Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Kampf dem Müll - Abfallwirtschaftskonzept für den Baikalsee

13.02.2007
Dem UNESCO-Weltnaturerbe Baikalsee im Herzen Sibiriens droht Gefahr: Nicht nur die Industrie auch der Tourismus hinterlässt an den Küsten des weltweit größten Süßwasserbinnensees unübersehbar Spuren.

Das Problem: Die Region weiß nicht, wohin mit dem Müll. Am Lehrstuhl für Umweltmanagement der Universität Duisburg-Essen (UDE) entwickeln Wissenschaftler unter der Leitung von Professor Dr. Jan-Dirk Herbell deshalb ein Abfallwirtschaftskonzept für die Touristikgebiete des Baikalsees. In Zusammenarbeit mit der Technischen Universität Irkutsk, Vertretern von Kommunen und Nichtregierungsorganisationen wollen sie binnen zwei Jahren für den Beginn einer geordneten Abfallbeseitigung sorgen.

"Die blaue Perle Sibiriens", "Riviera Sibiriens", "Brunnen des Planeten" - viele malerische Umschreibungen gibt es für den wasserreichsten, tiefsten und ältesten Süßwassersee der Erde, der dem Volk der Burjaten - größte ethnische Minderheit in Sibirien - sogar heilig ist. Dr. Olga Ulanova kennt den Baikal bestens. Sie ist in der Region aufgewachsen, im nahen Irkutsk an der Technischen Universität arbeitet sie als Dozentin für Rohstoffaufbereitung und Umweltschutz. Ihre Idee, das Müllproblem im Naturreservat zwischen Taiga und Steppe anzugehen, fand bei den Duisburg-Essener Kollegen schnell Unterstützung. Man kennt sich gut: Seit 2005 arbeitet Ulanova auch am Lehrstuhl von Professor Herbell, zunächst als Bundeskanzlerstipendiatin der Alexander von Humboldt-Stiftung, jetzt als Gastwissenschaftlerin.

"Wir entwickeln das kommunale Abfallwirtschaftskonzept modellhaft für die Insel Olchon", sagt Dr. Eva Selic, die mit Ingenieurin Ulanova das Projektprogramm erarbeitet hat. "Olchon ist die größte Baikal-Insel und für den Tourismus in der Region am bedeutendsten." Im Herbst 2006 war Professor Herbell mit seiner russischen Mitarbeiterin zu einer ersten Bestandsaufnahme auf dem Eiland an der Westseite des Baikal. Eine schöne, wenn auch ernüchternde Reise: "Weder auf dem Festland noch auf den Inseln gibt es eine den modernen Ansprüchen genügende Abfallbeseitigung. Eine reguläre Deponie, eine irgendwie geordnete Müllablagerung ist nicht vorhanden", so Professor Herbell. "Wegen der vielen heiligen Stätten auf der Insel verstecken die Einwohner den Müll in den Wäldern." Die Touristen, für die Baikalregion zweitwichtigste Einnahmequelle, produzieren weiteren Abfall, einige Gäste zeigen sich zudem von ihrer schlechten Seite: "Vor allem durch wildes Campen sehen die wunderschönen Küsten und Strände wie Müllplätze aus", klagt Dr. Ulanova. "Nicht nur dass sie so ihre touristische Attraktivität verlieren. Der zurückgelassene Unrat belastet Luft, Wasser und Boden und auf lange Sicht auch die Gesundheit der dort lebenden Menschen."

Derzeit erstellen die Wissenschaftler eine Marktanalyse für Olchon, im Sommer folgt - wiederum vor Ort - eine Abfallanalyse. Ganz wichtig: die Finanzierungsstrategien für das lokale Abfallwirtschaftkonzept. "Wenn wir nachhaltige Entwicklung in der Region wollen und damit auch die ökologische Funktion des Baikalsees wiederherstellen bzw. erhalten wollen, dann müssen wir die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen verbessern", so Dr. Selic. "Ein Punkt ist zum Beispiel, dass wir den Menschen beibringen, dass Müll etwas wert ist, dass darin Wertstoffe sind, mit denen man Geld verdienen kann."

Überhaupt muss viel über Aufklärung und Information passieren, sind sich die Umweltingenieure sicher. In den zwei Jahren Projektzeitraum sind deshalb zahlreiche Aktionen und Veranstaltungen für die breite Öffentlichkeit, aber auch für Behörden und Wissenschaft geplant.

