Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Insektizide können Hummeln schädigen

18.04.2012
Untersuchungen an Hummeln zeigen, dass Insektizide zum massenhaften Bienensterben beitragen können.

Dies berichten Wissenschaftler, die Labor- und Feldversuche mit Populationen der Dunklen Erdhummel (Bombus terrestris) durchführten. In ihren Experimenten verglichen sie das Wachstum und die Reproduktionsrate von Hummeln einer Kontrollgruppe (kein Insektizid) mit zwei Experimentalgruppen, die mit unterschiedlich hohen Dosen des Insektizids Imidacloprid in Kontakt gebracht wurden.


Hummeln ernähren sich wie andere Bienenarten vom Pollen der Wildblumen an Feldrändern und insbesondere von Rapsblüten und Sonnenblumen (Quelle: © Alvesgaspar / wikipedia.de)

Alle drei Gruppen erhielten zunächst im Labor 14 Tage lang Nektar und Pollen. In einer Gruppe wurden dem Futter 0,7 Mikrogramm des Insektizids Imidacloprid beigemischt – diese Menge entspricht der typischen applizierten Dosis in Raps. Die zweite Experimentalgruppe erhielt die doppelte Dosis des Insektizids. Nach den zwei Wochen im Labor wurden alle Hummeln im Feld über einen Zeitraum von sechs Wochen beobachtet.

Hummeln, die mit dem Insektizid in Berührung kamen, blieben kleiner und produzierten bis zu 85% weniger Königinnen. Da generell nur die größten Hummel-Völker Königinnen hervorbringen, kann ein Verlust an Reproduktivität zum Völkerkollaps (Colony Collapse Disorder) führen. Denn Hummeln haben einen 1-Jahres-Lebenszyklus: nur die neuen Königinnen überleben den Winter und können im kommenden Frühjahr neue Völker gründen.

Hummeln ernähren sich wie andere Bienenarten vom Pollen der Wildblumen an Feldrändern und insbesondere von Rapsblüten und Sonnenblumen. Sie erbringen durch die Bestäubung von Blüten bedeutende Ökosystemleistungen für die Landwirtschaft. Eine Strategie zum Schutz von (jungen) Nutzpflanzen vor Schädlingen ist die Beizung des Saatguts, z.B. mit Neonicotinoiden wie Imidacloprid. Hierbei gelangt der Wirkstoff in die gesamte Pflanze, auch in die Pollen und den Nektar (systemische Wirkung). Während der Blühperiode kommen die Hummeln in Berührung mit dem Insektizid.

Die Studie legt nahe, dass Insektizide der Neonicotinoid-Gruppe einen stark negativen Einfluss auf Hummelpopulationen haben können. Bisherige Studien an Honigbienen und Hummeln zeigten je nach der verwendeten Konzentration des Insektizids (Expositionsszenario), unterschiedliche und insgesamt weniger dramatische Ergebnisse. Untersuchungen unter natürlichen Feldbedingungen sind bislang jedoch rar. Die aktuelle Studie von P. Whitehorn verwendet annähernd feldrealistische Konzentrationen des Insektizids und muss daher ernst genommen werden. „Da sich bestäubende Insekten wie Hummeln jedoch üblicherweise nicht zwei Wochen auf demselben Feld aufhalten – wie die Studie simuliert, müssten die Studienergebnisse als „Worst Case“ interpretiert werden“, erklärt Jens Pistorius, Bienenforscher am Julius-Kühn-Institut in Braunschweig.

Bemerkenswert sei, dass Imidacloprid lediglich auf die Hummel-Königinnen eine negative Wirkung entfaltete, nicht jedoch auf den Rest des Volkes, so Pistorius weiter. Die genaue Datengrundlage zu dieser Studie und weitere Forschungsanstrengungen seien nötig, um im Rahmen einer individuellen Risikobewertung die Sensitivität einzelner Arten gegenüber einzelnen Pestiziden in verschiedenen Nutzpflanzen besser einschätzen zu können.

Die in der Europäischen Union als Pflanzenschutzmittel zugelassenen Neonicotinoide stehen unter Verdacht, zum massiven Bienensterben beizutragen. Als weitere Ursachen für das Sterben ganzer Bienenpopulationen werden u.a. Varroamilben, aber auch besonders strenge Winter diskutiert. Sollte sich der Verdacht gegenüber Neonicotinoiden erhärten, hätte dies große Auswirkungen auf die Landwirtschaft. Denn Neonicotinoide werden in über 120 Ländern auf mehr als 140 Pflanzenarten regelmäßig eingesetzt – z.B. in Getreide, Raps, Mais, Baumwolle, Sonnenblumen und Zuckerrüben. Dürften Neonicotinoide bei der Saatgutbeizung nicht mehr eingesetzt werden, müssten diese durch andere Wirkstoffe oder Verfahren ersetzt werden, um junge Nutzpflanzen in der ersten Wachstumsphase vor Schädlingen zu schützen. Eine Alternative wäre das mehrfache Spritzen der Jungpflanzen mit Pestiziden.
Im Sinne einer nachhaltigen Landwirtschaft scheint das großflächige, mehrmalige und weniger zielgenaue Spritzen von Pestiziden nicht die beste Lösung zu sein. Lösungsansätze sollten daher die gesamte Produktionskette in den Blick nehmen – Forschung, Pflanzenzucht und landwirtschaftliche Praxis. Die Forschung zu pflanzeneigenen Schutzmechanismen, genetischen Merkmalen und Wirkmechanismen von Schädlingen sollte ausgeweitet werden, um die Entwicklung effizienterer und kombinierter – natürlicher wie chemischer – Pflanzenschutzmaßnahmen zu ermöglichen. Hier ist die Politik gefordert, durch eine entsprechende Forschungsförderung zusätzliche Impulse zu setzen.

