Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Im Strom des Klimawandels

15.08.2014

Der Klimawandel bringt die Bewohner am Grund unserer Gewässer in Bedrängnis. GLANCE, kurz für „Global change effects in river ecosystems“, heißt deshalb eine neue Nachwuchsgruppe am Berliner Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB).

Sechs junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler wollen in den nächsten vier Jahren herausfinden, welche Folgen der globale Wandel auf die Ökosysteme unserer Flüsse hat. Gefördert wird GLANCE im Rahmen des BMBF-Programms „Nachwuchsgruppen Globaler Wandel 4 + 1“.


Die geschützte Flussperlmuschel (Margaritifera margaritifera) ist auf sehr saubere, schnell fließende Bäche und Flüsse angewiesen. Foto: Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung


Manche Köcherfliegenlarven (hier Brachycentrus sp.) sind auf ein Mindestmaß an Strömung angewiesen. Foto: Abteilung Aquatische Ökologie, Universität Duisburg-Essen

Der Klimawandel wirkt sich nicht nur auf die Lufttemperaturen und Niederschläge an Land aus, auch unsere Bäche und Flüsse sind betroffen: die Wassertemperaturen steigen, die Strömungsverhältnisse ändern sich, die Sauerstoffkonzentration sinkt, während sich der Gehalt von Nährstoffen erhöht. Für die dort lebenden Pflanzen und Tiere bleibt das nicht ohne Folgen.

Wer schon einmal einen Stein in einem Bach umgedreht und von unten betrachtet hat, der weiß: dort wimmelt es nur so von kleinen Tierchen. Zahlreiche Arten leben im Sediment oder besiedeln ins Wasser reichende Äste und Halme. Die kleinen, wirbellosen Tiere, die sich mit bloßem Auge erkennen lassen, nennt man Makrozoobenthos.

Einige von ihnen – wie Muscheln, Schnecken und Krebse – verbringen ihr gesamtes Leben im Wasser, andere – wie Libellen und Eintagsfliegen – nur ihre Kinderstube, das Larvenstadium. Sie alle sind perfekt an das Leben in der Strömung angepasst. Doch Änderungen im Abflussverhalten, z.B. infolge stärkerer Hochwasserereignisse oder längerer Niedrigwasserperioden, bringen die Bewohner am Gewässergrund in Bedrängnis.

Verschiedene Vorlieben für Strömungsverhältnisse

Die geplanten Untersuchungen führen die Forscher deshalb zum Grund unserer Fließgewässer. „Bei unseren Analysen stehen die ökologischen Bedürfnisse der Organismen im Vordergrund, doch wir werden auch sehr genau die Abfluss- und Strömungsverhältnisse im Gewässer betrachten und zugleich weitere auf die jeweiligen Flussabschnitte wirkenden Stressoren berücksichtigen“, erklärt Projektleiterin Dr. Sonja Jähnig, die seit Anfang des Jahres am IGB forscht.

Einige Arten tolerieren eine große Bandbreite an verschiedenen Strömungsverhältnissen, andere benötigen hohe Fließgeschwindigkeiten (z.B. zur Nahrungsaufnahme), und wieder andere können nur in fast stehenden Gewässern überleben. Ändern sich die Umweltbedingungen, lässt das einige Arten verschwinden, neue wandern ein.

„Das bestehende Wissen über bevorzugte Strömungsverhältnisse ist jedoch zu lückenhaft, um die Bedeutung von Änderungen im Abflussverhalten für die Lebewesen abzuschätzen“, so Jähnig. „Mithilfe unserer Ergebnisse können wir die Veränderungen in den Lebensgemeinschaften wirbelloser Tiere am Gewässergrund künftig besser verstehen.“

Die Wissenschaftler werden sowohl neue Daten erheben, als auch vorhandene Daten statistisch auswerten. „In einem ersten Schritt werden wir Flüsse in drei naturräumlich sehr verschiedenen Regionen Deutschlands untersuchen: die Treene im norddeutschen Tiefland, die Kinzig im Mittelgebirge und die Ammer im Alpenraum“, erklärt IGB-Forscher Dr. Jens Kiesel, der in den nächsten drei Jahren Wasserhaushalts- und Strömungsmodelle in den drei Regionen erstellen und verfeinern wird, um zukünftige Änderungen im Abflussverhalten vorhersagen zu können.

