Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Nagoya: Biotreibstoffe nicht länger auf Kosten der biologischen Vielfalt oder Ernährungssicherheit

01.11.2010
Die Umwandlung natürlicher Biotope und extensiv bewirtschafteter Flächen in intensiv bewirtschaftetes Ackerland sind laut UN-Bericht zum Zustand der globalen Biodiversität (GBO 3) Hauptursache für den Verlust der biologischen Vielfalt an Land. Einen großen Anteil an dieser Entwicklung trägt der aus Klimaschutzgründen geförderte Biotreibstoff-Boom.

Bei der Weltnaturschutzkonferenz in Nagoya weigerten sich die Profiteure dieses Booms lange, die negativen Auswirkungen anzuerkennen. Dennoch kam man am Ende zu einer verbindlichen Regelung. Welchen Einfluss Biokraftstoffe auf die Lebensvielfalt in Europa haben, beleuchtet Prof. Christina von Haaren (Universität Hannover) im NeFo-Interview.

Nächtelang zogen sich die zähen Verhandlungen der 193 UN-Unterzeichnerstaaten des Übereinkommens über die biologische Vielfalt (CBD) hin, um eine verbindliche Regelung zu finden, wie man zukünftig mit den Auswirkungen des Energiepflanzenanbaus auf die biologische Vielfalt umgehen will. Doch am letzten Tag der Konferenz in Nagoya kam doch eine Einigung zustande. Fast überraschend, meint Dr. Axel Paulsch vom Netzwerk-Forum zur Biodiversitätsforschung, der die Verhandlungen vor Ort verfolgt hat. „Es ist schon ein riesiger Schritt, dass es überhaupt zu einem gemeinsamen Beschlusstext gekommen ist, da u. a. Brasilien bisher eigentlich die Haltung hatte, Biotreibstoffe hätten keinen Einfluss auf die Biodiversität, man also gar nicht darüber reden müsse.“ Die Verhandler haben sich nun doch bewegt. Doch welche wesentlichen Durchbrüche sind das, von denen gesprochen wird?

Grundsätzlich sieht Ziel 7 des verabschiedeten Strategischen Plans vor, dass bis 2020 die gesamte Landwirtschaft nachhaltig betrieben werden soll. Würde diesem Leitsatz Folge geleistet, müsste die 2013 anstehende Agrarreform der EU eine deutliche Neuausrichtung vor allem ihrer Subventionen an Nachhaltigkeitskriterien bringen. „Um auch die Praxis von diesen Leitlinien zu überzeugen, müssen wir die Kosten für die Nutzung der Naturgüter in die Bilanzen der Bioenergie einbeziehen." sagt Christina von Haaren, Professorin für Landschaftsplanung und Naturschutz an der Universität Hannover, im NeFo-Interview. Diesen Ansatz verfolgt derzeit die TEEB-Studie (The Economics of Ecosystems and Biodiversity), die inzwischen auch in der Politik und Öffentlichkeit zunehmende Aufmerksamkeit bekommt.

Das Beschlusspapier zur Biokraftstoffen hält aber selbst einige wahre Durchbrüche bereit. Als Errungenschaft kann sicherlich die Formulierung von Paragraf vier im Text gewertet werden. Dort werden die Staaten „gedrängt“ („to urge“ ist die stärkst mögliche Aufforderung), die Auswirkungen auf Nahrungssicherheit lokaler Gemeinschaften zu berücksichtigen. Diese Formulierung hatte Afrika gefordert, das seine Kleinbauern, die zum größten Teil die Ernährung der Bevölkerung bestreiten, durch großindustriellen Biotreibstoffanbau gefährdet sieht.

In Paragraf 6 wurde auf Drängen der EU festgelegt, dass Biotreibstoffe in ihrer Ökobilanz nicht nur an Klimaauswirkungen gemessen werden, sondern nun die gesamte Wertschöpfungskette vom Anbau bis Verbrauch bewertet werden muss. Hiergegen hatte sich Brasilien lange gewehrt hatte. Beispielsweise führen Düngemittel und Transport zu erheblichen CO2-Emissionen, die die Kohlenstoffbilanz von Biokraftstoffen erheblich verschlechtern.

Gebiete von hohem Wert für die Erhaltung der biologischen Vielfalt sollen laut Paragraf 7 möglichst vom Anbau von Biokraftstoffen ausgenommen werden. Der Ausdruck der „areas of high biodiversity values„ war lange umstritten. Ein Problem hierbei sind allerdings die indirekten Effekte dieses Anbaus, bei dem beispielsweise Palmölplantagen Nahrungsmittelproduktion verdrängt, die dann auf solche Gebiete mit hohem Naturschutzwert ausweichen.

