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Dynamische Zeiten: Tagfalterfauna Sachsens zeigt Reaktion der Natur auf regionale und globale Veränderungen

02.10.2007
Die Tagfalter Sachsens unterlagen in den letzten Jahrzehnten einer starken Dynamik. Während die Zahl der ausgestorbenen oder vom Aussterben bedrohten Arten zunahm, gab es auch Arten, deren Gefährdung abgenommen hat.

Zudem haben auch neue Arten Sachsen besiedelt bzw. sind auf dem besten Wege dahin. Aktuell gibt es 98 verschiedene Tagfalterarten in Sachsen. Das teilte die Entomofaunistische Gesellschaft e.V. am Dienstag bei der Vorstellung ihrer Bestandsaufnahme mit. Mit dem Buch "Tagfalter von Sachsen" liegt nun eine vollständige aktuelle Übersicht für den Freistaat vor. Seit der "Großschmetterlingsfauna des Königreiches Sachsen" von 1905 gab es keine weitere vergleichbar fundierte Analyse.

Dazu werteten die Experten 86.377 Datensätze von 1799 bis heute aus. Die Mehrzahl der Daten stammt aus den letzten 20 Jahren von über 150 freiwilligen Schmetterlingsbeobachtern. Auf diese Weise liefert der neue Atlas ein fundiertes Bild von der Verbreitungs- und Häufigkeitsentwicklung dieser wichtigen Insektengruppe in Sachsen. Als Indikatoren liefern die Tagfalter darüber hinaus ein Spiegelbild der generellen Entwicklung der Artenvielfalt in einem Gebiet. So weist das Werk Referenzarten für FFH-Lebensräume und geschützte Biotope aus. Das macht es zu einem wichtigen Instrument für Planungsbüros, Landesämter und Naturschutzbehörden in Sachsen.

Um die Situation von Schmetterlingen in ganz Deutschland künftig genauer und aktueller erfassen zu können, wurde im Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ) eine neue Internetplattform (http://www.falterfunde.de/atlas) vorgestellt. Sie ermöglicht jedermann und jederfrau, Beobachtungen aus allen Regionen Deutschlands und zu jeder Zeit online in eine Datenbank einzugeben.

Rückgänge in Sachsen unterschiedlich stark

Neben den Verbreitungskarten finden sich bei den "Tagfaltern von Sachsen" detaillierte Angaben zu Flugzeiten, Lebensräumen, Gefährdung und Schutz der einzelnen Arten. Regional ergibt sich so ein sehr differenziertes Bild: Über alle Zeiten zusammengefasst waren die meisten Tagfalterarten festzustellen in den Naturräumen Leipziger Land (107 Arten) und Östliche Oberlausitz (106) - die wenigsten in Zittauer Gebirge (42 Arten) und Sächsischer Schweiz (68). Im Laufe der letzten ca. 50 Jahre neu in Sachsen angesiedelt haben sich Spiegelfleck-Dickkopffalter (Heteropterus morpheus), Großer Feuerfalter (Lycaena dispar) und Vogelwicken-Bläuling (Polyommatus amandus). Ausgestorben bzw. nicht mehr nachgewiesen wurden insgesamt 21 Arten wie der Mittlere Perlmutterfalter (Argynnis niobe) und der Braune Eichen-Zipfelfalter (Satyrium ilicis), die zuletzt 2003 beobachtet wurden. Besondere Verluste sind bei den Offenlandlandarten und den Bewohnern strukturbetonter Lebensräume zu verzeichnen. "In den Naturräumen Königsbrück-Ruhlander Heiden und Oberlausitzer Heide- und Teichgebiet sind die Verluste wesentlich geringer als zum Beispiel im Mittelsächsischen Lösshügelland oder auch in der Dresdner Elbtalweitung", sagte Erst-Herausgeber Rolf Reinhardt vom Landesverband Sachsen der Entomofaunistischen Gesellschaft e.V. "Fast zwei Drittel der Ursachen für den Rückgang und das Aussterben der Tagfalter lassen sich auf land- und forstwirtschaftliche Maßnahmen sowie den Siedlungs- und Verkehrsbau zurückführen." So hätten sich beispielsweise Aufforstungen auf für Tagfalter wertvollen Flächen oder mit ungünstigen Baumarten wie Nadelhölzern negativ ausgewirkt. Der neue Atlas enthält auch die Neufassung der Roten Liste für Sachsen. Da Tagfalter als besonders sensible Indikatoren für den Zustand der Natur gelten, kann ihre Beobachtung helfen, Gefahren rechtzeitig zu erkennen und Gegenmaßnahmen einzuleiten. Die Arbeiten für die "Tagfalter von Sachsen" wurden im Rahmen des Projektes ENTOMOFAUNA SAXONICA von der Entomofaunistischen Gesellschaft e.V. koordiniert, durch Spenden finanziert und auch vom Sächsischen Landesamt für Umwelt und Geologie (LfUG) unterstützt. In der letzten Phase konnten zudem bereits umfangreiche Angaben aus dem Tagfalter-Monitoring Deutschland mit verwendet werden. Über das Monitoring erhoffen sich die Sachsen wie auch generell Fachkollegen aus allen Bundesländern wesentliche Daten zu den Trends bei den Schmetterlingen. Sie sind hierbei wiederum für die Auswahl ihrer Erfassungsgebiete auf gute Verbreitungsdaten wie die aus vorliegender Sachsenfauna angewiesen.

