Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

IFM-GEOMAR zählte Arten – im Ozean und im Museum

29.09.2010
Wenn am 4. Oktober 2010 in der Royal Institution of Great Britain die Ergebnisse der marinen Artenzählung „Census of Marine Life“ vorgestellt werden, blicken auch zwei Forscher des Leibniz-Instituts für Meereswissenschaften (IFM-GEOMAR) auf zehn Jahre voller aufregender Entdeckungen zurück: Die beiden Kieler Meeresbiologen Dr. Uwe Piatkowski und Dr. Rainer Froese halfen als Mitglieder des internationalen Expertenteams, das Leben im Meer besser zu verstehen.

Der Warzenkrake Adelieledone piatkowski lebt im Südpolarmeer. Die scharfe Schnabelspitze und die überdurchschnittlich große Speicheldrüse des bis zu 140 Millimeter großen Tintenfisches lassen darauf schließen, dass er sich eine besondere Nahrungsnische erschlossen hat.

Mehr wissen die Forscher noch nicht über das Tier, das sie im Jahr 2002 auf einer Expedition mit der POLARSTERN erstmals fanden und nach Dr. Uwe Piatkowski vom Leibniz-Institut für Meereswissenschaften (IFM-GEOMAR) benannten. Der Kieler Meeresbiologe gehört zum internationalen Team des „Census of Marine Life“. Für die Volkszählung der Meere spürte er nicht nur bis dato unbekannte Kraken-Arten in der Antarktis auf. Er engagierte sich auch in der Lenkungsgruppe des Census-Projekts MAR-ECO (Mid-Atlantic Ridge Ecosystems), das die Lebewesen entlang des mittelatlantischen Rückens untersuchte.

„Die Expeditionen für den Census of Marine Life waren eine ganz besondere Erfahrung“, urteilt Piatkowski. „An Bord waren meist etwa 30 Fachleute aus verschiedenen Ländern, zum Teil regelrechte Koryphäen auf ihren Gebieten. Wenn ein neuer Fang an Deck gebracht wurde, stürzte sich jeder auf ‚seine‘ Tiere. Zum Teil passierte das nachts, aber wir waren trotzdem jedes Mal wie elektrisiert.“ Beim Sortieren, Fotografieren, Beproben und Konservieren der Funde halfen sich die Kollegen gegenseitig. „Und natürlich freuten wir uns füreinander, wenn jemandem etwas besonders Interessantes ins Netz ging.“

In der Antarktis fanden die Forscher gleich 15 neue Krakenarten. „Das allein klingt viel – aber es gibt uns nur einen kleinen Eindruck davon, welche Überraschungen die Ozeane noch für uns bereithalten“, erklärt Piatkowski. Unter dem Eis, das sich durch den Klimawandel zurückzieht, in großen Tiefen oder an unwirtlichen Orten wie den heißen Quellen entlang des mittelatlantischen Rückens verbergen sich noch immer Organismen, die bisher kein Mensch gesehen hat. Der Kieler Biologe beobachtet die Tiere am liebsten vom Tauchboot aus oder über einen ferngesteuerten, mit Kameras ausgerüsteten Tauchroboter. „Es ist am schönsten, sie in ihrer eigenen Umwelt zu sehen. Aber um sie bestimmen und Verwandtschaften analysieren zu können, müssen wir sie auch fangen.“

Während Piatkowski, oftmals in Wathose und mit klammen Fingern, seiner Arbeit nachging, entdeckte Dr. Rainer Froese ein außergewöhnlich trockenes Forschungsgebiet: Die Museen und Bibliotheken der Welt, etwa in den Naturhistorischen Museen in Stockholm und London oder an der California Academy of Sciences. Der Gründer der globalen Arten-Datenbank FishBase ordnete die Namen der gezählten Fischarten korrekt zu und sortierte nicht mehr gültige Bezeichnungen aus. „Wir haben alle Original-Beschreibungen seit Carl von Linné miteinander abgeglichen und mit aktuellem Wissen verbunden. 50.000 Namen für 30.000 Arten – das ist keine leichte Aufgabe“, so sein Fazit. Drei Mitarbeiter der Datenbank FishBase waren zu Hochzeiten an dem Projekt beschäftigt. „Es war ein Schock, zu erkennen, dass viele grundsätzliche Fragen noch nicht geklärt waren“, findet Froese. „Aber es ist uns gelungen, Ordnung herzustellen. Die Fische sind damit die erste große Gruppe, bei der wir Klarheit sehen.“

Nach zehn Jahren Forschung sind sich die Experten vor allem über eines einig: Der „Census of Marine Life“ hat viele Fragen beantwortet, aber auch neue aufgeworfen. „Wir hoffen, dass es weitergeht“, sagt Dr. Uwe Piatkowski. „Vielleicht können wir bestimmte Regionen zukünftig ausführlicher unter die Lupe nehmen. Einige Länder werden die Arbeit sicher auch in Eigeninitiative fortsetzen. Ob Deutschland dabei ist, wird sich zeigen – denn diese fernen Ökosysteme zu untersuchen ist teuer und wird bei uns leider nicht so intensiv gefördert wie in Norwegen, Großbritannien, Frankreich oder den Vereinigten Staaten.“

