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Neues Verfahren ermöglicht Gesamtrisikokarten für Hochwassergebiete

19.05.2009
Hochwasserrisikokarten können künftig nicht nur ökonomische sondern auch soziale und ökologische Risiken aufzeigen.

Wissenschaftler des Helmholtz-Zentrums für Umweltforschung (UFZ) und der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg haben dazu ein Verfahren entwickelt, das auf regionaler Ebene erlaubt, verschiedenste Kriterien in diese Karten einfließen zu lassen. Bisher wurden in der Regel nur Werte berücksichtigt, die in Euro und Cent beziffert werden konnten. Immaterielle Werte blieben so jedoch unberücksichtigt.

Eine neue EU-Hochwasser-Richtlinie fordert von allen Mitgliedsstaaten, entsprechende Risikokarten bis 2013 zu erstellen und zu veröffentlichen. Damit sollen Planer und Anwohner von Flüssen die Möglichkeit haben, sich auf potentielle Gefahren vorzubereiten und Vorsorge treffen zu können.

Das neue Verfahren wurde am Beispiel des Elbzuflusses Mulde erarbeitet. Für die Vereinigte Mulde in Sachsen wurden dabei neben den sonst üblichen ökonomischen Hochwasserschäden auch soziale und ökologische Risiken dargestellt. Damit sei es möglich, die Sichtweise von verschiedensten Interessengruppen zu visualisieren. Diese Diskussionsgrundlage könne helfen, eine allgemein akzeptierte Lösung zu finden, so die Forscher. "Eine Visualisierung der einzelnen Effekte von Überflutungen kann dazu beigetragen, einen Konsens zwischen wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und ökologischen Interessen zu schaffen", erzählt Dr. Volker Meyer vom UFZ.

"Es ist nun einmal schwierig, alle möglichen Effekte in Geld auszudrücken. Unser Ansatz ermöglicht es, alle Auswirkungen trotzdem gemeinsam darzustellen und ist damit eine gute Basis für Verhandlungen." Mit welchen Gewicht welche Effekte hierbei eingehen, ist letztlich eine Frage, die die Betroffenen untereinander diskutieren müssen, um einen allgemein akzeptierten Konsens beim Hochwasserschutz zu erreichen. "Kochbuchlösungen gibt es nun mal im Hochwasserschutz nicht", ergänzt Dr. Dagmar Haase vom UFZ. "Unser Verfahren kann dazu beitragen, dass schwächere, aber trotzdem stark betroffene Gruppen gleichberechtigt mit am Verhandlungstisch sitzen."

Bisher wurden vor allem ökologische Risiken bei der Bewertung kaum berücksichtigt. Als Beispiel nennen die Forscher neben der Verunreinigung durch Schadstoffe auch das Risiko der Eutrophierung von wertvollen Naturflächen: Durch Flusswasser können nährstoffarme Standorte gefährdet werden, auf denen speziell angepasste Arten nach einer Überflutung und der damit verbundenen Düngung des Bodes plötzlich Konkurrenz durch andere Arten bekommen. "Oder zum Beispiel der Spitzahorn. Diese Baumart hat eine ganz geringe Flutresistenz von ungefähr elf Tagen. Wenn diese überschritten ist, dann fallen die Bäume wirklich um - zum Leidwesen der Förster und Waldbesitzer", erklärt Dagmar Haase. Auch soziale Risiken können mit dem Verfahren dargestellt werden, so z.B. die Anzahl der Betroffenen Einwohner aber auch durch Hochwasser Einrichtungen wie Krankenhäuser, Kindergärten oder Altenheime die durch Hochwasser besonders verwundbar sind.

