Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Einzeller jubeln über Schutzzone

26.08.2013
450 QM GETÜMMEL: SCHUTZZONE FÜR NEU ENTDECKTE EINZELLER IN SALZBURG

Ein Tümpel in Salzburg wurde unter besonderen Naturschutz gestellt - aufgrund einer ungewöhnlichen Vielfalt an Wimpertierchen. Wie die Ergebnisse eines Projekts des Wissenschaftsfonds FWF jetzt zeigen, kommen in dem Kleingewässer weit über hundert verschiedene Arten vor.


Salzburg steckt voller Überraschungen – Eine neu entdeckte Art Wimpertierchen (Meseres corlissi) gehört dazu. Für redaktionelle Zwecke bei Nennung der Quelle kostenfrei: Wilhelm Foissner

Die im Fachjournal Diversity veröffentlichten Daten zeigen dabei sogar, dass einige der Arten bisher unbekannt waren. Diese verdanken ihr Überleben aufmerksamen TaxonomistInnen der Universität Salzburg: Sie bewahrten den zeitweise austrocknenden Tümpel vor seinem Ende und bemühten sich um seinen Schutzstatus. Diesen erhielt er von der Stadt und das Naturdenkmal gilt nun als weltweit einzigartig.

Wal und Wolf beeindrucken - Wimpertierchen eher weniger. Das erklärt die Bemühungen um den Artenschutz der einen und den verborgenen Artenverlust der anderen. Tatsächlich ist laut Prof. Wilhelm Foissner vom Fachbereich Organismische Biologie der Universität Salzburg die Situation aber durchaus dramatisch: Pro aussterbender Vielzeller-Art geht nach seinen Schätzungen auch eine Art von Einzellern verloren. Nun finden gleich 150 Arten von ihnen dank seinen Bemühung am Fuß der Festung Hohensalzburg einen geschützten Lebensraum.

UM HAARESBREITE

Dabei war das Überleben der zahlreichen Wimpertierchen im Jahr 2010 genauso gefährdet wie das ihrer Wohnstätte: Im Zuge eines Kunstprojekts wurde der zeitweise trocken liegende Tümpel mit Erde aufgefüllt. Dem raschen Engagement von Prof. Foissner und seinen KollegInnen ist es zu verdanken, dass der Besitzer die Erde rechtzeitig entfernte und die Stadt Salzburg das Gewässer zum Naturdenkmal erklärte.

Eine aktuelle Publikation des Teams im Fachjournal Diversity zeigt, wie sehr dieser Sonderstatus berechtigt ist. Dazu Prof. Foissner: "Wir beobachten und analysieren diese Wasserfläche schon seit 30 Jahren. Über 100 Arten von Ciliaten - also Wimpertierchen - haben wir dort gefunden, von denen 10 unbeschrieben waren. Auf einer Fläche von gerade mal 30 x 15 m!" Dieser Artenreichtum ist wahrscheinlich auf die abwechselnden Feucht- und Trockenphasen des Gewässers zurückzuführen. Der Wechsel bietet jeweils anderen Ciliaten-Arten zeitlich begrenzt optimale Lebensbedingungen.

Der Schutzstatus des Gewässers gilt als weltweit einzigartig. Kein anderer Ort ist bekannt, der "nur" aufgrund seiner einzelligen Biodiversität unter Schutz gestellt wurde. Für Prof. Foissner ein Problem, das nicht allein auf die Unscheinbarkeit der betroffenen Arten zurückzuführen ist: "Protisten - also Lebensformen, die nicht Pilz, Tier oder Pflanze sind - gelten gemeinhin als Kosmopoliten. Schutzwürdig aber gelten Arten, die nur (noch) regional begrenzt vorkommen. Tatsächlich wissen wir aber heute, dass auch ein gutes Drittel der Protisten eine eingeschränkte Verbreitung hat." Dies vermutet Prof. Foissner auch bei fünf der neuen Arten, die er und sein Team im "Tümpel beim Krautwächterhaus" - so die nun offizielle Bezeichnung des Gewässer - nachweisen konnten. Denn trotz umfangreicher Recherche konnten keine anderen Fundstellen entdeckt werden.

ORTSSCHUTZ STATT ARTENSCHUTZ

In der Veröffentlichung in Diversity argumentiert Prof. Foissner überzeugend, dass gerade die neuen Arten den besonderen Schutzstatus erforderlich machen. Einige von ihnen könnten durchaus nur dort (endemisch) vorkommen - und liefern damit eines der traditionellen Argumente für einen besonderen Schutzstatus. Ein weiteres - und neues - Argument stellt die sogenannte Typuslokalität dar. Diese bezeichnet den Standort, an dem eine erstmals beschriebene Art gefunden wurde. Für die Beschreibung multizellulärer Organismen ist die Typuslokalität für gewöhnlich von geringerer taxonomischer Bedeutung. Exemplare des erstbeschriebenen Organismus werden auf vielfältige Art und Weise konserviert und in Sammlungen als Referenz aufbewahrt. Für Kleinstlebewesen wie Wimpertierchen ist dies nur teilweise möglich. Der Erhalt der Typuslokalität erlaubt es dann, sie auch zukünftig als Quelle für Referenzmaterial zu nutzen.

