Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Klimawandel stört Massenvermehrung des Grauen Lärchenwicklers

10.11.2010
Die wärmeren Temperaturen in den Alpen stören die zyklische Massenvermehrung des Grauen Lärchenwicklers.

Wissenschafter der Eidgenössischen Forschungsanstalt WSL fanden zusammen mit Kollegen aus den USA, Norwegen und Deutschland heraus, dass die markantesten Einbrüche in Jahrringbreite und Spätholzdichte, welche diese Schmetterlingsart im Lärchenholz verursacht, in den letzten Jahrzehnten von ursprünglich rund 1600 auf heute über 2000 m Meereshöhe angestiegen sind.

Dieses eindeutige Indiz für den Klimawandel und seine unmittelbare Auswirkung auf das Ökosystem des Insekts wirft die Frage auf, wo der Lärchenwickler einen Lebensraum finden wird, wenn die Temperaturen weiterhin ansteigen.

Anhand von vielen tausend Jahrringdaten von Lärchen aus den Europäischen Alpen sowie mittels der ökologischen Modellierung von Veränderungen im Populationswachstum haben Klima- und Umweltwissenschaftler der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL) zusammen mit Kollegen aus den USA, Norwegen und Deutschland eine Erklärung für das Ausbleiben, beziehungsweise die geringere Intensität zyklischer Massenvermehrungen des Grauen Lärchenwicklers (Zeiraphera diniana) seit Anfang der 1980er Jahre gefunden.

Sie zeigen in einer aktuellen Studie, die in der renommierten Fachzeitschrift PNAS (Proceedings of the National Academy of Sciences of the USA) erschienen ist, dass sich das Verbreitungsgebiet des Lärchenwicklers aufgrund des Klimawandels in immer höher gelegene subalpine Lärchenwälder verschoben hat. Die steigenden Temperaturen haben die Spuren der Schmetterlinge im Jahrringbild verändert.

Die grossräumigen und Zyklen von acht bis neun Jahren auftretenden Massenvermehrungen bis 1981 waren eindeutig mit Hilfe der reduzierten Jahrringbreiten zu erkennen. Heute finden die Raupen, die sich vorwiegend von den Nadeln der Lärchen ernähren, in höheren Lagen der Alpen jedoch nicht mehr genügend Futter. Ihre sonst so charakteristische Massenvermehrung ist seit den frühen 1980er Jahren ausgeblieben oder verläuft weniger ausgeprägt als in ehemals kälteren Zeiten.

Die Studie macht eindrücklich auf die Komplexität des Klimawandels aufmerksam, indem sie unterschiedlich schnell reagierende Entwicklungen in einem Ökosystem berücksichtigt. Während das Ansteigen der Waldgrenze nicht mit der Geschwindigkeit der Erwärmung in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts mithalten kann, sind die empfindlichen Insekten anpassungsfähiger. Sie suchen sich einen höher gelegenen Lebensraum und sind somit viel flexibler als ihre langsam wachsenden Futterquellen, die Lärchenwälder. Die Ausbruchherde der alpinen Lärchenwicklerpopulationen, die durch die Zonen des stärksten Nadelverlusts, sowie die markantesten Einbrüche in Jahrringbreite und Spätholzdichte nachgewiesen werden können, sind in den letzen Jahrzehnten von rund 1600 m auf über 2000 m Meereshöhe, also bis an die obere Waldgrenze, angestiegen. Dieses zeitliche Diskrepanz im Reaktionsverhalten von sich schnell anpassenden Insekten und deren sich nur langsam verändernden Futterreserven, den Bäumen, auf den globalen Klimawandel hat fundamentale Auswirkungen auf ein Ökosystem, das sich nachweislich über mehr als tausend Jahre im Gleichgewicht befunden hat.

„Diese an der Schnittstelle zwischen Ökologie und Klimatologie angesiedelte Arbeit macht eindrücklich auf die drastischen Folgen aufmerksam, die das Zusammenspiel unterschiedlich schnell reagierender Arten auf bereits kleine Klimaveränderungen haben kann und stellt ein gutes Beispiel für interdisziplinäre Forschung da“, sagt Ulf Büntgen von der Eidgenössischen Forschungsanstalt WSL in Birmensdorf bei Zürich, einer der Koautoren der Studie. Zusammen mit David Frank, ebenfalls WSL und Mitautor, haben die beiden Forscher nicht nur den einzigartigen Jahrringdatensatz von vielen tausend Lärchenproben aus über 60 Standorten im Alpenraum vorbereitet, sondern auch massgeblich an deren Auswertung und Interpretation mitgewirkt. Während die WSL-Forscher eine Methode entwickelt haben, mit der sich die Insektenaktivität in Jahrringmustern identifizieren lässt, hat der Erstautor der Studie, Derek Johnson aus den USA, ein quantitatives Computermodell entwickelt, um das System des Grauen Lärchenwicklers besser in Raum und Zeit zu verstehen. Die Ergebnisse beruhen auf jahrzehntelanger Forschungsarbeit an der WSL und gehen in ihren Ursprüngen auf die Verdienste des früheren Schweizer Forschers Werner Baltensweiler zurück.

