Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Invasionen vorhersagen - Europäisches Forschungsprojekt untersucht Ausbreitung des Riesenbärenklaus

18.10.2005


Die bis zu vier Meter hohen Bärenklaustauden. Foto: Petr Pysek/Institute of Botany, Academy of Sciences, Czech Republik


Bärenklaukolonien in einem ehemaligen Militärgebiet bei Marianske Lazne (Marienbad), im Westen der Tschechischen Republik in der Nähe der Grenze zu Bayern. Foto: André Künzelmann/UFZ


Biologische Invasionen sind in den letzten Jahren zu einem weltweiten Problem geworden. Von einer Invasion sprechen die Wissenschaftler, wenn eingeführte Pflanzen oder Tiere sich so stark ausbreiten, dass der Mensch diesen Prozess nicht mehr kontrollieren kann. Um diese Ausbreitungsmechanismen zu verstehen und Gegenstrategien zu entwickeln untersuchen Wissenschaftler des Umweltforschungszentrums Leipzig-Halle (UFZ) und des Botanischen Institutes der Tschechischen Akademie der Wissenschaften die Ausbreitung von eingedrungen Arten anhand des Riesenbärenklau.

... mehr zu:
»Invasion »Pflanze »Riesenbärenklau »UFZ

Ein aggressiver Neuling

Von weitem sehen die bis zu vier Meter hohen Pflanzen beeindruckend aus. Doch aus der Nähe betrachtet verliert der Riesenbärenklau (lateinisch Heracleum mantegazzianum) schnell seine Faszination. Der äußerst aggressive Saft im Innern der Pflanze kann nämlich Verbrennungen dritten Grades verursachen. Doch nicht nur für den Menschen kann der Riesenbärenklau eine Gefahr darstellen - auch die Pflanzenwelt ist davon betroffen. Die großen Blätter sorgen für so viel Schatten, dass am Boden viele andere Pflanzen nicht mehr wachsen können. Die Folge: Nach dem Absterben des Riesenbärenklaus im Herbst bleiben große Flächen kahl und es kommt zur Erosion. In Großbrittanien darf die Pflanze inzwischen schon nicht mehr gehandelt werden und auch in anderen Ländern wird über eine Gegenstrategie nachgedacht.


Ursprünglich stammt die Pflanze aus dem Kaukasus. Im 19. Jahrhundert wurde sie als Zierpflanze nach Mitteleuropa eingeführt. Seitdem breitet sich der Riesenbärenklau auch hierzulande aus.

Vorhersagemodelle gefragt

Wie das geschieht untersucht Nana Nehrbaß vom UFZ. Die Wissenschaftlerin interessiert sich für die Faktoren, die eine Ausbreitung der Pflanze begünstigen oder hemmen. "Es zeichnen sich linearen Strukturen wie Flüsse oder Straßen als Hauptverbreitungsarten ab. Dort werden die Samen mit dem Wasser oder in den Reifen von Fahrzeugen transportiert", erzählt Nana Nehrbaß. Ursprünglich war der Riesenbärenklau einmal als Zierpflanze oder Bienenweide gedacht. In Gebieten der ehemaligen Sowjetunion wurde sogar darüber nachgedacht, den Riesenbärenklau als Futterpflanze zu verwenden. Doch dazu erwies er sich schnell als ungeeignet.

Am Computer wertet die Wissenschaftlerin Luftbilder aus. Die hellen Blüten sind aus der Luft gut erkennbar. Auf den Schwarz-Weiß-Fotos entspricht jeder weiße Punkt einer blühenden Riesenbärenklau-Pflanze. Zusammen mit tschechischen Kollegen untersucht sie so die Ausbreitung in einem ehemaligen Militärgebiet bei Marianske Lazne (Marienbad) im Westen der Tschechischen Republik in der Nähe der Grenze zu Bayern. Von Gebiet des Slavkovsky les (Kaiserwald) gibt es Luftfotos, die die Entwicklung während der letzten 50 Jahre dokumentieren. "Der Riesenbärenklau ist vergleichbar mit prominenten Invasionsarten überall auf der Welt", sagt Petr Pyšek vom Botanischen Institut der Tschechischen Akademie der Wissenschaften. "Er verfügt über ein außergewöhnliches Invasionspotential. Dazu kommt noch, dass es eine effiziente Vermehrung extrem erschwert, diese Art zu kontrollieren oder gar auszurotten." Allein eine Pflanze produziert etwa 20 000 Samen.

