Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Biologische Invasionen im Ozean: was bestimmt den Erfolg?

09.01.2007
Über 10 Monate lang haben Studenten des internationalen Programms GAME (Global Approach by Modular Experiments) am Kieler Leibniz-Institut für Meereswissenschaften (IFM-GEOMAR) an Untersuchungen zur Stabilität von marinen Lebensgemeinschaften gearbeitet.

Einzigartig an dem Ansatz ist die zeitgleiche Ausführung der Experimente in mehreren Ländern. Von Australien bis Finnland spannt sich das weltweite Netz der Daten. Jetzt präsentieren die jungen Forscher gemeinsam mit ihren wissenschaftlichen Betreuern aus Kiel neue Erkenntnisse über den Verlauf von Invasionen im Meer. Die öffentliche Vortragsreihe umfasst Veranstaltungen in Kiel, Oldenburg, Bremen und Rostock.

Ausgangspunkt des ungewöhnlichen Projekts ist eine zentrale Fragestellung aus der Invasionsökologie: Was begünstigt die Verschleppung von Arten im Meer und ermöglicht ihnen, sich in fremden Ökosystemen zu etablieren? Festsitzende Meeresorganismen können sich zwar nicht eigenständig fortbewegen, unter Umständen sind sie aber dennoch äußerst mobil. Zum Beispiel, wenn sie als Aufwuchs auf Schiffsrümpfen über sehr weite Strecken transportiert und auf diese Weise als ortsfremde Organismen in neue Lebensräume gelangen. Dieser Prozess birgt manchmal eine hohe Brisanz, denn die Auswirkungen der Verschleppung sind oft unbekannt und können ökologische und wirtschaftliche Schäden verursachen. Ein bekanntes Beispiel dafür ist die aus den Zuflüssen vom Schwarzen und Kaspischen Meer stammende Dreikantmuschel Dreissena polymorpha, die hierzulande oft Rohrleitungen zusetzt. Wenn eingewanderte Arten besonders konkurrenzstark sind, können sie auch heimische Arten verdrängen.

Ob sich Arten aus einer fremden Lebensgemeinschaft auch langfristig im neuen Ökosystem etablieren können hängt maßgeblich von der Stabilität der Gemeinschaft ab. In der Forschung zu biologischen Invasionen wurden bisher lediglich einzelne Arten oder sogar nur deren Larven untersucht. Erstmalig haben die jungen Wissenschaftler im Rahmen von GAME ganze Gemeinschaften von ausgewachsenen und fortpflanzungsfähigen Individuen untersucht. Um ein aussagekräftiges Ergebnis zu bekommen haben die Studenten, wie bei allen GAME-Projekten, ihre Experimente zeitgleich an verschiedenen Küstenstandorten auf der ganzen Welt durchgeführt. Dies geschah von November 2005 bis April 2006 auf der Südhalbkugel in Australien, Brasilien, Chile und Neuseeland und von Mai bis Oktober 2006 auf der Nordhalbkugel in England, Finnland, Japan, Malaysia und Portugal.

Die Studenten gingen der Frage nach, ob es einen Zusammenhang zwischen der Stabilität von sogenannten Aufwuchsgemeinschaften oder sesshaften Organismengruppen, und deren Alter gibt. Hierzu haben sie beobachtet, wie lange verschiedene Entwicklungsstadien von diesen Gemeinschaften an einem neuen Standort überdauern können, ohne dass sich ihre Struktur und Zusammensetzung ändert. Als experimentellen Ansatz haben die Wissenschaftler PVC-Ringe mit Besiedlungsplatten im küstennahen Flachwasser verankert, um darauf Lebensgemeinschaften wachsen zu lassen. Nach zwei bzw. nach vier Monaten versetzten sie die Ringe mit dem Bewuchs an neue Standorte mit anderen Umweltbedingungen. Auf diese Weise haben die jungen Forscher den Transport von Meeresorganismen durch Schiffe oder treibenden Müll simuliert. Die Ringe wurden nicht weiter als zehn Kilometer versetzt, um eine tatsächliche Verschleppung von Arten über Verbreitungsgrenzen hinweg zu vermeiden.

Die Ergebnisse zeigen ein einheitliches Bild: Die zwei Monate alten Gemeinschaften verfügten in den allermeisten Fällen über eine geringere Artenvielfalt (Biodiversität) als die älteren Aufwuchsgemeinschaften und boten auf ihren Besiedlungsplatten mehr freien Raum für die Ansiedlung von "ortsansässigen" Organismen. Nach und nach konnten die für den Lebensraum typischen Individuen die eingeschleppten Arten auf diese Weise verdrängen. Die älteren Aufwuchsgemeinschaften dagegen waren artenreicher und stabiler. Die "einheimischen" Arten konnten sich nicht gegen die eingewanderte Gemeinschaft durchsetzen. Damit war es den fremden Arten möglich, durch Reproduktion im neuen Lebensraum fortzubestehen.

Dr. Mark Lenz, Meeresbiologe am IFM-GEOMAR und Koordinator von GAME, zieht aus diesen Resultaten eine wichtige Erkenntnis für die Praxis: "Will man die Verschleppung von Arten im Meer begrenzen, müsste man prophylaktisch vorgehen, in dem man zum Beispiel Schiffsrümpfe in möglichst kurzen Zeitabständen von Meeresorganismen befreit. Unsere Ergebnisse zeigen nämlich, dass sich ältere Gemeinschaft in der Regel im neuen Lebensraum besser behaupten können."

