Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Nach Chemieunfällen sicher entscheiden

15.06.2011
Türen und Fenster geschlossen halten oder die Anwohner evakuieren?

Nach Chemieunfällen, wie im Fall des Mitte Mai in Müllheim entgleisten Güterzugs, müssen die Einsatzkräfte häufig schwerwiegende Entscheidungen treffen. Um dies zu erleichtern, hat das Institut für Industriebetriebslehre und Industrielle Produktion (IIP) des KIT mit Partnern aus ganz Europa das Informations- und Kommunikationssystem DIADEM entwickelt. Die Entwickler haben DIADEM nun bei einem Workshop in Kopenhagen vorgestellt – und gemeinsam mit Anwendern getestet.

„Bei einem Chemieunfall geht es darum, Informationen zu sammeln – etwa: Gibt es eine Gaswolke und wohin zieht sie?“, sagt Tina Comes vom IIP. Davon hängt unter anderem die Entscheidung ab, ob die Anwohner evakuiert werden müssen. Hierzu kann DIADEM beispielsweise Informationen von Sensoren zur Gaserkennung und -beobachtung sowie aus entsprechenden Ausbreitungsmodellen einbeziehen.

Um die Information über die Gaswolke und ihre Ausbreitung zu verbessern, kann diese Komponente von DIADEM SMS an die Anwohner versenden, um bei ihnen Informationen einzuholen. Bei strategischen Entscheidungen, so Comes, sei es auch notwendig sich detailliert mit den Risiken verschiedener Maßnahmen für alle Beteiligten auseinander zu setzen: „In der Praxis fehlen häufig präzise, sichere Informationen zu den möglichen Auswirkungen der Maßnahmen.

Um dennoch belastbare Entscheidungen treffen zu können, sind Methoden der Entscheidungsunterstützung notwendig, die diese Unsicherheiten berücksichtigen.“ Gemeinsam mit Wissenschafts- und Industriepartnern aus den Niederlanden, Schweden, Dänemark, Belgien und Rumänien hat das Team um IIP-Leiter Professor Frank Schultmann DIADEM (Distributed Information Acquisition and Decision Making in Environmental Management) entwickelt: ein Informations- und Kommunikationssystem, das den Schutz von Bevölkerung und Umwelt nach Chemieunfällen unterstützt. Anwender können über einen Computer oder einen PDA (Personal Digital Assistant) auf das System zugreifen und Text, Sprache oder auch Karten eingeben oder abrufen. Die Europäische Union fördert das Projekt im siebten Forschungsrahmenprogramm.

Das IIP hat Werkzeuge entwickelt, die gemeinschaftliche Entscheidungen unterstützen. Auf den jeweiligen Fall zugeschnitte Szenarios bilden die Grundlage, auf der die Einsatzkräfte Maßnahmen diskutieren können. Ein Szenario ist dabei eine plausible Entwicklung der Situation. Um unsichere Informationen zu berücksichtigen, werden verschiedene Szenarien entwickelt. Zieht die Gaswolke beispielsweise über ein dicht bevölkertes Gebiet? Um verschiedene mögliche Handlungsalternativen vergleichen zu können, setzen die Wissenschaftler zusätzlich auf die Mehrzielentscheidungsunterstützung: Das ist eine Methode, die eine Reihe unterschiedlicher Gesichtspunkte einbezieht: von der möglichen Gesundheitsgefährdung über den Aufwand einer Evakuierung bis zu den wirtschaftlichen Folgen. Die entwickelten Methoden erlauben es, die Prioritäten aller beteiligten Akteure einzubeziehen und so zu einem Konsens zwischen verschiedenen Interessengruppen zu gelangen. So werden beispielsweise wirtschaftliche Interessen hinter das Wohl der Bevölkerung zurückgestellt. „Mit der Kombination dieser beiden Methoden vermeiden wir die Konzentration auf einzelne, möglicherweise besonders beeindruckende oder einleuchtende Szenarien, und die Nutzer können eine ausgewogene Entscheidung treffen“, sagt Tina Comes.

Vertreter von Behörden, Polizei und Feuerwehr haben DIADEM nun bei einem Workshop in Kopenhagen getestet. Der Anwendungsfall: Ein Gefahrguttransport entgleist, Chlor tritt aus. Im Praxistest mussten die Einsatzkräfte den Schutz der Bevölkerung sicherstellen, das Leck im Waggon abdichten, das zurückgebliebene Chlor abtransportieren und den Zugverkehr wieder herstellen. „Wir wollten zum einen das Zusammenspiel zwischen den Beteiligten – vom Meteorologen bis hin zu jenen, die die Entscheidung übernehmen und verantworten müssen – ausprobieren“, so Comes. „Zum anderen wollten wir das Feedback der künftigen Anwender einholen: Ist die Nutzeroberfläche bedienerfreundlich? Sind die Visualisierungen verständlich?“ Die Workshopteilnehmer schätzten laut Tina Comes vor allem das Training und die Entscheidungshilfe insbesondere bei seltenen Ereignissen.

