Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Renaissance der Kohle: China war erst der Anfang

07.07.2015

Nicht allein China sondern auch andere vergleichsweise arme und zugleich schnell wachsende Entwicklungsländer stillen ihren steigenden Energiehunger zunehmend durch billige Kohle. Diese strukturelle Veränderung führt dazu, dass sie den globalen Anstieg der CO2-Emissionen maßgeblich beschleunigen – und zu vielen kleinen und großen neuen Chinas bei den CO2-Emissionen werden. Inzwischen hat diese Staatengruppe, zu der Länder wie Indien, Indonesien oder Vietnam gehören, bereits ihre Kohleemissionen mehr als verdoppelt. Ihr Anteil an den weltweiten Emissionen ist daher von 38 Prozent im Jahr 2000 auf 54 Prozent im Jahr 2011 gewachsen.

Das sind einige der Kernergebnisse der neuen Untersuchung „Drivers for the renaissance of coal“. Jan Christoph Steckel, Ottmar Edenhofer und Michael Jakob vom Mercator Research Institute on Global Commons and Climate Change (MCC) haben diese jetzt im Fachmagazin Proceedings of the National Academy of Sciences of the United States of America (PNAS) veröffentlicht.

Die neuen Forschungsresultate haben große Bedeutung für die Klimaverhandlungen auf dem Weg zu der wichtigsten Konferenz des Jahres Ende 2015 in Paris. Bisher wurde China in den Fokus gerückt. Der weltgrößte Kohleverbraucher hat in diesem Kontext nun angekündigt, seine Kohlendioxid-Emissionen gemessen an der Wirtschaftsleistung bis 2030 um 60 bis 65 Prozent gegenüber 2005 reduzieren.

Zudem soll bis dahin der CO2-Ausstoß möglichst den Höhepunkt erreichen und der Anteil der nicht-fossilen Energie von heute 11,2 auf 20 Prozent steigen. China hatte in der Vergangenheit argumentiert, als Entwicklungsland dürfe es zum Schutz seiner Wirtschaft nicht zu strenge Klimavorgaben setzen.

„Chinas Ankündigung ist ein Schritt in die richtige Richtung, Freudensprünge wären aber verfehlt. Denn bislang hat die internationale Klimapolitik die Staaten zu wenig auf dem Schirm, die – noch – bei den Gesamtemissionen in der zweiten oder dritten Liga spielen“, sagt Jan Christoph Steckel, Leitautor des Artikels und Leiter der MCC-Arbeitsgruppe Klimaschutz und Entwicklung.

„Tatsächlich sind viele Staaten in Asien und Afrika derzeit aber dabei, stark in neue Kohlekapazitäten zu investieren und der sehr billigen Kohle zu einer nachhaltigen Renaissance zu verhelfen. Wenn das passiert, wird ambitionierter Klimaschutz extrem schwierig.“

Im Detail zeigt die Studie, dass Entwicklungs- und Schwellenländer ihren jährlichen Kohleverbrauch von gut einer Gigatonne im Jahr 1990 auf rund 3,7 Gigatonnen im Jahr 2011 gesteigert haben. Aufgrund des zunehmend globalisierten Kohlemarktes spielen die nationalen Vorkommen im Boden eine immer geringere Rolle. Relevanter ist dagegen, dass der Weltmarktpreis pro Energieeinheit aus Kohle deutlich billiger ist als der für andere Energieformen wie beispielsweise den Erneuerbaren.

Die Forschungsergebnisse verdeutlichen auch, wie sehr sich die armen aber schnell wachsenden Entwicklungsländer durch den massiven Bau neuer Kohlekraftwerke in eine Pfadabhängigkeit bei ihrer Energiepolitik begeben. Diese könnten der Welt auf Jahrzehnte steigende CO2-Emissionen bescheren. „Derzeit torpediert die weltweite Renaissance der Kohle die CO2-Einsparungen, die die erneuerbaren Energien leisten. Denn das ökonomische Wachstum der Ärmsten auf dieser Erde wird durch billige Kohle befeuert“, sagt MCC-Direktor Ottmar Edenhofer.

„Wir brauchen eine schnelle und effektive CO2-Bepreisung, um den armen und zugleich schnell wachsenden Entwicklungsländern einen alternativen Pfad zur Kohle aufzuzeigen. Die Einnahmen daraus könnten für den Aufbau einer CO2-freien Infrastruktur verwendet werden – und so zugleich den Armen zu Gute kommen.“

Dies ist vor allem mit Blick auf die unmittelbar bevorstehende internationale Konferenz zur Entwicklungsfinanzierung in Addis Abeba von hoher Relevanz. Dort wollen sich die Vereinten Nationen auf einen neuen Ansatz für eine nachhaltige Entwicklungsfinanzierung verständigen.

„Die Industriestaaten sollten stärker berücksichtigen, dass viele Entwicklungsländer so sehr auf Kohle setzen, weil sie der Armut entkommen wollen“, sagt MCC-Forscher Michael Jakob. „Wenn ein Entwicklungsland aus der Kohle aussteigt, sollte es daher Unterstützung bei der Förderung anderer Technologien erhalten.“

Über das MCC
Das MCC erforscht nachhaltiges Wirtschaften sowie die Nutzung von Gemeinschaftsgütern wie globalen Umweltsystemen und sozialen Infrastrukturen vor dem Hintergrund des Klimawandels. Sieben Arbeitsgruppen forschen zu den Themen Wirtschaftswachstum und -entwicklung, Ressourcen und Internationaler Handel, Städte und Infrastrukturen, Governance sowie wissenschaftliche Politikberatung.