Risikoanalysen gehen oft von den aktuellen Verhältnissen aus und schreiben diese einfach fort. Im Zuge des Klimawandels werden die Häufigkeit von Fluten und auch deren Stärke zunehmen. Das, was heute beispielsweise noch als 200jähriges Ereignis gilt, könnte künftig statistisch bereits alle 150 Jahre oder noch häufiger auftreten. Hier sehen die Wissenschaftler ebenfalls einen Vorteil des Softwaretools FLOODCALC, das innerhalb des Projektes entwickelt wurde, denn dessen Parameter können angepasst werden. Das neue Verfahren kann damit auch die Anpassung in Flusseinzugsgebieten an den Klimawandel unterstützen. Trotz aller Fortschritte legen die Wissenschaftler jedoch Wert darauf, dass die Unsicherheiten bei der Analyse von Hochwasserrisiken nach wie vor sehr groß seien. Trotz Verbesserungen solle man nicht suggerieren, dass es jemals die perfekte Abschätzung des Risikos gäbe.

Das Verfahren wird derzeit in mehreren Projekten weiterentwickelt: Zum einen wird der Ansatz im Rahmen einer Diplomarbeit auf die Stadt Leipzig übertragen. Zum anderen sollen innerhalb des Projektes RISK MAP Möglichkeiten einer stärkeren Einbeziehung lokaler Interessengruppen bei der Erstellung von Risikokarten untersucht werden.

Tilo Arnhold

Publikationen:
Meyer, V., Scheuer, S., Haase, D. (2009):
A multicriteria approach for flood risk mapping exemplified at the Mulde river, Germany
Natural Hazards 48 (1), 17-39
http://dx.doi.org/10.1007/s11069-008-9244-4
Die Untersuchung wurde von der Europäischen Union im Rahmen des Projektes FLOODsite gefördert.
Christine Kubal, Dagmar Haase (2009):
Hochwasserrisiko in Leipzig.
Statistischer Quartalsbericht 1/2009. Stadt Leipzig, Amt für Statistik und Wahlen
Weitere fachliche Informationen:
Dr. Volker Meyer, Dr. Dagmar Haase
Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ)
Telefon: 0341-235-1641, -1950
http://www.ufz.de/index.php?de=4715
http://www.ufz.de/index.php?en=4576
und
Dipl.-Geogr. Sebastian Scheuer
Institut für Geowissenschaften
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg
Telefon: 0345-55-26023
http://www.geo.uni-halle.de/geofern/mitglieder/scheuer/
oder über
Tilo Arnhold (UFZ-Pressestelle)
Telefon: 0341-235-1269
E-mail: presse@ufz.de
Weiterführende Links:
EU-Forschungsprojekt FLOODSite
http://www.floodsite.net/
FLOOD-ERA - Flood risk management strategies in European Member States:
http://www.ufz.de/index.php?de=14504
Im Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ) erforschen Wissenschaftler die Ursachen und Folgen der weit reichenden Veränderungen der Umwelt. Sie befassen sich mit Wasserressourcen, biologischer Vielfalt, den Folgen des Klimawandels und Anpassungsmöglichkeiten, Umwelt- und Biotechnologien, Bioenergie, dem Verhalten von Chemikalien in der Umwelt, ihrer Wirkung auf die Gesundheit, Modellierung und sozialwissenschaftlichen Fragestellungen. Ihr Leitmotiv: Unsere Forschung dient der nachhaltigen Nutzung natürlicher Ressourcen und hilft, diese Lebensgrundlagen unter dem Einfluss des globalen Wandels langfristig zu sichern. Das UFZ beschäftigt an den Standorten Leipzig, Halle und Magdeburg 900 Mitarbeiter. Es wird vom Bund sowie von Sachsen und Sachsen-Anhalt finanziert.

Die Helmholtz-Gemeinschaft leistet Beiträge zur Lösung großer und drängender Fragen von Gesellschaft, Wissenschaft und Wirtschaft durch wissenschaftliche Spitzenleistungen in sechs Forschungsbereichen: Energie, Erde und Umwelt, Gesundheit, Schlüsseltechnologien, Struktur der Materie, Verkehr und Weltraum. Die Helmholtz-Gemeinschaft ist mit 28.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in 15 Forschungszentren und einem Jahresbudget von rund 2,4 Milliarden Euro die größte Wissenschaftsorganisation Deutschlands. Ihre Arbeit steht in der Tradition des großen Naturforschers Hermann von Helmholtz (1821-1894).

Tilo Arnhold | Helmholtz-Zentrum
Weitere Informationen:
http://www.ufz.de/index.php?de=18112

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