Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Wie krank ist der Wald wirklich?

25.01.2005


Kommission für Ökologie der Bayerischen Akademie der Wissenschaften kritisiert das Verfahren zum Waldzustandsbericht des Bundesministeriums für Verbraucherschutz, Ernährung und Landwirtschaft


Die Kommission für Ökologie der Bayerischen Akademie der Wissenschaften hat in ihrer Sitzung am 14. Januar 2005 eine Stellungnahme zu den alljährlich erhobenen Waldzustandsberichten verabschiedet. Sie enthält folgende Kernaussagen:

1. Das Verfahren der Waldzustandserhebung ist ungeeignet, um daraus Aussagen über die Vitalität der Bäume abzuleiten.

Die im Waldzustandsbericht angegebenen Merkmale der Baumkronen (Verlichtung, Vergilbung, Verzweigungstyp) beziehen sich auf fiktive "Normalzustände" für die einzelnen Baumarten. Die kann es aber angesichts der großen Vielfalt der Waldgebiete, der einzelnen Waldstandorte und der oft beträchtlichen Unterschiede selbst zwischen verschieden alten Bäumen der gleichen Art gar nicht geben.

Davon abgesehen ist es wissenschaftlich nicht vertretbar, den Waldzustand allein nach der Kronenverlichtung (Transparenz) zu beurteilen, vor allem wenn diese weniger als 40-50% beträgt, sondern es bedarf dazu anderer Kenngrößen wie z.B. Zuwachs, Fruchtansatz, Bodendurchwurzelung und Schädlingsbefall. Dass der Zustand der Wälder viel besser ist als aus der Kronenverlichtung abgeleitet wird, gibt der Bericht 2004 sogar zu und widerspricht damit seiner Eingangsaussage. Er betont nämlich, dass die Holzvorräte und z.T. auch der Holzzuwachs in den deutschen Wäldern in den letzten Jahrzehnten deutlich ansteigen, und empfiehlt sogar, mehr Holz einzuschlagen und zu verwenden.

2. Die Deutung der Inventurergebnisse ist zweifelhaft.

Die Ursachen für zeitliche und örtliche Schwankungen des Kronenzustandes können überhaupt nicht direkt aus den Erhebungsergebnissen abgeleitet werden, sondern erfordern begleitende Untersuchungen über die potentiellen Ursachen und eine entsprechende Auswertung der Inventur, an denen es bisher fehlt. Viele Bewertungen der Kronenverlichtung sind daher nicht beweisbar und bleiben Spekulation, z.B. dass sie auf einer allgemeinen Versauerung der Waldböden beruht. Dies ist u.a. durch regionale Studien in den Nordalpen und auch dadurch widerlegt, dass die inzwischen auf etwa einem Drittel der Waldfläche der Bundesrepublik zur Neutralisierung der sauren Niederschläge durchgeführten Kalkungen den Kronenzustand nicht verbessert haben.

Die Kurven für die zeitlichen Veränderungen der Kronenverlichtung von Fichte und Kiefer im Bundesgebiet und in Bayern zwischen 1983/84 und 2004 zeigen eindeutig, dass es keinen zeitlichen Trend gibt, sondern ihr Ausmaß um ein gleich bleibendes, mittleres Niveau schwankt. Für Buche und Eiche steigt dagegen dieser Kennwert im gesamten Bundesgebiet - nicht aber in Bayern - an. Wie das aber mit den im Waldzustandbericht nachzulesenden stetig zurückgehenden Emissionen von Schwefeldioxid und Stickstoffoxiden sowie dem ebenso sinkenden Säureeintrag in die Wälder in Einklang zu bringen ist, bleibt ungeklärt.

3. Alle im Jahr 2004 registrierten "Schäden" sind durch natürliche Faktoren erklärbar.

Die jetzt berichtete Zunahme der Kronenverlichtung bei verschiedenen Baumarten in Süddeutschland kann durch natürliche Faktoren völlig ausreichend erklärt werden:

a) Plötzliches Aufreißen bis dahin geschlossener Nadelbaumbestände durch Stürme

b) Auswirkungen des extrem heißen und trockenen Sommers 2003, verbunden mit vorzeitigem Blattfall und Vertrocknen von Feinwurzeln

c) Anstieg des Borkenkäferbefalls bei Fichte und Tanne und des Befalls durch Blätter fressende Insekten v.a. bei Laubbaumarten im Trockenjahr 2003

d) geringere Blattmassenbildung in 2004 als Folge zu geringer Vorräte an Reservestoffen aus dem Vorjahr und/oder starker Frucht- und Samenbildung

Ein Mitwirken von Luftschadstoffen bei der Zunahme der Kronenverlichtung ist bisher nicht bewiesen und wird daher zur Erklärung auch nicht herangezogen. Daraus darf jedoch kein Verzicht auf die allgemeine Verminderung der Luftschadstoff-Emissionen abgeleitet werden.