Riesenschäden durch Einwanderer

Ziel der Untersuchung sind Computermodelle, mit denen die Ausbreitung von Invasionsarten vorhergesagt werden kann. Bisher waren alle Ausbreitungssimulationen nur in einem groben Raster von 25x25 oder 10x10 Kilometern und deshalb sehr ungenau. Jetzt können auch lokale Faktoren wie Landnutzung oder Straßen mit berücksichtigt werden.

Das Bundesamt für Naturschutz schätzt den Schaden durch eingeschleppte Tier- und Pflanzenarten auf mindestens 100 Millionen Euro pro Jahr allein in Deutschland. Durch Globalisierung und weltweiten Handel steigt die Gefahr, dass sich neue Pflanzen - so genannte Neophyten - hierzulande ausbreiten und die alten Ökosysteme aus dem Gleichgewicht bringen. Deshalb wurde das europäische Forschungsprojekt GIANT ALIEN ins Leben gerufen. Denn nur wenn die Ausbreitungswege bekannt und vorhersagbar sind können wirksame Strategien entwickelt werden.

Bekämpfungsmittel umstritten

Das der Bärenklau zum Problem werden kann steht außer Frage. Doch wie soll er bekämpft werden? In Deutschland gibt es keine Meldepflicht und auch keine einheitliche Richtlinie. Ob und was getan wird hängt lediglich von lokalen Behörden, oder Naturschutzverbänden ab. Radikale Lösungen sehen das Abmähen und Ausgraben der Wurzeln vor - natürlich nur mit Schutzkleidung inklusive Handschuhen, Augen- und Mundschutz. Nana Nehrbaß schlägt in ihrer Doktorarbeit eine viel einfachere Lösung vor, die in skandinavischen Ländern bereits Anwendung findet: "Ein Großteil des lokalen Ausbreitungspotential definiert sich über Brachflächen. Da wo viele Wiesen oder Äcker nicht genutzt werden kann sich der Riesenbärenklau gut ausbreiten. Das beste Bekämpfungsmittel ist also die landwirtschaftliche Nutzung oder alternativ eine Beweidung der Flächen" Mit Hilfe der Computermodelle hoffen die Wissenschaftler, künftig auch Prognosen für andere eingewanderte Arten erstellen zu können.

Weitere fachliche Information über:

Nana Nehrbaß (DE & EN)
Department Ökosystemanalyse
Umweltforschungszentrum Leipzig-Halle (UFZ)
Telefon: 0345-235-2278
nana.nehrbass@ufz.de

Petr Pysek (CZ & EN)
Department of Invasion Ecology
Institute of Botany / Academy of Sciences of the Czech Republic
Phone: +420 (2) 71015266

oder über:

Doris Böhme / Tilo Arnhold
UFZ-Presse
Telefon: 0341-235-2278
e-mail: presse@ufz.de

Tilo Arnhold | idw
Weitere Informationen:
http://www.ibot.cas.cz/personal/pysek/
http://www.ufz.de/index.php?de=3893
http://www.neophyten.de/

Weitere Berichte zu: Invasion Pflanze Riesenbärenklau UFZ

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Ökologie Umwelt- Naturschutz:

nachricht Paradiese in Gefahr: Bayreuther Studierende forschen auf den Malediven zu Plastikmüll in den Meeren
13.04.2017 | Universität Bayreuth

nachricht Ozeanversauerung: Wie individuell sind die Reaktionen?
06.04.2017 | GEOMAR Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Ökologie Umwelt- Naturschutz >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Immunzellen helfen bei elektrischer Reizleitung im Herzen

Erstmals elektrische Kopplung von Muskelzellen und Makrophagen im Herzen nachgewiesen / Erkenntnisse könnten neue Therapieansätze bei Herzinfarkt und Herzrhythmus-Störungen ermöglichen / Publikation am 20. April 2017 in Cell

Makrophagen, auch Fresszellen genannt, sind Teil des Immunsystems und spielen eine wesentliche Rolle in der Abwehr von Krankheitserregern und bei der...

Im Focus: Tief im Inneren von M87

Die Galaxie M87 enthält ein supermassereiches Schwarzes Loch von sechs Milliarden Sonnenmassen im Zentrum. Ihr leuchtkräftiger Jet dominiert das beobachtete Spektrum über einen Frequenzbereich von 10 Größenordnungen. Aufgrund ihrer Nähe, des ausgeprägten Jets und des sehr massereichen Schwarzen Lochs stellt M87 ein ideales Laboratorium dar, um die Entstehung, Beschleunigung und Bündelung der Materie in relativistischen Jets zu erforschen. Ein Forscherteam unter der Leitung von Silke Britzen vom MPIfR Bonn liefert Hinweise für die Verbindung von Akkretionsscheibe und Jet von M87 durch turbulente Prozesse und damit neue Erkenntnisse für das Problem des Ursprungs von astrophysikalischen Jets.

Supermassereiche Schwarze Löcher in den Zentren von Galaxien sind eines der rätselhaftesten Phänomene in der modernen Astrophysik. Ihr gewaltiger...

Im Focus: Deep inside Galaxy M87

The nearby, giant radio galaxy M87 hosts a supermassive black hole (BH) and is well-known for its bright jet dominating the spectrum over ten orders of magnitude in frequency. Due to its proximity, jet prominence, and the large black hole mass, M87 is the best laboratory for investigating the formation, acceleration, and collimation of relativistic jets. A research team led by Silke Britzen from the Max Planck Institute for Radio Astronomy in Bonn, Germany, has found strong indication for turbulent processes connecting the accretion disk and the jet of that galaxy providing insights into the longstanding problem of the origin of astrophysical jets.

Supermassive black holes form some of the most enigmatic phenomena in astrophysics. Their enormous energy output is supposed to be generated by the...

Im Focus: Neu entdeckter Exoplanet könnte bester Kandidat für die Suche nach Leben sein

Supererde in bewohnbarer Zone um aktivitätsschwachen roten Zwergstern gefunden

Ein Exoplanet, der 40 Lichtjahre von der Erde entfernt einen roten Zwergstern umkreist, könnte in naher Zukunft der beste Ort sein, um außerhalb des...

Im Focus: Resistiver Schaltmechanismus aufgeklärt

Sie erlauben energiesparendes Schalten innerhalb von Nanosekunden, und die gespeicherten Informationen bleiben auf Dauer erhalten: ReRAM-Speicher gelten als Hoffnungsträger für die Datenspeicher der Zukunft.

Wie ReRAM-Zellen genau funktionieren, ist jedoch bisher nicht vollständig verstanden. Insbesondere die Details der ablaufenden chemischen Reaktionen geben den...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Smart-Data-Forschung auf dem Weg in die wirtschaftliche Praxis

21.04.2017 | Veranstaltungen

Baukultur: Mehr Qualität durch Gestaltungsbeiräte

21.04.2017 | Veranstaltungen

Licht - ein Werkzeug für die Laborbranche

20.04.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Intelligenter Werkstattwagen unterstützt Mensch in der Produktion

21.04.2017 | HANNOVER MESSE

Forschungszentrum Jülich auf der Hannover Messe 2017

21.04.2017 | HANNOVER MESSE

Smart-Data-Forschung auf dem Weg in die wirtschaftliche Praxis

21.04.2017 | Veranstaltungsnachrichten