Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Ökobilanzen der Empa für "umweltgerechte" Meetings - Dabei sein ist nicht alles

27.08.2008
Im Berufsalltag mit Geschäftsreisen, Fachtagungen und Meetings ist schnell vergessen, dass das Reisen massive Auswirkungen auf die Umwelt hat.

Für umweltbewusste Unternehmen stellt sich daher die Frage, ob sie immer überall physisch dabei sein müssen oder ob - moderne Informations- und Kommunikationstechnologien machen es möglich - sie auch virtuell teilnehmen können.

Und ob dabei tatsächlich weniger klimaschädliche Gase in die Atmosphäre geblasen werden. Denn auch Server, Computer und Co. brauchen Energie. Am "Tag der Informatik" am 29. August im Technopark Zürich lässt sich am Stand der Firma Microsoft testen, ob und wie viel CO2 eingespart werden kann, wenn statt eines "echten" Meetings eine Videokonferenz abgehalten wird. Mit Ökobilanzstudien und der "ecoinvent"-Datenbank vergleichen Empa-Forscher, wo welche Umweltbelastungen auftreten.

Die Führung eines internationalen Unternehmens möchte in Zürich eine einstündige Geschäftsleitungssitzung abhalten, ein Mitglied müsste dazu eigens aus London anreisen. Was, so fragt sich die Geschäftsleitung, ist umweltfreundlicher - eine Telekonferenz via Internet oder eine tatsächliche Anreise mit Auto, Zug oder Flugzeug? Und ist der Unterschied wirklich markant oder vernachlässigbar? Soweit die hypothetische Ausgangslage, die der Empa-Forscher Roland Hischier von der Abteilung "Technologie und Gesellschaft" mit Hilfe von Daten aus "ecoinvent" analysiert hat, einer weltweit einzigartigen wissenschaftlichen Datenbank für Ökobilanz-Basisdaten, die von Empa-Forschern miterstellt wurde und deren Leitung bei der Empa liegt.

Von Microsoft bekam Hischier eine Liste sämtlicher Geräte, die für eine solche Videokonferenz notwendig sind - Laptop, Videokamera, Beamer, Server, Router und dergleichen - samt dazugehörigem Stromverbrauch und weitere technische Angaben wie Übertragungsraten und benötigte Kühlleistung. Damit sowie mit den "ecoinvent"-Daten zu Elektronik, Stromproduktion sowie den verschiedenen Anreisevarianten berechnete der Empa-Forscher dann den Ausstoss an Treibhausgasen, gemessen in CO2-Äquivalenten.

Je länger der Anreiseweg, desto vorteilhafter sind virtuelle Treffen für die Umwelt

Dabei ergab sich ein deutliches Bild: Bei der realen Reise geht es vor allem um den Energieverbrauch der Verkehrsmittel, also von Zug, Auto oder Flugzeug; mehr als 99.8 Prozent der Umweltbelastung wird dadurch verursacht - unabhängig davon, wie man reist. Doch auch eine Videoschaltung via Internet verbraucht jede Menge Energie; Server, Router, Laptops und Beamer müssen betrieben und teils aufwändig gekühlt werden, sie sind dadurch für rund 95 Prozent der Treibhausgasemissionen verantwortlich.

Allerdings unterscheiden sich die verschiedenen Varianten massiv in der Menge der verursachten Treibhausgasemissionen. Das virtuelle Meeting schneidet mit lediglich 20 Kilogramm CO2-Äquivalent mit Abstand am besten ab; diese gehen fast vollständig auf das Konto der Datenübertragung via Internet. Die günstigste Reisevariante - der Zug, in diesem Fall ein Hochgeschwindigkeitszug über Paris - bringt es auf 108 Kilogramm - rund fünfmal mehr -, Flugzeug und Auto dagegen auf 315 beziehungsweise 373 Kilogramm CO2-Äquivalent; sie stossen also zwischen 16- bis 18-mal mehr Treibhausgase aus.

