Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

3000 Flächen für die Ökosystem-Forschung

21.11.2006
Wie wirken sich Eingriffe des Menschen in die Natur speziell auf die Artenvielfalt aus? Welche Konsequenzen haben diese Veränderungen für die betroffenen Ökosysteme? Und was bedeuten diese Störungen in der Summe möglicherweise für die gesamte Biosphäre, auf deren lebenserhaltende Leistungen wir unabdingbar angewiesen sind? Diese und weitere Fragen stehen im Mittelpunkt eines neuen Forschungsprogramms, das die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) ins Leben gerufen hat.

Es handelt sich dabei um ein Projekt in einer Größenordnung, wie es sie in der Biologie im Einzelverfahren bisher noch nicht gegeben hat. Daran beteiligt ist der Lehrstuhl für Tierökologie und Tropenbiologie der Uni Würzburg unter der Leitung von Professor Karl Eduard Linsenmair.

3000 Untersuchungsflächen für die generelle Datenerhebung, 300 Flächen für intensivere, experimentelle Forschung mit zusätzlichen Experimentierflächen in direkter Nachbarschaft, 48 Flächen für sehr intensive Forschung - in dieser Größenordnung bewegt sich das Projekt, das die DFG in der ersten Drei-Jahres-Phase mit acht Millionen Euro finanzieren wird.

"Es geht darum, die funktionale Rolle der Biodiversität und die Auswirkungen menschlicher Einflüsse auf verschiedene Ökosysteme besser zu verstehen", erklärt Karl Eduard Linsenmair vom Biozentrum der Universität. Fünf Einrichtungen teilen sich die Arbeit: Neben Würzburg sind dies die Universitäten Jena und Ulm und das Max-Planck-Institut für Biogeochemie Jena; die Federführung liegt bei der Universität Potsdam.

In dem Projekt werden die Forschungsaktivitäten unterschiedlicher ökologischer Fachrichtungen gebündelt und Erkenntnisse aus Modellexperimenten auf den Landschaftsmaßstab übertragen, überprüft und erweitert. Dabei werden die bislang noch zu stark voneinander isolierten Felder der Biodiversitäts- mit der Ökosystemforschung eng vernetzt; dadurch erst wird es möglich, Fragen zur funktionalen Bedeutung der Vielfalt von Arten und Gemeinschaften im großräumigen und langfristigen Kontext komplexer Landschaften zu untersuchen.

"Welche Folgen Eingriffe des Menschen in die Natur auf die Artenvielfalt und damit auf einzelne Leistungen von Ökosystemen haben, darüber gibt es punktuell schon ziemlich viel Wissen", sagt Linsenmair. Auf die raum-zeitlichen Dimensionen von Prozessen bezogen, die ganze Landschaften prägen, seien die Erkenntnisse jedoch noch sehr lückenhaft. Dabei können sich Wissenslücken in diesem Bereich fatal auswirken: "Es ist nicht belanglos, wenn durch Land- und Forstwirtschaft die Artenvielfalt abnimmt. Ökosysteme werden dabei geschwächt, im schlimmsten Fall total zerstört", warnt der Ökologe. Und niemand wisse, ab welchem Störumfang ganze Großlebensräume - so genannte Biome - oder die gesamte Biosphäre gefährdet werden. Deshalb hält Linsenmair ein Projekt, wie es jetzt startet, für dringend erforderlich.

Auf drei klimatisch recht unterschiedliche Gebiete konzentrieren die Forscher ihre Arbeit: das Biosphärenreservat Schorfheide-Chorin nördlich von Berlin, den Nationalpark Hainich in Thüringen und das designierte Biosphärenreservat Schwäbische Alp in Baden-Württemberg. Die Untersuchungsflächen werden so über Grünland und Wald verteilt sein, dass sie für beide Lebensräume ein möglichst vollständiges Spektrum der Habitate und der in ihnen stattfindenden Landnutzung umfassen. Dort werden die Wissenschaftler zunächst jede Menge Daten sammeln: Wie wurde, wie wird das Land genutzt, welche Pflanzen, welche Tiere leben dort? Wie ist das lokale (Mikro-)Klima, wie verlaufen die Stoffflüsse, welche Bodeneigenschaften sind an jedem der 3000 Punkte gegeben - das sind nur ein paar davon.

