Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Bissige Bambis – Erhöhter Wildabschuss gewährleistet gesunden Wald

20.07.2010
Alle drei Jahre wird geprüft, inwieweit die jungen Bäume in den bayerischen Wäldern durch Wildverbiss geschädigt sind – und ob dadurch das Nachwachsen einzelner oder mehrerer Baumarten gefährdet sein könnte. In diesem Fall empfehlen die zuständigen Ämter für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten den Jägern eine Erhöhung der Abschusszahlen von Reh-, Rot- oder Gamswild.

„Dieses Verfahren führt aber zu Differenzen zwischen den Förstern und Jägern“, berichtet der LMU-Statistiker Professor Torsten Hothorn. „Die Jägerseite unterstellt, dass das Schalenwild durch zu hohe Abschusspläne ausgerottet würde, während die Förster zu wenige Abschüsse bemängeln, was das Nachwachsen des Waldes verhindere.“

Hothorn und Dr. Jörg Müller, Zoologe im Nationalpark Bayerischer Wald, zeigen nun anhand einer genauen statistischen Analyse der Verbissdaten von 2006 bis 2009, dass die Verbissbelastung – entsprechend der angestiegenen Abschüsse – deutlich zurückgegangen ist. „Diese Auseinandersetzung wird ohne Grund geführt“, meint Hothorn. „Unsere Zahlen zeigen, dass die bayerischen Jäger ihrer Aufgabe nachkommen. Klar ist aber auch, dass die Forstlichen Gutachten auch weiterhin nötig sind, um letztlich stabile Mischwälder zu erhalten.“

Wildverbiss ist das größte Hindernis beim Umbau von instabilen Fichten- oder Kiefernmonokulturen in naturnahe Wälder. Denn gerade junge Laubbäume und die Tanne sind für das Wild besonders attraktiv. Alle drei Jahre werden deshalb Bayerns Wälder unter die Lupe genommen: Die Bestandsaufnahme soll zeigen, ob das Nachwachsen einzelner oder mehrerer wichtiger Baumarten durch den Wildverbiss gefährdet ist. Wenn die zuständigen Ämter für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten diese Gefahr sehen, empfehlen sie den Jägern, die Abschusszahlen von Reh-, Rot- oder Gamswild anzuheben. „Seit diese Forstlichen Gutachten im Jahr 1986 eingeführt wurden, sind sich die Jäger und die Förster uneins“, so Hothorn. „Der Streitpunkt ist, ob das Wild durch zu hohe Abschusszahlen ausgerottet oder ob der Wald durch zu geringe Abschüsse gefährdet ist.“

Eine statistische Analyse, die Hothorn zusammen mit Dr. Jörg Müller, Zoologe im Nationalpark Bayerischer Wald, durchgeführt hat, soll nun Klarheit bringen. Die beiden Forscher untersuchten die Verbissdaten der Jahre 2006 und 2009, in denen über drei Millionen Bäume erfasst sind. „Wir konnten im Jahr 2009 eine deutliche Verringerung der Verbissbelastung bei allen relevanten Baumarten feststellen“, sagt Hothorn. „Und diese Reduktion setzt genau dort ein, wo 2006 der Abschuss angehoben wurde. Nach unserer Analyse sank durch Anheben des Abschusses das Risiko eines kleinen Bäumchens, von Wild verbissen zu werden, im Schnitt um mindestens 50 Prozent. Damit ist nach unserer Sicht klar, dass sich die Empfehlungen der Förster nachvollziehbar am Zustand des Waldes orientieren – und die bayerischen Jäger ihrer Aufgabe nachkommen.“

Insgesamt zeigt die Studie auch, dass Bayern mit seinen Forstlichen Gutachten und dem gesetzlichen Grundsatz „Wald vor Wild“ waldbaulich und ökologisch tragbare Wildbeständen schafft – und damit im internationalen Vergleich Vorreiter ist. Doch auch die statistische Analyse hat Seltenheitswert. Nur in Schweden wurde bislang ein – wenn auch recht schwacher – Zusammenhang zwischen der Anzahl geschossener Elche und dem Verbiss an kleinen Bäumen in einer vergleichbaren Studie festgestellt. „Die Situation in Bayern hat sich grundsätzlich positiv entwickelt“, stellt Hothorn fest. „Unsere Ergebnisse zeigen aber auch, dass sich das schnell ändern kann: Wo die Abschusszahlen für Rehe oder Hirsche wegen einer befriedigenden Verbisssituation konstant blieben oder gar reduziert wurden, kam es nach drei Jahren zu einer deutlichen Zunahme der Schäden. Eine landesweit ausreichende Verjüngung wichtiger Mischbaumarten für stabile Wälder ist noch nicht erreicht. Die Forstlichen Gutachten werden auch weiterhin gebraucht. (suwe)