Auch einigten sich die Staatenvertreter auf das so genannte Vorsorgeprinzip im Umgang mit genveränderten Organismen. Genverändertes Saatgut solle nach Paragraf 16 nicht zum Einsatz kommen, bevor alle möglichen negativen Auswirkungen abgeklärt wurden.

Hintergründe:
Energiepflanzen sollen die Kohlenstoffemissionen der Wirtschaft und Gesellschaft sowie die Abhängigkeit von knapper und damit teurer werdenden Ölvorkommen verringern. Weltweit nimmt der Anbau von Ölsaaten wie Palmöl sowie Zuckerrohr, Mais und Getreide für die Bioäthanolproduktion rasant zu. Doch diese vermeintlichen Errungenschaften haben ihre Kehrseiten: Die Plantagen entstehen immer häufiger in wichtigen Lebensräumen mit einer hohen Artenvielfalt, die dadurch verloren geht.
In Europa wird vor allem wertvolles Grünland, das bisher als Rückzugsraum vieler Arten diente, hochsubventioniert in Raps- und Maisäcker umgewandelt. Die Folgen sind: Steigerung der Lebensmittelpreise, Erhöhung des Pestizid- und Düngemitteleinsatzes sowie des Wasser- und Flächenverbrauchs im Zuge einer Intensivierung der Landwirtschaft, Feinboden- und Humusschwund, Zerstörung wertvoller Ökosysteme, Biodiversitätsverlust und eine effektive Steigerung statt Verminderung der Treibhausgas-Emissionen, insbesondere wenn für den Anbau von Energiepflanzen Wälder abgeholzt oder Grünlandflächen umgebrochen werden.

Oft sind es nicht direkt die Produzenten des Biotreibstoffs, die auch die Rodungen vornehmen. Man spricht von sogenannten indirekten Effekten, wenn ehemalige Landnutzer, die ihr Land, wie z.B. Weideland zur Produktion von Energiepflanzen abgegeben haben, mit ihren Tieren auf Wildflächen ausweichen. Diese indirekten Effekte sind enorm und relativieren auch das ursprüngliche Ziel der Kohlenstoffeinsparung gegenüber fossiler Brennstoffe deutlich, wie eine Studie von 2009 in Brasilien deutlich macht. Diese berechnete, dass in dem untersuchten Gebiet allein die Rodung, die indirekt durch Zuckerrohr- und Sojaanbau für Ethanol durchgeführt wurden, CO2-Mengen freisetzte, die erst nach 250 Jahren Nutzung von Biokraftstoffen statt fossiler Brennstoffe wettgemacht wäre (Lapola et al., 2009).

Kontakt:
Sebastian Tilch
Öffentlichkeitsarbeit Netzwerk-Forum zur Biodiversitätsforschung
Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung – UFZ Leipzig
Department Naturschutzforschung
Tel. 0341/235-1062
Email: sebastian.tilch@ufz.de
Netzwerk-Forum zur Biodiversitätsforschung Deutschland ist ein Projekt im Rahmen von DIVERSITAS-Deutschland (www.diversitas-deutschland.de), gefördert durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung. Das Projekt wird maßgeblich durchgeführt durch das Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung – UFZ in Leipzig, das Museum für Naturkunde Berlin und die Universität Potsdam sowie die Mitglieder des DIVERSITAS-Deutschland Beirates.

Weitere Informationen und Hinweise zum NeFo-Projekt und Team unter http://www.biodiversity.de

Sebastian Tilch | idw
Weitere Informationen:
http://www.biodiversity.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Ökologie Umwelt- Naturschutz:

nachricht Saugmaschinen machen Waschwässer von Binnenschiffen sauberer
20.10.2017 | Ostbayerische Technische Hochschule Regensburg

nachricht Forscher untersuchen Pflanzenkohle als Basis für umweltfreundlichen Langzeitdünger
20.10.2017 | Eberhard Karls Universität Tübingen

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Ökologie Umwelt- Naturschutz >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Hochfeldmagnet am BER II: Einblick in eine versteckte Ordnung

Seit dreißig Jahren gibt eine bestimmte Uranverbindung der Forschung Rätsel auf. Obwohl die Kristallstruktur einfach ist, versteht niemand, was beim Abkühlen unter eine bestimmte Temperatur genau passiert. Offenbar entsteht eine so genannte „versteckte Ordnung“, deren Natur völlig unklar ist. Nun haben Physiker erstmals diese versteckte Ordnung näher charakterisiert und auf mikroskopischer Skala untersucht. Dazu nutzten sie den Hochfeldmagneten am HZB, der Neutronenexperimente unter extrem hohen magnetischen Feldern ermöglicht.