Schrittweise soll der Blickwinkel dann erweitert und Daten vergleichend analysiert werden: in ganz Deutschland und in Europa, denn regional treten große Unterschiede auf – sowohl bei den Lebensgemeinschaften als auch bei den Klimaszenarien. Die gewonnenen Daten sollen helfen, Vorhersagemodelle für die Auswirkungen des globalen Wandels in Fließgewässern zu verbessern.

Forschungsergebnisse sollen Gewässermanagement unterstützen

Die Forscher hoffen, dass ihre Ergebnisse langfristig dazu beitragen, Ausgaben für die Gewässerbewirtschaftung effizienter einzusetzen, z.B. durch die Planung geeigneter Monitoringprogramme oder durch die verbesserte Erfolgsabschätzung bei Renaturierungsmaßnahmen. Um die Erkenntnisse in die wasserwirtschaftliche Praxis umzusetzen, wurde zudem eine Kooperation mit der Bund/Länder-Arbeitsgemeinschaft Wasser (LAWA) und dem Umweltbundesamt vereinbart.

Finanziert wird das Projekt im Rahmen des Programms "Forschung für Nachhaltige Entwicklungen" des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF), das damit einen neuen Schwerpunkt zur Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses setzt. Die ausgewählten Nachwuchsgruppen leisten allesamt Beiträge zur Lösung praktischer Probleme, die sich aus dem globalen Wandel ergeben. Sie werden mit einer Projektlaufzeit von 4+1 Jahren gefördert.

Bildtexte:
Die geschützte Flussperlmuschel (Margaritifera margaritifera) ist auf sehr saubere, schnell fließende Bäche und Flüsse angewiesen und reagiert entsprechend empfindlich auf Änderungen in ihrem Lebensraum. Foto: Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung

Manche Köcherfliegenlarven (hier Brachycentrus sp.) sind passive Filtrierer: Um Nahrungspartikel aus dem fließenden Wasser zu fangen, sind sie auf ein Mindestmaß an Strömung angewiesen. Nimmt die Strömung beispielsweise infolge von Trockenperioden ab, bringt das die Larven in Bedrängnis.
Foto: Abteilung Aquatische Ökologie, Universität Duisburg-Essen

Kontakt:
Dr. Sonja Jähnig
Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB)
E-Mail: sonja.jaehnig@igb-berlin.de
Tel.: +49 (0) 30 6392 4085

Dr. Jens Kiesel
Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB)
E-Mail: kiesel@igb-berlin.de
Tel.: +49 (0)30 6392 4086

Das Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB) ist das bundesweit größte Forschungszentrum für Binnengewässer. Das IGB erarbeitet die wissenschaftlichen Grundlagen für die nachhaltige Bewirtschaftung unserer Gewässer, bildet den wissenschaftlichen Nachwuchs aus und berät Politik, Wirtschaft und Öffentlichkeit in Fragen des Gewässermanagements. Es gehört zum Forschungsverbund Berlin e.V., einem Zusammenschluss von acht natur-, lebens- und umweltwissenschaftlichen Instituten in Berlin.

Weitere Informationen:

http://www.igb-berlin.de

Karl-Heinz Karisch | Forschungsverbund Berlin e.V.

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Ökologie Umwelt- Naturschutz:

nachricht Erste "Rote Liste" gefährdeter Lebensräume in Europa
16.01.2017 | Universität Wien

nachricht Kann das "Greening" grüner werden?
11.01.2017 | Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung - UFZ

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Ökologie Umwelt- Naturschutz >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Mit solaren Gebäudehüllen Architektur gestalten

Solarthermie ist in der breiten Öffentlichkeit derzeit durch dunkelblaue, rechteckige Kollektoren auf Hausdächern besetzt. Für ästhetisch hochwertige Architektur werden Technologien benötigt, die dem Architekten mehr Gestaltungsspielraum für Niedrigst- und Plusenergiegebäude geben. Im Projekt »ArKol« entwickeln Forscher des Fraunhofer ISE gemeinsam mit Partnern aktuell zwei Fassadenkollektoren für solare Wärmeerzeugung, die ein hohes Maß an Designflexibilität erlauben: einen Streifenkollektor für opake sowie eine solarthermische Jalousie für transparente Fassadenanteile. Der aktuelle Stand der beiden Entwicklungen wird auf der BAU 2017 vorgestellt.