Tatsächlich gelang es dem Team um Prof. Foissner, die Verantwortlichen der Stadt Salzburg mit dieser Argumentation zu überzeugen. Sie stellten insgesamt eine Fläche von über 5.000 qm unter Schutz. Somit haben die Ergebnisse eines FWF-Projekts zur Analyse der Diversität der Ciliaten einen Beitrag geleistet, neue Ansätze im Naturschutz in die Praxis umzusetzen.

Originalpublikation: F. P. D. Cotterill, H. Augustin, R. Medicus 3 und W. Foissner. Conservation of Protists: The Krauthügel Pond in Austria, Diversity 2013, 5, 374-392; doi:10.3390/d5020374

Wissenschaftlicher Kontakt:
Prof. Wilhelm Foissner
Universität Salzburg
FB Organismische Biologie
Hellbrunner Str. 34
5020 Salzburg
T +43 / 662 / 8044 - 5615
E wilhelm.foissner@sbg.ac.at
Der Wissenschaftsfonds FWF:
Mag. Stefan Bernhardt
Haus der Forschung
Sensengasse 1
1090 Wien
T +43 / 1 / 505 67 40 - 8111
E stefan.bernhardt@fwf.ac.at
W http://www.fwf.ac.at
Redaktion & Aussendung:
PR&D - Public Relations für Forschung & Bildung Mariannengasse 8
1090 Wien
T +43 / 1 / 505 70 44
E contact@prd.at
W http://www.prd.at

Judith Sandberger | PR&D
Weitere Informationen:
http://www.fwf.ac.at
http://www.fwf.ac.at/de/public_relations/press/pv201308-de.html

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Ökologie Umwelt- Naturschutz:

nachricht Bestände des invasiven Kalikokrebses reduzieren und heimische Arten schützen
24.04.2018 | Pädagogische Hochschule Karlsruhe

nachricht Plastik stimuliert Bakterien im Meer
17.04.2018 | Universität Wien

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Ökologie Umwelt- Naturschutz >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: BAM@Hannover Messe: Innovatives 3D-Druckverfahren für die Raumfahrt

Auf der Hannover Messe 2018 präsentiert die Bundesanstalt für Materialforschung und -prüfung (BAM), wie Astronauten in Zukunft Werkzeug oder Ersatzteile per 3D-Druck in der Schwerelosigkeit selbst herstellen können. So können Gewicht und damit auch Transportkosten für Weltraummissionen deutlich reduziert werden. Besucherinnen und Besucher können das innovative additive Fertigungsverfahren auf der Messe live erleben.

Pulverbasierte additive Fertigung unter Schwerelosigkeit heißt das Projekt, bei dem ein Bauteil durch Aufbringen von Pulverschichten und selektivem...

Im Focus: BAM@Hannover Messe: innovative 3D printing method for space flight

At the Hannover Messe 2018, the Bundesanstalt für Materialforschung und-prüfung (BAM) will show how, in the future, astronauts could produce their own tools or spare parts in zero gravity using 3D printing. This will reduce, weight and transport costs for space missions. Visitors can experience the innovative additive manufacturing process live at the fair.

Powder-based additive manufacturing in zero gravity is the name of the project in which a component is produced by applying metallic powder layers and then...

Im Focus: IWS-Ingenieure formen moderne Alu-Bauteile für zukünftige Flugzeuge

Mit Unterdruck zum Leichtbau-Flugzeug

Ingenieure des Fraunhofer-Instituts für Werkstoff- und Strahltechnik (IWS) in Dresden haben in Kooperation mit Industriepartnern ein innovatives Verfahren...

Im Focus: Moleküle brillant beleuchtet

Physiker des Labors für Attosekundenphysik, der Ludwig-Maximilians-Universität und des Max-Planck-Instituts für Quantenoptik haben eine leistungsstarke Lichtquelle entwickelt, die ultrakurze Pulse über einen Großteil des mittleren Infrarot-Wellenlängenbereichs generiert. Die Wissenschaftler versprechen sich von dieser Technologie eine Vielzahl von Anwendungen, unter anderem im Bereich der Krebsfrüherkennung.

Moleküle sind die Grundelemente des Lebens. Auch wir Menschen bestehen aus ihnen. Sie steuern unseren Biorhythmus, zeigen aber auch an, wenn dieser erkrankt...

Im Focus: Molecules Brilliantly Illuminated

Physicists at the Laboratory for Attosecond Physics, which is jointly run by Ludwig-Maximilians-Universität and the Max Planck Institute of Quantum Optics, have developed a high-power laser system that generates ultrashort pulses of light covering a large share of the mid-infrared spectrum. The researchers envisage a wide range of applications for the technology – in the early diagnosis of cancer, for instance.

Molecules are the building blocks of life. Like all other organisms, we are made of them. They control our biorhythm, and they can also reflect our state of...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

infernum-Tag 2018: Digitalisierung und Nachhaltigkeit

24.04.2018 | Veranstaltungen

Fraunhofer eröffnet Community zur Entwicklung von Anwendungen und Technologien für die Industrie 4.0

23.04.2018 | Veranstaltungen

Mars Sample Return – Wann kommen die ersten Gesteinsproben vom Roten Planeten?

23.04.2018 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Silizium als neues Speichermaterial für die Akkus der Zukunft

25.04.2018 | HANNOVER MESSE

IAB-Arbeitsmarktbarometer: Trotz Dämpfer auf gutem Niveau

25.04.2018 | Wirtschaft Finanzen

AWI-Forscher messen Rekordkonzentration von Mikroplastik im arktischen Meereis

25.04.2018 | Geowissenschaften

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics