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In den „Urwäldern von morgen“ forschen

31.05.2011
In Naturwaldreservaten entwickeln sich Vegetation und Tierwelt auf natürliche Weise weitgehend ohne menschliche Eingriffe. Die Reservate liefern wichtige Erkenntnisse für eine naturnahe, nachhaltige Waldwirtschaft.

Es gibt sie wieder in Deutschland: Naturwälder, die sich weitestgehend ohne menschliche Eingriffe entwickeln. Seit mehr als 20 Jahren werden Naturwaldreservate durch den Forst ausgewiesen und betreut. Passend zum Internationalen Jahr der Wälder 2011 werfen wir einen Blick auf diese „Urwälder von morgen“.

Naturwaldreservate in Deutschland

In der Bundesrepublik erstrecken sich 719 Naturwaldreservate (NWRs) über eine Fläche von insgesamt 31.666 Hektar. Bayern verfügt mit 158 Reservaten über die größte Anzahl, gefolgt von Baden-Württemberg (108) und Niedersachsen (106). In diesen kartografisch genau festgelegten Waldgebieten dürfen dauerhaft keine forstlichen Eingriffe mehr vorgenommen werden, damit sich Böden, Vegetation, Waldstruktur und Fauna möglichst ohne Einflüsse durch Menschen gestalten können. Die Waldflächen werden so ausgewählt, dass sie eine Vielzahl der im jeweiligen Bundesland vorkommenden Waldgemeinschaften und Standorte repräsentieren.

Die Naturwaldreservate dienen in erster Linie dem Erhalt und Wiederaufbau natürlicher Waldlebensgemeinschaften in ihrer für den Lebensraum typischen Arten- und Formenvielfalt. Wissenschaftler führen in den Gebieten periodische Untersuchungen durch, indem sie kleine Mengen an Boden-, Pflanzen- und Tierproben entnehmen. Durch diese langfristig angelegte Ökosystemforschung können Erkenntnisse über Entwicklungsabläufe von unbewirtschafteten Gebieten im Vergleich zu weiterhin bewirtschafteten Wäldern gewonnen werden.

Senckenberg und die Naturwaldreservate in Hessen

Ein Beispiel für Untersuchungen dieser Art ist das Projekt „Naturwaldreservate in Hessen“, initiiert vom Hessischen Umweltministerium, dem Hessen-Forst und der Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung (SGN). Hessen verfügt über 31 Reservate mit insgesamt 1.228 Hektar Waldfläche. Diese werden in einer Langzeitstudie erfasst und dokumentiert.

Das in Frankfurt am Main ansässige Projekt der Senckenberg Gesellschaft hat die Aufgabe, die Entwicklung der Tierbestände in den hessischen Reservaten zu analysieren, vor allem der Insekten und anderen Kleintiere. Ziel ist die Erfassung eines „qualitativ repräsentativen Spektrums des Artenbestands“, wie Dr. Wolfgang Dorow, Koordinator des Projekts Naturwaldreservate bei Senckenberg, betont. Dafür werden Standorte verschiedener Boden- und Vegetationsstrukturen ausgewählt, zum Beispiel Waldlichtungen, Steilhänge, Tothölzer und Windwürfe. In Erhebungsphasen werden hier regelmäßig Spezialfallen in den Boden gesetzt bzw. an Bäumen befestigt (so genannte Stammeklektoren), um Tierproben zu entnehmen und anschließend im Labor auszuwerten.

Bei den Senckenberg-Untersuchungen sind bereits einige Überraschungen zutage getreten: So wurden drei Arten (Hautflügler) entdeckt, die der Wissenschaft völlig neu sind. Fünf weitere Arten sind neu für Deutschland, 75 neu für Hessen. Hochgerechnet leben in jedem Reservat 5.000 bis 6.000 Tierarten, darunter eine hohe Anzahl seltener und bedrohter Tiere. Mehr über ihre Lebensweisen zu erfahren, bedeutet auch, Naturschutz und Forstwirtschaft besser aufeinander abstimmen zu können. Bisher wurde beispielsweise unterschätzt, wie wichtig Strukturdiversität und Totholzbestand für die Artenvielfalt einheimischer Wälder sind. So sind in den Naturwaldreservaten, die bis 1990 normale Wirtschaftswälder waren, klare Defizite bei den Artenspektren der Alters- und Zerfallsphase festzustellen.

Erkenntnisse für eine nachhaltige Waldwirtschaft

Die Erkenntnisse aus den Naturwaldreservaten bilden auch eine Wissensgrundlage für eine naturnahe, nachhaltige Waldbewirtschaftung. Die Kriterien für eine solche zukunftsfähige Waldwirtschaft wurden bereits 1993 auf der Europäischen Ministerkonferenz zum Schutz der Wälder in Europa (MCPFE) festgelegt. Die dort verabschiedete Helsinki-Resolution definiert nachhaltige Waldwirtschaft als „die Behandlung und Nutzung von Wäldern auf eine Weise und in einem Ausmaß, das deren biologische Vielfalt, Produktivität, Verjüngungsfähigkeit, Vitalität sowie deren Fähigkeit, die relevanten ökologischen, wirtschaftlichen und sozialen Funktionen gegenwärtig und in der Zukunft auf lokaler, nationaler und globaler Ebene zu erfüllen gewährleistet, ohne anderen Ökosystemen Schaden zuzufügen.“

Naturwaldreservate liefern der Forschung wichtige Antworten. Im Bild Urwald Sababurg in Nordhessen (Quelle: © Theo Blick / Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung SGN).

Aus den Naturwaldreservaten können dafür wichtige Erkenntnisse gewonnen werden, die Antworten auf Fragen zur Biodiversität (Strukturdiversität, Totholzbestand etc.), zur Waldverjüngung (Baumartenwahl, naturnahe Verjüngungsverfahren, Produktionsdauer, Steuerung der Konkurrenz von Baumarten etc.) und zur Waldpflege liefern. Für genaue Schlussfolgerungen sind nach Ansicht der Wissenschaftler jedoch noch einige Jahre bis Jahrzehnte Forschung vonnöten.

„Nachhaltige Waldwirtschaft“ bedeutet letztlich, dass die heutige Nutzung der Wälder mit den Bedürfnissen zukünftiger Generationen in Einklang gebracht wird. In diesem Sinne sind die „Urwälder von morgen“ auch bedeutende Experimente, um die „Kulturwälder von morgen“ nach dem besten ökologischen Wissen zu gestalten.

Quelle:
Hessisches Ministerium für Landesentwicklung, Wohnen, Landwirtschaft, Forsten und Naturschutz (Hrsg.) (ab 1991): Mitteilungen der Hessischen Landesforstverwaltung / Naturwaldreservate in Hessen (http://www.senckenberg.de/root/index.php?page_id=5243&organisation=

true&sektionID=49&abteilungID=1&institutID=1&showPageID=13682)

| Pflanzenforschung.de
Weitere Informationen:
http://www.pflanzenforschung.de/journal/aktuelles/den-%E2%80%9Eurwaeldern-von-morgen%E2%80%9C-forschen?page=0,1&piwik_campaign=newslett

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