Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Forscher gründeten Nationalpark als «Freiland-Laboratorium»

14.03.2012
Nicht um Erholung zu bieten, sondern um ursprüngliche Natur erforschen zu können, gründeten Naturwissenschaftler vor 100 Jahren den Schweizerischen Nationalpark.

Dies schreibt der Historiker Patrick Kupper in seinem soeben erschienen Buch «Wildnis schaffen». Herausgeberin ist die Forschungskommission des Schweizerischen Nationalparks, eine Kommission der Akademie der Naturwissenschaften Schweiz.

Als schweizerische Naturforscher Anfang des 20. Jahrhunderts im Unterengadin einen Nationalpark gründeten, hatten sie eine Vision: Abgeschottet von menschlichem Einfluss sollte die Natur ihre eigene Urnatur wiederherstellen. Für die in der Naturforschenden Gesellschaft (der heutigen Akademie der Naturwissenschaften) organisierten Forscher begann damit ein gross angelegtes Experiment, das sie wissenschaftlich begleiten und auswerten wollten. Der Nationalpark war ihr «Freiland-Laboratorium». Damit setzten sie sich zugleich von der Nationalparkidee ab, wie sie die bereits damals weltbekannten US-amerikanischen Nationalparks verkörperten. Jene zielten nicht auf Forschung ab, sondern wollten grandiose Landschaften erhalten, damit sie den Bürgerinnen und Bürgern zur privaten Erholung und zur nationalen Erbauung offen standen.

In Europa gehörte der Schweizerische Nationalpark zu den ersten grossflächigen Naturschutzgebieten. Kraft seines innovativen Konzepts und der unermüdlichen Propagandatätigkeit der Parkgründer um den Basler Naturforscher und Naturschutzpionier Paul Sarasin erlangte der Park rasch internationale Bekanntheit. Im Buch schildert Patrick Kupper, wie der im internationalen Vergleich kleine Schweizerische Nationalpark zum globalen Prototyp eines «wissenschaftlichen Nationalparks» wurde und so die Gestaltung von Schutzgebieten weit über die Schweiz hinaus beeinflusste.

Um der wissenschaftlichen Forschung optimale Bedingungen zu schaffen, wurde ein «Totalschutz» der Natur angestrebt. Entsprechend erliess die Eidgenössische Nationalparkkommission, die seit 1914 die Geschicke des Parks bestimmt, strenge Zugangsbestimmungen. Bis heute darf der Park nur auf den markierten Wegen begangen werden. Solche und andere Regulierungen, aber auch die Bestimmung und Verschiebung von Parkgrenzen gaben immer wieder Anlass zu intensiven Diskussionen, insbesondere, wenn sie in Konflikt mit anderen gesellschaftlichen Nutzungsansprüchen gerieten, von der Jagd über die Wasserkraft und den Tourismus bis hin zu konträren Vorstellungen, wie Natur (und damit immer auch Gesellschaft) zu ordnen sei.

Der Zweckbestimmung nach sollte die Parknatur sich selbst überlassen werden, der Mensch blieb aber in vielfältiger Weise präsent. Dies hing letztlich daran, dass im Schweizerischen Nationalpark, wie in anderen Nationalparks auch, nicht Reste unberührter Natur vor menschlichen Eingriffen bewahrt wurden. Vielmehr führte man mit der Parkgründung eine kulturell geprägte Landschaft neuen Nutzungsformen zu. Die von der lokalen Bevölkerung betriebene Forst- und Weidewirtschaft sowie die Jagd wichen neuen Praktiken, die zumeist von Akteuren ausgeübt wurden, die aus weiter entfernten städtischen Milieus kamen und sich nur temporär im Gebiet aufhielten. Dies galt sowohl für die Wissenschaftler als auch für die Touristen und schliesslich auch für jene Manager und Ingenieure, welche die Wasserkräfte des Nationalparks nutzen wollten. Wildnis, schreibt Patrick Kupper im Schlusswort, sei «kein natürlicher Zustand, sondern ein historischer Prozess», der eine fortdauernde gesellschaftliche Auseinandersetzung erfordere.