Wie sich das zyklische Ausbruchverhalten des Grauen Lärchenwicklers in Zukunft verhalten wird, ist nicht vorhersehbar. Tatsache ist jedoch, dass die Verbreitung der Lärchenwälder und somit die primäre Futterquelle des Lärchenwicklers in der Höhe begrenzt ist. Diese Einschränkung wirft die Fragen nach der räumlichen Anpassungsfähigkeit des Grauen Lärchenwicklers in einem wärmeren Klima auf. Die Ergebnisse liefern ein weiteres, unabhängiges und eindeutiges Indiz für den Klimawandel und seine unmittelbaren Auswirkung auf die Stabilität von Ökosystemen und allgemein auf unseren Lebensraum.

Reinhard Lässig | idw
Weitere Informationen:
http://www.wsl.ch/medien/news/101110_Laerchenwickler_DE
http://www.wsl.ch/medien/news/101110_Laerchenwickler_EN

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Ökologie Umwelt- Naturschutz:

nachricht Wasserqualität von Flüssen: Zusätzliche Reinigungsstufen in Kläranlagen lohnen sich
24.05.2017 | Eberhard Karls Universität Tübingen

nachricht Eisenmangel hemmt marine Mikroorganismen
19.05.2017 | GEOMAR Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Ökologie Umwelt- Naturschutz >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Lässt sich mit Boten-RNA das Immunsystem gegen Staphylococcus aureus scharf schalten?

Staphylococcus aureus ist aufgrund häufiger Resistenzen gegenüber vielen Antibiotika ein gefürchteter Erreger (MRSA) insbesondere bei Krankenhaus-Infektionen. Forscher des Paul-Ehrlich-Instituts haben immunologische Prozesse identifiziert, die eine erfolgreiche körpereigene, gegen den Erreger gerichtete Abwehr verhindern. Die Forscher konnten zeigen, dass sich durch Übertragung von Protein oder Boten-RNA (mRNA, messenger RNA) des Erregers auf Immunzellen die Immunantwort in Richtung einer aktiven Erregerabwehr verschieben lässt. Dies könnte für die Entwicklung eines wirksamen Impfstoffs bedeutsam sein. Darüber berichtet PLOS Pathogens in seiner Online-Ausgabe vom 25.05.2017.

Staphylococcus aureus (S. aureus) ist ein Bakterium, das bei weit über der Hälfte der Erwachsenen Haut und Schleimhäute besiedelt und dabei normalerweise keine...

Im Focus: Can the immune system be boosted against Staphylococcus aureus by delivery of messenger RNA?

Staphylococcus aureus is a feared pathogen (MRSA, multi-resistant S. aureus) due to frequent resistances against many antibiotics, especially in hospital infections. Researchers at the Paul-Ehrlich-Institut have identified immunological processes that prevent a successful immune response directed against the pathogenic agent. The delivery of bacterial proteins with RNA adjuvant or messenger RNA (mRNA) into immune cells allows the re-direction of the immune response towards an active defense against S. aureus. This could be of significant importance for the development of an effective vaccine. PLOS Pathogens has published these research results online on 25 May 2017.

Staphylococcus aureus (S. aureus) is a bacterium that colonizes by far more than half of the skin and the mucosa of adults, usually without causing infections....

Im Focus: Orientierungslauf im Mikrokosmos

Physiker der Universität Würzburg können auf Knopfdruck einzelne Lichtteilchen erzeugen, die einander ähneln wie ein Ei dem anderen. Zwei neue Studien zeigen nun, welches Potenzial diese Methode hat.

Der Quantencomputer beflügelt seit Jahrzehnten die Phantasie der Wissenschaftler: Er beruht auf grundlegend anderen Phänomenen als ein herkömmlicher Rechner....

Im Focus: A quantum walk of photons

Physicists from the University of Würzburg are capable of generating identical looking single light particles at the push of a button. Two new studies now demonstrate the potential this method holds.

The quantum computer has fuelled the imagination of scientists for decades: It is based on fundamentally different phenomena than a conventional computer....

Im Focus: Tumult im trägen Elektronen-Dasein

Ein internationales Team von Physikern hat erstmals das Streuverhalten von Elektronen in einem nichtleitenden Material direkt beobachtet. Ihre Erkenntnisse könnten der Strahlungsmedizin zu Gute kommen.

Elektronen in nichtleitenden Materialien könnte man Trägheit nachsagen. In der Regel bleiben sie an ihren Plätzen, tief im Inneren eines solchen Atomverbunds....

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Meeresschutz im Fokus: Das IASS auf der UN-Ozean-Konferenz in New York vom 5.-9. Juni

24.05.2017 | Veranstaltungen

Diabetes Kongress in Hamburg beginnt heute: Rund 6000 Teilnehmer werden erwartet

24.05.2017 | Veranstaltungen

Wissensbuffet: „All you can eat – and learn”

24.05.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

DFG fördert 15 neue Sonderforschungsbereiche (SFB)

26.05.2017 | Förderungen Preise

Lässt sich mit Boten-RNA das Immunsystem gegen Staphylococcus aureus scharf schalten?

26.05.2017 | Biowissenschaften Chemie

Unglaublich formbar: Lesen lernen krempelt Gehirn selbst bei Erwachsenen tiefgreifend um

26.05.2017 | Gesellschaftswissenschaften