Im Projekt »ArKol – Entwicklung von architektonisch hoch integrierten Fassadekollektoren mit Heat Pipes« entwickelt das Fraunhofer ISE gemeinsam mit Partnern...

Im Focus: Designing Architecture with Solar Building Envelopes

Among the general public, solar thermal energy is currently associated with dark blue, rectangular collectors on building roofs. Technologies are needed for aesthetically high quality architecture which offer the architect more room for manoeuvre when it comes to low- and plus-energy buildings. With the “ArKol” project, researchers at Fraunhofer ISE together with partners are currently developing two façade collectors for solar thermal energy generation, which permit a high degree of design flexibility: a strip collector for opaque façade sections and a solar thermal blind for transparent sections. The current state of the two developments will be presented at the BAU 2017 trade fair.

As part of the “ArKol – development of architecturally highly integrated façade collectors with heat pipes” project, Fraunhofer ISE together with its partners...

Im Focus: Mit Bindfaden und Schere - die Chromosomenverteilung in der Meiose

Was einmal fest verbunden war sollte nicht getrennt werden? Nicht so in der Meiose, der Zellteilung in der Gameten, Spermien und Eizellen entstehen. Am Anfang der Meiose hält der ringförmige Proteinkomplex Kohäsin die Chromosomenstränge, auf denen die Bauanleitung des Körpers gespeichert ist, zusammen wie ein Bindfaden. Damit am Ende jede Eizelle und jedes Spermium nur einen Chromosomensatz erhält, müssen die Bindfäden aufgeschnitten werden. Forscher vom Max-Planck-Institut für Biochemie zeigen in der Bäckerhefe wie ein auch im Menschen vorkommendes Kinase-Enzym das Aufschneiden der Kohäsinringe kontrolliert und mit dem Austritt aus der Meiose und der Gametenbildung koordiniert.

Warum sehen Kinder eigentlich ihren Eltern ähnlich? Die meisten Zellen unseres Körpers sind diploid, d.h. sie besitzen zwei Kopien von jedem Chromosom – eine...

Im Focus: Der Klang des Ozeans

Umfassende Langzeitstudie zur Geräuschkulisse im Südpolarmeer veröffentlicht

Fast drei Jahre lang haben AWI-Wissenschaftler mit Unterwasser-Mikrofonen in das Südpolarmeer hineingehorcht und einen „Chor“ aus Walen und Robben vernommen....

Im Focus: Wie man eine 80t schwere Betonschale aufbläst

An der TU Wien wurde eine Alternative zu teuren und aufwendigen Schalungen für Kuppelbauten entwickelt, die nun in einem Testbauwerk für die ÖBB-Infrastruktur umgesetzt wird.

Die Schalung für Kuppelbauten aus Beton ist normalerweise aufwändig und teuer. Eine mögliche kostengünstige und ressourcenschonende Alternative bietet die an...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Aquakulturen und Fangquoten – was hilft gegen Überfischung?

16.01.2017 | Veranstaltungen

14. BF21-Jahrestagung „Mobilität & Kfz-Versicherung im Fokus“

12.01.2017 | Veranstaltungen

Leipziger Biogas-Fachgespräch lädt zum "Branchengespräch Biogas2020+" nach Nossen

11.01.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Weltweit erste Solarstraße in Frankreich eingeweiht

16.01.2017 | Energie und Elektrotechnik

Proteinforschung: Der Computer als Mikroskop

16.01.2017 | Biowissenschaften Chemie

Vermeintlich junger Stern entpuppt sich als galaktischer Greis

16.01.2017 | Physik Astronomie