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Informationen über Evolution und Artbildung könnten neue Affenart vor dem Aussterben bewahren

23.05.2012
Geplanter Nationalpark zum Schutz der Myanmar-Stumpfnasenaffen erster Erfolg für internationales Team aus Genetikern und Naturschützern

Ein Wissenschaftlerteam um Christian Roos vom Deutschen Primatenzentrum in Göttingen hat bestätigt, dass es ich bei den vor zwei Jahren in Myanmar gefundenen Stumpfnasenaffen tatsächlich um eine bislang unbekannte Art handelt.


Eine Kamerafalle hat einen Myanmar-Stumpfnasenaffen eingefangen.
Foto: BANCA/FFI/PRCF

Die genetischen Studien erlauben zudem Rückschlüsse auf die Evolution und geographische Verbreitung der stark bedrohten Tiere. Zusammen mit Naturschützern der britischen Organisation Fauna and Flora International konnte bereits ein erster Schritt zum Schutz der Affen getan werden:

Die seit 2011 amtierende Regierung von Myanmar unterstützt die Schaffung eines neuen Nationalparks. Weitere Hoffnung kommt aus China, dort wurden ebenfalls bislang unbekannte Vorkommen von Stumpfnasenaffen entdeckt (PLoS ONE und American Journal of Primatology).

Eine neue Art wurde entdeckt
Der Myanmar-Stumpfnasenaffe war ein Zufallsfund. Während einer Gibbon-Studie im Jahr 2010 kam ein Team aus Wissenschaftlern und Naturschützern von Fauna und Flora International und Mitarbeitern der lokalen Partner-Naturschutzorganisation BANCA in Kontakt mit einheimischen Jägern, die gerade einen schwarzhaarigen Affen mit einem seltsam nach oben gewandten Gesicht erlegt hatten. Laut Auskunft der Jäger waren diese Affen leicht aufzuspüren:

Wenn es regnet, läuft Wasser in die nach oben weisenden Nasenlöcher, so dass der Affe sich durch hörbares Niesen verrät. Die Forscher waren erstaunt, hieß es doch bis dahin, dass es in Myanmar keine Stumpfnasenaffen gebe. Es stellte sich heraus, dass sich der Affe anhand seiner Körpermerkmale wie Fellfarbe und Schädelform von den vier bis dahin bekannten Stumpfnasenaffen unterschied.

