Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Aus der Geschichte der Meeresnutzung für die Zukunft lernen

26.11.2013
Seit 13 Jahren forschen Wissenschaftler aus aller Welt im „History of Marine Animal Populations“ Projekt (HMAP) über die Nutzungsgeschichte von Meeresressourcen.

Das Großprojekt ist kürzlich von „Science Europe“ für seinen hohen gesellschaftlichen Einfluss ausgezeichnet worden. Kathleen Schwerdtner Máñez, Sozialwissenschaftlerin am ZMT, ist Mitglied der Projektleitungsgruppe.

Mit der Ehrung hat die europäische Vereinigung von Forschungs- und Förderorganisationen „Science Europe“ die Forschung in HMAP als besonders bedeutend hervorgehoben. Die marine Umweltgeschichte liefert wichtige Erkenntnisse, welche Entscheidungen im Küsten- und Fischereimanagement prägen können. So im konkreten Fall der Arbeit des Leibniz-Zentrums für Marine Tropenökologie (ZMT) im indonesischen Spermonde-Archipel.

Dort untersuchen Schwerdtner Máñez und ihre Kollegen, wie sich die Nutzung mariner Ressourcen über die Jahrhunderte verändert hat und damit auch das ökologische Gleichgewicht der Korallenriffe vor Ort.

Historische Quellen liefern ihnen wichtige Informationen über die fortschreitende Übernutzung des Archipels seit dem 18. Jahrhundert. In rascher Abfolge beuteten hier die lokalen Fischer und Händler unterschiedliche Ressourcen aus. „Ein neuer Ort, an dem noch ein Fang zu machen war, eine neue Technik, von der man sich mehr Ertrag erhoffte oder schließlich ein Wechsel der Art, wenn sich die Nachfrage auf den internationalen Märkten veränderte oder die vorherige Art endgültig verschwunden war“, beschreibt Schwerdtner Máñez das Handlungsmuster. Problematisch sei vor allem, dass sich die Intervalle bis zur Dezimierung der jeweiligen Beuteart im Laufe der Zeit stets verkürzten.

Über viele Jahrhunderte wurden zunächst vor allem Seegurken gefangen, die in Südostasien als Aphrodisiakum gelten. Gegen Ende des 20. Jahrhunderts folgte der Napoleon-Lippfisch, der mittlerweile aus weiten Teilen des Archipels verschwunden ist. Danach verlagerte man sich auf den Fang von Riffbarschen. Wie der Lippfisch sind sie vor allem in Hong Kongs Feinschmeckerlokalen beliebt. Seit 2012 sind sogar die für den Verzehr eigentlich ungeeigneten Muränen lukrative Beute. Diese schlangenförmigen Fische reichern über die Nahrungskette ein Gift in sich an und sind daher meist ungenießbar, werden jedoch in der traditionellen chinesischen Medizin genutzt. Seit Ende der 1990er Jahre werden zudem in großem Umfang bestimmte Korallenarten für den Aquarien- und Schmuckhandel entnommen, wie die strauchförmige Bambuskoralle.

„Es sind vor allem zwei Faktoren, die diese rasante Ausbeutung vorangetrieben haben“, erklärt Schwerdtner Máñez. Mit technischen Entwicklungen wie Tauchkompressoren konnten die Fischer in tiefere Riffbereiche vordringen. Seit dem Zweiten Weltkrieg kommen auch vermehrt Sprengstoffe in der Fischerei zum Einsatz. Ganz wesentlich ist aber auch ein Lehnsystem, das in dieser Region wie in vielen Staaten Asiens und Afrikas verbreitetet ist. Die Fischer arbeiten für Mittelsmänner, so genannte Patrone, die ihnen eine soziale Absicherung bieten. Patrone sind bestens vernetzt, erschließen den Fischern die internationalen Märkte und versorgen sie mit den nötigen finanziellen Mitteln und Geräten für die Fischerei.

„Die historische Perspektive öffnet den Blick für zugrunde liegende Handlungsmuster“ so Schwerdtner Máñez. „Daraus können konkrete Empfehlungen für das Küstenmanagement abgeleitet werden“. So müsse die Nutzung von Ressourcen reglementiert werden – und zwar im Voraus. Bisher seien Regelungen, wenn überhaupt, erst erlassen worden, wenn es für eine Art schon fast zu spät war.

Als Mitglied des Projektleitungs-Teams des HMAP möchte die Bremer Forscherin neue Akzente in der historischen Umweltforschung setzen. „Beispielsweise gibt es zur unterschiedlichen Rolle der Männer und Frauen in der Geschichte der Meeresnutzung bisher kaum Erkenntnisse“, stellt sie fest. „Wir Forscher sprechen eher mit den Haushaltsvorstehern, den Fischern, die auf das Meer hinausfahren.“ Frauen würden oft in anderen ökologischen Nischen und mit anderen Techniken fischen und sammeln. Auch sie könnten erheblich zur Übernutzung von Meeresressourcen beitragen. Hier sieht Schwerdtner Máñez einen deutlichen Forschungsbedarf.