Das Karlsruher Institut für Technologie (KIT) ist eine Körperschaft des öffentlichen Rechts nach den Gesetzen des Landes Baden-Württemberg. Es nimmt sowohl die Mission einer Universität als auch die Mission eines nationalen Forschungszentrums in der Helmholtz-Gemeinschaft wahr. Das KIT verfolgt seine Aufgaben im Wissensdreieck Forschung – Lehre – Innovation.

Weiterer Kontakt:

Margarete Lehné
Presse, Kommunikation und
Marketing
Tel.: +49 721 608-48121
Fax: +49 721 608-43658
E-Mail: margarete.lehne@kit.edu

Monika Landgraf | idw
Weitere Informationen:
http://www.kit.edu

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Ökologie Umwelt- Naturschutz:

nachricht Professionelle Mooszucht für den Klimaschutz – Projektstart in Greifswald
29.05.2017 | Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald

nachricht Wasserqualität von Flüssen: Zusätzliche Reinigungsstufen in Kläranlagen lohnen sich
24.05.2017 | Eberhard Karls Universität Tübingen

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Ökologie Umwelt- Naturschutz >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Neue Methode für die Datenübertragung mit Licht

Der steigende Bedarf an schneller, leistungsfähiger Datenübertragung erfordert die Entwicklung neuer Verfahren zur verlustarmen und störungsfreien Übermittlung von optischen Informationssignalen. Wissenschaftler der Universität Johannesburg, des Instituts für Angewandte Optik der Friedrich-Schiller-Universität Jena und des Leibniz-Instituts für Photonische Technologien Jena (Leibniz-IPHT) präsentieren im Fachblatt „Journal of Optics“ eine neue Möglichkeit, glasfaserbasierte und kabellose optische Datenübertragung effizient miteinander zu verbinden.

Dank des Internets können wir in Sekundenbruchteilen mit Menschen rund um den Globus in Kontakt treten. Damit die Kommunikation reibungslos funktioniert,...

Im Focus: Strathclyde-led research develops world's highest gain high-power laser amplifier

The world's highest gain high power laser amplifier - by many orders of magnitude - has been developed in research led at the University of Strathclyde.

The researchers demonstrated the feasibility of using plasma to amplify short laser pulses of picojoule-level energy up to 100 millijoules, which is a 'gain'...

Im Focus: Lässt sich mit Boten-RNA das Immunsystem gegen Staphylococcus aureus scharf schalten?

Staphylococcus aureus ist aufgrund häufiger Resistenzen gegenüber vielen Antibiotika ein gefürchteter Erreger (MRSA) insbesondere bei Krankenhaus-Infektionen. Forscher des Paul-Ehrlich-Instituts haben immunologische Prozesse identifiziert, die eine erfolgreiche körpereigene, gegen den Erreger gerichtete Abwehr verhindern. Die Forscher konnten zeigen, dass sich durch Übertragung von Protein oder Boten-RNA (mRNA, messenger RNA) des Erregers auf Immunzellen die Immunantwort in Richtung einer aktiven Erregerabwehr verschieben lässt. Dies könnte für die Entwicklung eines wirksamen Impfstoffs bedeutsam sein. Darüber berichtet PLOS Pathogens in seiner Online-Ausgabe vom 25.05.2017.

Staphylococcus aureus (S. aureus) ist ein Bakterium, das bei weit über der Hälfte der Erwachsenen Haut und Schleimhäute besiedelt und dabei normalerweise keine...

Im Focus: Can the immune system be boosted against Staphylococcus aureus by delivery of messenger RNA?

Staphylococcus aureus is a feared pathogen (MRSA, multi-resistant S. aureus) due to frequent resistances against many antibiotics, especially in hospital infections. Researchers at the Paul-Ehrlich-Institut have identified immunological processes that prevent a successful immune response directed against the pathogenic agent. The delivery of bacterial proteins with RNA adjuvant or messenger RNA (mRNA) into immune cells allows the re-direction of the immune response towards an active defense against S. aureus. This could be of significant importance for the development of an effective vaccine. PLOS Pathogens has published these research results online on 25 May 2017.

Staphylococcus aureus (S. aureus) is a bacterium that colonizes by far more than half of the skin and the mucosa of adults, usually without causing infections....

Im Focus: Orientierungslauf im Mikrokosmos

Physiker der Universität Würzburg können auf Knopfdruck einzelne Lichtteilchen erzeugen, die einander ähneln wie ein Ei dem anderen. Zwei neue Studien zeigen nun, welches Potenzial diese Methode hat.

Der Quantencomputer beflügelt seit Jahrzehnten die Phantasie der Wissenschaftler: Er beruht auf grundlegend anderen Phänomenen als ein herkömmlicher Rechner....

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Lebensdauer alternder Brücken - prüfen und vorausschauen

29.05.2017 | Veranstaltungen

49. eucen-Konferenz zum Thema Lebenslanges Lernen an Universitäten

29.05.2017 | Veranstaltungen

Internationale Konferenz an der Schnittstelle von Literatur, Kultur und Wirtschaft

29.05.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Intelligente Sensoren mit System

29.05.2017 | Messenachrichten

Geckos kommunizieren überraschend flexibel

29.05.2017 | Biowissenschaften Chemie

1,5 Millionen Euro für vier neue „Innovative Training Networks” an der Universität Hamburg

29.05.2017 | Förderungen Preise