Publikation:
Torsten Hothorn & Jörg Müller (2010) Large-scale Reduction of Ungulate Browsing by Managed Sport Hunting, Forest Ecology and Management (im Druck), 10.1016/j.foreco.2010.07.019
Deutsche Kurzfassung:
Torsten Hothorn & Jörg Müller (2010) Zur Verläßlichkeit und Effektivität der Bayerischen Forstlichen Gutachten,

http://www.stat.uni-muenchen.de/~hothorn/docs/Verbissgutachten.pdf

Ansprechpartner:
Prof. Dr. Torsten Hothorn
Tel.: 089 / 2180 – 6407
Fax: 089 / 2180 – 5040
E-Mail: Torsten.Hothorn@stat.uni-muenchen.de
Web: http://www.stat.uni-muenchen.de/~hothorn/

Luise Dirscherl | idw
Weitere Informationen:
http://www.stat.uni-muenchen.de/~hothorn/
http://www.stat.uni-muenchen.de/~hothorn/docs/Verbissgutachten.pdf

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Ökologie Umwelt- Naturschutz:

nachricht Internationales Netzwerk bündelt experimentelle Forschung in europäischen Gewässern
21.03.2017 | Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB)

nachricht Nur die Spitze des Eisbergs / Monitoring-Programme unterschätzen den Einfluss des Menschen
16.03.2017 | Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung - UFZ

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Ökologie Umwelt- Naturschutz >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Gigantische Magnetfelder im Universum

Astronomen aus Bonn und Tautenburg in Thüringen beobachteten mit dem 100-m-Radioteleskop Effelsberg Galaxienhaufen, das sind Ansammlungen von Sternsystemen, heißem Gas und geladenen Teilchen. An den Rändern dieser Galaxienhaufen fanden sie außergewöhnlich geordnete Magnetfelder, die sich über viele Millionen Lichtjahre erstrecken. Sie stellen die größten bekannten Magnetfelder im Universum dar.

Die Ergebnisse werden am 22. März in der Fachzeitschrift „Astronomy & Astrophysics“ veröffentlicht.

Galaxienhaufen sind die größten gravitativ gebundenen Strukturen im Universum, mit einer Ausdehnung von etwa zehn Millionen Lichtjahren. Im Vergleich dazu ist...

Im Focus: Giant Magnetic Fields in the Universe

Astronomers from Bonn and Tautenburg in Thuringia (Germany) used the 100-m radio telescope at Effelsberg to observe several galaxy clusters. At the edges of these large accumulations of dark matter, stellar systems (galaxies), hot gas, and charged particles, they found magnetic fields that are exceptionally ordered over distances of many million light years. This makes them the most extended magnetic fields in the universe known so far.

The results will be published on March 22 in the journal „Astronomy & Astrophysics“.

Galaxy clusters are the largest gravitationally bound structures in the universe. With a typical extent of about 10 million light years, i.e. 100 times the...

Im Focus: Auf der Spur des linearen Ubiquitins

Eine neue Methode ermöglicht es, den Geheimcode linearer Ubiquitin-Ketten zu entschlüsseln. Forscher der Goethe-Universität berichten darüber in der aktuellen Ausgabe von "nature methods", zusammen mit Partnern der Universität Tübingen, der Queen Mary University und des Francis Crick Institute in London.

Ubiquitin ist ein kleines Molekül, das im Körper an andere Proteine angehängt wird und so deren Funktion kontrollieren und verändern kann. Die Anheftung...

Im Focus: Tracing down linear ubiquitination

Researchers at the Goethe University Frankfurt, together with partners from the University of Tübingen in Germany and Queen Mary University as well as Francis Crick Institute from London (UK) have developed a novel technology to decipher the secret ubiquitin code.

Ubiquitin is a small protein that can be linked to other cellular proteins, thereby controlling and modulating their functions. The attachment occurs in many...

Im Focus: Physiker erzeugen gezielt Elektronenwirbel

Einem Team um den Oldenburger Experimentalphysiker Prof. Dr. Matthias Wollenhaupt ist es mithilfe ultrakurzer Laserpulse gelungen, gezielt Elektronenwirbel zu erzeugen und diese dreidimensional abzubilden. Damit haben sie einen komplexen physikalischen Vorgang steuern können: die sogenannte Photoionisation oder Ladungstrennung. Diese gilt als entscheidender Schritt bei der Umwandlung von Licht in elektrischen Strom, beispielsweise in Solarzellen. Die Ergebnisse ihrer experimentellen Arbeit haben die Grundlagenforscher kürzlich in der renommierten Fachzeitschrift „Physical Review Letters“ veröffentlicht.

Das Umwandeln von Licht in elektrischen Strom ist ein ultraschneller Vorgang, dessen Details erstmals Albert Einstein in seinen Studien zum photoelektrischen...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Die „Panama Papers“ aus Programmierersicht

22.03.2017 | Veranstaltungen

Über Raum, Zeit und Materie

22.03.2017 | Veranstaltungen

Unter der Haut

22.03.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Die „Panama Papers“ aus Programmierersicht

22.03.2017 | Veranstaltungsnachrichten

Neues Schiff für die Fischerei- und Meeresforschung

22.03.2017 | Biowissenschaften Chemie

Mit voller Kraft auf Erregerjagd

22.03.2017 | Biowissenschaften Chemie