Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Neue Tierart entdeckt. Umdenken in der Waldbewirtschaftung nötig.

30.03.2005


Wissenschaftler des Umweltforschungszentrum Leipzig-Halle (UFZ) haben in der Nähe von Dessau ein neues Insekt entdeckt. Dabei handelt es sich um eine extrem seltene Schwebfliege, von der weltweit nur sechs Exemplare bekannt sind. "Die Entdeckung einer noch unbekannten Tierart mitten im Herzen von Deutschland unterstreicht die Bedeutung der Erforschung der Artenvielfalt auch in Deutschland", so Dr. Frank Dziock von der Abteilung Naturschutzforschung des UFZ. Die neue Art Brachyopa silviae (Silvias Baumsaftschwebfliege) gehört zur Gattung der Baumsaftschwebfliegen, von der in Europa lediglich 13 Arten bekannt sind. Ihre Larven ernähren sich ausschließlich von Bakterien und anderen Mikroorganismen im Saft an Bäumen. Diese entstehen durch Verletzungen der Rinde und kommt am häufigsten an sehr alten Bäumen vor. Die Wissenschaftler fordern deshalb, auch in bewirtschafteten Wäldern einzelne Bäume natürlich altern und absterben zu lassen, damit solche Tierarten eine Chance zum Überleben erhalten.


Widerspenstige Forschungsobjekte

"Wenn wir Forscher in den Wald gehen, dann müssten wir eigentlich die Nase einer solchen Fliege haben, um die Schleimflüsse unter den Baumrinden zu finden, die oft nicht zu sehen sind." Wer sich wie Dr. Frank Dziock mit Baumsaftschwebfliegen beschäftigt, der kann sich nicht einfach in eine saftige Blumenwiese legen und warten, was da angesummt kommt. Denn diese Insekten leben versteckt innerhalb der Wälder an ganz bestimmten alten Bäumen. Sie leben von Mikroorganismen, die nur im Baumsaft vorkommen - im Gegensatz zu ihren bekannteren Verwandten. Auch wenn viele dieser Schwebfliegen wegen ihrem schwarz-gelben Muster irrtümlich für Wespen gehalten werden, so können sie nicht stechen. Ihre Larven sind obendrein sehr nützlich, da sie große Mengen an Blattläusen vertilgen. Insgesamt leben in Deutschland rund 450 Schwebfliegenarten mit unterschiedlichster Ernährungsweise.


Eine fast übersehene Sensation

Seit 12 Jahren beschäftigt sich Dziock schon mit der Tierwelt der Auenwälder. Jetzt ist dem 35jährigen Biologen erstmals das gelungen, wovon wohl jeder Insektenforscher träumt: Die Entdeckung einer neuen Art. Dabei schien der Fang, der im Naturschutzgebiet Saalberghau an der Elbe bei Dessau ins Netz ging, zunächst wenig spektakulär. Im Rahmen eines Forschungsprojektes hatte Frank Dziock eine Insektenfalle aufgestellt, um festzustellen, wie Schwebfliegen auf Überschwemmungen reagieren. In diesem Fall dienen die Insekten als Bioindikatoren. Der Inhalt der Falle sah auf den ersten Blick normal aus. "Zunächst dachten wir, an eine schon bekannte Art. Dann entdeckten wir dass die zwei winzigen Punkte auf dem Rücken der Fliegen ein klarer Beweis für eine noch unentdeckte Art waren", erzählt Dziock. Beim genaueren Betrachten der nur sieben Millimeter großen Fliege unter dem Mikroskop stellte sich heraus: Ihr Körperbau gleicht keiner der bekannten Arten. "Deshalb habe ich mir extra die Typen-Exemplare - die so genannten Holotypen und Syntypen - von vier ähnlichen Arten aus den Naturkundemuseen in Kopenhagen, Stockholm und Oxford sowie dem Deutschen Entomologischen Institut ausgeliehen, um die Unterschiede genau untersuchen zu können." Zusammen mit dem Schwebfliegenexperten Dieter Doczkal aus Malsch beschrieb Frank Dziock die neue Art. Die Erstbeschreibung von Brachyopa silviae (Silvias Baumsaftschwebfliege) wurde dann in der Fachzeitschrift Volucella veröffentlicht. Wer eine neue Tierart findet, der darf einen Namen vorschlagen. Dziock hat die Entdeckung seiner Frau Silvia gewidmet, die in den vergangenen Jahren viel Verständnis für die tagelangen Forschungen in den Wäldern Mitteldeutschlands aufbringen musste.

Ein Relikt aus Urwaldzeiten

Zwei Männchen konnte Dr. Frank Dziock im Biosphärenreservat Flusslandschaft Elbe bei Dessau (Sachsen-Anhalt) sowie ein Weibchen im Nationalpark Hainich (Thüringen) finden. Anderen Insektenkundlern gelang der Nachweis dieser Schwebfliege inzwischen auch in Hessen und Rheinland-Pfalz. "Es ist kein Zufall, dass wir diese Art gerade an geschützten Standorten gefunden haben", meint Frank Dziock zu den Fundorten, urwaldartige Eichen- und Buchenbestände. "Neuere" Forste, die noch nicht so lange bewaldet sind, beherbergen solche Relikt-Arten nicht. Da diese Arten nicht so anpassungsfähig und weniger mobil als andere Arten sind, kommen sie heute nur noch sehr inselartig in den Resten von urwaldartigen, alten Wäldern. Denn typische Altholzstrukturen wie Baumhöhlen, Schleimflüsse oder moderndes Kernholz bilden sich erst nach mindestens 120 Jahren heraus. Die meisten Bäume in bewirtschafteten Wäldern werden jedoch bereits vor dem Erreichen dieses Alters gefällt

Moderne Forstwirtschaft als Problem für die Artenvielfalt

"Wo konventionelle Forstwirtschaft betrieben wird, hat diese Art keine Chance zum Überleben. Alles, was krank aussieht, wird entfernt. Aber gerade solche alten Bäume sind es, an denen sich die Schleimflüsse bilden, die diese Arten brauchen." Aus Sicht der Biologen ist es deshalb notwendig, auch alte Bäume in den Wäldern zu lassen und diese dort auf natürliche Art absterben zu lassen. Die Leitlinie Wald des Landes Sachsen-Anhalt sieht Frank Dziock kritisch, da sie zu viel Ermessensspielraum bei der wirtschaftlichen Verwertung lasse und obendrein die Waldbesitzer nicht einmal an diese Leitlinie gebunden seien. "Es reicht nicht aus, etwas totes Holz im Wald liegen zu lassen" erklärt er. "Nach kurzer Zeit ist dieses Holz so ausgetrocknet, dass es den Larven der Schwebfliegen keinen Lebensraum mehr bietet. Totholz ist kein Ersatz für natürlich entstandenes Altholz." Waldbestände mit einem Alter von mehr als 180 Jahren machen in Deutschland lediglich rund zwei Prozent aus. Das hat gravierende Folgen für die Artenvielfalt. Auswertungen der Liste bedrohter Arten zeigen, dass vor allem solche Tier- oder Pflanzenarten überproportional stark gefährdet sind, die sich auf typische Strukturen naturnaher Wälder spezialisiert haben. Tilo Arnhold

Doris Böhme | idw
Weitere Informationen:
http://www.ufz.de/index.php?de=5453

Weitere Berichte zu: Insekt Larve Schleimflüsse Schwebfliegen Tierart Wälder

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Ökologie Umwelt- Naturschutz:

nachricht Frühwarnsignale für Seen halten nicht, was sie versprechen
05.12.2016 | Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB)

nachricht Besserer Schutz vor invasiven Arten
15.11.2016 | Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB)

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Ökologie Umwelt- Naturschutz >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Poröse kristalline Materialien: TU Graz-Forscher zeigt Methode zum gezielten Wachstum

Mikroporöse Kristalle (MOFs) bergen große Potentiale für die funktionalen Materialien der Zukunft. Paolo Falcaro von der TU Graz et al zeigen in Nature Materials, wie man MOFs gezielt im großen Maßstab wachsen lässt.

„Metal-organic frameworks“ (MOFs) genannte poröse Kristalle bestehen aus metallischen Knotenpunkten mit organischen Molekülen als Verbindungselemente. Dank...

Im Focus: Gravitationswellen als Sensor für Dunkle Materie

Die mit der Entdeckung von Gravitationswellen entstandene neue Disziplin der Gravitationswellen-Astronomie bekommt eine weitere Aufgabe: die Suche nach Dunkler Materie. Diese könnte aus einem Bose-Einstein-Kondensat sehr leichter Teilchen bestehen. Wie Rechnungen zeigen, würden Gravitationswellen gebremst, wenn sie durch derartige Dunkle Materie laufen. Dies führt zu einer Verspätung von Gravitationswellen relativ zu Licht, die bereits mit den heutigen Detektoren messbar sein sollte.

Im Universum muss es gut fünfmal mehr unsichtbare als sichtbare Materie geben. Woraus diese Dunkle Materie besteht, ist immer noch unbekannt. Die...

Im Focus: Significantly more productivity in USP lasers

In recent years, lasers with ultrashort pulses (USP) down to the femtosecond range have become established on an industrial scale. They could advance some applications with the much-lauded “cold ablation” – if that meant they would then achieve more throughput. A new generation of process engineering that will address this issue in particular will be discussed at the “4th UKP Workshop – Ultrafast Laser Technology” in April 2017.

Even back in the 1990s, scientists were comparing materials processing with nanosecond, picosecond and femtosesecond pulses. The result was surprising:...

Im Focus: Wie sich Zellen gegen Salmonellen verteidigen

Bioinformatiker der Goethe-Universität haben das erste mathematische Modell für einen zentralen Verteidigungsmechanismus der Zelle gegen das Bakterium Salmonella entwickelt. Sie können ihren experimentell arbeitenden Kollegen damit wertvolle Anregungen zur Aufklärung der beteiligten Signalwege geben.

Jedes Jahr sind Salmonellen weltweit für Millionen von Infektionen und tausende Todesfälle verantwortlich. Die Körperzellen können sich aber gegen die...

Im Focus: Shape matters when light meets atom

Mapping the interaction of a single atom with a single photon may inform design of quantum devices

Have you ever wondered how you see the world? Vision is about photons of light, which are packets of energy, interacting with the atoms or molecules in what...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

NRW Nano-Konferenz in Münster

07.12.2016 | Veranstaltungen

Wie aus reinen Daten ein verständliches Bild entsteht

05.12.2016 | Veranstaltungen

Von „Coopetition“ bis „Digitale Union“ – Die Fertigungsindustrien im digitalen Wandel

02.12.2016 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Das Universum enthält weniger Materie als gedacht

07.12.2016 | Physik Astronomie

Partnerschaft auf Abstand: tiefgekühlte Helium-Moleküle

07.12.2016 | Physik Astronomie

Bakterien aus dem Blut «ziehen»

07.12.2016 | Biowissenschaften Chemie