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Gefährdete Tierarten besser erfassen

30.08.2007
Berner Ökologen haben eine Methode entwickelt, mit der die Populationsgrösse von seltenen Tierarten genau ermittelt werden kann. Das Verfahren wurde anhand einer gefährdeten Fledermausart in der Schweiz getestet. Die Ergebnisse sind in der aktuellen Ausgabe von "Conservation Biology" publiziert.

Seltene, gefährdete Arten weisen typischerweise kleine Populationsgrössen auf. Will man eine solche Spezies untersuchen, so bleibt die Stichprobe entsprechend klein und der daraus abgeleitete Erkenntnisgewinn ist gering. Damit wird es schwierig, effiziente Massnahmen zu ihrem Schutz zu ergreifen. Nun ist es einem Forscherteam der Universität Bern gelungen, eine Methode zu entwickeln, die nur fragmentarisch vorhandene Daten zusammenführt und nutzt. Die Methode wurde auf den Daten einer seltenen Fledermausart, der Grossen Hufeisennase, getestet.

Methode berücksichtigt mehrere Faktoren

Die Grosse Hufeisennase ist eines der seltensten Säugetiere der Schweiz. Einst weiter verbreitet, gibt es heute nur noch vier Populationen. Über die Ursachen des Rückgangs ist wenig bekannt. Aber gerade Kenntnisse über Bestandsveränderungen und deren Ursachen, sowie das Abschätzen des Aussterbensrisikos sind für wirksame Schutzmassnahmen entscheidend.

Mittels eines neu entwickelten integrierten Populationsmodells ist es nun einer Forschergruppe der Abteilung Conservation Biology der Universität Bern unter der Leitung von Dr. Michael Schaub und Professor Raphael Arlettaz gelungen, Licht ins Dunkel der Populationsdynamik dieser Fledermäuse zu bringen. Dieses Verfahren kombiniert alle verfügbaren Informationen über die Population - Zählungen in "Wochenstuben", Anzahl geborener Junge, Wiederfänge von markierten Individuen - in einem Modell und kann deshalb Überlebensraten, Fortpflanzungserfolg und eine verlässliche Wachstumsrate der Population schätzen.

Das Modell wurde auf die Daten einer der beiden grösseren Kolonien (Vex, VS) angewendet. Es zeigte sich, dass die Grossen Hufeisennasen extrem langlebig sind: Sie weisen eine durchschnittliche Lebenserwartung von etwa fünfeinhalb Jahren auf, was angesichts ihrer geringen Grösse (ca. 25g) extrem hoch ist. Wie die meisten anderen Fledermausarten haben Grosse Hufeisennasen ein Junges pro Jahr, doch setzen sie in einem von vier Jahren mit der Reproduktion aus. Die Population in Vex nahm durchschnittlich um 4% pro Jahr zu. Hätte man die Wachstumsrate aus den Wochenstubenzählungen ermittelt, so wäre sie überschätzt worden (6%).

Sehr empfindliche Reaktionen auf äussere Einflüsse

"Diese Auswertungen bestätigen, dass es der Population der Grossen Hufeisennasen in Vex zur Zeit gut geht", fasst Michael Schaub zusammen. Günstig auf die Populationsentwicklung könnte sich die Renovation der Kirche, die als Wochenstube dient, ausgewirkt haben. Dabei wurde ein Teil des Dachstockes speziell für die Grossen Hufeisennasen eingerichtet, so dass die Fortpflanzung störungsarm und bei besten klimatischen Verhältnissen erfolgen kann.

"Dank der demographischen Angaben wissen wir nun, dass die Wachstumsrate der Population sehr empfindlich auf Änderungen der Überlebensraten reagiert", so Schaub. Die Forscher vermuten, dass der starke Rückgang ab Mitte des letzten Jahrhunderts durch einen vergleichsweise geringen Anstieg der Mortalität, etwa durch die Anwendung von Pestiziden (DDT) verursacht gewesen sein könnte.

Schaub ist von der Wirksamkeit der Berner Methode überzeugt: "Die Methode der integrierten Populationsmodelle ist sehr vielversprechend, um vertiefte Kenntnisse über bedrohte Arten zu gewinnen und um sie letztlich effizienter schützen zu können."

Das integrierte Populationsmodell

Jede Veränderung der Populationsgrösse von einem Jahr zum nächsten kann exakt beschrieben werden durch die Summe der "individuellen Schicksale" in dieser Population. Die Tiere überleben oder sterben, pflanzen sich fort oder nicht. Populationszählungen enthalten also Informationen zum Überleben und zur Fortpflanzung, doch sie können die beiden demographischen Prozesse nicht auseinanderhalten. Dies lässt sich aber durch die Kombination der Zählungen mit anderen Datentypen erreichen (Wiederfänge von markierten Individuen, Anzahl geborener Junge).

In diesem sogenannten integrierten Populationsmodell werden alle Daten in einer gemeinsamen algebraischen Beschreibung zusammengeführt. Somit können die interessanten Populationsparameter geschätzt werden, auch wenn einzelne Datenreihen lückenhaft sind oder ganz fehlen.

Quellenangabe: Schaub, M., Gimenez, O., Sierro, A., and Arlettaz, R. 2007: Use of integrated modelling to enhance estimates of population dynamics obtained from limited data. Conservation Biology 21: 945-955.

Nathalie Matter | idw
Weitere Informationen:
http://www.unibe.ch
http://www.kommunikation.unibe.ch/medien/mitteilungen/news/2007/populationsmodell.html

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