Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Bohrwurm macht Buhnen an Mecklenburgischer Ostseeküste zu schaffen

29.06.2015

Meeresbiologen der Uni Rostock ermöglichen Stalu Prognosen für Buhnenbau.

Schon die frühen Seefahrer haben sie gefürchtet und die Provinz Holland meldete im Jahre 1730 „Land unter“, da die holzbefestigten Deiche zu brechen drohten – die Schiffsbohrmuschel, auch Pfahlwurm, Bohrwurm, oder mit wissenschaftlichem Namen Teredo navalis genannt . Seit Anfang der 90er Jahre fressen diese Holzbohrer, bei denen es sich um eine Muschelart handelt, obwohl sie stärker einem Wurm ähneln, an den Buhnen der Mecklenburgischen Ostseeküste und zerstören sie dabei vollständig.


Der schneeartige Belag an den Untersuchungshölzern zeigt Ausscheidungsprodukte der Bohrmuschel

Fotos (Uni Rostock/ Thomas Rahr)

Frau Dr. Heike Lippert vom Lehrstuhl für angewandte Ökologie und Phykologie der Universität Rostock leitet seit drei Jahren die Untersuchung zur Verbreitung der Bohrmuschel im Auftrag des Staatlichen Amtes für Landwirtschaft und Umwelt Rostock (StALU).

„Wir haben herausgefunden, dass die Tiere besonders stark im Bereich zwischen Kühlungsborn und Graal-Müritz auftreten, auf Rügen dagegen treten nur sehr vereinzelt Tiere auf“, sagt die Meeresbiologin. Sie taucht mit einem kleinen Team die Buhnensysteme zwischen Boltenhagen und Rügen ab und befestigt Hölzer als Larvenfallen an den Buhnenpfählen.

In diese Hölzer bohren sich die Larven der Schiffsbohrmuschel ein und hinterlassen dabei nur eine wenige Millimeter große Eintrittsöffnung. Im Inneren des Holzes aber beginnen die nun zu erwachsenen Tieren herangereiften Muscheln ihr zerstörerisches Werk. Bis zu 30 cm lang werden sie unter günstigen Bedingungen, häufig erst bemerkt, wenn hölzerne Hafenbefestigungen und Steganlagen auseinanderbrechen. Bemerkenswert an den Tieren ist zudem, dass sie sich vermutlich ausschließlich von Holz ernähren können. Plankton benötigen sie vermutlich nur zur Nahrungsergänzung.

Die ausgebrachten Larvenfallen verbleiben zwischen einem Monat und einem Jahr im Wasser der Ostsee. Dann werden sie von den Tauchern wieder eingeholt und die Wissenschaftler untersuchen zu welchem Zeitpunkt die Larven sich eingebohrt haben, wie viele Larven auftreten und wie schnell sie wachsen. Zudem werden im Bereich der Buhnen der Salzgehalt und die Temperatur mit autonom arbeitenden Messgeräten ganzjährig aufgezeichnet.

Die Verbreitungsmuster der Holzbohrer führen die Experten vor allem auf den Salzgehalt entlang der Küste, aber auch die Strömung zurück. Bohrmuscheln benötigen einen Mindestsalzgehalt von 0,8 Prozent im Wasser um wachsen und sich reproduzieren zu können. Spannend ist gerade hier an der Küste, dass der Salzgehalt von Westen nach Osten abnimmt. So kann die Reaktion der Tiere auf die unterschiedlichen Bedingungen direkt im Freiwasser verfolgt werden.

Für den Buhnenbau bedeutet das Auftreten des holzbohrenden Schädlings an der Mecklenburgischen Küste einen enormen Mehraufwand. Noch vor Jahren bestanden die Buhnen aus heimischen Weichhölzern wie die Kiefer. „Seitdem die Schiffsbohrmuschel beständig an der hiesigen Küste auftritt, werden zertifizierte Harthölzer tropischen Ursprungs, verwendet.

„Die Harthölzer haben eine größere Resistenz gegenüber den Schiffsbohrmuscheln aufzuweisen“, sagt Heike Lippert. „Allerdings sind sie viel teurer und hinterlassen zudem einen ungünstigen ökologischen Fußabdruck aufgrund der weiten Transportwege.“

Das StALU wird durch die Untersuchungen der Uni Rostock in die Lage versetzt, Prognosen für den Buhnenbau zu erstellen, d.h. zu entscheiden in welchem Bereich der Ostsee nach wie vor Weichhölzer verwendet werden können, und wie lange eine Buhne in welchem Küstenabschnitt voraussichtlich halten wird. Kooperationen zwischen dem StALU und der Universität Rostock bestehen schon seit vielen Jahren und haben sich als sehr fruchtbar erwiesen.

