitious objectives during a four-year research program.

To demonstrate the usefulness of this new scientific tool, at the end of the project the developed chip-sized microscope will be used to observe in real-time...

Im Focus: Das anwachsende Ende der Ordnung

Physiker aus Konstanz weisen sogenannte Mermin-Wagner-Fluktuationen experimentell nach

Ein Kristall besteht aus perfekt angeordneten Teilchen, aus einer lückenlos symmetrischen Atomstruktur – dies besagt die klassische Definition aus der Physik....

Im Focus: Wegweisende Erkenntnisse für die Biomedizin: NAD⁺ hilft bei Reparatur geschädigter Erbinformationen

Eine internationale Forschergruppe mit dem Bayreuther Biochemiker Prof. Dr. Clemens Steegborn präsentiert in 'Science' neue, für die Biomedizin wegweisende Forschungsergebnisse zur Rolle des Moleküls NAD⁺ bei der Korrektur von Schäden am Erbgut.

Die Zellen von Menschen und Tieren können Schäden an der DNA, dem Träger der Erbinformation, bis zu einem gewissen Umfang selbst reparieren. Diese Fähigkeit...

Im Focus: Designer-Proteine falten DNA

Florian Praetorius und Prof. Hendrik Dietz von der Technischen Universität München (TUM) haben eine neue Methode entwickelt, mit deren Hilfe sie definierte Hybrid-Strukturen aus DNA und Proteinen aufbauen können. Die Methode eröffnet Möglichkeiten für die zellbiologische Grundlagenforschung und für die Anwendung in Medizin und Biotechnologie.

Desoxyribonukleinsäure – besser bekannt unter der englischen Abkürzung DNA – ist die Trägerin unserer Erbinformation. Für Prof. Hendrik Dietz und Florian...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Industriearbeitskreis »Prozesskontrolle in der Lasermaterialbearbeitung ICPC« lädt nach Aachen ein

28.03.2017 | Veranstaltungen

Neue Methoden für zuverlässige Mikroelektronik: Internationale Experten treffen sich in Halle

28.03.2017 | Veranstaltungen

Wie Menschen wachsen

27.03.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Workshop »Emissionsarme Bauprodukte und Wohngesundheit«

28.03.2017 | Seminare Workshops

Industriearbeitskreis »Prozesskontrolle in der Lasermaterialbearbeitung ICPC« lädt nach Aachen ein

28.03.2017 | Veranstaltungsnachrichten

Nachwuchswissenschaftler blicken in die Quantenwelt

28.03.2017 | Seminare Workshops