Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Seilbahn zu den obersten Etagen des Regenwalds: Ulmer Baumkronen-Forscher reist zur Jungfernfahrt

15.09.2014

In den Baumkronen der tropischen Regenwälder tobt das pralle Leben: Zahlreiche Insekten haben hier ihre „Kinderstuben“ eingerichtet.

Außerdem gedeihen bis zu 60 Meter über dem Waldboden unbekannte Pflanzenarten sowie Viren und Bakterien. Bisher war der Lebensraum über den Wipfeln des Dschungels nur schwer zugänglich – dabei birgt er wohl ungeahnte Heil- und Nutzpflanzen.


Mithilfe der „Tropen-Seilbahn“ COPAS untersuchen Forscher die Baumkronen des Regenwalds in Französisch-Guyana

Foto: CNRS Guyane


Die Seilbahn-Konstruktion basiert auf Masten, die bis zu 52 Meter hoch sind

Foto: AG Gottsberger

Jetzt ermöglicht eine von Ulmer Forschern erdachte „Seilbahn“ einen sicheren Zugang zu den Baumkronen, ohne das Ökosystem zu stören. Ende September wird die Konstruktion in Französisch-Guyana in Betrieb genommen. Finanzielle und politische Schwierigkeiten sowie ein Doppelmord hatten das Projekt immer wieder zurückgeworfen.

„Auf der Welt gibt es bis zu 10 Millionen Lebewesen, von denen nur etwa 1,8 Millionen bekannt sind. Viele unentdeckte Arten leben in der Tiefsee oder in den Baumkronen tropischer Regenwälder“, sagt Professor Gerhard Gottsberger, ehemaliger Leiter der Ulmer Abteilung für Spezielle Botanik sowie des Botanischen Gartens. Den schwer zugänglichen Lebensraum Baumkrone zu erforschen, hat sich der 73-jährige Biologe zur Aufgabe gemacht. Aber was zeichnet die tropischen Baumwipfel aus?

Die Blätterkronen sind in sich stark zergliedert und schaffen durch Wasseransammlungen Kleinstlebensräume mit einem stark differenzierten Mikroklima. Über die „Bewohner“ und ihre Wechselbeziehungen ist noch wenig bekannt. Dabei sind Baumkronen ein wichtiger Bestandteil des bedrohten Ökosystems Regenwald, das unser Weltklima mitbestimmt. 

Wer die Kronen tropischer Wälder erkunden wollte, musste bisher ziemlich sportlich sein und die Bäume mit dem Kletterseil erklimmen. Komfortablere Alternativen wie fest installierte Hängebrücken oder sogar ein Kran stören das komplexe Zusammenspiel der Natur und lassen sich nicht in jedem Gelände realisieren. Bereits vor 24 Jahren hatten der Ulmer Professor Gottsberger und sein damaliger Mitarbeiter Joachim Döring (Universität Gießen) die zündende Idee.

Eine Art Seilbahn sollte für einen permanenten, sicheren Zugang zu den „obersten Etagen des Tropenwalds“ sorgen. Die Konstruktion ist so einfach wie genial: Zwei bis zu 52 Meter hohe Masten werden mit einem Stahlseil verbunden. Ein drittes, bewegliches Seil, an dem die Gondel hängt, führt zu einem weiteren Mast. Die Gondel lässt sich elektrisch steuern und verschafft den Forschern Zugriff auf eine Fläche von rund 15 000 Quadratmetern. Das System COPAS (Canopy Operation Permanent Access System) ist beliebig erweiterbar – größere Bäume müssen nicht gefällt werden.

Der Ulmer Biologe hatte erwartungsgemäß keine Probleme, deutsche, französische und niederländische Forscherkollegen für die „Tropen-Seilbahn“ zu begeistern. Eine Anschubfinanzierung der Körber-Stiftung („Körber Preis für die Europäische Wissenschaft“) über 1,25 Millionen D-Mark ermöglichte bereits 1996 die Beauftragung von Stahlbaufirmen aus dem Ulmer Umland. Und auch Forschungsziele waren schnell definiert:

Mithilfe des Systems wollten die Wissenschaftler die Verteilung und Artzugehörigkeit der Baumkronen-Bewohner erfassen sowie den Wasser- und Nährstoffhaushalt der Blätterkronen verstehen. Ihr weiteres Interesse galt der Produktion von Biomasse und der Reproduktionsbiologie der größtenteils unerforschten Lebensgemeinschaften in schwindelerregender Höhe.

Erste Tests verliefen hervorragend: „Im Jahr 2000 haben wir COPAS im Botanischen Garten der Ulmer Universität aufgebaut und ausprobiert“, so Gerhard Gottsberger. Wenig später sollte das System an seinen Bestimmungsort, das Naturschutzgebiet „Les Nouragues“ im südamerikanischen Französisch-Guyana, gebracht werden.

Die internationale Gruppe hatte sich für das Überseedépartement entschieden, weil der „größte Regenwald der Europäischen Union“ relativ unberührt ist und eine Dachorganisation französischer Wissenschaftsorganisationen („Silvolab Guyane“) dort Forschungsstationen betreibt. Doch bereits die Schiffsreise stand unter keinem guten Stern: Irrtümlicherweise landete die Stahlkonstruktion auf einer Karibikinsel. Endlich am Bestimmungsort angekommen, bremsten dann finanzielle und technische Schwierigkeiten das Projekt aus.

„Um 2003 mussten wir einen weiteren Rückschlag erleben. Im Nationalpark wurde Gold gefunden, was Glücksritter anlockte. Negativer Höhepunkt des Goldrauschs war ein Doppelmord in einer Forschungsstation.“, erinnert sich der Ideengeber. Erst das Eingreifen der nicht gerade als zimperlich bekannten Fremdenlegion beendete die Anarchie im Regenwald. Mittlerweile ist das Gebiet wieder sicher und sogar malariafrei. Allerdings genießen viele Initiatoren von COPAS bereits den wohlverdienten Ruhestand – so auch Gerhard Gottsberger. Das hält den Ulmer Biologen jedoch nicht davon ab, zur Eröffnung der „Tropen-Seilbahn“ am 20. September nach Französisch-Guyana zu reisen und einige Tage später mit der Erforschung der Baumkronen zu beginnen.

„Keiner hat mehr an die Realisierung des Projekts geglaubt. Doch gerade ist unser System am Bestimmungsort von einem französischen Minister getestet worden“, sagt der Forscher. Sein erstes Projekt wird eine Insekten-Inventur und die Untersuchung der Bestäubungsbiologie auf den höchsten blühenden Bäumen sein.

Ursprünglich sollten auch die Rolle von Ameisen für das Ökosystem Baumkrone, die Verbreitung von Samen durch Affen und Fledermäuse sowie etwa die Fortpflanzungs- und Ausbreitungsbiologie bestimmter Pflanzen – besonders von Epiphyten („Aufsitzerpflanzen“) – untersucht werden.

Gerhard Gottsberger hofft, dass sich seine jungen Ulmer Kollegen für einige dieser Projekte begeistern können und betont: „Durch unsere Forschung zeigen wir hoffentlich auch, wie wichtig der Schutz des Regenwalds ist. Wer ihn zerstört, sägt am eigenen Ast“.

Weitere Informationen:
Prof. Dr. Gerhard Gottsberger

gerhard.gottsberger@uni-ulm.de

Annika Bingmann | idw - Informationsdienst Wissenschaft
Weitere Informationen:
http://www.uni-ulm.de/

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Ökologie Umwelt- Naturschutz:

nachricht Mit Urzeitalgen zu gesundem Wasser: Wirtschaftliches Verfahren zur Beseitigung von EDC im Abwasser
27.04.2017 | Technische Universität Bergakademie Freiberg

nachricht Plastik – nicht nur Müll
26.04.2017 | Max-Planck-Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaften e.V.

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Ökologie Umwelt- Naturschutz >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: TU Chemnitz präsentiert weltweit einzigartige Pilotanlage für nachhaltigen Leichtbau

Wickelprinzip umgekehrt: Orbitalwickeltechnologie soll neue Maßstäbe in der großserientauglichen Fertigung komplexer Strukturbauteile setzen

Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Bundesexzellenzclusters „Technologiefusion für multifunktionale Leichtbaustrukturen" (MERGE) und des Instituts für...

Im Focus: Smart Wireless Solutions: EU-Großprojekt „DEWI“ liefert Innovationen für eine drahtlose Zukunft

58 europäische Industrie- und Forschungspartner aus 11 Ländern forschten unter der Leitung des VIRTUAL VEHICLE drei Jahre lang, um Europas führende Position im Bereich Embedded Systems und dem Internet of Things zu stärken. Die Ergebnisse von DEWI (Dependable Embedded Wireless Infrastructure) wurden heute in Graz präsentiert. Zu sehen war eine Fülle verschiedenster Anwendungen drahtloser Sensornetzwerke und drahtloser Kommunikation – von einer Forschungsrakete über Demonstratoren zur Gebäude-, Fahrzeug- oder Eisenbahntechnik bis hin zu einem voll vernetzten LKW.

Was vor wenigen Jahren noch nach Science-Fiction geklungen hätte, ist in seinem Ansatz bereits Wirklichkeit und wird in Zukunft selbstverständlicher Teil...

Im Focus: Weltweit einzigartiger Windkanal im Leipziger Wolkenlabor hat Betrieb aufgenommen

Am Leibniz-Institut für Troposphärenforschung (TROPOS) ist am Dienstag eine weltweit einzigartige Anlage in Betrieb genommen worden, mit der die Einflüsse von Turbulenzen auf Wolkenprozesse unter präzise einstellbaren Versuchsbedingungen untersucht werden können. Der neue Windkanal ist Teil des Leipziger Wolkenlabors, in dem seit 2006 verschiedenste Wolkenprozesse simuliert werden. Unter Laborbedingungen wurden z.B. das Entstehen und Gefrieren von Wolken nachgestellt. Wie stark Luftverwirbelungen diese Prozesse beeinflussen, konnte bisher noch nicht untersucht werden. Deshalb entstand in den letzten Jahren eine ergänzende Anlage für rund eine Million Euro.

Die von dieser Anlage zu erwarteten neuen Erkenntnisse sind wichtig für das Verständnis von Wetter und Klima, wie etwa die Bildung von Niederschlag und die...

Im Focus: Nanoskopie auf dem Chip: Mikroskopie in HD-Qualität

Neue Erfindung der Universitäten Bielefeld und Tromsø (Norwegen)

Physiker der Universität Bielefeld und der norwegischen Universität Tromsø haben einen Chip entwickelt, der super-auflösende Lichtmikroskopie, auch...

Im Focus: Löschbare Tinte für den 3-D-Druck

Im 3-D-Druckverfahren durch Direktes Laserschreiben können Mikrometer-große Strukturen mit genau definierten Eigenschaften geschrieben werden. Forscher des Karlsruher Institus für Technologie (KIT) haben ein Verfahren entwickelt, durch das sich die 3-D-Tinte für die Drucker wieder ‚wegwischen‘ lässt. Die bis zu hundert Nanometer kleinen Strukturen lassen sich dadurch wiederholt auflösen und neu schreiben - ein Nanometer entspricht einem millionstel Millimeter. Die Entwicklung eröffnet der 3-D-Fertigungstechnik vielfältige neue Anwendungen, zum Beispiel in der Biologie oder Materialentwicklung.

Beim Direkten Laserschreiben erzeugt ein computergesteuerter, fokussierter Laserstrahl in einem Fotolack wie ein Stift die Struktur. „Eine Tinte zu entwickeln,...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Internationaler Tag der Immunologie - 29. April 2017

28.04.2017 | Veranstaltungen

Kampf gegen multiresistente Tuberkulose – InfectoGnostics trifft MYCO-NET²-Partner in Peru

28.04.2017 | Veranstaltungen

123. Internistenkongress: Traumata, Sprachbarrieren, Infektionen und Bürokratie – Herausforderungen

27.04.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Über zwei Millionen für bessere Bordnetze

28.04.2017 | Förderungen Preise

Symbiose-Bakterien: Vom blinden Passagier zum Leibwächter des Wollkäfers

28.04.2017 | Biowissenschaften Chemie

Wie Pflanzen ihre Zucker leitenden Gewebe bilden

28.04.2017 | Biowissenschaften Chemie