Weitere Informationen:

Steckel, Jan Christoph; Edenhofer, O.; Jakob, M. (2015): Drivers for the renaissance of coal, Proceedings of the National Academy of Sciences of the United States of America, doi: 10.1073/pnas.1422722112

Weitere Informationen:

http://www.mcc-berlin.net

Fabian Löhe | idw - Informationsdienst Wissenschaft

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Ökologie Umwelt- Naturschutz:

nachricht Ein neuer Indikator für marine Ökosystem-Veränderungen - der Dia/Dino-Index
21.08.2017 | Leibniz-Institut für Ostseeforschung Warnemünde

nachricht Fernerkundung für den Naturschutz
17.08.2017 | Hochschule München

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Ökologie Umwelt- Naturschutz >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Wissenschaftler entdecken seltene Ordnung von Elektronen in einem supraleitenden Kristall

In einem Artikel der aktuellen Ausgabe des Forschungsmagazins „Nature“ berichten Wissenschaftler vom Max-Planck-Institut für Chemische Physik fester Stoffe in Dresden von der Entdeckung eines seltenen Materiezustandes, bei dem sich die Elektronen in einem Kristall gemeinsam in einer Richtung bewegen. Diese Entdeckung berührt eine der offenen Fragestellungen im Bereich der Festkörperphysik: Was passiert, wenn sich Elektronen gemeinsam im Kollektiv verhalten, in sogenannten „stark korrelierten Elektronensystemen“, und wie „einigen sich“ die Elektronen auf ein gemeinsames Verhalten?

In den meisten Metallen beeinflussen sich Elektronen gegenseitig nur wenig und leiten Wärme und elektrischen Strom weitgehend unabhängig voneinander durch das...

Im Focus: Wie ein Bakterium von Methanol leben kann

Bei einem Bakterium, das Methanol als Nährstoff nutzen kann, identifizierten ETH-Forscher alle dafür benötigten Gene. Die Erkenntnis hilft, diesen Rohstoff für die Biotechnologie besser nutzbar zu machen.

Viele Chemiker erforschen derzeit, wie man aus den kleinen Kohlenstoffverbindungen Methan und Methanol grössere Moleküle herstellt. Denn Methan kommt auf der...

Im Focus: Topologische Quantenzustände einfach aufspüren

Durch gezieltes Aufheizen von Quantenmaterie können exotische Materiezustände aufgespürt werden. Zu diesem überraschenden Ergebnis kommen Theoretische Physiker um Nathan Goldman (Brüssel) und Peter Zoller (Innsbruck) in einer aktuellen Arbeit im Fachmagazin Science Advances. Sie liefern damit ein universell einsetzbares Werkzeug für die Suche nach topologischen Quantenzuständen.

In der Physik existieren gewisse Größen nur als ganzzahlige Vielfache elementarer und unteilbarer Bestandteile. Wie das antike Konzept des Atoms bezeugt, ist...

Im Focus: Unterwasserroboter soll nach einem Jahr in der arktischen Tiefsee auftauchen

Am Dienstag, den 22. August wird das Forschungsschiff Polarstern im norwegischen Tromsø zu einer besonderen Expedition in die Arktis starten: Der autonome Unterwasserroboter TRAMPER soll nach einem Jahr Einsatzzeit am arktischen Tiefseeboden auftauchen. Dieses Gerät und weitere robotische Systeme, die Tiefsee- und Weltraumforscher im Rahmen der Helmholtz-Allianz ROBEX gemeinsam entwickelt haben, werden nun knapp drei Wochen lang unter Realbedingungen getestet. ROBEX hat das Ziel, neue Technologien für die Erkundung schwer erreichbarer Gebiete mit extremen Umweltbedingungen zu entwickeln.

„Auftauchen wird der TRAMPER“, sagt Dr. Frank Wenzhöfer vom Alfred-Wegener-Institut, Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung (AWI) selbstbewusst. Der...

Im Focus: Mit Barcodes der Zellentwicklung auf der Spur

Darüber, wie sich Blutzellen entwickeln, existieren verschiedene Auffassungen – sie basieren jedoch fast ausschließlich auf Experimenten, die lediglich Momentaufnahmen widerspiegeln. Wissenschaftler des Deutschen Krebsforschungszentrums stellen nun im Fachjournal Nature eine neue Technik vor, mit der sich das Geschehen dynamisch erfassen lässt: Mithilfe eines „Zufallsgenerators“ versehen sie Blutstammzellen mit genetischen Barcodes und können so verfolgen, welche Zelltypen aus der Stammzelle hervorgehen. Diese Technik erlaubt künftig völlig neue Einblicke in die Entwicklung unterschiedlicher Gewebe sowie in die Krebsentstehung.

Wie entsteht die Vielzahl verschiedener Zelltypen im Blut? Diese Frage beschäftigt Wissenschaftler schon lange. Nach der klassischen Vorstellung fächern sich...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

International führende Informatiker in Paderborn

21.08.2017 | Veranstaltungen

Wissenschaftliche Grundlagen für eine erfolgreiche Klimapolitik

21.08.2017 | Veranstaltungen

DGI-Forum in Wittenberg: Fake News und Stimmungsmache im Netz

21.08.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Fraunhofer IPM präsentiert »Deep Learning Framework« zur automatisierten Interpretation von 3D-Daten

22.08.2017 | Informationstechnologie

Globale Klimaextreme nach Vulkanausbrüchen

22.08.2017 | Geowissenschaften

RWI/ISL-Containerumschlag-Index erreicht neuen Höchstwert

22.08.2017 | Wirtschaft Finanzen