Viele der gesellschaftlichen Konflikte und Debatten, die im Lauf der letzten hundert Jahre um den Schweizerischen Nationalpark ausgefochten wurden, prägten auch in anderen Weltgegenden die Entwicklung des Naturschutzes. Vom schweizerischen Beispiel ausgehend geht der Autor globalen Verflechtungen des Naturschutzes nach und fragt nach transnationalen Beeinflussungen. Damit bekommt er strukturelle Ähnlichkeiten ebenso in den Blick wie die Bedeutung regionaler Konstellationen. Insofern ist «Wildnis schaffen» nicht nur die erste umfassende Darstellung der Geschichte des Schweizerischen Nationalparks, von den Gründerjahren vor dem Ersten Weltkrieg bis ins 21. Jahrhundert, sondern sie kann zugleich als Studie zur globalen Geschichte des modernen Naturschutzes gelesen werden.

Weitere Auskünfte erteilt:
PD Dr. Patrick Kupper, ETH Zürich
kupper@history.gess.ethz.ch
Telefon +41 44 632 75 02
Zum Buch:
Kupper, Patrick
Wildnis schaffen
Eine transnationale Geschichte des Schweizerischen Nationalparks
Nationalpark-Forschung in der Schweiz 97
1. Auflage 2012
376 Seiten, rund 110 Abb., 5 Karten, 7 Grafiken, 1 Tabelle
gebunden, 17 x 24 cm,
CHF 49.– (UVP) / EUR 46.90 (D) / EUR 48.30 (A)
ISBN 978-3-258-07719-2
http://www.haupt.ch/verlag/NATUR/Gesamtverzeichnis/Umwelt-Oekologie/Wildnis-schaffen.html
Rezensionsexemplare:
Brigitte Meier, Presse/Marketing Haupt Verlag AG, brigitte.meier@haupt.ch
Buchvernissage:
Buch&Kunst Nievergelt, Zürich, Donnerstag, 15. März um 19 Uhr 30. Weitere Angaben: http://www.buch-kunst.ch/buchhandlung/lesungen-und-vernissagen.php?

PHPSESSID=263f8b42812c306d9b2ec233df63378c

Nationalparkzentrum, Zernez, Mittwoch, 11. Juli um 20 Uhr 30.

Zum Autor:
Patrick Kupper ist Dozent für Geschichte an der ETH Zürich. Seine Arbeitsschwerpunkte liegen in der Umwelt-, Technik- und Wissensgeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts. Das Buch «Wildnis schaffen» basiert auf seiner Habilitationsschrift, mit der er sich 2011 an der ETH Zürich habilitiert hat. http://www.tg.ethz.ch/forschung/mitarbeiter/PatrickKupper.htm

Bilder: verfügbar bei marcel.falk@scnat.ch

Marcel Falk | idw
Weitere Informationen:
http://www.ethz.ch

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Ökologie Umwelt- Naturschutz:

nachricht Müll in den Weltmeeren überall präsent: 1220 Arten betroffen
23.03.2017 | Alfred-Wegener-Institut, Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung

nachricht Internationales Netzwerk bündelt experimentelle Forschung in europäischen Gewässern
21.03.2017 | Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB)

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Ökologie Umwelt- Naturschutz >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Wegweisende Erkenntnisse für die Biomedizin: NAD⁺ hilft bei Reparatur geschädigter Erbinformationen

Eine internationale Forschergruppe mit dem Bayreuther Biochemiker Prof. Dr. Clemens Steegborn präsentiert in 'Science' neue, für die Biomedizin wegweisende Forschungsergebnisse zur Rolle des Moleküls NAD⁺ bei der Korrektur von Schäden am Erbgut.

Die Zellen von Menschen und Tieren können Schäden an der DNA, dem Träger der Erbinformation, bis zu einem gewissen Umfang selbst reparieren. Diese Fähigkeit...