Neue Internetplattform soll Erfassung von Beobachtungen revolutionieren

Der neue Sachsenatlas gibt zugleich - passend zum Gedenktag für die deutsche Wiedervereinigung - den Startschuss für das bundesweite Vorhaben "Schmetterlings-Atlas Deutschland". In Kooperation mit der Internetplattform für Flora und Fauna science4you und dem saarländischen Zentrum für Biodokumentation gehen die Wissenschaftler des Helmholtz-Zentrums für Umweltforschung (UFZ) hierbei neue Wege. Künftig wird es für jedermann/frau möglich sein, Schmetterlingsbeobachtungen aus allen Regionen Deutschlands und zu jeder Zeit online in eine Datenbank einzugeben. Anschließend erfolgt eine automatische Plausibilitätsprüfung. Die so gesammelten Daten ermöglichen es, Verbreitungsatlanten und Faunenlisten der Schmetterlinge in beliebiger zeitlicher und räumlicher Skala zu erstellen. Sie werden ergänzt durch die Beobachtungen, die rund 2000 Freiwillige im Rahmen des Tagfalter-Monitoring Deutschland oder des Wanderfalter-Monitoring heute schon regelmäßig online melden.

Das am Dienstag im UFZ vorgestellte Internetwerkzeug ist Teil eines europaweiten Erfassungssystems, das derzeit von der Europäischen Stiftung für Schmetterlingsschutz ("Butterfly Conservation Europe") aufgebaut wird und in dessen Rahmen das UFZ zusammen mit oben genannten und hoffentlich weiteren Partnern den deutschen Teil betreuen wird. Grundsätzlich kann das System auch auf andere Tier- und Pflanzengruppen angewendet werden - so wird auch der in Arbeit befindliche Libellenatlas Deutschlands der Gesellschaft deutschsprachiger Odonatologen (GdO) mit einer angepassten Version unterstützt. Durch den Einsatz von Web-Community-Technologien lassen sich neue und vor allem sehr aktuelle Daten gewinnen. Daraus wiederum eröffnen sich Biodiversitäts- und Klimaforschern völlig neue Möglichkeiten zur Bewertung der aktuellen Situation, aber auch für die Erstellung von Szenarien in der Zukunft und die Suche nach Wirkprinzipien. Politik und Wirtschaft sind auf diese Art wissenschaftlicher Aussagen angewiesen, um bei ihrem Handeln die Belange des Umwelt- und Ressourcenschutzes angemessen berücksichtigen zu können.

Publikation:
Rolf Reinhardt, Heinz Sbieschne, Josef Settele, Uwe Fischer & Gerhard Fiedler:
Tagfalter von Sachsen.
Entomologische Nachrichten und Berichte, Beiheft 11, Dresden 2007.
ISSN 0232-5535
(ca. 750 Seiten mit über 200 Farbabbildungen, Abhandlung und Bewertung von 135 Arten, Rote Liste der Tagfalterarten)
Internetplattform zum Melden von Schmetterlingsbeobachtungen:
http://www.falterfunde.de/atlas
Weitere fachliche Informationen über:
Elisabeth Kühn / PD Dr. Josef Settele
Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung - UFZ
Telefon: 0345-558- 5263, -5320
http://www.ufz.de/index.php?de=10387
http://www.ufz.de/index.php?en=817
oder
Norbert Hirneisen
Science4you
(nobbi@s2you.de)
oder über:
Doris Böhme/ Tilo Arnhold
UFZ-Pressestelle
Telefon: 0341-235-2278
Email: presse@ufz.de
Links:
Internetplattform zum Eintragen von Schmetterlingsbeobachtungen:
http://www.falterfunde.de/atlas
Internetplattform zum Eintragen von Libellenbeobachtungen:
http://www.libellenfunde.de/
Internetplattform für Flora und Fauna
http://www.science4you.org/platform/monitoring/
Entomofaunistische Gesellschaft e. V., Landesverband Sachsen:
http://www.efgsachsen.de
Tagfalter-Monitoring:
http://www.tagfalter-monitoring.ufz.de/
http://www.tagfalter-monitoring.ufz.de/index.php?de=6637
Butterfly Conservation Europe:
http://www.bc-europe.org
EU-Forschungsprojekt ALARM:
http://www.alarmproject.net/alarm/
Das Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung - UFZ wurde 1991 gegründet und beschäftigt an den Standorten Leipzig, Halle/S. und Magdeburg rund 830 Mitarbeiter. Es erforscht die komplexen Wechselwirkungen zwischen Mensch und Umwelt in genutzten und gestörten Landschaften, insbesondere dicht besiedelten städtischen und industriellen Ballungsräumen sowie naturnahen Landschaften. Die Wissenschaftler des UFZ entwickeln Konzepte und Verfahren, die helfen sollen, die natürlichen Lebensgrundlagen für nachfolgende Generationen zu sichern.

Die Helmholtz-Gemeinschaft leistet Beiträge zur Lösung großer und drängender Fragen von Gesellschaft, Wissenschaft und Wirtschaft durch wissenschaftliche Spitzenleistungen in sechs Forschungsbereichen: Energie, Erde und Umwelt, Gesundheit, Schlüsseltechnologien, Struktur der Materie, Verkehr und Weltraum. Die Helmholtz-Gemeinschaft ist mit 25.700 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in 15 Forschungszentren und einem Jahresbudget von rund 2,3 Milliarden Euro die größte Wissenschaftsorganisation Deutschlands. Ihre Arbeit steht in der Tradition des großen Naturforschers Hermann von Helmholtz (1821-1894).

Tilo Arnhold | idw
Weitere Informationen:
http://www.ufz.de/index.php?de=15183

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