Gesammelt wird natürlich nicht nur einmal, sondern wiederholt über alle Jahreszeiten und, wo notwendig, auch über die Jahre hinweg. Später werden die beteiligten Forschergruppen im Rahmen von Experimenten untersuchen, wie sich menschliche Eingriffe auswirken. "Wenn man zum Beispiel eine Wiese zu einem ungünstigen Zeitpunkt mäht, kann das sehr nachteilig für Bienen und weitere Bestäuber sein, auf deren Dienste unter anderem auch die Landwirtschaft angewiesen ist. Und das kann sich dann sehr negativ auf die Produktivität und auf andere von der Diversität abhängige Leistungen der Lebensgemeinschaften in der Umgebung auswirken. "Unsere Arbeitsgruppe wird sich vor allem mit der ökosystemaren Rolle verschiedener, sehr diverser Insektengruppen beschäftigen", erläutert Linsenmair.

Ein Projekt in dieser Größenordnung bringt einen großen Organisationsaufwand mit sich. "Allein der Aufbau der Logistik für die Erhebung der grundlegenden Daten wird viel Zeit beanspruchen", sagt Linsenmair. Dabei ist perfekte Planung das A und O, schließlich sollen sich die Forscher nicht gegenseitig behindern: "Dazu kann es reichen, dass ein Mitarbeiter einmal quer durch ein sensibles Gebiet läuft."

Eine gewaltige Aufgabe wird es auch sein, den Berg an Daten zu erfassen, zu verwalten und zu interpretieren. Für das Management und die umfangreiche und anspruchsvolle statistische Aufarbeitung der Datenflut hat die DFG mehrere Stellen bewilligt, deren Inhaber sich alleine um diese Aufgabe kümmern müssen. Trotzdem denkt Linsenmair bereits in größeren Dimensionen. "Wenn nach einigen Jahren die ersten soliden Ergebnisse vorliegen, sollte das Projekt möglichst bald ausgeweitet werden." Sein Wunsch: "Dann sollten auch die Tropen mit einbezogen werden."

Schon jetzt ist das Projekt in große internationale Programme eingebunden. Weil Biodiversität und Ökosystemprozesse immer auch Einfluss auf sozioökonomische Rahmenbedingungen und unter anderem auch auf das Klima haben, können die hier gewonnenen Erkenntnisse nicht nur in die internationalen Biodiversitätsforschungsprogramme (zum Beispiel "Diversitas") sondern auch in das "International Human Dimension Program of Global Chance" oder das "International Geosphere-Biosphere Program" mit einfließen.

"Billige, schnelle Antworten", betont Linsenmair, dürfe hier allerdings niemand erwarten. "Unter 20 Jahren wird eine Ökosystemforschung, wie sie hier geplant wird, kaum die wirklich belastbaren Antworten liefern, wie wir sie für ein effektives, auf nachhaltige Nutzung hin ausgerichtetes Management von zum Beispiel Waldsystemen brauchen", sagt er. Und wünscht sich deshalb sehr viel längerfristige und großräumliche Dimensionen in der Ökologie-Forschung, die mehr Mittel verlangen als bisher in diesen Bereich investiert wurden.

"Wir brauchen Anstrengungen ähnlich wie bei der Vorbereitung der Mondlandung." Das Problem sei, dass "ein großer Teil der Menschheit noch nicht begriffen hat, dass wir mit allen unseren massiven Eingriffen in die belebte Natur auf dem Weg sind, deren Vielfalt so zu reduzieren, dass wir dabei die große Gefahr laufen, unsere unverzichtbare biologische Lebensgrundlage zu zerstören", sagt er. Immerhin: Das jetzt gestartete Projekt sei mit seiner sehr bemerkenswerten Größenordnung und einer viel versprechenden Zukunftsperspektive schon mal ein guter Anfang.

Ansprechpartner: Prof. Dr. Karl Eduard Linsenmair, T (0931) 888-4350; E-Mail: ke_lins@biozentrum.uni-wuerzburg.de

Robert Emmerich | idw
Weitere Informationen:
http://www.uni-wuerzburg.de

Weitere Berichte zu: Artenvielfalt DFG Größenordnung Ökosystem

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Ökologie Umwelt- Naturschutz:

nachricht Müll in den Weltmeeren überall präsent: 1220 Arten betroffen
23.03.2017 | Alfred-Wegener-Institut, Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung

nachricht Internationales Netzwerk bündelt experimentelle Forschung in europäischen Gewässern
21.03.2017 | Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB)

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Ökologie Umwelt- Naturschutz >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Wegweisende Erkenntnisse für die Biomedizin: NAD⁺ hilft bei Reparatur geschädigter Erbinformationen

Eine internationale Forschergruppe mit dem Bayreuther Biochemiker Prof. Dr. Clemens Steegborn präsentiert in 'Science' neue, für die Biomedizin wegweisende Forschungsergebnisse zur Rolle des Moleküls NAD⁺ bei der Korrektur von Schäden am Erbgut.