Hintergrundinformation:

Das internationale Studienprogramm GAME wurde 2001 am IFM-GEOMAR gegründet und ist ein Trainings- und Forschungsprogramm mit internationalem Ansatz. Im Rahmen von Abschlussarbeiten führen jeweils ein deutscher und ein ausländischer Studierender aus einem der Partnerländer die Experimente gemeinsam durch. GAME wird von der Stiftung Mercator GmbH unterstützt, einer Organisation, die den aktiven Wissensaustausch zwischen Menschen mit unterschiedlichem nationalem, kulturellem und sozialem Hintergrund fördert.

Im Rahmen der Vortagsreihe an vier norddeutschen Instituten haben Sie als Medienvertreter die Möglichkeit, sich über die Ergebnisse des abgeschlossenen Projektes sowie über GAME im Allgemeinen zu informieren und mit den teilnehmenden Studenten und ihren Betreuern zu sprechen.

Termine:

15.1.2007 Kiel
IFM-GEOMAR, Gebäude Westufer, Düsternbrookerweg 20, Großer Konferenzraum,13:30 Uhr.
22.1.2007 Oldenburg
Carl-von-Ossietzky-Universität, Institut für Chemie und Biologie des Meeres,
Carl-von-Ossietzky-Straße 9-11, Raum W15-146, 08:15 Uhr.
23.1.2007 Bremen
Universität, FB Biologie/Chemie, Leobener Straße, Raum NW2 A2235 (Meeresbiologie),

17:30 Uhr.

29.1.2007 Rostock
Universität, Institut für Biowissenschaften, Albert-Einstein-Straße Nr. 3, Raum 201, 14:00 Uhr.
Ansprechpartner:
Dr. Mark Lenz, Koordinator von GAME, Tel. 0431 - 600 4576, mlenz@ifm-geomar.de
Mona Botros, Dipl.-Journ. (Öffentlichkeitsarbeit), Tel. 0431 - 600 2807, mbotros@ifm-geomar.de

Mona Botros | idw
Weitere Informationen:
http://www.ifm-geomar.de/game

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Ökologie Umwelt- Naturschutz:

nachricht Frühwarnsignale für Seen halten nicht, was sie versprechen
05.12.2016 | Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB)

nachricht Besserer Schutz vor invasiven Arten
15.11.2016 | Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB)

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Ökologie Umwelt- Naturschutz >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Gravitationswellen als Sensor für Dunkle Materie

Die mit der Entdeckung von Gravitationswellen entstandene neue Disziplin der Gravitationswellen-Astronomie bekommt eine weitere Aufgabe: die Suche nach Dunkler Materie. Diese könnte aus einem Bose-Einstein-Kondensat sehr leichter Teilchen bestehen. Wie Rechnungen zeigen, würden Gravitationswellen gebremst, wenn sie durch derartige Dunkle Materie laufen. Dies führt zu einer Verspätung von Gravitationswellen relativ zu Licht, die bereits mit den heutigen Detektoren messbar sein sollte.

Im Universum muss es gut fünfmal mehr unsichtbare als sichtbare Materie geben. Woraus diese Dunkle Materie besteht, ist immer noch unbekannt. Die...

Im Focus: Significantly more productivity in USP lasers

In recent years, lasers with ultrashort pulses (USP) down to the femtosecond range have become established on an industrial scale. They could advance some applications with the much-lauded “cold ablation” – if that meant they would then achieve more throughput. A new generation of process engineering that will address this issue in particular will be discussed at the “4th UKP Workshop – Ultrafast Laser Technology” in April 2017.

Even back in the 1990s, scientists were comparing materials processing with nanosecond, picosecond and femtosesecond pulses. The result was surprising:...

Im Focus: Wie sich Zellen gegen Salmonellen verteidigen

Bioinformatiker der Goethe-Universität haben das erste mathematische Modell für einen zentralen Verteidigungsmechanismus der Zelle gegen das Bakterium Salmonella entwickelt. Sie können ihren experimentell arbeitenden Kollegen damit wertvolle Anregungen zur Aufklärung der beteiligten Signalwege geben.

Jedes Jahr sind Salmonellen weltweit für Millionen von Infektionen und tausende Todesfälle verantwortlich. Die Körperzellen können sich aber gegen die...

Im Focus: Shape matters when light meets atom

Mapping the interaction of a single atom with a single photon may inform design of quantum devices

Have you ever wondered how you see the world? Vision is about photons of light, which are packets of energy, interacting with the atoms or molecules in what...

Im Focus: Greifswalder Forscher dringen mit superauflösendem Mikroskop in zellulären Mikrokosmos ein

Das Institut für Anatomie und Zellbiologie weiht am Montag, 05.12.2016, mit einem wissenschaftlichen Symposium das erste Superresolution-Mikroskop in Greifswald ein. Das Forschungsmikroskop wurde von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) und dem Land Mecklenburg-Vorpommern finanziert. Nun können die Greifswalder Wissenschaftler Strukturen bis zu einer Größe von einigen Millionstel Millimetern mittels Laserlicht sichtbar machen.

Weit über hundert Jahre lang galt die von Ernst Abbe 1873 publizierte Theorie zur Auflösungsgrenze von Lichtmikroskopen als ein in Stein gemeißeltes Gesetz....

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Wie aus reinen Daten ein verständliches Bild entsteht

05.12.2016 | Veranstaltungen

Von „Coopetition“ bis „Digitale Union“ – Die Fertigungsindustrien im digitalen Wandel

02.12.2016 | Veranstaltungen

Experten diskutieren Perspektiven schrumpfender Regionen

01.12.2016 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Was nach der Befruchtung im Zellkern passiert

06.12.2016 | Biowissenschaften Chemie

Tempo-Daten für das „Navi“ im Kopf

06.12.2016 | Medizin Gesundheit

Patienten-Monitoring in der eigenen Wohnung − Sensorenanzug für Schlaganfallpatienten

06.12.2016 | Medizintechnik