Für eine nachhaltige Planung ist auch die Frage, inwieweit der Klimawandel Auswirkungen auf die Ausbreitung der Schiffsbohrmuschel haben könnte, von großer Bedeutung. „Die Schiffsbormuschel bevorzugt höhere Salzgehalte, aber eine steigende Ostseetemperatur könnte eine bessere Toleranz der Muscheln gegenüber geringen Salzgehalten zur Folge haben.“

Aber Teredo navalis gibt noch viele Rätsel auf. Zum Beispiel ist bisher ungeklärt wo die heute fast weltweit verbreitete Art ihren Ursprung hat. Einige Experten vermuten, dass dieser im indopazifischen Raum liegt, von wo aus die Art sich durch die frühe Seefahrt in alle Welt ausgebreitet haben könnte. Auch dieser Frage hoffen die Rostocker Forscher näher zu kommen. Dazu sammeln sie Proben von Teredo navalis aus Nord- und Ostsee und anderen Meeren und unterziehen sie genetischen Analysen. Text: Wolfgang Thiel

Kontakt:
Universität Rostock
Dr. Heike Lippert
Angewandte Ökologie und Phykologie
Institut für Biowissenschaften
Tel.: +49 (0)381 498 6093
heike.lippert2@uni-rostock.de

Ingrid Rieck | Universität Rostock
Weitere Informationen:
http://www.uni-rostock.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Ökologie Umwelt- Naturschutz:

nachricht Paradiese in Gefahr: Bayreuther Studierende forschen auf den Malediven zu Plastikmüll in den Meeren
13.04.2017 | Universität Bayreuth

nachricht Ozeanversauerung: Wie individuell sind die Reaktionen?
06.04.2017 | GEOMAR Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Ökologie Umwelt- Naturschutz >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Immunzellen helfen bei elektrischer Reizleitung im Herzen

Erstmals elektrische Kopplung von Muskelzellen und Makrophagen im Herzen nachgewiesen / Erkenntnisse könnten neue Therapieansätze bei Herzinfarkt und Herzrhythmus-Störungen ermöglichen / Publikation am 20. April 2017 in Cell

Makrophagen, auch Fresszellen genannt, sind Teil des Immunsystems und spielen eine wesentliche Rolle in der Abwehr von Krankheitserregern und bei der...

Im Focus: Tief im Inneren von M87

Die Galaxie M87 enthält ein supermassereiches Schwarzes Loch von sechs Milliarden Sonnenmassen im Zentrum. Ihr leuchtkräftiger Jet dominiert das beobachtete Spektrum über einen Frequenzbereich von 10 Größenordnungen. Aufgrund ihrer Nähe, des ausgeprägten Jets und des sehr massereichen Schwarzen Lochs stellt M87 ein ideales Laboratorium dar, um die Entstehung, Beschleunigung und Bündelung der Materie in relativistischen Jets zu erforschen. Ein Forscherteam unter der Leitung von Silke Britzen vom MPIfR Bonn liefert Hinweise für die Verbindung von Akkretionsscheibe und Jet von M87 durch turbulente Prozesse und damit neue Erkenntnisse für das Problem des Ursprungs von astrophysikalischen Jets.

Supermassereiche Schwarze Löcher in den Zentren von Galaxien sind eines der rätselhaftesten Phänomene in der modernen Astrophysik. Ihr gewaltiger...

Im Focus: Deep inside Galaxy M87

The nearby, giant radio galaxy M87 hosts a supermassive black hole (BH) and is well-known for its bright jet dominating the spectrum over ten orders of magnitude in frequency. Due to its proximity, jet prominence, and the large black hole mass, M87 is the best laboratory for investigating the formation, acceleration, and collimation of relativistic jets. A research team led by Silke Britzen from the Max Planck Institute for Radio Astronomy in Bonn, Germany, has found strong indication for turbulent processes connecting the accretion disk and the jet of that galaxy providing insights into the longstanding problem of the origin of astrophysical jets.

Supermassive black holes form some of the most enigmatic phenomena in astrophysics. Their enormous energy output is supposed to be generated by the...

Im Focus: Neu entdeckter Exoplanet könnte bester Kandidat für die Suche nach Leben sein

Supererde in bewohnbarer Zone um aktivitätsschwachen roten Zwergstern gefunden

Ein Exoplanet, der 40 Lichtjahre von der Erde entfernt einen roten Zwergstern umkreist, könnte in naher Zukunft der beste Ort sein, um außerhalb des...

Im Focus: Resistiver Schaltmechanismus aufgeklärt

Sie erlauben energiesparendes Schalten innerhalb von Nanosekunden, und die gespeicherten Informationen bleiben auf Dauer erhalten: ReRAM-Speicher gelten als Hoffnungsträger für die Datenspeicher der Zukunft.

Wie ReRAM-Zellen genau funktionieren, ist jedoch bisher nicht vollständig verstanden. Insbesondere die Details der ablaufenden chemischen Reaktionen geben den...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Smart-Data-Forschung auf dem Weg in die wirtschaftliche Praxis

21.04.2017 | Veranstaltungen

Baukultur: Mehr Qualität durch Gestaltungsbeiräte

21.04.2017 | Veranstaltungen

Licht - ein Werkzeug für die Laborbranche

20.04.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Intelligenter Werkstattwagen unterstützt Mensch in der Produktion

21.04.2017 | HANNOVER MESSE

Forschungszentrum Jülich auf der Hannover Messe 2017

21.04.2017 | HANNOVER MESSE

Smart-Data-Forschung auf dem Weg in die wirtschaftliche Praxis

21.04.2017 | Veranstaltungsnachrichten