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Fukushima – und das stumme Leiden der Wale

06.07.2011
Der sogenannte Fukushima-Effekt hat viele Facetten. Bereits sind auch Wale Opfer radioaktiver Verstrahlung geworden.

Diese tragische Folge der japanischen Atom-Katastrophe sollte an der jährlichen Internationalen Walfang-Konferenz IWC zu reden geben. Dafür wird sich OceanCare einsetzen. An der Tagung, die vom 11. bis 14. Juli auf der Insel Jersey stattfindet, ist OceanCare als einzige Schweizer Nichtregierungsorganisation mit Beobachter-Status vertreten.

Am kommenden Montag, exakt vier Monate nach dem Erdbeben, das einen verheerenden Tsunami vor Japans Ostküste zur Folge hatte, beginnt auf der Kanal-Insel Jersey die viertägige IWC-Konferenz. Die Delegierten der Mitgliedsländer – auch die offizielle Schweiz ist vertreten – sind in zwei Lager gespalten: Sie wollen einerseits das bestehende Walfang-Verbot verteidigen, andererseits neue Fang-Quoten aushandeln. Sigrid Lüber, Präsidentin der Tier- und Umweltschutzorganisation OceanCare, kämpft seit zwanzig Jahren mit geduldiger Beharrlichkeit und diplomatischem Geschick für den Schutz dieser Meeressäuger.

Doch was hat dies mit Fukushima zu tun? Viel – leider sehr viel…

Radioaktives Wasser verstrahlt Wale

Ende April 2011 wurden vor der Küste der nordjapanischen Insel Hokkaido, rund 650 Kilometer nordöstlich des havarierten Atom-Meilers, zahlreiche Zwergwale gefangen und getötet. Im Fleisch von zwei Tieren wurde eine Verstrahlung von 31 bzw 24.3 Becquerel nachgewiesen. Japanische Wissenschaftler bestätigten, dass diese Kontaminierung als direkte Folge der Fukushima-Katastrophe gedeutet werden muss: Während und nach der Katastrophe sind enorme Mengen von radioaktiv verstrahltem Wasser ins Meer geleitet worden. Damit steht fest, dass Wale – und auch zahllose andere Meeresbewohner – direkt von den Folgen des atomaren Desasters betroffen sind.

Seit einem Vierteljahrhundert hält Japan am Walfang fest und rechtfertigt dies mit dem Deckmantel wissenschaftlicher Forschung. Neben vielen Grosswalen töten japanische Walfänger und Küstenfischer jährlich auch rund 20 000 Kleinwale und Delphine. Sie begründen die blutige Tradition mit dem Argument, dass diese kleineren Meeressäuger nicht unter dem Schutz der IWC stehen – ein Vorwand, den OceanCare, nicht gelten lässt. „Wale sind Wale“, argumentiert Sigrid Lüber. „Die Unterscheidung in Klein- und Grosswale muss aufgehoben werden, denn allen Walen steht derselbe Anspruch auf Schutz zu.“ Auch die offizielle Schweiz setzt sich seit Jahren dafür ein, dass Kleinwale und Delphine ebenfalls in den Kompetenzbereich der IWC aufgenommen werden.

„Wildfang ist Walfang mit verzögerter Todesfolge“

Besonders grausam ist das Schicksal jener Delphine, die alljährlich in eine Bucht beim Fischerdorf Taiji zusammengetrieben und gnadenlos abgeschlachtet werden. Nur wenige überleben das blutige Massaker, das im Film „The Cove“ – er wurde vor einem Jahr mit einem Oscar ausgezeichnet – dokumentiert wurde. Diese Tiere werden an die weltweite Delphinarien-Industrie verkauft – und fristen für den Rest ihres Lebens ein jämmerliches Dasein in Gefangenschaft. Sigrid Lüber: „Für jene Delphine, welche die Strapazen der brutalen Gefangennahme und den Transport ins Delphinarium überleben, beginnt ein Martyrium, das alles andere als artgerecht ist. Solche Wildfänge sind nichts anderes als Walfang mit verzögerter Todesfolge. Deshalb fordern wir, dass die IWC auch für Kleinwale und Delphine zuständig sein soll und damit auch die entsprechenden Fangmethoden regelt, kontrolliert – und letztlich unterbindet.“

Die japanische Walfangtradition ist längst nicht mehr profitabel – und stellt mittlerweile ein gravierendes Risiko für die Menschen dar: Im Fleisch der Wale, die am Ende der marinen Nahrungskette stehen, reichern sich Giftstoffe wie Quecksilber, Cadmium und Blei in hohen Dosierungen an. Doch die japanische Bevölkerung wird immer bewusster und skeptischer; die Nachfrage nach dem einst als Delikatesse geschätzten Walfleisch bricht allmählich zusammen. Deshalb wird das Walfleisch bereits gratis in Schulen und Altersheimen abgegeben – mit fatalen Folgen für die Gesundheit der Bevölkerung.

Wird Japan aus Fukushima lernen?

Seit Fukushima leiden die Wale vor Japans Küsten – und auch in vielen anderen Meeresregionen – nicht mehr nur unter extensiver Bejagung und zunehmender Vergiftung; sie müssen nunmehr auch die radioaktive Verseuchung ihres Lebensraumes ertragen. Dabei sind letztlich auch jene Menschen betroffen, die das vergiftete und neuerdings verstrahlte Fleisch auf dem Teller vorfinden.

