Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Unsichtbare Arten: Bedrohte Arten sind in Verbreitungsmodellen unterrepräsentiert

05.12.2014

Aufgrund begrenzter Ressourcen müssen beim Naturschutz räumliche Prioritäten gesetzt werden. Deshalb werden auch für die Planung von Schutzgebieten Verbreitungsmodelle von Arten herangezogen. Diese Verbreitungsmodelle sind jedoch nur bedingt geeignet, um bedrohte Arten zu schützen, denn aufgrund geringer Daten zum Vorkommen werden gerade sie oft nicht eingerechnet.

Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie unter Mitwirkung von Dr. Christian Hof, LOEWE Biodiversität und Klima Forschungszentrum, die als Titelgeschichte in der Novemberausgabe des Fachmagazins „Diversity and Distributions“ erschienen ist.


Grüner Kobold Waldsteiger (Leptopelis barbouri), der in den Udzungwa Bergen, Tansania vorkommt und vom Aussterben gefährdet ist. Foto: Michele Menegon


Parkers Waldsteigerfrosch (Leptopelis parkeri), der als stark gefährdet gilt und in den Uluguru Bergen in Tansania lebt. Foto: Michele Menegon

Ein Großteil der bedrohten Arten wird bei modernen Methoden, die die künftige Verbreitung von Arten beispielsweise unter Klimawandelbedingungen modellieren, nicht berücksichtigt. Das ist das Ergebnis einer Studie von Wissenschaftlern der Universitäten von York und Kopenhagen, des United Nations Environment Programme World Conservation Monitoring Centre, des LOEWE Biodiversität und Klima Forschungszentrums (BiK-F) sowie weiteren Partnern.

Mehr als die Hälfte der bedrohten Amphibienarten „fällt durchs Raster“

Die Forschenden stützen ihre Schlussfolgerung auf die beispielhafte Analyse 733 afrikanischer Amphibienarten. Klimawandel, die Zerstörung ihrer Lebensräume und Krankheiten lassen einen massiven Rückgang dieser Arten befürchten. Das Vorkommen von Arten der tropischen Biodiversitäts-Hotspots ist oft nur wenig dokumentiert, sie haben im Vergleich zu Arten aus gemäßigten Breiten häufig kleinere Verbreitungsgebiete. Viele der untersuchten Amphibienarten stehen auf der Roten Liste der Weltnaturschutzorganisation International Union for Conservation of Nature (IUCN), unter anderem wegen der begrenzten Lebensräume.

„Doch genau da beißt sich die Katze in den Schwanz, denn das seltene Vorkommen dieser Arten, das ihren Bedrohungsstatus erhöht, lässt sie gleichzeitig in den Verbreitungsmodellen unsichtbar werden, die oft Entscheidungsgrundlagen für den Naturschutz darstellen. Unsere Untersuchung hat ergeben, dass für 400 der untersuchten Amphibienarten, also mehr als die Hälfte, aufgrund ihrer geringen Verbreitung so wenige Daten vorliegen, dass sie aus statistischen Gründen in Verbreitungsmodellen nicht berücksichtigt werden können. 92 % davon stehen auf der Roten Liste der IUCN“, so Dr. Christian Hof, Biodiversität und Klima Forschungszentrum (BiK-F). Mithilfe dieser Verbreitungsmodelle wird jedoch die potentielle künftige Verbreitung der Arten berechnet.

Schutzwürdige Regionen werden unterschätzt

Welchen Unterschied macht es nun – heute und in Zukunft – wenn bedrohte Arten in den Modellen nicht berücksichtigt werden können? Diese Frage stellt sich insbesondere im Hinblick auf den Naturschutz, wo aufgrund begrenzter finanzieller Ressourcen oft Schwerpunktgebiete ausgewählt werden müssen. Mit Modellprojektionen ohne die Arten mit kleinem Verbreitungsgebiet, werden für den Naturschutz wichtige Regionen in ihrer Schutzwürdigkeit herabgesetzt. „Dabei ist unter Klimawandelaspekten der Fortbestand sowohl kleinräumig als auch weit verbreiteter Arten in denjenigen Gebieten am wahrscheinlichsten, die tatsächlich bereits als Gebiete von besonderer Schutzwürdigkeit identifiziert wurden“, erklärt Hof.