Der Zug ist mit Abstand das umweltfreundlichste Reisemittel

Zudem berechnete Hischier, wie die Reisedistanz sich auf das Ergebnis auswirkt. Sprich: Bis zu welcher Entfernung ist eine "echte" Anreise noch akzeptabel beziehungsweise sogar besser als ein virtuelles Meeting? Dabei kam der Empa-Forscher zu einem überraschenden Ergebnis: Bei Entfernungen unter 200 Kilometern ist es umweltfreundlicher, einen einzelnen Teilnehmer mit dem Zug anreisen zu lassen als eine Videoschaltung aufzubauen. "Das gilt allerdings nur für einen Reisenden", schränkt Roland Hischier ein. Reisen zwei Personen an, reduziert sich die Maximaldistanz bereits auf 100 Kilometer. Und bei 10 oder mehr Anreisenden - wie etwa bei Konferenzen und Tagungen - sind virtuelle Meetings dann bereits um ein Vielfaches umweltverträglicher als reale.

Dies ergab auch eine ältere Studie, in der Hischier zusammen mit Lorenz Hilty, dem Leiter der Empa-Abteilung "Technologie und Gesellschaft", die Umweltauswirkungen des von ihnen organisierten "International Environmental Informatics Symposium" in Zürich berechneten. Fazit der Studie: Mehr als 96 Prozent der Umweltbelastungen gehen auf das Konto der Reiseaktivitäten der mehr als 300 Konferenzteilnehmenden. Besonders frappant war, dass nur 6% von ihnen - diejenigen, die im Durchschnitt mehr als 8000 Kilometer anreisten - für fast zwei Drittel der Umweltbelastung verantwortlich waren. Zum Vergleich: Eine komplett virtuell abgehaltene Konferenz wäre dagegen rund 45-mal weniger umweltbelastend gewesen, ergaben Modellrechnungen der Empa-Forscher.

Die R'09 als "Zwischenlösung": eine Parallel-Konferenz an mehreren Orten

Da es bei Tagungen und Konferenzen auch um persönliche Kontakte geht und da vor allem die Transkontinentalflüge die Umwelt belasten, berechneten Hischier und Hilty eine dritte Variante: eine Parallel-Konferenz an verschiedenen Orten, in diesem Beispiel Zürich, Dallas und Tokio. Dadurch liess sich die Umweltbelastung nahezu halbieren. Diesen "Trick" wird Hilty nächstes Jahr bei der Organisation des "R'09 Twin World Congress on Resource Management and Technology for Material and Energy Efficiency" anwenden, der erneut von der Empa und der Schweizerischen Akademie der Technischen Wissenschaften in Davos organisiert wird - und der dann auch erstmals zeitgleich im japanischen Nagoya über die Bühne gehen wird. Selbstverständlich mit Live-Videoschaltungen zwischen den beiden Orten. "Als kleines Nebenprojekt werden wir untersuchen, wie die Teilnehmenden mit der Technologie zurechtkommen und wie viel CO2 wir dadurch einsparen konnten", so Hilty.

Weitere Informationen

Roland Hischier, Empa, Technologie und Gesellschaft,
Tel. +41 71 274 78 47, roland.hischier@empa.ch
Dr. Lorenz Hilty, Empa, Technologie und Gesellschaft,
Tel. +41 71 274 73 45, lorenz.hilty@empa.ch
Matthias Egli, Microsoft Schweiz, Kommunikationslösungen,
Tel. +41 78 844 60 55, megli@microsoft.com

Sabine Voser | idw
Weitere Informationen:
http://www.empa.ch

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Ökologie Umwelt- Naturschutz:

nachricht Hochmodernes Forschungsflugzeug fliegt zurzeit über Europa
17.07.2017 | Universität Bremen

nachricht Baumgrenze wird nicht allein durch das Klima bestimmt
03.07.2017 | Senckenberg Forschungsinstitut und Naturmuseen

