Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Fledermäuse machen Jagd auf Zugvögel

14.02.2007
Fledermäuse auf der Iberischen Halbinsel haben für ihre Nahrungssuche eine neue ökologische Nische erobert: Sie jagen nächtlich fliegende Zugvögel. Dieses überraschende Verhalten wurde von einer schweizerisch-spanischen Forschergruppe entdeckt.

Zu den zahlreichen Gefahren, denen Zugvögel auf ihrer Reise zweimal jährlich ausgesetzt sind, gesellt sich nun eine weitere: Wie Schweizer und spanische Forschende herausgefunden haben, stellen die Milliarden von eurasischen Singvögeln eine willkommene Nahrungsquelle für eine bestimmte Fledermausart auf der Iberischen Halbinsel dar: Der Riesenabendsegler (Nyctalus lasiopterus), die mit knapp über 10 Zentimeter Körperlänge, 46 Zentimeter Spannweite und bis 70 Gramm Gewicht grösste europäische Fledermaus, macht nachts Jagd auf sie.

Bereits 2001 hatten spanische Forscher Federreste in Fledermauskot entdeckt und vermutet, dass sich Riesenabendsegler in Spanien zu einem grossen Teil von Vögeln ernähren. Diese Federreste fanden sich vor allem im Frühling und im Herbst, also während der Migrationszeit der Zugvögel. Bei europäischen Fledermausarten, die sich eigentlich ausschliesslich von Wirbellosen ernähren, würde sich dies um ein völlig neues Räuber-Beute-System handeln. Also wurde die Theorie aus Spanien von Fledermausforschern mit grösster Skepsis aufgenommen. Gegner der Theorie fanden eine andere Erklärung für die Vogelfedern in den Mägen der Riesenabendsegler: Die Fledermäuse würden die Federn mit Insekten verwechseln und diese aus Versehen schlucken. Dies wäre gerade während der Migrationszeit der Vögel nicht auszuschliessen, weil sich dann viele freischwebende Federn in der Luft befänden. Das alleinige Vorhandensein von Federn in Fledermausmägen sollte demnach kein ausreichender Beweis dafür sein, dass Fledermäuse Vögel jagten.

Im Tierreich einzigartiges Verhalten

Eine spanisch-schweizerische Forschergruppe hat nun aber mittels der Konzentration bestimmter Isotopen im Blut der Riesenabendsegler nachweisen können, dass diese tatsächlich Vögel verspeisen. Anhand der Isotope, die zur Analyse der Nahrung dienen, zeigte sich ein deutliches Muster: Die Riesenabendsegler ernährten sich im Sommer nur von Insekten, im Frühling zusätzlich von Zugvögeln und im Herbst fast ausschliesslich davon. Die häufigeren Spuren von Vogelfleisch im Herbst im Vergleich zum Frühling erklären die Forscher mit der grösseren Vogel-Migration im Herbst: Zu dieser Zeit fliegen sowohl Eltern als auch Jungtiere zu ihren Überwinterungsplätzen nach Afrika, während im Frühling nur diejenigen Vögel aus dem Süden zurückkehren, die den Winter überlebt haben. Zudem stellen die unerfahrenen Jungvögel im Herbst wohl eine leichte Beute dar.

Das Projekt der spanischen Forscherin Ana Popa-Lisseanu stand unter der Leitung der Professoren Carlos Ibañez (Sevilla) und Raphaël Arlettaz (Bern). Gemäss Arlettaz, Professor der Abteilung Conservation Biology des Bernischen Zoologischen Instituts, handelt es sich bei dieser nächtlichen Jagd der Riesenabendsegler auf Zugvögel um eine einzigartige ökologische Nische: "Obwohl es andere fleischfressende Fledermausarten gibt, leben diese in den Tropen und ernährten sich von kleinen Beutetieren, die am Boden leben. Einige wenige Falkenarten wiederum jagen Zugvögel entlang der Mittelmeer- und afrikanischen Küste, aber nur tagsüber. Eulen als typisch nachtaktive Jäger schliesslich bewegen sich nicht im offenen Raum: Sie lokalisieren Beutetiere über die raschelnden Geräusche, die diese am Boden machen."

Die einzigartige ökologische Nische der Riesenabendsegler könnte einige ihrer besonderen naturhistorischen Merkmale erklären: Die Spezies tritt nur in besonderen Gebieten des Mittelmeers auf, wo sich grössere Schwärme von Zugvögeln versammeln. Die Riesenabendsegler gehören zudem zu den grössten europäischen und asiatischen Fledermäusen und zählen sogar zu den schwersten Fledermäusen der Welt, die in der Luft jagen. Ihre Körpermasse von bis zu 70 Gramm bei 45 Zentimeter Spannweite ist eine Voraussetzung, um eine Beute wie einen Zugvogel zu jagen, der etwa dasselbe Körpergewicht aufweist wie andere europäische Fledermausarten.