4. Folgerungen

Die Kommission für Ökologie der BAdW empfiehlt daher:

1) die wenig aussagekräftige bundesweite Kronentransparenz-Inventur aufzugeben oder sie auf eine geringere Zahl sorgfältig ausgewählter Probepunkte bzw. -bestände zu beschränken, aus deren Vergleich auf die Ursachen von Unterschieden oder zeitlichen Veränderungen dieses Merkmals geschlossen werden kann. Gleichzeitig müssen zusätzliche Kenndaten (z.B. Nährstoffversorgung, Schädlingsbefall) erfasst werden,

2) eine Konzentration auf die fortlaufende, umfassende Kontrolle einer ausreichenden Zahl repräsentativer Waldbestände hinsichtlich Kronenzustand, Zuwachs, Frucht- und Samenbildung, Witterung, Schadstoffeintrag, Schädlingsbefall, Veränderung der Bodeneigenschaften und der Bodenvegetation (wie sie z.B. an den bayerischen Waldklimastationen bzw. an den so genannten Level-II-Stationen durchgeführt werden).

Abbildungsvorschläge (zum Download)

1. Dicht bekronte "gesunde" Fichte am Fuße der Kalkalpen, Quelle: BAdW, http://www.badw.de/aktuell/PM_2005/Anlagen/Wald_01.jpg)

2. Fichte mit extrem verlichteter Krone in den unteren Hanglagen des Bayerischen Waldes, natürliche Folge eines starken Pilzbefalls der älteren Nadeln im Inneren der Krone, Quelle: BAdW, (http://www.badw.de/aktuell/PM_2005/Anlagen/Wald_02.jpg)

3. Gruppe stark schütterer, teilweise vergilbter oder absterbender Fichten auf Kalk(Dolomit)standort in den Bayerischen Alpen, natürliche Ursachen: extremer Nährstoffmangel, Frostschäden, Befall der Stämme durch Rotfäulepilze und vermutlich falsche Fichtenrasse für diesen Standort, Quelle: BAdW, http://www.badw.de/aktuell/PM_2005/Anlagen/Wald_03.jpg)

4. Waldzustand in Bayern: Entwicklung des mittleren Blattverlustes und der Anteile der Schadstufen bei der Buche bzw. Fichte in Bayern. Quelle: Bayer. Staatsministerium für Landwirtschaft und Forsten, 2005 (http://www.badw.de/aktuell/PM_2005/Anlagen/Buche.jpg bzw. Fichte.jpg)

Für Rückfragen steht zur Verfügung:
Dr. Claudia Deigele, Kommission für Ökologie der Bayerischen Akademie der Wissenschaften
Marstallplatz 8, 80539 München, Tel.: 089/23031-1209 (vormittags),
E-Mail: oekologie@lrz.badw-muenchen.de

Martin Schütz | idw
Weitere Informationen:
http://www.badw.de/aktuell/PM_2005/Anlagen/Waldzustand.pdf

Weitere Berichte zu: BAdW Fichte Kronenverlichtung Kronenzustand Schädlingsbefall

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Ökologie Umwelt- Naturschutz:

nachricht Von der Weser bis zur Nordsee: PLAWES erforscht Mikroplastik-Kontaminationen in Ökosystemen
20.09.2017 | Universität Bayreuth

nachricht Der Monsun und die Treibhausgase
18.09.2017 | Forschungszentrum Jülich

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Ökologie Umwelt- Naturschutz >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Hochpräzise Verschaltung in der Hirnrinde

Es ist noch immer weitgehend unbekannt, wie die komplexen neuronalen Netzwerke im Gehirn aufgebaut sind. Insbesondere in der Hirnrinde der Säugetiere, wo Sehen, Denken und Orientierung berechnet werden, sind die Regeln, nach denen die Nervenzellen miteinander verschaltet sind, nur unzureichend erforscht. Wissenschaftler um Moritz Helmstaedter vom Max-Planck-Institut für Hirnforschung in Frankfurt am Main und Helene Schmidt vom Bernstein-Zentrum der Humboldt-Universität in Berlin haben nun in dem Teil der Großhirnrinde, der für die räumliche Orientierung zuständig ist, ein überraschend präzises Verschaltungsmuster der Nervenzellen entdeckt.