Der genetische Beweis
Christian Roos vom Deutschen Primatenzentrum hat jetzt zusammen mit Kollegen aus der Schweiz, den USA, China, Myanmar und Vietnam die Erbsubstanz aller fünf bekannten Stumpfnasenaffenarten untersucht. „Wir können bestätigen, dass es sich bei der Myanmar-Stumpfnase tatsächlich um eine neue Arte handelt“, sagte Roos.
Wie neue Arten entstehen
„Interessanter als der Artbeweis sind die Informationen, die wir über die Evolution der Primaten und die Artbildung gewonnen haben“, sagt der Genetiker. Biogeographische Prozesse wie die Entstehung des Himalaya-Gebirges verändern die Landschaft dramatisch, es entstehen biogeographische Grenzen, die bestimmte Tiere und Pflanzen nicht mehr überwinden können. Der Genfluss wird gestoppt, es kommt zur Entstehung neuer Arten. Allerdings sind diese Grenzen oft nicht starr, insbesondere wenn man geologische Zeiträume von mehreren tausend Jahren betrachtet. Wenn sich die Tiere wieder mischen, kommt es zur Hybridisierung, also zu Nachwuchs zwischen ehemals getrennten Arten. „Unsere Studie zeigt, dass Hybridisierungen viel häufiger sind, als gemeinhin angenommen“, sagte Roos. „Wir müssen unsere Vorstellung davon, wie Arten entstehen und wie wir sie definieren, grundlegend überarbeiten.“
Bedrohungen und Chancen
Zurzeit leben nur noch rund 300 Myanmar-Stumpfnasenaffen in den Gebirgswäldern Myanmars. Die Jagd sowie die immer schneller voranschreitende Abholzung der Wälder sind die größten Probleme für die Tiere. Hier will das internationale Team aus Wissenschaftlern und Naturschützern ansetzen. Zur Hilfe kommt ihnen dabei die neue politische Situation in Myanmar, das sich seit 2011 immer mehr nach außen öffnet. „Die historische Chance für Demokratie und Entwicklung kann für den Naturschutz zum Scheideweg werden“, sagte Frank Momberg, Programmdirektor für Myanmar bei Flora und Fauna International. „Der wirtschaftliche Aufschwung wird zwar wahrscheinlich zu mehr Abholzung führen, aber es bietet sich auch die einmalige Chance, neue Schutzgebiete auszuweisen und Forschung zu betreiben, die jahrelang verhindert wurde“, sagte Momberg. Als Reaktion auf die Entdeckung der Stumpfnasen und ihre starke Bedrohung hat das Ministerium für Naturschutz und Forstwirtschaft in Myanmar zusammen mit Fauna und Flora International im Februar einen internationalen Workshop veranstaltet. Ziel war es, Forschungsprojekte anzustoßen und Schutzmaßnahmen auszuloten. „Das Ergebnis des Workshops war außerordentlich positiv, die Regierung von Myanmar plant nun, die Myanmar-Stumpfnasenaffen unter Naturschutz zu stellen und einen Nationalpark in den Bergen von Imawbum einzurichten“, resümiert Frank Momberg. „Ohne die Daten aus unseren gemeinsamen Studien wäre das nicht möglich gewesen“, so Momberg weiter. Flora und Fauna International hat inzwischen ein auf die lokale Bevölkerung ausgerichtetes Entwicklungshilfeprogramm gestartet, das den einheimischen Jägern alternative Einnahmequellen eröffnet, beispielsweise als Parkranger.
Myanmar-Stumpfnasenaffen auch in China entdeckt
Li Pu, ein chinesischer Waldwächter, hat den fotografischen Beweis geliefert, die Wissenschaftler um Yongcheng Long haben es bestätigt: auch im angrenzenden China gibt es eine Gruppe der Myanmar-Stumpfnasenaffen. „Wenn es gelingt, dass die Regierungen von Myanmar und China ein grenzübergreifendes Naturschutzprogramm aufsetzen, ist dies eine reale Chance für das Überleben der Stumpfnasen“, so Momberg.
Originalpublikationen
Rasmus Liedigk, Mouyu Yang, Nina G. Jablonski, Frank Momberg, Thomas Geissmann, Ngwe Lwin, Tony Htin Hla, Zhijin Liu, Bruce Wong, Li Ming, Long Yongcheng, Ya-Ping Zhang, Tilo Nadler, Dietmar Zinner, Christian Roos: Evolutionary History of the Odd-Nosed Monkeys and the Phylogenetic Position of the Newly Described Myanmar Snub-Nosed Monkey Rhinopithecus strykeri. PLoS ONE 7(5): e37418. doi:10.1371/journal.pone.0037418

Yongcheng Long, Jian Ma, Yue Wang, Yongmei Luo, Haishu Li, Guiliang Yang, and Ming Li. Rhinopithecus strykeri Found in China! American Journal of Primatology (in press)

Hinweis für Redaktionen
Druckfähige Bilder erhalten Sie von der Stabsstelle Kommunikation oder über unsere Website: http://www.dpz.eu/index.php?id=9&L=0. Bitte senden Sie uns bei Veröffentlichung einen Beleg.
Kontakt
Dr. Christian Roos (Abteilung Primatengenetik, Deutsches Primatenzentrum)
Tel: +49 551 3851-300
E-Mail: croos@dpz.eu
Dr. Susanne Diederich (Stabsstelle Kommunikation)
Tel: +49 551 3851-359
E-Mail: sdiederich@dpz.eu
Frank Momberg (Myanmar Programme Director, Fauna & Flora International)
Tel: +628121104723
E-Mail: frank.momberg@fauna-flora.org
Ally Catterick (Communications Manager, Fauna & Flora International)
Tel: +44 1223 579 473
E-Mail: ally.catterick@fauna-flora.org
Die Deutsches Primatenzentrum GmbH (DPZ) - Leibniz-Institut für Primatenforschung betreibt biologische und biomedizinische Forschung über und mit Primaten auf den Gebieten der Infektionsforschung, der Neurowissenschaften und der Primatenbiologie. Das DPZ unterhält vier Freilandstationen in den Tropen und ist Referenz- und Servicezentrum für alle Belange der Primatenforschung. Das DPZ ist eine der 86 Forschungs- und Infrastruktureinrichtungen der Leibniz-Gemeinschaft.

Fauna & Flora International (FFI) protects threatened species and ecosystems worldwide, choosing solutions that are sustainable, based on sound science and take account of human needs. Operating in more than 40 countries worldwide – mainly in the developing world – FFI saves species from extinction and habitats from destruction, while improving the livelihoods of local people. Founded in 1903, FFI is the world’s longest established international conservation body.

Dr. Susanne Diederich | idw
Weitere Informationen:
http://www.fauna-flora.org
http://www.dpz.eu

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