An genereller Unterstützung mangelt es nicht: Am Projekt arbeiten Regional- und Kreisverwaltung, die Technische Universität Irkutsk und lokale Nichtregierungsorganisationen mit. Astrid Klug, Staatssekretärin im Bundesumweltministerium (BMU), machte sich beim Gouverneur des Irkutsker Gebietes, Alexander Tischanin, für das Projekt stark. BMU und Umweltbundesamt stellen Mittel aus dem "Beratungshilfeprogramm für den Umweltschutz" zur Verfügung. Damit der Baikalsee bleibt, was er ist: ein Naturwunder der Erde.

Weitere Informationen:
Prof. Dr. Jan-Dirk Herbell, 0203/379-3006, jd.herbell@uni-due.de,
Dr. Eva Selic, Tel. 0203/379-3626, eva.selic@uni-due.de,
Dr. Olga Ulanova, Tel. 0203/379-3625, olga.ulanova@uni-due.de

Ulrike Bohnsack | idw
Weitere Informationen:
http://www.uni-duisburg-essen.de/presse/pi_fotos

Weitere Berichte zu: Abfallwirtschaftskonzept Baikalsee Irkutsk Ulanova

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Ökologie Umwelt- Naturschutz:

nachricht Wie Brände die Tundra langfristig verändern
12.12.2017 | Gesellschaft für Ökologie e.V.

nachricht Mit Drohnen Wildschweinschäden schätzen
12.12.2017 | Gesellschaft für Ökologie e.V.

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Ökologie Umwelt- Naturschutz >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Lange Speicherung photonischer Quantenbits für globale Teleportation

Wissenschaftler am Max-Planck-Institut für Quantenoptik erreichen mit neuer Speichertechnik für photonische Quantenbits Kohärenzzeiten, welche die weltweite...

Im Focus: Long-lived storage of a photonic qubit for worldwide teleportation

MPQ scientists achieve long storage times for photonic quantum bits which break the lower bound for direct teleportation in a global quantum network.

Concerning the development of quantum memories for the realization of global quantum networks, scientists of the Quantum Dynamics Division led by Professor...

Im Focus: Electromagnetic water cloak eliminates drag and wake

Detailed calculations show water cloaks are feasible with today's technology

Researchers have developed a water cloaking concept based on electromagnetic forces that could eliminate an object's wake, greatly reducing its drag while...

Im Focus: Neue Einblicke in die Materie: Hochdruckforschung in Kombination mit NMR-Spektroskopie

Forschern der Universität Bayreuth und des Karlsruhe Institute of Technology (KIT) ist es erstmals gelungen, die magnetische Kernresonanzspektroskopie (NMR) in Experimenten anzuwenden, bei denen Materialproben unter sehr hohen Drücken – ähnlich denen im unteren Erdmantel – analysiert werden. Das in der Zeitschrift Science Advances vorgestellte Verfahren verspricht neue Erkenntnisse über Elementarteilchen, die sich unter hohen Drücken oft anders verhalten als unter Normalbedingungen. Es wird voraussichtlich technologische Innovationen fördern, aber auch neue Einblicke in das Erdinnere und die Erdgeschichte, insbesondere die Bedingungen für die Entstehung von Leben, ermöglichen.

Diamanten setzen Materie unter Hochdruck

Im Focus: Scientists channel graphene to understand filtration and ion transport into cells

Tiny pores at a cell's entryway act as miniature bouncers, letting in some electrically charged atoms--ions--but blocking others. Operating as exquisitely sensitive filters, these "ion channels" play a critical role in biological functions such as muscle contraction and the firing of brain cells.

To rapidly transport the right ions through the cell membrane, the tiny channels rely on a complex interplay between the ions and surrounding molecules,...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Materialinnovationen 2018 – Werkstoff- und Materialforschungskonferenz des BMBF

13.12.2017 | Veranstaltungen

Innovativer Wasserbau im 21. Jahrhundert

13.12.2017 | Veranstaltungen

Innovative Strategien zur Bekämpfung von parasitären Würmern

08.12.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Rest-Spannung trotz Megabeben

13.12.2017 | Geowissenschaften

Computermodell weist den Weg zu effektiven Kombinationstherapien bei Darmkrebs

13.12.2017 | Medizin Gesundheit

Winzige Weltenbummler: In Arktis und Antarktis leben die gleichen Bakterien

13.12.2017 | Geowissenschaften