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Ökologie Umwelt- Naturschutz >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Einblicke unter die Oberfläche des Mars

Die Region erstreckt sich über gut 1000 Kilometer entlang des Äquators des Mars. Sie heißt Medusae Fossae Formation und über ihren Ursprung ist bislang wenig bekannt. Der Geologe Prof. Dr. Angelo Pio Rossi von der Jacobs University hat gemeinsam mit Dr. Roberto Orosei vom Nationalen Italienischen Institut für Astrophysik in Bologna und weiteren Wissenschaftlern einen Teilbereich dieses Gebietes, genannt Lucus Planum, näher unter die Lupe genommen – mithilfe von Radarfernerkundung.

Wie bei einem Röntgenbild dringen die Strahlen einige Kilometer tief in die Oberfläche des Planeten ein und liefern Informationen über die Struktur, die...

Im Focus: Molekulares Lego

Sie können ihre Farbe wechseln, ihren Spin verändern oder von fest zu flüssig wechseln: Eine bestimmte Klasse von Polymeren besitzt faszinierende Eigenschaften. Wie sie das schaffen, haben Forscher der Uni Würzburg untersucht.

Bei dieser Arbeit handele es sich um ein „Hot Paper“, das interessante und wichtige Aspekte einer neuen Polymerklasse behandelt, die aufgrund ihrer Vielfalt an...

Im Focus: Das Universum in einem Kristall

Dresdener Forscher haben in Zusammenarbeit mit einem internationalen Forscherteam einen unerwarteten experimentellen Zugang zu einem Problem der Allgemeinen Realitätstheorie gefunden. Im Fachmagazin Nature berichten sie, dass es ihnen in neuartigen Materialien und mit Hilfe von thermoelektrischen Messungen gelungen ist, die Schwerkraft-Quantenanomalie nachzuweisen. Erstmals konnten so Quantenanomalien in simulierten Schwerfeldern an einem realen Kristall untersucht werden.

In der Physik spielen Messgrößen wie Energie, Impuls oder elektrische Ladung, welche ihre Erscheinungsform zwar ändern können, aber niemals verloren gehen oder...

Im Focus: Manipulation des Elektronenspins ohne Informationsverlust

Physiker haben eine neue Technik entwickelt, um auf einem Chip den Elektronenspin mit elektrischen Spannungen zu steuern. Mit der neu entwickelten Methode kann der Zerfall des Spins unterdrückt, die enthaltene Information erhalten und über vergleichsweise grosse Distanzen übermittelt werden. Das zeigt ein Team des Departement Physik der Universität Basel und des Swiss Nanoscience Instituts in einer Veröffentlichung in Physical Review X.

Seit einigen Jahren wird weltweit untersucht, wie sich der Spin des Elektrons zur Speicherung und Übertragung von Information nutzen lässt. Der Spin jedes...

Im Focus: Manipulating Electron Spins Without Loss of Information

Physicists have developed a new technique that uses electrical voltages to control the electron spin on a chip. The newly-developed method provides protection from spin decay, meaning that the contained information can be maintained and transmitted over comparatively large distances, as has been demonstrated by a team from the University of Basel’s Department of Physics and the Swiss Nanoscience Institute. The results have been published in Physical Review X.

For several years, researchers have been trying to use the spin of an electron to store and transmit information. The spin of each electron is always coupled...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Den Geheimnissen der Schwarzen Löcher auf der Spur

21.07.2017 | Veranstaltungen

Den Nachhaltigkeitskreis schließen: Lebensmittelschutz durch biobasierte Materialien

21.07.2017 | Veranstaltungen

Operatortheorie im Fokus

20.07.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Einblicke unter die Oberfläche des Mars

21.07.2017 | Geowissenschaften

Wegbereiter für Vitamin A in Reis

21.07.2017 | Biowissenschaften Chemie

Den Geheimnissen der Schwarzen Löcher auf der Spur

21.07.2017 | Veranstaltungsnachrichten