Welche Folgen wird dieser „Fukushima-Effekt“ für die IWC haben? Wird das von multiplen Katastrophen gebeutelte Land die sinnlose und grausame Tradition des Walfangs beenden? Man sollte meinen, dass die japanische Regierung aus Fukushima gelernt hat, sich die längst unrentable Waljagd nicht mehr leisten kann, sich auf die Behebung der enormen Schäden und den Wiederaufbau konzentriert und endlich zur Besinnung kommt.

Doch Sigrid Lüber bleibt skeptisch: „Es ist zu befürchten“, sagt die OceanCare-Präsidentin, „dass Japans Vertreter auf ihrer alten Forderung, den Walfang auf die Küstengebiete auszudehnen, bestehen. Ich vermute, dass Sie als Opfer der Atom-Katastrophe auf den Mitleid-Bonus spekulieren und versuchen werden, den Walfang auszubauen und die Quoten zu erhöhen. Dagegen werde ich mit allen rechtlichen Mitteln ankämpfen – den Walen zuliebe. Aber auch im Interesse der japanischen Bevölkerung.“

„Der Kampf um das Überleben der Wale wird am Verhandlungstisch entschieden“
OceanCare-Präsidentin Sigrid Lüber über die Auswirkungen der Fukushima-Katastrohe auf die Verhandlungen an der Internationalen Walfang-Konferenz IWC.

Sie sind die einzige Vertreterin einer Schweizer Nichtregierungsorganisation an der IWC. Mit welcher Zielsetzung verfolgen Sie die Verhandlungen?

Sigrid Lüber: Ich rechne damit, dass Japan eine alte Forderung erneut auf den Tisch bringt und mit dem Küstenwalfang eine zusätzliche Kategorie einführen will. Damit sollen neue Quoten für den kommerziellen Walfang bewilligt werden. Das will ich verhindern.

Die Auseinandersetzungen mit der japanischen Walfangindustrie währen schon seit Jahrzehnten. Nun aber ist Japan von dieser schrecklichen Atom-Katastrophe getroffen worden. Sollten die Japaner nicht wichtigere Probleme lösen und endlich zur Vernunft kommen?

Diese Katastrophe ist absolut verheerend; unser Mitgefühl gehört den Opfern, die noch lange unter den Folgen leiden werden. Zu diesen Opfern gehören aber bereits auch die Meeressäuger: Im Fleisch erlegter Zwergwale konnten stark erhöhte Konzentration von radioaktivem Cäsium nachgewiesen werden. Die Tiere leben in dem Wasser, das hochgradig verstrahlt aus dem zerstörten Kernkraftwerk ins Meer geleitet wurde. Konkret gefährdet dies wiederum die Bevölkerung. Viele Japaner essen Walfleisch, das nicht mehr nur, wie bis anhin, mit Schwermetallen und anderen Schadstoffen belastet ist; jetzt kommt auch noch die radioaktive Strahlung dazu.

Das sollte doch ein Umdenken bewirken – und zur Einsicht führen, dass man weder Wale fangen noch deren Fleisch essen sollte.

Natürlich besteht diese Hoffnung. Aber Traditionen sind sehr hartnäckig, die offiziellen Informationen über die Folgen des Reaktorunfalls und die damit verbundenen Gefahren bleiben spärlich. Das wahre Ausmass der Katastrophe wird erst nach Jahrzehnten deutlich werden. So lange können wir nicht warten.

Wenn japanische Regierungsorgane heikle Fakten verschleiern und beschönigen, böte die IWC eine ideale Plattform, um aufzuklären und auf diese Gefahren hinzuweisen.

Dazu müsste dieses Thema erst einmal auf der Traktandenliste aufgenommen werden. OceanCare hat zwar schon vor dreizehn Jahren durchgesetzt, dass ein Traktandum „Umwelt und Gesundheit“ auf die Liste kommt. Unter diesem Titel werden wir bestimmt auch Fukushima thematisieren.

Wenn OceanCare Messungen im Meer vornähme, die belegen, wo das Meer wie stark radioaktiv verstrahlt ist, könnten auch die hartnäckigsten Verfechter des Walfangs die Augen nicht mehr vor diesen harten Fakten verschliessen.
Dazu müssten viele Forschungsschiffe grossflächig eingesetzt werden. Das ist ein Aufwand, den sich eine kleine Organisation wie OceanCare schlicht nicht leisten kann. Abgesehen davon ist dies auch nicht unsere Kernkompetenz.

Mit dieser Einstellung überlassen Sie das Feld jenen Organisationen, die mit spektakulären Aktionen Walfangflotten attackieren und so für Schlagzeilen sorgen.

Wir arbeiten im Hintergrund; populistischen Aktivismus überlassen wir anderen. Der Kampf für das Überleben der Wale wird nicht auf dem offenen Meer ausgetragen; er wird am Verhandlungstisch entschieden.

Medienkontakt:
OceanCare
Sigrid Lüber
Tel. +41 (0)79 475 26 87
slueber@oceancare.org
Über OceanCare:
Seit 1989 setzt sich OceanCare für den Schutz der Meeressäuger und Ozeane ein. Mit Forschungs- und Schutzprojekten, Umweltbildungskampagnen sowie dem Engagement im Bereich der Gesetzgebung verschafft sich die Schweizer Organisation weit über die Landesgrenzen hinaus Gehör und setzt Verbesserungen durch. www.oceancare.org

Sigrid Lüber | OceanCare
Weitere Informationen:
http://www.oceancare.org

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