Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Sonderabfälle: Schlummerndes Risiko

27.08.2008
Viele Entsorgungswege sind langfristig nicht sicher genug / Gefahr der Freisetzung von gefährlichen Schadstoffen in die Umwelt weit unterschätzt

In vielen industriellen Prozessen fallen Sonderabfälle an, die gefährliche Schadstoffe - zum Beispiel Schwermetalle - in hohen Mengen enthalten.

Filterstäube aus der Müllverbrennung, Stahlwerksstäube oder feste Abfälle und Schlämme aus der Abfallbehandlung sind einige typische Beispiele dafür. Doch welche Entsorgungswege nehmen diese Abfälle? Wohin gelangen die in ihnen enthaltenen Schadstoffe? Und wie groß ist das Potenzial einer langfristigen Freisetzung dieser Schadstoffe in die Umwelt? Diesen Fragen sind WissenschaftlerInnen des Öko-Instituts nun erstmals qualitativ und quantitativ nachgegangen.

Das alarmierende Ergebnis: "Die Möglichkeit, dass diese Schadstoffe in ein-, zwei- oder dreihundert Jahren freigesetzt werden könnten, ist viel größer als bisher angenommen", sagt Projektleiter Günter Dehoust, Experte für Stoffstrommanagement und Ressourceneffizienz am Öko-Institut. "Dieser Problematik ist bisher viel zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt worden. Das muss sich dringend ändern!"

Denn die Schadstofffrachten, die mit den Abfällen transportiert werden, sind beachtlich. So entspricht die Menge an Blei, die beispielsweise in den rund 500.000 Tonnen untersuchten Filterstäuben aus der Müllverbrennung konzentriert ist und bei nicht langfristiger Entsorgung in die Umwelt gelangen könnte, dem Doppelten der Gesamtsumme an Blei, das aus Produktionsanlagen jährlich über Emissionen in Gewässer und die Luft freigesetzt wird. Der Bleigehalt der zehn bedeutendsten Abfälle ist zehnmal so hoch wie die Bleiemissionen aus Produktionsanlagen.

Ähnliches gilt für Cadmium: So ist der Gehalt an Cadmium in den sechs am stärksten belasteten Abfällen ebenfalls rund zehnmal so hoch wie die gesamte aktuelle Wasser- und Luftbelastung durch Cadmium in Deutschland.

"Diese Zahlen machen deutlich, dass Böden und Gewässer schon erheblich mehr belastet werden können, wenn nur ein kleiner Teil dieser Schadstoffe freigesetzt wird", sagt Günter Dehoust. "Abfälle, die hohe Mengen an Schadstoffen enthalten oder in der Summe transportieren, müssen folglich adäquat und langfristig sicher entsorgt werden."

Dafür stehen prinzipiell zwei Wege zur Verfügung, die den Ansprüchen an langfristig sicherem Schadstoffeinschluss gerecht werden. Die Verbringung unter Tage und das hochwertige Recycling dieser Metalle, soweit hohe Umweltschutzstandards eingehalten werden. Die Langzeitsicherheit von Entsorgungsalternativen über Tage ist dagegen deutlich geringer. Das belegt die aktuelle Studie des Öko-Instituts und bestätigt damit die Kritik zahlreicher Experten an der zum Teil zu sorglosen Entsorgung dieser Sonderabfälle.

Besonders kritisch ist die sogenannte "Immobilisierung" der Filterstäube aus der Müllverbrennung, in denen gerade die Schadstoffe hoch aufkonzentriert vorliegen, und deren "Verwertung" im Deponiebau über Tage.

In der Studie des Öko-Instituts wurden erstmals verschiedene Entsorgungsalternativen unter dem besonderen Fokus der Langzeitsicherheit vergleichend bewertet. Bisher fehlte dafür ein geeignetes Verfahren. Die WissenschaftlerInnen haben jedoch die anerkannten Methoden der Ökobilanz und der Stoffstromanalyse fortentwickelt und um die Wirkungskategorie "langfristige Sicherheit" erweitert. Für ihre Analyse haben sie 50 Abfallarten und deren Entsorgungsvarianten betrachtet. Davon wurden zehn Abfallarten im Detail vergleichend ökologisch bewertet.

"Ich halte es für wichtig, dass die Erkenntnisse aus unserer Studie in der Gesetzgebungs-, Genehmigungs- und Entsorgungspraxis umgesetzt werden", fordert Günter Dehoust. "Die derzeit im Umbruch befindliche Abfallwirtschaft auf ihrem Weg zu einer vorsorgenden und nachhaltigen Stoffstromwirtschaft bietet dafür die notwendigen Voraussetzungen." Aus der Studie resultieren dazu zahlreiche Empfehlungen. Die WissenschaftlerInnen schlagen auch ein Konzept vor, wie das entwickelte Bewertungsverfahren in der Praxis umgesetzt und auf weitere Abfallarten übertragen werden kann.