Nathalie Matter | idw
Weitere Informationen:
http://www.unibe.ch
http://www.plosone.org/article/fetchArticle.action?articleURI=info%3Adoi%2F10.1371%2Fjournal.pone.0000205

Weitere Berichte zu: Fledermaus Fledermausart Frühling Jagd Zugvögel

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Ökologie Umwelt- Naturschutz:

nachricht Dünenökosysteme modellieren
23.06.2017 | Albert-Ludwigs-Universität Freiburg im Breisgau

nachricht Es wird zu bunt im Gillbach: Weitere nichtheimische Buntbarschpopulation in Deutschland nachgewiesen
22.06.2017 | Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB)

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Ökologie Umwelt- Naturschutz >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Vorbild Delfinhaut: Elastisches Material vermindert Reibungswiderstand bei Schiffen

Für eine elegante und ökonomische Fortbewegung im Wasser geben Delfine den Wissenschaftlern ein exzellentes Vorbild. Die flinken Säuger erzielen erstaunliche Schwimmleistungen, deren Ursachen einerseits in der Körperform und andererseits in den elastischen Eigenschaften ihrer Haut zu finden sind. Letzteres Phänomen ist bereits seit Mitte des vorigen Jahrhunderts bekannt, konnte aber bislang nicht erfolgreich auf technische Anwendungen übertragen werden. Experten des Fraunhofer IFAM und der HSVA GmbH haben nun gemeinsam mit zwei weiteren Forschungspartnern eine Oberflächenbeschichtung entwickelt, die ähnlich wie die Delfinhaut den Strömungswiderstand im Wasser messbar verringert.

Delfine haben eine glatte Haut mit einer darunter liegenden dicken, nachgiebigen Speckschicht. Diese speziellen Hauteigenschaften führen zu einer signifikanten...

Im Focus: Kaltes Wasser: Und es bewegt sich doch!

Bei minus 150 Grad Celsius flüssiges Wasser beobachten, das beherrschen Chemiker der Universität Innsbruck. Nun haben sie gemeinsam mit Forschern in Schweden und Deutschland experimentell nachgewiesen, dass zwei unterschiedliche Formen von Wasser existieren, die sich in Struktur und Dichte stark unterscheiden.

Die Wissenschaft sucht seit langem nach dem Grund, warum ausgerechnet Wasser das Molekül des Lebens ist. Mit ausgefeilten Techniken gelingt es Forschern am...

Im Focus: Hyperspektrale Bildgebung zur 100%-Inspektion von Oberflächen und Schichten

„Mehr sehen, als das Auge erlaubt“, das ist ein Anspruch, dem die Hyperspektrale Bildgebung (HSI) gerecht wird. Die neue Kameratechnologie ermöglicht, Licht nicht nur ortsaufgelöst, sondern simultan auch spektral aufgelöst aufzuzeichnen. Das bedeutet, dass zur Informationsgewinnung nicht nur herkömmlich drei spektrale Bänder (RGB), sondern bis zu eintausend genutzt werden.

Das Fraunhofer IWS Dresden entwickelt eine integrierte HSI-Lösung, die das Potenzial der HSI-Technologie in zuverlässige Hard- und Software überführt und für...

Im Focus: Can we see monkeys from space? Emerging technologies to map biodiversity

An international team of scientists has proposed a new multi-disciplinary approach in which an array of new technologies will allow us to map biodiversity and the risks that wildlife is facing at the scale of whole landscapes. The findings are published in Nature Ecology and Evolution. This international research is led by the Kunming Institute of Zoology from China, University of East Anglia, University of Leicester and the Leibniz Institute for Zoo and Wildlife Research.

Using a combination of satellite and ground data, the team proposes that it is now possible to map biodiversity with an accuracy that has not been previously...

Im Focus: Klima-Satellit: Mit robuster Lasertechnik Methan auf der Spur

Hitzewellen in der Arktis, längere Vegetationsperioden in Europa, schwere Überschwemmungen in Westafrika – mit Hilfe des deutsch-französischen Satelliten MERLIN wollen Wissenschaftler ab 2021 die Emissionen des Treibhausgases Methan auf der Erde erforschen. Möglich macht das ein neues robustes Lasersystem des Fraunhofer-Instituts für Lasertechnologie ILT in Aachen, das eine bisher unerreichte Messgenauigkeit erzielt.

Methan entsteht unter anderem bei Fäulnisprozessen. Es ist 25-mal wirksamer als das klimaschädliche Kohlendioxid, kommt in der Erdatmosphäre aber lange nicht...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Internationale Fachkonferenz IEEE ICDCM - Lokale Gleichstromnetze bereichern die Energieversorgung

27.06.2017 | Veranstaltungen

Internationale Konferenz zu aktuellen Fragen der Stammzellforschung

27.06.2017 | Veranstaltungen

Fraunhofer FKIE ist Gastgeber für internationale Experten Digitaler Mensch-Modelle

27.06.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Mainzer Physiker gewinnen neue Erkenntnisse über Nanosysteme mit kugelförmigen Einschränkungen

27.06.2017 | Biowissenschaften Chemie

Wave Trophy 2017: Doppelsieg für die beiden Teams von Phoenix Contact

27.06.2017 | Unternehmensmeldung

Warnsystem KATWARN startet international vernetzten Betrieb

27.06.2017 | Informationstechnologie