Wie die Forscher in Nature berichten (Schmidt et al., 2017. Axonal synapse sorting in medial entorhinal cortex, DOI: 10.1038/nature24005), haben die...

Im Focus: Highly precise wiring in the Cerebral Cortex

Our brains house extremely complex neuronal circuits, whose detailed structures are still largely unknown. This is especially true for the so-called cerebral cortex of mammals, where among other things vision, thoughts or spatial orientation are being computed. Here the rules by which nerve cells are connected to each other are only partly understood. A team of scientists around Moritz Helmstaedter at the Frankfiurt Max Planck Institute for Brain Research and Helene Schmidt (Humboldt University in Berlin) have now discovered a surprisingly precise nerve cell connectivity pattern in the part of the cerebral cortex that is responsible for orienting the individual animal or human in space.

The researchers report online in Nature (Schmidt et al., 2017. Axonal synapse sorting in medial entorhinal cortex, DOI: 10.1038/nature24005) that synapses in...

Im Focus: Tiny lasers from a gallery of whispers

New technique promises tunable laser devices

Whispering gallery mode (WGM) resonators are used to make tiny micro-lasers, sensors, switches, routers and other devices. These tiny structures rely on a...

Im Focus: Wundermaterial Graphen: Gewölbt wie das Polster eines Chesterfield-Sofas

Graphen besitzt extreme Eigenschaften und ist vielseitig verwendbar. Mit einem Trick lassen sich sogar die Spins im Graphen kontrollieren. Dies gelang einem HZB-Team schon vor einiger Zeit: Die Physiker haben dafür eine Lage Graphen auf einem Nickelsubstrat aufgebracht und Goldatome dazwischen eingeschleust. Im Fachblatt 2D Materials zeigen sie nun, warum dies sich derartig stark auf die Spins auswirkt. Graphen kommt so auch als Material für künftige Informationstechnologien infrage, die auf der Verarbeitung von Spins als Informationseinheiten basieren.

Graphen ist wohl die exotischste Form von Kohlenstoff: Alle Atome sind untereinander nur in der Ebene verbunden und bilden ein Netz mit sechseckigen Maschen,...

Im Focus: Hochautomatisiertes Fahren bei Schnee und Regen: Robuste Warnehmung dank intelligentem Sensormix

Schlechte Sichtverhältnisse bei Regen oder Schnellfall sind für Menschen und hochautomatisierte Fahrzeuge eine große Herausforderung. Im europäischen Projekt RobustSENSE haben die Forscher von Fraunhofer FOKUS mit 14 Partnern, darunter die Daimler AG und die Robert Bosch GmbH, in den vergangenen zwei Jahren eine Softwareplattform entwickelt, auf der verschiedene Sensordaten von Kamera, Laser, Radar und weitere Informationen wie Wetterdaten kombiniert werden. Ziel ist, eine robuste und zuverlässige Wahrnehmung der Straßensituation unabhängig von der Komplexität und der Sichtverhältnisse zu gewährleisten. Nach der virtuellen Erprobung des Systems erfolgt nun der Praxistest, unter anderem auf dem Berliner Testfeld für hochautomatisiertes Fahren.

Starker Schneefall, ein Ball rollt auf die Fahrbahn: Selbst ein Mensch kann mitunter nicht schnell genug erkennen, ob dies ein gefährlicher Gegenstand oder...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Die Erde und ihre Bestandteile im Fokus

21.09.2017 | Veranstaltungen

23. Baltic Sea Forum am 11. und 12. Oktober nimmt Wirtschaftspartner Finnland in den Fokus

21.09.2017 | Veranstaltungen

6. Stralsunder IT-Sicherheitskonferenz im Zeichen von Smart Home

21.09.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

OLED auf hauchdünnem Edelstahl

21.09.2017 | Messenachrichten

Weniger (Flug-)Lärm dank Mathematik

21.09.2017 | Physik Astronomie

In Zeiten des Klimawandels: Was die Farbe eines Sees über seinen Zustand verrät

21.09.2017 | Geowissenschaften