Ansprechpartner:
Doris Schüler,
Öko-Institut e.V., Büro Darmstadt,
wissenschaftliche Mitarbeiterin Institutsbereich Infrastruktur & Unternehmen, Telefon 06151/81 91-27, E-Mail d.schueler(at)oeko.de
Günter Dehoust,
Öko-Institut e.V., Büro Darmstadt,
stellvertretender Koordinator Institutsbereich Infrastruktur & Unternehmen, Telefon 0171/9791339, E-Mail g.dehoust(at)oeko.de
Peter Küppers,
wissenschaftlicher Mitarbeiter am Öko-Institut e.V., Büro Darmstadt, Institutsbereich Umweltrecht & Governance,

Telefon 06151/8191-29, E-Mail p.kueppers(at)oeko.de

Weitere Informationen:
Die vollständige Studie können Sie hier kostenlos aus dem Internet herunterladen: http://www.oeko.de/oekodoc/730/2005-110-de.pdf

Das Öko-Institut ist eines der europaweit führenden, unabhängigen Forschungs- und Beratungsinstitute für eine nachhaltige Zukunft. Seit der Gründung im Jahr 1977 erarbeitet das Institut Grundlagen und Strategien, wie die Vision einer nachhaltigen Entwicklung global, national und lokal umgesetzt werden kann. Das Institut ist an den Standorten Freiburg, Darmstadt und Berlin vertreten.

Christiane Rathmann | idw
Weitere Informationen:
http://www.oeko.de
http://www.oeko.de/mitmachen
http://www.oeko.de/oekodoc/730/2005-110-de.pdf

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Ökologie Umwelt- Naturschutz:

nachricht Wie gefährlich ist Reifenabrieb?
19.02.2018 | Fraunhofer-Institut für Umwelt-, Sicherheits- und Energietechnik UMSICHT

nachricht Verbreitung von Fischeiern durch Wasservögel – nur ein Mythos?
19.02.2018 | Universität Basel

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Ökologie Umwelt- Naturschutz >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Verlässliche Quantencomputer entwickeln

Internationalem Forschungsteam gelingt wichtiger Schritt auf dem Weg zur Lösung von Zertifizierungsproblemen

Quantencomputer sollen künftig algorithmische Probleme lösen, die selbst die größten klassischen Superrechner überfordern. Doch wie lässt sich prüfen, dass der...

Im Focus: Developing reliable quantum computers

International research team makes important step on the path to solving certification problems

Quantum computers may one day solve algorithmic problems which even the biggest supercomputers today can’t manage. But how do you test a quantum computer to...

Im Focus: Innovation im Leichtbaubereich: Belastbares Sandwich aus Aramid und Carbon

Die Entwicklung von Leichtbaustrukturen ist eines der zentralen Zukunftsthemen unserer Gesellschaft. Besonders in der Luftfahrtindustrie und in anderen Transportbereichen sind Leichtbaustrukturen gefragt. Sie ermöglichen Energieeinsparungen und reduzieren den Ressourcenverbrauch bei Treibstoffen und Material. Zum Einsatz kommen dabei Verbundmaterialien in der so genannten Sandwich-Bauweise. Diese bestehen aus zwei dünnen, steifen und hochfesten Deckschichten mit einer dazwischen liegenden dicken, vergleichsweise leichten und weichen Mittelschicht, dem Sandwich-Kern.

Aramidpapier ist ein etabliertes Material für solche Sandwichkerne. Sein mechanisches Strukturversagen ist jedoch noch unzureichend erforscht: Bislang fehlten...

Im Focus: Die Brücke, die sich dehnen kann

Brücken verformen sich, daher baut man normalerweise Dehnfugen ein. An der TU Wien wurde eine Technik entwickelt, die ohne Fugen auskommt und dadurch viel Geld und Aufwand spart.

Wer im Auto mit flottem Tempo über eine Brücke fährt, spürt es sofort: Meist rumpelt man am Anfang und am Ende der Brücke über eine Dehnfuge, die dort...

Im Focus: Eine Frage der Dynamik

Die meisten Ionenkanäle lassen nur eine ganz bestimmte Sorte von Ionen passieren, zum Beispiel Natrium- oder Kaliumionen. Daneben gibt es jedoch eine Reihe von Kanälen, die für beide Ionensorten durchlässig sind. Wie den Eiweißmolekülen das gelingt, hat jetzt ein Team um die Wissenschaftlerin Han Sun (FMP) und die Arbeitsgruppe von Adam Lange (FMP) herausgefunden. Solche nicht-selektiven Kanäle besäßen anders als die selektiven eine dynamische Struktur ihres Selektivitätsfilters, berichten die FMP-Forscher im Fachblatt Nature Communications. Dieser Filter könne zwei unterschiedliche Formen ausbilden, die jeweils nur eine der beiden Ionensorten passieren lassen.

Ionenkanäle sind für den Organismus von herausragender Bedeutung. Wenn zum Beispiel Sinnesreize wahrgenommen, ans Gehirn weitergeleitet und dort verarbeitet...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

Spannungsfeld Elektromobilität

23.02.2018 | Veranstaltungen

DFG unterstützt Kongresse und Tagungen - April 2018

21.02.2018 | Veranstaltungen

Tag der Seltenen Erkrankungen – Deutsche Leberstiftung informiert über seltene Lebererkrankungen

21.02.2018 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Spannungsfeld Elektromobilität

23.02.2018 | Veranstaltungsnachrichten

Von Hefe für Demenzerkrankungen lernen

22.02.2018 | Biowissenschaften Chemie

Sektorenkopplung: Die Energiesysteme wachsen zusammen

22.02.2018 | Seminare Workshops

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics