Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Erfolgreiches Experiment: Weniger Flächenverbrauch durch Handel mit Zertifikaten

21.01.2010
Die Siedlungs- und Verkehrsfläche in Deutschland nimmt jeden Tag um rund 100 Hektar zu. Eine politisch angestrebte Reduktion des Flächenverbrauchs kann - ähnlich wie bei der Reduktion von CO? -Emissionen - durch sogenannte Handelbare Flächenausweisungszertifikate (FAZ) erreicht werden.

Wie dieses Handelssystem gestaltet sein muss, hat das Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung ISI im Projekt "Spiel.Raum: Planspiele zum interkommunalen Handel mit Flächenausweisungskontingenten" untersucht.

13 Kommunen und ein Regionalverband aus Bayern, Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz, Schleswig-Holstein, Niedersachsen, Hessen und Brandenburg simulierten im Rahmen des Projekts "Spiel.Raum" auf einer eigens dafür eingerichteten Internetplattform den Handel mit Flächenausweisungszertifikaten. Dafür gaben die Kommunen zunächst ihre Kennzahlen - Einwohner, Beschäftigte sowie die Flächenstruktur von Wohn- und Gewerbegebieten - in das System ein. Anschließend führten sie ihre geplanten stadtplanerischen Maßnahmen auf, wobei neben dem Flächenverbrauch die mit der Maßnahme verbundenen Kosten und zu erwartenden Gewinne erfasst wurden.

Aus diesen Werten wurde der Bedarf an neuer Siedlungs- und Verkehrsfläche ermittelt, der bei unveränderten Rahmenbedingungen entsteht. Unter Annahme eines bestimmten Reduktionsziels wurde daraus eine Obergrenze für die zusätzliche Siedlungs- und Verkehrsfläche insgesamt abgeleitet. Diese Gesamtfläche war unveränderlich, aber das Umschichten zwischen den Kommunen war möglich - das heißt, sie konnten miteinander handeln. Wollte eine Kommune zusätzliche Siedlungs- und Verkehrsfläche ausweisen, musste sie jeden Hektar durch Zertifikate legitimieren. Ein durchaus finanzieller Anreize zur Reduzierung des Flächenverbrauchs: Wenn eine Kommune ihren Flächenverbrauch reduzierte, konnte sie ihre nicht benötigten FAZ verkaufen oder musste weniger Zertifikate zukaufen.

Auf der Internetplattform konnten die Kommunen dann verschiedene Maßnahmen simulieren und mehrere Optionen durchspielen. Anhand der Ergebnisse sahen sie, ob es sich lohnte, Zertifikate zuzukaufen, also ob der zu erwartende Gewinn aus den stadtplanerischen Maßnahmen im Vergleich zu den Kosten der dafür benötigten Zertifikate groß genug war. Wenn sich eine Kommune für den Zertifikate-Kauf entschied, stellte sie eine Order auf der Internet-Plattform ein und bekam Angebote von Kommunen, die verkaufen wollen. Im Laufe des Projekts stellten die Fraunhofer-ISI-Forscher eine zunehmende Sensibilisierung der Teilnehmer gegenüber den anfallenden Kosten fest. Insgesamt konnte mit dem Handelssystem das Reduktionsziel für den Flächenverbrauch kostengünstiger erreicht werden als bei einer individuellen Beschränkung des Flächenverbrauchs jedes einzelnen Teilnehmers.

Zudem stellte die Studie fest, dass eine höhere Komplexität der möglichen Entscheidungen dazu führte, dass die Kommunen die wirtschaftlichen Chancen des Handelssystems nicht mehr nutzen konnten. Diese sensible Reaktion auf die Zunahme der Komplexität bedeutet in der Schlussfolgerung, dass das Handelssystem möglichst einfach gestaltet sein muss, so Projektleiterin Katrin Ostertag. "Aus diesem Grund sollte es zum Beispiel keine unterschiedlichen Zertifikate für Wohn- und Gewerbeflächen geben", erklärt die Wissenschaftlerin.

Um die planerischen Entscheidungsgrundlagen zu verbessern, sollten den Akteuren umfassende Kalkulationswerkzeuge zur Verfügung gestellt werden, die eine strukturierte Erfassung der Daten und einen Vergleich verschiedener Entwicklungsszenarien ermöglichen. Zur Vorbereitung und Schulung der Entscheidungsträger ist somit eine angemessene Vorbereitungszeit nötig.

Wichtig ist zudem, eine Akzeptanz für die Flächenausweisungszertifikate zu schaffen. So sollten ähnlich den CO?-Zertifikaten jeder Kommune eine bestimmte Menge an FAZ kostenlos zugeteilt werden, wobei diese Zuteilung von allen Kommunen als gerecht empfunden werden muss. Laut der "Spiel.Raum"-Studie ist dies der Fall, wenn die Zuteilung nach gut erfassbaren Kriterien wie Einwohnerzahl, Siedlungsdichte sowie Vorgaben der Regionalplanung erfolgt. Und all die Maßnahmen müssen Raum für individuelle Entscheidungen lassen, denn Kommunen treffen ihre Maßnahmenwahl nicht allein nach finanziellen Kosten-Nutzen-Kriterien. Sie beziehen weitere Entscheidungskriterien wie die urbane Wohnqualität sowie eine gute Durchmischung von Wohn- und Gewerbegebieten mit in ihre Planung ein.