Im Focus: Designer-Proteine falten DNA

Florian Praetorius und Prof. Hendrik Dietz von der Technischen Universität München (TUM) haben eine neue Methode entwickelt, mit deren Hilfe sie definierte Hybrid-Strukturen aus DNA und Proteinen aufbauen können. Die Methode eröffnet Möglichkeiten für die zellbiologische Grundlagenforschung und für die Anwendung in Medizin und Biotechnologie.

Desoxyribonukleinsäure – besser bekannt unter der englischen Abkürzung DNA – ist die Trägerin unserer Erbinformation. Für Prof. Hendrik Dietz und Florian...

Im Focus: Fliegende Intensivstationen: Ultraschallgeräte in Rettungshubschraubern können Leben retten

Etwa 21 Millionen Menschen treffen jährlich in deutschen Notaufnahmen ein. Im Kampf zwischen Leben und Tod zählt für diese Patienten jede Minute. Wenn sie schon kurz nach dem Unfall zielgerichtet behandelt werden können, verbessern sich ihre Überlebenschancen erheblich. Damit Notfallmediziner in solchen Fällen schnell die richtige Diagnose stellen können, kommen in den Rettungshubschraubern der DRF Luftrettung und zunehmend auch in Notarzteinsatzfahrzeugen mobile Ultraschallgeräte zum Einsatz. Experten der Deutschen Gesellschaft für Ultraschall in der Medizin e.V. (DEGUM) schulen die Notärzte und Rettungsassistenten.

Mit mobilen Ultraschallgeräten können Notärzte beispielsweise innere Blutungen direkt am Unfallort identifizieren und sie bei Bedarf auch für Untersuchungen im...

Im Focus: Gigantische Magnetfelder im Universum

Astronomen aus Bonn und Tautenburg in Thüringen beobachteten mit dem 100-m-Radioteleskop Effelsberg Galaxienhaufen, das sind Ansammlungen von Sternsystemen, heißem Gas und geladenen Teilchen. An den Rändern dieser Galaxienhaufen fanden sie außergewöhnlich geordnete Magnetfelder, die sich über viele Millionen Lichtjahre erstrecken. Sie stellen die größten bekannten Magnetfelder im Universum dar.

Die Ergebnisse werden am 22. März in der Fachzeitschrift „Astronomy & Astrophysics“ veröffentlicht.

Galaxienhaufen sind die größten gravitativ gebundenen Strukturen im Universum, mit einer Ausdehnung von etwa zehn Millionen Lichtjahren. Im Vergleich dazu ist...

Im Focus: Giant Magnetic Fields in the Universe

Astronomers from Bonn and Tautenburg in Thuringia (Germany) used the 100-m radio telescope at Effelsberg to observe several galaxy clusters. At the edges of these large accumulations of dark matter, stellar systems (galaxies), hot gas, and charged particles, they found magnetic fields that are exceptionally ordered over distances of many million light years. This makes them the most extended magnetic fields in the universe known so far.

The results will be published on March 22 in the journal „Astronomy & Astrophysics“.

Galaxy clusters are the largest gravitationally bound structures in the universe. With a typical extent of about 10 million light years, i.e. 100 times the...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Rund 500 Fachleute aus Wissenschaft und Wirtschaft diskutierten über technologische Zukunftsthemen

24.03.2017 | Veranstaltungen

Lebenswichtige Lebensmittelchemie

23.03.2017 | Veranstaltungen

Die „Panama Papers“ aus Programmierersicht

22.03.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Rund 500 Fachleute aus Wissenschaft und Wirtschaft diskutierten über technologische Zukunftsthemen

24.03.2017 | Veranstaltungsnachrichten

Förderung des Instituts für Lasertechnik und Messtechnik in Ulm mit rund 1,63 Millionen Euro

24.03.2017 | Förderungen Preise

TU-Bauingenieure koordinieren EU-Projekt zu Recycling-Beton von über sieben Millionen Euro

24.03.2017 | Förderungen Preise