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Stress lass nach - Schneehasen fühlen sich wohler weit ab von Wintertouristen

08.11.2013
Der Schneehase ist ein selten gesehenes Wildtier. In den Alpen lebt er in den höher gelegenen Regionen und ist im Winter berühmt für seine weiße Fellfarbe. Der Klimawandel und der Wintertourismus bedrohen den Lebensraum der Hasen.

Forscher der Veterinärmedizinischen Universität Wien bestätigen erstmals, dass Schneehasen in tourismusreichen Regionen tatsächlich gestresster sind als Artgenossen in ruhigen Gebieten. Gestresste Hasen verbrauchen mehr Energie und das kann im Winter lebensbedrohlich sein. Die Forschungsergebnisse veröffentlichte das schweizer-österreichische Forscherteam im renommierten Journal of Applied Ecology.


Der Schneehase ist von uns Menschen im Winter gar nicht leicht zu entdecken. Umgekehrt funktioniert die Erkennung jedoch perfekt. Bild: Rolf Giger

Schneehasen (Lepus timidus) sind in den Alpen ab einer Seehöhe von 1.300 Metern beheimatet. Mittlerweile gilt die Schneehasenpopulation in den Alpen aus verschiedenen Gründen als bedroht. Eine Ursache ist der Klimawandel. Die steigenden Temperaturen lassen den Schneehasen auf immer höhere Lagen ausweichen. Aber auch der zunehmende Wintertourismus stellt einen Stressfaktor für die Schneehasen dar. Die genauen Auswirkungen des Tourismus auf das Verhalten und den Stress der Tiere hat bislang noch niemand untersucht.

Der Stressforscher Ao.Univ.Prof Rupert Palme, vom Institut für Biochemie, an der Vetmeduni Vienna, untersuchte gemeinsam mit dem Schweizer Wildtierbiologen Maik Rehnus die Stresslevel von Alpenschneehasen im Schweizerischen Nationalpark im Kanton Graubünden und in benachbarten Skigebieten.

Wintertouristen stressen die Schneehasen

Der Schneehasenexperte Maik Rehnus machte sich dafür auf die Suche nach Schneehasen-„Bölleli“ – so nennen die Schweizer die Kotkügelchen der Hasen. Er sammelte 132 Kotproben und legte dabei zu Fuß eine Marathonstrecke von rund 43 km zurück. –Die Proben stammten aus Gebieten mit hoher Tourismusbelastung, mit mittlerer Belastung und Regionen ohne Tourismus. Aus den gesammelten Kotproben bestimmten die Forscher Stoffwechselprodukte, die auf Stress der Tiere schließen lassen. Biochemiker Palme analysierte die Proben und erörtert: „Die Auswertung zeigte eindeutig: Kotproben, die in stark frequentierten Tourismusgebieten gefunden wurden, wiesen höhere Stresswerte auf. Proben aus Regionen mit weniger Touristen zeigten niedrigere Werte. Ob die Wintertouristen Schifahrer, Schneeschuhwanderer oder Langläufer waren, machte dabei keinen Unterschied.“

Stress verändert auch das Verhalten und die Nahrungsaufnahme

Um ihre Untersuchungen zu untermauern und das Verhalten der Tiere genau zu untersuchen, führten die Forscher einen kontrollierten Versuch mit sechs Schneehasen in Gefangenschaft durch. Ein Hund und ein Papierdrachen dienten den Forschern als Simulation um potenzielle Feinde nachzustellen. Nach den Stresssituationen und auch während Ruhephasen sammelten die Forscher Kotproben ein und werteten diese aus. Die Tiere zeigten nach Stresssituationen erhöhte Stresswerte und veränderten auch ihr natürliches Verhalten. Gestresste Schneehasen ruhten weniger und verwendeten auch weniger Zeit für die Fellpflege. Darüber hinaus waren gestresste Tiere bei der Wiederaufnahme des eigenen Kots (Koprophagie) gestört. Das Fressen des eigenen Kots ermöglicht es den Tieren, wichtige Nährstoffe und Vitamine aufzunehmen. Vor allem im Winter, wenn Nahrung knapp ist, stellt dieses Verhalten eine wichtige Energiequelle dar. Ist dieses Fressverhalten gestört, bedeutet das also erhöhten Energieaufwand. Im kalten und kargen Winter kann das lebensbedrohlich sein.

„Wir gehen davon aus, dass sich das Verhalten und die Physiologie gestresster Schneehasen in freier Wildbahn ähnlich verhält. Stress führt zu erhöhtem Energieverbrauch bei den Hasen und könnte im Winter das Überleben bedrohen und die anschließende Fortpflanzung negativ beeinflussen. Wir empfehlen deshalb, größere Waldgebiete, in denen Schneehasen leben, für den Wintertourismus zu sperren. Davon könnten auch andere gefährdete Tierarten in den Alpen profitieren“, erklärt Rehnus.

Der an der Vetmeduni Vienna tätige Biochemiker und Stressforscher Rupert Palme kollaborierte für diese Arbeit mit den Institutionen Universität für Bodenkultur Wien, der Eidgenössischen Forschungsgemeinschaft für Wald, Schnee und Landschaft in der Schweiz und dem Natur- und Tierpark Goldau.
Die Arbeit „Mountain hares Lepus timidus and tourism: stress events and reactions” von Maik Rehnus, Martin Wehrle und Rupert Palme wurde vor kurzem im Journal of Applied Ecology veröffentlicht.

http://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1111/1365-2664.12174/abstract

Über die Veterinärmedizinische Universität Wien

Die Veterinärmedizinische Universität Wien (Vetmeduni Vienna) ist die einzige veterinärmedizinische, akademische Bildungs- und Forschungsstätte Österreichs und zugleich die älteste im deutschsprachigen Raum (gegründet 1765). Die Vetmeduni Vienna forscht an Themen, die für die Gesellschaft bedeutend sind. Ihr Augenmerk gilt der Tiergesundheit ebenso wie der präventiven Veterinärmedizin, dem öffentlichen Gesundheitswesen genauso wie der Lebensmittelsicherheit. Im Forschungsinteresse stehen die Schaffung wissenschaftlicher Grundlagen für das Wohlbefinden von Tieren, Themen der Tierhaltung, des Tierschutzes und der Tierethik.

Die Vetmeduni Vienna beschäftigt 1200 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und bildet zurzeit 2300 Studierende aus. Der Campus in Wien Floridsdorf verfügt über fünf Universitätskliniken und modernste Forschungsinfrastruktur. Zwei Forschungsinstitute am Wiener Wilhelminenberg sowie ein Lehr- und Forschungsgut in Niederösterreich gehören ebenfalls dazu. http://www.vetmeduni.ac.at

Wissenschaftlicher Kontakt:
Ao.Univ.-Prof. Rupert Palme
Institut für Medizinische Biochemie
Veterinärmedizinische Universität Wien (Vetmeduni Vienna)
T +43 1 25077-4103
rupert.palme@vetmeduni.ac.at
Aussenderin:
Dr. Susanna Kautschitsch
Wissenschaftskommunikation / Public Relations
Veterinärmedizinische Universität Wien (Vetmeduni Vienna)
T +43 1 25077-1153
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Dr. Susanna Kautschitsch | idw
Weitere Informationen:
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