Das Buch "Neue Instrumente für weniger Flächenverbrauch - Der Handel mit Flächenausweisungszertifikaten im Experiment" ist im Fraunhofer-Verlag erschienen, weitere Informationen zum Buch sowie die Studie als PDF gibt es unter http://verlag.fraunhofer.de/bookshop/artikel.jsp?v=233078. Weitere Informationen zum Projekt gibt es auf http://www.spielraum.isi.fraunhofer.de.

Kontakt:
Telefon +49 721 6809-100
E-Mail presse@isi.fraunhofer.de
Das Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung ISI analysiert die Rahmenbedingungen von Innovationen. Wir erforschen die kurz- und langfristigen Entwicklungen von Innovationsprozessen und die gesellschaftlichen Auswirkungen neuer Technologien und Dienstleistungen. Auf dieser Grundlage stellen wir unseren Auftraggebern aus Wirtschaft, Politik und Wissenschaft Handlungsempfehlungen und Perspektiven für wichtige Entscheidungen zur Verfügung. Unsere Expertise liegt in der breiten wissenschaftlichen Kompetenz sowie einem interdisziplinären und systemischen Forschungsansatz.

Dr. Kathrin Schwabe | Fraunhofer Gesellschaft
Weitere Informationen:
http://www.isi.fraunhofer.de
http://verlag.fraunhofer.de/bookshop/artikel.jsp?v=233078
http://www.spielraum.isi.fraunhofer.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Ökologie Umwelt- Naturschutz:

nachricht Erste "Rote Liste" gefährdeter Lebensräume in Europa
16.01.2017 | Universität Wien

nachricht Kann das "Greening" grüner werden?
11.01.2017 | Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung - UFZ

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Ökologie Umwelt- Naturschutz >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Textiler Hochwasserschutz erhöht Sicherheit

Wissenschaftler der TU Chemnitz präsentieren im Februar und März 2017 ein neues temporäres System zum Schutz gegen Hochwasser auf Baumessen in Chemnitz und Dresden

Auch die jüngsten Hochwasserereignisse zeigen, dass vielerorts das natürliche Rückhaltepotential von Uferbereichen schnell erschöpft ist und angrenzende...

Im Focus: Wie Darmbakterien krank machen

HZI-Forscher entschlüsseln Infektionsmechanismen von Yersinien und Immunantworten des Wirts

Yersinien verursachen schwere Darminfektionen. Um ihre Infektionsmechanismen besser zu verstehen, werden Studien mit dem Modellorganismus Yersinia...

Im Focus: How gut bacteria can make us ill

HZI researchers decipher infection mechanisms of Yersinia and immune responses of the host

Yersiniae cause severe intestinal infections. Studies using Yersinia pseudotuberculosis as a model organism aim to elucidate the infection mechanisms of these...

Im Focus: Interfacial Superconductivity: Magnetic and superconducting order revealed simultaneously

Researchers from the University of Hamburg in Germany, in collaboration with colleagues from the University of Aarhus in Denmark, have synthesized a new superconducting material by growing a few layers of an antiferromagnetic transition-metal chalcogenide on a bismuth-based topological insulator, both being non-superconducting materials.

While superconductivity and magnetism are generally believed to be mutually exclusive, surprisingly, in this new material, superconducting correlations...

Im Focus: Erforschung von Elementarteilchen in Materialien

Laseranregung von Semimetallen ermöglicht die Erzeugung neuartiger Quasiteilchen in Festkörpersystemen sowie ultraschnelle Schaltung zwischen verschiedenen Zuständen.

Die Untersuchung der Eigenschaften fundamentaler Teilchen in Festkörpersystemen ist ein vielversprechender Ansatz für die Quantenfeldtheorie. Quasiteilchen...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Künftige Rohstoffexperten aus aller Welt in Freiberg zur Winterschule

18.01.2017 | Veranstaltungen

Bundesweiter Astronomietag am 25. März 2017

17.01.2017 | Veranstaltungen

Über intelligente IT-Systeme und große Datenberge

17.01.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Auf die richtige Behandlung kommt es an

19.01.2017 | Seminare Workshops

Grundlagen der Akustik, Virtuelle Akustik, Lärmminderung, Fahrzeugakustik, Psychoakustik, Produkt Sound Design und Messtechnik

19.01.2017 | Seminare Workshops

Der erste Blick auf ein einzelnes Protein

18.01.2017 | Biowissenschaften Chemie