Aktuelle Forschungsprojekte zu Bienen und Hummeln, z.B. am Julius-Kühn-Institut oder an der Universität Hohenheim im Projekt FIT BEE, erforschen die Einflussfaktoren auf die Bienengesundheit und die Ursachen des massiven Bienensterben, aber auch Strategien für einen bienenfreundlichen Pflanzenschutz.

Quelle:

Whitehorn, P. et al. (2012): Neonicotinoid Pesticide Reduces Bumble Bee Colony Growth and Queen Production. Science, 29 March 2012, S. 1; doi: 10.1126/science.1215025

| Pflanzenforschung.de
Weitere Informationen:
http://www.pflanzenforschung.de/journal/aktuelles/insektizide-koennen-hummeln-schaedigen?piwik_campaign=newsletter

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Ökologie Umwelt- Naturschutz:

nachricht Eisenmangel hemmt marine Mikroorganismen
19.05.2017 | GEOMAR Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel

nachricht Wie verändert der Verlust von Arten die Ökosysteme?
18.05.2017 | Deutsches Zentrum für integrative Biodiversitätsforschung (iDiv) Halle-Jena-Leipzig

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Ökologie Umwelt- Naturschutz >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Hauchdünne magnetische Materialien für zukünftige Quantentechnologien entwickelt

Zweidimensionale magnetische Strukturen gelten als vielversprechendes Material für neuartige Datenspeicher, da sich die magnetischen Eigenschaften einzelner Molekülen untersuchen und verändern lassen. Forscher haben nun erstmals einen hauchdünnen Ferrimagneten hergestellt, bei dem sich Moleküle mit verschiedenen magnetischen Zentren auf einer Goldfläche selbst zu einem Schachbrettmuster anordnen. Dies berichten Wissenschaftler des Swiss Nanoscience Institutes der Universität Basel und des Paul Scherrer Institutes in der Wissenschaftszeitschrift «Nature Communications».

Ferrimagneten besitzen zwei magnetische Zentren, deren Magnetismus verschieden stark ist und in entgegengesetzte Richtungen zeigt. Zweidimensionale, quasi...

Im Focus: Neuer Ionisationsweg in molekularem Wasserstoff identifiziert

„Wackelndes“ Molekül schüttelt Elektron ab

Wie reagiert molekularer Wasserstoff auf Beschuss mit intensiven ultrakurzen Laserpulsen? Forscher am Heidelberger MPI für Kernphysik haben neben bekannten...

Im Focus: Wafer-thin Magnetic Materials Developed for Future Quantum Technologies

Two-dimensional magnetic structures are regarded as a promising material for new types of data storage, since the magnetic properties of individual molecular building blocks can be investigated and modified. For the first time, researchers have now produced a wafer-thin ferrimagnet, in which molecules with different magnetic centers arrange themselves on a gold surface to form a checkerboard pattern. Scientists at the Swiss Nanoscience Institute at the University of Basel and the Paul Scherrer Institute published their findings in the journal Nature Communications.

Ferrimagnets are composed of two centers which are magnetized at different strengths and point in opposing directions. Two-dimensional, quasi-flat ferrimagnets...

Im Focus: XENON1T: Das empfindlichste „Auge“ für Dunkle Materie

Gemeinsame Meldung des MPI für Kernphysik Heidelberg, der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg, der Johannes Gutenberg-Universität Mainz und der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster

„Das weltbeste Resultat zu Dunkler Materie – und wir stehen erst am Anfang!“ So freuen sich Wissenschaftler der XENON-Kollaboration über die ersten Ergebnisse...

Im Focus: World's thinnest hologram paves path to new 3-D world

Nano-hologram paves way for integration of 3-D holography into everyday electronics

An Australian-Chinese research team has created the world's thinnest hologram, paving the way towards the integration of 3D holography into everyday...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

14. Dortmunder MST-Konferenz zeigt individualisierte Gesundheitslösungen mit Mikro- und Nanotechnik

22.05.2017 | Veranstaltungen

Branchentreff für IT-Entscheider - Rittal Praxistage IT in Stuttgart und München

22.05.2017 | Veranstaltungen

Flugzeugreifen – Ähnlich wie PKW-/LKW-Reifen oder ganz verschieden?

22.05.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Myrte schaltet „Anstandsdame“ in Krebszellen aus

22.05.2017 | Biowissenschaften Chemie

Hauchdünne magnetische Materialien für zukünftige Quantentechnologien entwickelt

22.05.2017 | Physik Astronomie

Wie sich das Wasser in der Umgebung von gelösten Molekülen verhält

22.05.2017 | Biowissenschaften Chemie