Die Zellen von Menschen und Tieren können Schäden an der DNA, dem Träger der Erbinformation, bis zu einem gewissen Umfang selbst reparieren. Diese Fähigkeit...

Im Focus: Designer-Proteine falten DNA

Florian Praetorius und Prof. Hendrik Dietz von der Technischen Universität München (TUM) haben eine neue Methode entwickelt, mit deren Hilfe sie definierte Hybrid-Strukturen aus DNA und Proteinen aufbauen können. Die Methode eröffnet Möglichkeiten für die zellbiologische Grundlagenforschung und für die Anwendung in Medizin und Biotechnologie.

Desoxyribonukleinsäure – besser bekannt unter der englischen Abkürzung DNA – ist die Trägerin unserer Erbinformation. Für Prof. Hendrik Dietz und Florian...

Im Focus: Fliegende Intensivstationen: Ultraschallgeräte in Rettungshubschraubern können Leben retten

Etwa 21 Millionen Menschen treffen jährlich in deutschen Notaufnahmen ein. Im Kampf zwischen Leben und Tod zählt für diese Patienten jede Minute. Wenn sie schon kurz nach dem Unfall zielgerichtet behandelt werden können, verbessern sich ihre Überlebenschancen erheblich. Damit Notfallmediziner in solchen Fällen schnell die richtige Diagnose stellen können, kommen in den Rettungshubschraubern der DRF Luftrettung und zunehmend auch in Notarzteinsatzfahrzeugen mobile Ultraschallgeräte zum Einsatz. Experten der Deutschen Gesellschaft für Ultraschall in der Medizin e.V. (DEGUM) schulen die Notärzte und Rettungsassistenten.

Mit mobilen Ultraschallgeräten können Notärzte beispielsweise innere Blutungen direkt am Unfallort identifizieren und sie bei Bedarf auch für Untersuchungen im...

Im Focus: Gigantische Magnetfelder im Universum

Astronomen aus Bonn und Tautenburg in Thüringen beobachteten mit dem 100-m-Radioteleskop Effelsberg Galaxienhaufen, das sind Ansammlungen von Sternsystemen, heißem Gas und geladenen Teilchen. An den Rändern dieser Galaxienhaufen fanden sie außergewöhnlich geordnete Magnetfelder, die sich über viele Millionen Lichtjahre erstrecken. Sie stellen die größten bekannten Magnetfelder im Universum dar.

Die Ergebnisse werden am 22. März in der Fachzeitschrift „Astronomy & Astrophysics“ veröffentlicht.

Galaxienhaufen sind die größten gravitativ gebundenen Strukturen im Universum, mit einer Ausdehnung von etwa zehn Millionen Lichtjahren. Im Vergleich dazu ist...

Im Focus: Giant Magnetic Fields in the Universe

Astronomers from Bonn and Tautenburg in Thuringia (Germany) used the 100-m radio telescope at Effelsberg to observe several galaxy clusters. At the edges of these large accumulations of dark matter, stellar systems (galaxies), hot gas, and charged particles, they found magnetic fields that are exceptionally ordered over distances of many million light years. This makes them the most extended magnetic fields in the universe known so far.

The results will be published on March 22 in the journal „Astronomy & Astrophysics“.

Galaxy clusters are the largest gravitationally bound structures in the universe. With a typical extent of about 10 million light years, i.e. 100 times the...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Rund 500 Fachleute aus Wissenschaft und Wirtschaft diskutierten über technologische Zukunftsthemen

24.03.2017 | Veranstaltungen

Lebenswichtige Lebensmittelchemie

23.03.2017 | Veranstaltungen

Die „Panama Papers“ aus Programmierersicht

22.03.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Rund 500 Fachleute aus Wissenschaft und Wirtschaft diskutierten über technologische Zukunftsthemen

24.03.2017 | Veranstaltungsnachrichten

Förderung des Instituts für Lasertechnik und Messtechnik in Ulm mit rund 1,63 Millionen Euro

24.03.2017 | Förderungen Preise

TU-Bauingenieure koordinieren EU-Projekt zu Recycling-Beton von über sieben Millionen Euro

24.03.2017 | Förderungen Preise