Kristalle aus den Elementen Uran, Ruthenium, Rhodium und Silizium haben eine geometrisch einfache Struktur und sollten keine Geheimnisse mehr bergen. Doch das...

Im Focus: Schmetterlingsflügel inspiriert Photovoltaik: Absorption lässt sich um bis zu 200 Prozent steigern

Sonnenlicht, das von Solarzellen reflektiert wird, geht als ungenutzte Energie verloren. Die Flügel des Schmetterlings „Gewöhnliche Rose“ (Pachliopta aristolochiae) zeichnen sich durch Nanostrukturen aus, kleinste Löcher, die Licht über ein breites Spektrum deutlich besser absorbieren als glatte Oberflächen. Forschern am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) ist es nun gelungen, diese Nanostrukturen auf Solarzellen zu übertragen und deren Licht-Absorptionsrate so um bis zu 200 Prozent zu steigern. Ihre Ergebnisse veröffentlichten die Wissenschaftler nun im Fachmagazin Science Advances. DOI: 10.1126/sciadv.1700232

„Der von uns untersuchte Schmetterling hat eine augenscheinliche Besonderheit: Er ist extrem dunkelschwarz. Das liegt daran, dass er für eine optimale...

Im Focus: Schnelle individualisierte Therapiewahl durch Sortierung von Biomolekülen und Zellen mit Licht

Im Blut zirkulierende Biomoleküle und Zellen sind Träger diagnostischer Information, deren Analyse hochwirksame, individuelle Therapien ermöglichen. Um diese Information zu erschließen, haben Wissenschaftler des Fraunhofer-Instituts für Lasertechnik ILT ein Mikrochip-basiertes Diagnosegerät entwickelt: Der »AnaLighter« analysiert und sortiert klinisch relevante Biomoleküle und Zellen in einer Blutprobe mit Licht. Dadurch können Frühdiagnosen beispielsweise von Tumor- sowie Herz-Kreislauf-Erkrankungen gestellt und patientenindividuelle Therapien eingeleitet werden. Experten des Fraunhofer ILT stellen diese Technologie vom 13.–16. November auf der COMPAMED 2017 in Düsseldorf vor.

Der »AnaLighter« ist ein kompaktes Diagnosegerät zum Sortieren von Zellen und Biomolekülen. Sein technologischer Kern basiert auf einem optisch schaltbaren...

Im Focus: Neue Möglichkeiten für die Immuntherapie beim Lungenkrebs entdeckt

Eine gemeinsame Studie der Universität Bern und des Inselspitals Bern zeigt, dass spezielle Bindegewebszellen, die in normalen Blutgefässen die Wände abdichten, bei Lungenkrebs nicht mehr richtig funktionieren. Zusätzlich unterdrücken sie die immunologische Bekämpfung des Tumors. Die Resultate legen nahe, dass diese Zellen ein neues Ziel für die Immuntherapie gegen Lungenkarzinome sein könnten.

Lungenkarzinome sind die häufigste Krebsform weltweit. Jährlich werden 1.8 Millionen Neudiagnosen gestellt; und 2016 starben 1.6 Millionen Menschen an der...

Im Focus: Sicheres Bezahlen ohne Datenspur

Ob als Smartphone-App für die Fahrkarte im Nahverkehr, als Geldwertkarten für das Schwimmbad oder in Form einer Bonuskarte für den Supermarkt: Für viele gehören „elektronische Geldbörsen“ längst zum Alltag. Doch vielen Kunden ist nicht klar, dass sie mit der Nutzung dieser Angebote weitestgehend auf ihre Privatsphäre verzichten. Am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) entsteht ein sicheres und anonymes System, das gleichzeitig Alltagstauglichkeit verspricht. Es wird nun auf der Konferenz ACM CCS 2017 in den USA vorgestellt.

Es ist vor allem das fehlende Problembewusstsein, das den Informatiker Andy Rupp von der Arbeitsgruppe „Kryptographie und Sicherheit“ am KIT immer wieder...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Das Immunsystem in Extremsituationen

19.10.2017 | Veranstaltungen

Die jungen forschungsstarken Unis Europas tagen in Ulm - YERUN Tagung in Ulm

19.10.2017 | Veranstaltungen

Bauphysiktagung der TU Kaiserslautern befasst sich mit energieeffizienten Gebäuden

19.10.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Forscher finden Hinweise auf verknotete Chromosomen im Erbgut

20.10.2017 | Biowissenschaften Chemie

Saugmaschinen machen Waschwässer von Binnenschiffen sauberer

20.10.2017 | Ökologie Umwelt- Naturschutz

Strukturbiologieforschung in Berlin: DFG bewilligt Mittel für neue Hochleistungsmikroskope

20.10.2017 | Förderungen Preise