Hintergrund ist die Tatsache, dass die in den Verbreitungsmodellen ‚unsichtbaren‘ Arten vornehmlich in tropischen Bergregionen leben. Diese Gebiete zeichnen sich durch eine hohe klimatische Stabilität aus und werden, auch durch ihre Vielfalt kleinräumig strukturierter Lebensräume, aller Voraussicht nach auch in Zukunft für viele Arten ein Refugium bleiben.

Verbreitungsmodelle haben Verbesserungspotential

Eine Voraussetzung für die Verlässlichkeit von Verbreitungsmodellen ist, dass für die Kalibrierung der Modelle genug Verbreitungsdaten einzelner Arten vorliegen. Damit ein Verbreitungsmodell möglichst valide ist, sollten die Modelle auf Basis genügender quantitativer Daten zur Verbreitung von Arten kalibriert werden. Dies ist bei den meisten bedrohten Arten nicht der Fall; Abhilfe könnte hier vor allem das Sammeln von mehr Fundortdaten schaffen, oder auch eine höhere räumliche Auflösung der Modelle. Denn eines ist sicher: „Effektiver Naturschutz muss alle Arten berücksichtigen – nicht nur diejenigen, von denen viele Fundortdaten vorliegen“, resümiert Hof.

Publikation:
Platts, Philip J. et al. Conservation implications of omitting narrow-ranging taxa from species distribution models, now and in the future (2014) – Diversity and Distributions. DOI: 10.1111/ddi.12244

Für weitere Informationen kontaktieren Sie bitte:
Dr. Christian Hof
LOEWE Biodiversität und Klima Forschungszentrum (BiK-F)
Tel. + 49 (0)69 7542 1804
christian.hof@senckenberg.de

oder

Sabine Wendler
LOEWE Biodiversität und Klima Forschungszentrum (BiK-F),
Pressereferentin
Tel. +49 (0)69 7542 1838
sabine.wendler@senckenberg.de


LOEWE Biodiversität und Klima Forschungszentrum, Frankfurt am Main
Mit dem Ziel, anhand eines breit angelegten Methodenspektrums die komplexen Wech-selwirkungen von Biodiversität und Klima zu entschlüsseln, wird das Biodiversität und Klima Forschungszentrum (BiK‐F) seit 2008 im Rahmen der hessischen Landes‐Offensive zur Entwicklung Wissenschaftlich-ökonomischer Exzellenz (LOEWE) gefördert. Die Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung und die Goethe Universität Frankfurt sowie weitere direkt eingebundene Partner kooperieren eng mit regionalen, nationalen und internationalen Akteuren aus Wissenschaft, Ressourcen‐ und Umweltmanagement, um Projektionen für die Zukunft zu entwickeln und wissenschaftlich gesicherte Empfehlungen für ein nachhaltiges Handeln zu geben. Mehr unter www.bik‐f.de


Weitere Informationen:

http://www.york.ac.uk/news-and-events/features/2014/african-amphibians/  - Zum Download der gezeigten und weiterer Pressebilder in 300 dpi nutzen Sie bitte diese Website der an der Studie beteiligten University of York

Sabine Wendler | LOEWE Biodiversität und Klima Forschungszentrum (BiK-F)

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Ökologie Umwelt- Naturschutz:

nachricht Müll in den Weltmeeren überall präsent: 1220 Arten betroffen
23.03.2017 | Alfred-Wegener-Institut, Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung

nachricht Internationales Netzwerk bündelt experimentelle Forschung in europäischen Gewässern
21.03.2017 | Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB)

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Ökologie Umwelt- Naturschutz >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Wegweisende Erkenntnisse für die Biomedizin: NAD⁺ hilft bei Reparatur geschädigter Erbinformationen

Eine internationale Forschergruppe mit dem Bayreuther Biochemiker Prof. Dr. Clemens Steegborn präsentiert in 'Science' neue, für die Biomedizin wegweisende Forschungsergebnisse zur Rolle des Moleküls NAD⁺ bei der Korrektur von Schäden am Erbgut.

Die Zellen von Menschen und Tieren können Schäden an der DNA, dem Träger der Erbinformation, bis zu einem gewissen Umfang selbst reparieren. Diese Fähigkeit...

Im Focus: Designer-Proteine falten DNA

Florian Praetorius und Prof. Hendrik Dietz von der Technischen Universität München (TUM) haben eine neue Methode entwickelt, mit deren Hilfe sie definierte Hybrid-Strukturen aus DNA und Proteinen aufbauen können. Die Methode eröffnet Möglichkeiten für die zellbiologische Grundlagenforschung und für die Anwendung in Medizin und Biotechnologie.

Desoxyribonukleinsäure – besser bekannt unter der englischen Abkürzung DNA – ist die Trägerin unserer Erbinformation. Für Prof. Hendrik Dietz und Florian...

Im Focus: Fliegende Intensivstationen: Ultraschallgeräte in Rettungshubschraubern können Leben retten

Etwa 21 Millionen Menschen treffen jährlich in deutschen Notaufnahmen ein. Im Kampf zwischen Leben und Tod zählt für diese Patienten jede Minute. Wenn sie schon kurz nach dem Unfall zielgerichtet behandelt werden können, verbessern sich ihre Überlebenschancen erheblich. Damit Notfallmediziner in solchen Fällen schnell die richtige Diagnose stellen können, kommen in den Rettungshubschraubern der DRF Luftrettung und zunehmend auch in Notarzteinsatzfahrzeugen mobile Ultraschallgeräte zum Einsatz. Experten der Deutschen Gesellschaft für Ultraschall in der Medizin e.V. (DEGUM) schulen die Notärzte und Rettungsassistenten.

Mit mobilen Ultraschallgeräten können Notärzte beispielsweise innere Blutungen direkt am Unfallort identifizieren und sie bei Bedarf auch für Untersuchungen im...

Im Focus: Gigantische Magnetfelder im Universum

Astronomen aus Bonn und Tautenburg in Thüringen beobachteten mit dem 100-m-Radioteleskop Effelsberg Galaxienhaufen, das sind Ansammlungen von Sternsystemen, heißem Gas und geladenen Teilchen. An den Rändern dieser Galaxienhaufen fanden sie außergewöhnlich geordnete Magnetfelder, die sich über viele Millionen Lichtjahre erstrecken. Sie stellen die größten bekannten Magnetfelder im Universum dar.

Die Ergebnisse werden am 22. März in der Fachzeitschrift „Astronomy & Astrophysics“ veröffentlicht.

Galaxienhaufen sind die größten gravitativ gebundenen Strukturen im Universum, mit einer Ausdehnung von etwa zehn Millionen Lichtjahren. Im Vergleich dazu ist...

Im Focus: Giant Magnetic Fields in the Universe

Astronomers from Bonn and Tautenburg in Thuringia (Germany) used the 100-m radio telescope at Effelsberg to observe several galaxy clusters. At the edges of these large accumulations of dark matter, stellar systems (galaxies), hot gas, and charged particles, they found magnetic fields that are exceptionally ordered over distances of many million light years. This makes them the most extended magnetic fields in the universe known so far.

The results will be published on March 22 in the journal „Astronomy & Astrophysics“.

Galaxy clusters are the largest gravitationally bound structures in the universe. With a typical extent of about 10 million light years, i.e. 100 times the...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Rund 500 Fachleute aus Wissenschaft und Wirtschaft diskutierten über technologische Zukunftsthemen

24.03.2017 | Veranstaltungen

Lebenswichtige Lebensmittelchemie

23.03.2017 | Veranstaltungen

Die „Panama Papers“ aus Programmierersicht

22.03.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Clevere Folien voller Quantenpunkte

27.03.2017 | Materialwissenschaften

In einem Quantenrennen ist jeder Gewinner und Verlierer zugleich

27.03.2017 | Physik Astronomie

Klimakiller Kuh: Methan-Ausstoß von Vieh könnte bis 2050 um über 70 Prozent steigen

27.03.2017 | Biowissenschaften Chemie