Weitere Informationen:

Dr. Kathleen Schwerdtner Máñez
Leibniz-Zentrum für Marine Tropenökologie
Tel: 0421 / 23800 – 82
oder: 0160-97959989
Email: kathleen.schwerdtner@zmt-bremen.de
Dr. Sebastian Ferse
Leibniz-Zentrum für Marine Tropenökologie
Tel: 0421 / 23800 – 28
Email: sebastian.ferse@zmt-bremen.de
Das LEIBNIZ-ZENTRUM FÜR MARINE TROPENÖKOLOGIE - ZMT in Bremen widmet sich in Forschung und Lehre dem besseren Verständnis tropischer Küstenökosysteme. Im Mittelpunkt stehen Fragen zu ihrer Struktur und Funktion, ihren Ressourcen und ihrer Widerstandsfähigkeit gegenüber menschlichen Eingriffen und natürlichen Veränderungen. Das ZMT führt seine Forschungsprojekte in enger Kooperation mit Partnern in den Tropen durch, wo es den Aufbau von Expertise und Infrastruktur auf dem Gebiet des nachhaltigen Küstenzonenmanagements unterstützt. Das ZMT ist ein Mitglied der Leibniz-Gemeinschaft.

Dr. Susanne Eickhoff | idw
Weitere Informationen:
http://www.zmt-bremen.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Ökologie Umwelt- Naturschutz:

nachricht Eisenmangel hemmt marine Mikroorganismen
19.05.2017 | GEOMAR Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel

nachricht Wie verändert der Verlust von Arten die Ökosysteme?
18.05.2017 | Deutsches Zentrum für integrative Biodiversitätsforschung (iDiv) Halle-Jena-Leipzig

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Ökologie Umwelt- Naturschutz >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Tumult im trägen Elektronen-Dasein

Ein internationales Team von Physikern hat erstmals das Streuverhalten von Elektronen in einem nichtleitenden Material direkt beobachtet. Ihre Erkenntnisse könnten der Strahlungsmedizin zu Gute kommen.

Elektronen in nichtleitenden Materialien könnte man Trägheit nachsagen. In der Regel bleiben sie an ihren Plätzen, tief im Inneren eines solchen Atomverbunds....

Im Focus: Turmoil in sluggish electrons’ existence

An international team of physicists has monitored the scattering behaviour of electrons in a non-conducting material in real-time. Their insights could be beneficial for radiotherapy.

We can refer to electrons in non-conducting materials as ‘sluggish’. Typically, they remain fixed in a location, deep inside an atomic composite. It is hence...

Im Focus: Hauchdünne magnetische Materialien für zukünftige Quantentechnologien entwickelt

Zweidimensionale magnetische Strukturen gelten als vielversprechendes Material für neuartige Datenspeicher, da sich die magnetischen Eigenschaften einzelner Molekülen untersuchen und verändern lassen. Forscher haben nun erstmals einen hauchdünnen Ferrimagneten hergestellt, bei dem sich Moleküle mit verschiedenen magnetischen Zentren auf einer Goldfläche selbst zu einem Schachbrettmuster anordnen. Dies berichten Wissenschaftler des Swiss Nanoscience Institutes der Universität Basel und des Paul Scherrer Institutes in der Wissenschaftszeitschrift «Nature Communications».

Ferrimagneten besitzen zwei magnetische Zentren, deren Magnetismus verschieden stark ist und in entgegengesetzte Richtungen zeigt. Zweidimensionale, quasi...

Im Focus: Neuer Ionisationsweg in molekularem Wasserstoff identifiziert

„Wackelndes“ Molekül schüttelt Elektron ab

Wie reagiert molekularer Wasserstoff auf Beschuss mit intensiven ultrakurzen Laserpulsen? Forscher am Heidelberger MPI für Kernphysik haben neben bekannten...

Im Focus: Wafer-thin Magnetic Materials Developed for Future Quantum Technologies

Two-dimensional magnetic structures are regarded as a promising material for new types of data storage, since the magnetic properties of individual molecular building blocks can be investigated and modified. For the first time, researchers have now produced a wafer-thin ferrimagnet, in which molecules with different magnetic centers arrange themselves on a gold surface to form a checkerboard pattern. Scientists at the Swiss Nanoscience Institute at the University of Basel and the Paul Scherrer Institute published their findings in the journal Nature Communications.

Ferrimagnets are composed of two centers which are magnetized at different strengths and point in opposing directions. Two-dimensional, quasi-flat ferrimagnets...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Aachener Werkzeugmaschinen-Kolloquium 2017: Internet of Production für agile Unternehmen

23.05.2017 | Veranstaltungen

14. Dortmunder MST-Konferenz zeigt individualisierte Gesundheitslösungen mit Mikro- und Nanotechnik

22.05.2017 | Veranstaltungen

Branchentreff für IT-Entscheider - Rittal Praxistage IT in Stuttgart und München

22.05.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

WHZ erhält hochmodernen Prüfkomplex für Schraubenverbindungen

23.05.2017 | Maschinenbau

«Schwangere» Stubenfliegenmännchen zeigen Evolution der Geschlechtsbestimmung

23.05.2017 | Biowissenschaften Chemie

Tumult im trägen Elektronen-Dasein

23.05.2017 | Physik Astronomie