Hintergrundinformationen:
Mit dem internationalen Großprojekt „Census of Marine Life“ beantworten Wissenschaftler aus 82 Ländern die uralte Frage „Was lebt im Meer?“. Über zehn Jahre erforschten sie große und kleine Lebewesen in 25 biologisch repräsentativen Regionen – vom Nordpolarmeer über die Tropen bis in die Antarktis. Die Ergebnisse fassen die immense Artenvielfalt der Ozeane erstmals in Zahlen. Sie belegen nicht nur, wie viele verschiedene Arten im freien Wasser und am Meeresboden leben, sondern kalkulieren auch, wie viele Exemplare jede Art umfasst. Der umfangreiche Datenschatz stellt eine solide Basis dar, wenn es darum geht, Veränderungen in der Natur zu messen. Bisher entdeckten die Forscher rund 18.000 neue Arten.
Weitere Informationen:
http://www.coml.org: Census of Marine Life
http://www.caml.aq: Census of Antarctic Marine Life
http://www.mar-eco.no: Mar-Eco
http://www.fishbase.org: FishBase

Dr. Andreas Villwock | idw
Weitere Informationen:
http://www.ifm-geomar.de/

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Ökologie Umwelt- Naturschutz:

nachricht Paradiese in Gefahr: Bayreuther Studierende forschen auf den Malediven zu Plastikmüll in den Meeren
13.04.2017 | Universität Bayreuth

nachricht Ozeanversauerung: Wie individuell sind die Reaktionen?
06.04.2017 | GEOMAR Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Ökologie Umwelt- Naturschutz >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Immunzellen helfen bei elektrischer Reizleitung im Herzen

Erstmals elektrische Kopplung von Muskelzellen und Makrophagen im Herzen nachgewiesen / Erkenntnisse könnten neue Therapieansätze bei Herzinfarkt und Herzrhythmus-Störungen ermöglichen / Publikation am 20. April 2017 in Cell

Makrophagen, auch Fresszellen genannt, sind Teil des Immunsystems und spielen eine wesentliche Rolle in der Abwehr von Krankheitserregern und bei der...

Im Focus: Tief im Inneren von M87

Die Galaxie M87 enthält ein supermassereiches Schwarzes Loch von sechs Milliarden Sonnenmassen im Zentrum. Ihr leuchtkräftiger Jet dominiert das beobachtete Spektrum über einen Frequenzbereich von 10 Größenordnungen. Aufgrund ihrer Nähe, des ausgeprägten Jets und des sehr massereichen Schwarzen Lochs stellt M87 ein ideales Laboratorium dar, um die Entstehung, Beschleunigung und Bündelung der Materie in relativistischen Jets zu erforschen. Ein Forscherteam unter der Leitung von Silke Britzen vom MPIfR Bonn liefert Hinweise für die Verbindung von Akkretionsscheibe und Jet von M87 durch turbulente Prozesse und damit neue Erkenntnisse für das Problem des Ursprungs von astrophysikalischen Jets.

Supermassereiche Schwarze Löcher in den Zentren von Galaxien sind eines der rätselhaftesten Phänomene in der modernen Astrophysik. Ihr gewaltiger...

Im Focus: Deep inside Galaxy M87

The nearby, giant radio galaxy M87 hosts a supermassive black hole (BH) and is well-known for its bright jet dominating the spectrum over ten orders of magnitude in frequency. Due to its proximity, jet prominence, and the large black hole mass, M87 is the best laboratory for investigating the formation, acceleration, and collimation of relativistic jets. A research team led by Silke Britzen from the Max Planck Institute for Radio Astronomy in Bonn, Germany, has found strong indication for turbulent processes connecting the accretion disk and the jet of that galaxy providing insights into the longstanding problem of the origin of astrophysical jets.

Supermassive black holes form some of the most enigmatic phenomena in astrophysics. Their enormous energy output is supposed to be generated by the...

Im Focus: Neu entdeckter Exoplanet könnte bester Kandidat für die Suche nach Leben sein

Supererde in bewohnbarer Zone um aktivitätsschwachen roten Zwergstern gefunden

Ein Exoplanet, der 40 Lichtjahre von der Erde entfernt einen roten Zwergstern umkreist, könnte in naher Zukunft der beste Ort sein, um außerhalb des...

Im Focus: Resistiver Schaltmechanismus aufgeklärt

Sie erlauben energiesparendes Schalten innerhalb von Nanosekunden, und die gespeicherten Informationen bleiben auf Dauer erhalten: ReRAM-Speicher gelten als Hoffnungsträger für die Datenspeicher der Zukunft.

Wie ReRAM-Zellen genau funktionieren, ist jedoch bisher nicht vollständig verstanden. Insbesondere die Details der ablaufenden chemischen Reaktionen geben den...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Smart-Data-Forschung auf dem Weg in die wirtschaftliche Praxis

21.04.2017 | Veranstaltungen

Baukultur: Mehr Qualität durch Gestaltungsbeiräte

21.04.2017 | Veranstaltungen

Licht - ein Werkzeug für die Laborbranche

20.04.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Intelligenter Werkstattwagen unterstützt Mensch in der Produktion

21.04.2017 | HANNOVER MESSE

Forschungszentrum Jülich auf der Hannover Messe 2017

21.04.2017 | HANNOVER MESSE

Smart-Data-Forschung auf dem Weg in die wirtschaftliche Praxis

21.04.2017 | Veranstaltungsnachrichten